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Nocturnal Animals

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kritiken.de Redaktion 22.12.2016
Nocturnal Animals© Universal Pictures Germany
A ca. 1408 Worte Lesezeit ca. 5 Minuten  📋 Inhalt

Nocturnal Animals als Studie der Sehnsucht, der Verantwortung und ästhetischer Gewalt im postmodernen Alltag

Einleitung

Nocturnal Animals tritt in ein filmisches Feld, das Ästhetik und Moral aufeinander prallen lässt. Seit seiner Veröffentlichung 2016 zog der Film Aufmerksamkeit nicht nur durch seinen prominenten Cast an, sondern auch durch die beabsichtigte Disparität zwischen polierter Oberfläche und brutaler Erzählung. In der Gegenüberstellung von kunstvoller Bildgestaltung und erzählerischer Gewalt stellt der Film Fragen nach Rezeption, Schuld und der Rolle von Kunst als Spiegel persönlicher Begegnungen.

Für den Regisseur Tom Ford, der zuvor mit A Single Man ein ebenso stark stilisiertes Regiedebüt vorlegte, fügt Nocturnal Animals den wiederkehrenden Motiven seiner Handschrift eine neue Lage hinzu: Mode-ästhetik trifft auf amerikanisches Kleinbürgertum, Kontrolle kollidiert mit unbeherrschten Affekten. Ford, selbst aus der Welt der Luxusästhetik kommend, nutzt Form und Oberfläche nicht nur dekorativ, sondern als dramaturgisches Instrument, das psychologische Deutungen provoziert.

Der Zeitpunkt der Veröffentlichung lässt sich zudem im Kontext eines breiteren kulturellen Diskurses lesen: Debatten über Männlichkeitsbilder, medial vermittelte Gewalt und die Art, wie Kunst Öffentlichkeit und private Scham verhandelt, waren Teil der kulturellen Agenda der 2010er Jahre. Nocturnal Animals sitzt an dieser Schnittstelle und fordert das Publikum dazu auf, nicht nur der Geschichte zu folgen, sondern die Bedingungen der eigenen Wahrnehmung zu reflektieren.

Wichtig ist, den Film nicht als simple Genremischung zu betrachten, sondern als bewusstes Arrangement aus Erzählebenen, Bildregistern und Klangflächen. Die Relevanz des Films liegt weniger in einer eindeutigen Botschaft als in seiner Fähigkeit, Widersprüche sichtbar zu machen und damit eine Debatte über Verantwortung, Kunst und Vergeltung anzustoßen.

Kurzüberblick zur Produktion

Nocturnal Animals wurde von Tom Ford inszeniert, der hier erneut seine programmatische Kontrolle über Bild und Design geltend macht. Das Drehbuch basiert auf dem Roman Tony and Susan von Austin Wright; Ford adaptierte den Stoff selbst und übersetzte die innere Struktur des Romans in ein visuell erzähltes Doppelregister. Die Produktion arbeitete bewusst mit kontrastierenden Produktionsdesigns und einer klaren Farbdramaturgie, um die verschiedenen Erzählebenen voneinander zu trennen.

Die cinematische Umsetzung zeichnet sich durch präzise komponierte Einstellungen aus, in denen Mode, Architektur und Inneneinrichtung zu Bedeutungsgebern werden. Die Filmmusik und der Ton unterstützen die Spannung zwischen ruhiger Oberfläche und eruptiver Emotionalität. Als US-amerikanische Produktion mit internationaler Besetzung positioniert sich der Film zwischen arthausorientierter Erzählkunst und kommerziell tragfähigen Besetzungen.

Innerhalb von Fords Gesamtwerk markiert Nocturnal Animals eine Verdichtung seiner thematischen Interessen: Stil als moralisches Diktum, Erinnerung als ästhetische Projektionsfläche und eine Neigung, die private Gefühlswelt in fast klinische, manchmal kalte Bilder zu übersetzen. In diesem Sinne ist der Film weniger Bruch als Fortführung der ästhetischen Fragestellungen, die Fords Regie kennzeichnen.

Die Hauptdarsteller & Hauptdarstellerinnen

Amy Adams steht im Zentrum der gegenwärtigen Erzählebene als Susan Morrow, eine Frau, deren äußerliche Perfektion und innerer Unmut Ford zum prismatischen Auge der Erzählung macht. Adams, bekannt geworden durch Rollen in Filmen wie American Hustle und Arrival, bringt die nötige Nuancierung zwischen Kontrollverlust und kultivierter Distanz mit, die diese Figur verlangt.

Jake Gyllenhaal übernimmt die Rolle des Edward Sheffield, des Exmanns und Verfassers der fiktiven Manuskript-Erzählung. Gyllenhaal, dessen Karriere von Donnie Darko über Brokeback Mountain bis Prisoners reicht, fungiert hier als Katalysator für die in der Fiktion erzählte Gewalt und die dadurch ausgelösten psychischen Spannungen in Susans Gegenwart.

An der Seite der beiden spielen Armie Hammer und Aaron Taylor-Johnson Figuren, die im Netz von Macht und Bedrohung die Dynamik männlicher Präsenz erweitern. Michael Shannon und Laura Linney treten in Nebenpartien auf, die mit sparsamem Aufwand starke Charaktere skizzieren; ihre bisherigen Arbeiten verweisen auf ein Spektrum intensiver, oft ambivalenter Figurenarbeit.

Isla Fisher, sonst vor allem mit komödiantischer Prägung assoziiert, verschiebt in diesem Umfeld ihre Wahrnehmung und ergänzt das Ensemble um eine spiegelnde, oft irritierende Note. Insgesamt verwendet Ford die Starbesetzung strategisch: bekannte Gesichter fungieren als Ankerpunkte, hinter denen sich narrative Unwägbarkeiten und psychische Tiefen auftun.

Handlung (spoilerfrei!)

Nocturnal Animals arbeitet mit einer doppelten Erzählstruktur: Auf der einen Ebene steht die Gegenwart einer ehemaligen Ehefrau, die mit ihrem Leben in einer stilisierten urbane Welt konfrontiert wird. Auf der anderen Ebene liegt die von ihrem Exmann verfasste fiktionale Geschichte, die als Buch im Film fungiert und eine düstere, bedrängende Erzählung von Verlust und Vergeltung entfaltet.

Der dramatische Konflikt entsteht aus der Spannung zwischen diesen beiden Ebenen. Die Lektüre des Manuskripts wirkt wie eine Projektion verdrängter Gefühle und eröffnet eine Kaskade emotionaler Reaktionen, die das Verhältnis von Realität und Fiktion in Frage stellen. Zentrale Figuren sind die Leserin, ihr ehemaliger Geliebter als Erzähler und die Gestalten innerhalb der fiktionalen Welt, deren Schicksale als Spiegel dienen.

Ton und Atmosphäre wechseln zwischen kühler, fast aseptischer Eleganz in der Gegenwart und einer rauen, oft staubigen Unmittelbarkeit in der fiktionalen Erzählung. Diese Kontraste werden filmsprachlich präzise ausgearbeitet und schaffen eine permanente Verunsicherung darüber, welcher Ebene Vertrauen geschenkt werden darf.

Zentrale Themen und Motive

Im Zentrum des Films stehen Fragen nach Verantwortung: für persönliche Entscheidungen, für Gewalt und für den Blick, den Kunst auf individuelle Schicksale wirft. Nocturnal Animals untersucht, wie Erzählungen als Mittel persönlicher Abrechnung fungieren und welche Macht sie besitzen, Schuld und Reue in neue Formen zu übersetzen.

Ein weiteres Motiv ist die Wechselwirkung zwischen Sichtbarkeit und Unsichtbarkeit. Ford thematisiert, wie Menschen durch soziales und materielles Kapital ein Bild von sich konstruiert, hinter dem Verletzlichkeit und Versagen verschwinden. Die ästhetische Verpackung wird so selbst zum Untersuchungsgegenstand: Wie verwandelt man Schmerz in Bild, und mit welchen Konsequenzen für den Betrachter?

Schließlich berührt der Film die Frage nach Vergeltung versus Aufarbeitung. Statt einfache moralische Antworten zu liefern, öffnet die Erzählung Räume für ambivalente Lesarten: Erinnerung, Trauma und die Ästhetik der Gewalt geraten in eine produktive Spannung, die den Zuschauer zur eigenen Positionierung herausfordert.

Filmkritik von Peter Osteried

„Nocturnal Animals“: Das neue Meisterwerk von Tom Ford

Der Modeschöpfer Tom Ford hat mit seiner Firma Fade to Black vor sieben Jahren sein Regie-Debüt A Single Man produziert. Herausgekommen ist ein grandioser Film, der nicht nur inhaltlich vielschichtig ist, sondern auch wundervoll aussieht. Nun hat sich Ford eines neuen Films angenommen, dessen Skript er auf Grundlage des Romans „Tony & Susan“ verfasst hat: Nocturnal Animals.

Susan (Amy Adams) führt ein privilegiertes Leben. Sie ist reich, hat einen tollen Job und einen adretten Ehemann. Aber sie ist unglücklich und wird das noch umso mehr, als ihr Ex-Mann Edward (Jake Gyllenhaal) ihr sein Buch „Nocturnal Animals“ schickt. Es ist ihr gewidmet. Als Susan beginnt, darin zu lesen, ist sie schockiert, denn die brutale Geschichte eines Mannes, der mit seiner Familie im nächtlichen Texas unterwegs ist und von einer Gang überfallen wird, gerät immer mehr zu einer Abrechnung mit einer verlorenen Liebe.

Ford erzählt auf drei Ebenen. Einerseits die gegenwärtige Handlung mit Susan, andererseits der Roman, den sie liest. Und dann gibt es da auch noch die Rückblicke, die zeigen wie Susan und Edward sich liebten und trennten. Gerade letzteres ist exzellent umgesetzt, da durch Beleuchtung, aber auch subtiles Spiel inklusive Änderung von Manierismen Adams und Gyllenhaal wirklich als Menschen von Anfang 20 überzeugen. Beide meistern aber noch weitere Herausforderungen. Adams muss durch bloße Mimik zeigen, was Susan beim Lesen empfindet, während Gyllenhaal zwei sehr ähnliche Rollen spielt, in denen das Bild klassischer Maskulinität – und deren Absenz – untersucht wird.

Mit leichten Themen befasst Ford sich hier nicht. Es geht um Konsequenzen, aber auch darum, mit den eigenen Entscheidungen ins Reine zu kommen. Weil jeder irgendwann das Alter erreicht, indem er die Fehler seines Lebens erkennt – und sich fragt, ob er das Leben hätte führen können, dass er sich wünschte. Das gilt für Susan, die eigentlich nicht der Sympathieträger dieser Geschichte ist, den Zuschauer aber dennoch auf ihre Seite zieht, ebenso wie für Edward, der versöhnlich anmutet, aber eigentlich nur abrechnet, da er – so muss man seine Geschichte in ihrer Subebene lesen – mit seiner Vergangenheit nicht abschließen konnte.

Ford wechselt elegant zwischen den Erzählebenen. Darüber hinaus verknüpft er sie auf subtile Weise, wenn er Ausstattungsmerkmale der Rückblicke in die fiktive Geschichte von Edwards Roman einfließen lässt, um so zu zeigen, wie sich Ereignisse in dessen Gedächtnis festgesetzt haben und später wieder manifestieren.

Es sind ernste Themen, die Ford hier verarbeitet. Er bietet dem Zuschauer Futter fürs Gehirn, überwältigt ihn aber auch durch eine Bilderwucht, die ihresgleichen sucht. Weil bei Ford alles durchgestylt ist und jedes Bild und jeder Moment eine Bedeutung hat, die wirkt. Darum ist Nocturnal Animals auch ein Film, den man gar nicht oft genug sehen kann. Weil er immer wieder etwas entdecken lässt, das man zuvor nicht wahrgenommen hat. Er reift, während man ihn sieht und hinterlässt einen nachhaltigen Eindruck, wie es nur großes, transzendentales Kino kann.

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