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Vaiana

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kritiken.de Redaktion 22.12.2016
Vaiana© Walt Disney Germany
A ca. 1386 Worte Lesezeit ca. 5 Minuten  📋 Inhalt

Vaiana und das Meer der Mythen: Eine filmische Verschränkung von Tradition, Technik und Identität

Einleitung

Vaiana erschien Ende 2016 als ambitionierte Großproduktion von Walt Disney Animation Studios und markiert mehr als nur einen weiteren Eintrag in der firmeneigenen Galerie moderner Animationsmärchen. Der Film bemüht sich, eine südseeische Erzähltradition in ein globales Popkino zu übersetzen und stellt dabei Fragen nach kultureller Repräsentation, kollektiver Erinnerung und den Formen, in denen Mythos heute medial wiederbelebt wird. Seine Relevanz liegt weniger in der Oberfläche des Abenteuers als in der Art und Weise, wie ein international erfolgreiches Studio versucht, alte Erzählungen mit digitalen Bildmitteln und zeitgenössischer Musik neu zu verhandeln.

In seinem narrativen Kern ist Vaiana eine Geschichte über Selbstfinden und Verantwortung, doch die filmische Umsetzung zielt zugleich auf ein ästhetisches Experiment: die Vereinigung von fotorealistischer Naturdarstellung und stilisierter Figurenanimation, die Integration traditioneller Klangfarben mit Broadway-Ästhetik und die Inszenierung des Ozeans als aktiven, manchmal eigenen Charakter. Diese Multiperspektivität macht den Film zu einem interessanten Fall für die Analyse, weil er populäres Kino mit kulturökologischer Sensibilität verknüpft und so die Bedingungen globaler Märchenproduktion offenlegt.

Im Kontext des Jahres 2016, einem Moment intensiver Debatten um kulturelle Aneignung und Diversität im Film, fungiert Vaiana als ein dokumentarisch anmutendes Beispiel für die Schwierigkeiten und Möglichkeiten filmischer Kulturarbeit. Der Film bewegt sich im Spannungsfeld zwischen kommerziellem Anspruch und dem Bemühen, authentische Stimmen zu integrieren - ein Spannungsfeld, das für das gegenwärtige Animationskino exemplarisch ist.

Kurzüberblick zur Produktion

Vaiana entstand unter der Regie des langjährigen Disney-Duos Ron Clements und John Musker, die zuvor für Klassiker wie The Little Mermaid und Aladdin verantwortlich zeichneten und in ihrem Schaffen eine Kombination aus volksmärchenhafter Anlage und handwerklicher Präzision etabliert haben. Für Vaiana bedeutete das eine Rückkehr zu großen Erzählformen, diesmal jedoch mit deutlich sichtbaren Modifikationen: statt eurozentrischer Motive stehen Inselkulturen und Meeresmythen im Mittelpunkt.

Die Produktion fiel in die Phase, in der Disney seine globale Ausrichtung verstärkte und zugleich in neue technologische Investitionen - insbesondere in die Simulation von Wasser und Licht - eintrat. Walt Disney Animation Studios setzte für Vaiana erhebliche Ressourcen ein; Schätzungen zum Budget bewegen sich im hohen zweistelligen bis niedrigen dreistelligen Millionenbereich, was die technischen Ambitionen des Films unterstreicht. Bemerkenswert ist auch die Zusammenarbeit mit kulturellen Beraterinnen und Beratern aus dem pazifischen Raum sowie mit Musikerinnen und Musikern, die lokale Klänge einbrachten, um die Filmmusik hybrid zu konturieren.

Im Gesamtwerk der Regisseure nimmt Vaiana eine Sonderstellung ein: Es ist eine Spätarbeit, die klassische Disney-Mechaniken - Heldinnenreise, Songstruktur, komische Nebenfiguren - mit einer stärker transkulturellen Perspektive koppelt. Die Handschrift von Clements und Musker bleibt erkennbar, wird aber durch neue dramaturgische und visuelle Ambitionen erweitert.

Die Hauptdarsteller & Hauptdarstellerinnen

Das Ensemble verbindet etablierte Namen und relative Newcomerinnen. Auli'i Cravalho, deren Stimme der jungen Titelheldin Vaiana leiht, war bei Veröffentlichung noch ein neuentdecktes Talent und bringt eine rohe, unverstellte Präsenz, die das Coming?of?Age der Figur trägt. Dwayne Johnson steht als stimmgewichtiger Hollywoodstar im Kontrast zur unbekannteren Leadsängerin; seine Interpretation des Halbgottes Maui liefert dem Film den nötigen Gestus von Mythos, Starpersona und ironischer Selbstvergewisserung.

Jemaine Clement, bekannt aus der neuseeländischen Comedy- und Filmlandschaft, prägt mit seiner Stimme ein überzeichnetes, musikalisch aufgeladenes Antlitz der Unterweltfigur. Alan Tudyk, häufig in Animationsproduktionen zu hören, steuert komödiantische Nebenfarben bei, während Nicole Scherzinger und Temuera Morrison als familiäre Bezugspersonen die kulturelle Verankerung der Protagonistin akzentuieren. Rachel House verleiht einer weisen Verwandten Nuancen, und Phillipa Soo erscheint in einer unterstützenden Rolle, die den chorischen Charakter der Nebenfiguren unterstreicht.

Handlung (spoilerfrei!)

Vaiana erzählt die Reise einer jungen Frau von einer isolierten Insel in die weite See. Der dramatische Konflikt speist sich aus der Spannung zwischen kollektiver Pflicht und persönlicher Neugier: Vaiana ist in eine Gemeinschaft eingebunden, deren Überleben an traditionellen Regeln hängt, doch zugleich drängt sie das Bedürfnis, die Welt jenseits der Lagune zu erkunden und eine längst vergessene Aufgabe zu erfüllen. Der Film setzt eine klassische Heldenreise in Bewegung, bei der die See selbst, mythologische Gestalten und die Musik als narrative Motoren fungieren.

Ton und Atmosphäre pendeln zwischen heroischem Pathos und leichter Komik, zwischen lyrischer Bildpoesie und energischer Abenteuersequenz. Die Figuren sind typisiert, oftmals archetypisch gezeichnet, aber gerade die lizenzierte Einfachheit ihrer Züge erlaubt es der Inszenierung, sich auf die bildliche und musikalische Ausformung der Reise zu konzentrieren. Die Dramaturgie operiert mit Rhythmuswechseln, die Songs übernehmen oft die Rolle emotionaler Kommentarspuren und beschleunigen die innere Entwicklung der Protagonistin.

Zentrale Themen und Motive

Vaiana wirft Fragen nach Zugehörigkeit, Verantwortung und Erbe auf. Im Zentrum steht die Suche nach einer Identität, die sowohl im Dialog mit den eigenen Vorfahren als auch mit den Herausforderungen der Gegenwart steht. Das Meer fungiert als metaphorischer Raum für Freiheit und Gefahr zugleich und als Vermittler zwischen Mensch und Mythos. Die Figur des Halbgottes repräsentiert eine ambivalente Vergangenheitsgestalt: bewundert, gefürchtet, instrumentalisiert.

Auf einer gesellschaftlichen Ebene berührt der Film Themen von kultureller Aneignung und Authentizität: Er dokumentiert das Ringen eines großen Studios um die angemessene Darstellung indigener Mythen und die Kooperation mit traditionellem Wissen. Psychologisch gesehen verhandelt Vaiana das Erwachsenwerden als Prozess, in dem Anpassung an die Gemeinschaft und individueller Anspruch nicht notwendigerweise im Widerspruch stehen, sondern als mögliche Koalition gedacht werden können.

Formal ist der Film ein Plädoyer für das Zusammenspiel von Technologie und Erzähltradition. Die digitale Inszenierung des Meeres, die musikalische Hybridisierung und die bewusste Stilisierung der Figuren zeigen, wie animiertes Kino Mythen nicht nur reproduziert, sondern in neuem, medienästhetischem Gewand sichtbar macht.

Filmkritik von Peter Osteried

„Vaiana“: Ein perfekter Film

Bei Disney darf man zumindest eines immer erwarten: liebevoll gemachte Filme. Aber mit Vaiana ist noch weit mehr als das gelungen. Mit diesem Film hat sich das Studio selbst übertroffen, und das nicht nur, weil man sich vor einer fremden und nur Wenigen bekannten Kultur verbeugt, sondern auch, weil man einen Abenteuerstoff abgeliefert hat, der alle Altersgruppen begeistert.

Die 16-jährige Vaiana lebt mit ihrem Volk auf einer Insel. Früher waren sie alle Seefahrer, doch seit Generationen hat sich niemand mehr jenseits des Riffs getraut. Vaiana fühlt sich davon jedoch angezogen – und das umso mehr, weil einerseits ihre Großmutter sie ermutigt, ihrem Traum zu folgen, andererseits der Ozean sie auserwählt hat. Denn die Dunkelheit greift um sich, seit der Halbgott Maui der Göttin Te Fiti das Herz stahl. Nun muss Vaiana Maui finden und ihn dazu bringen, Te Fiti das Herz zurückzubringen, doch das ist leichter gesagt als getan.

So nahe wie hier ist man bei den Disney Animation Studios noch nie darangekommen, einen Animationsfilm zu produzieren, der anmutet wie ein Realfilm. Das liegt einerseits an den grandiosen Landschafts- und Meeresaufnahmen, die absoluter Fotorealismus sind, andererseits aber auch an den Figuren, die – abgesehen von Maui – nie übertrieben dargestellt werden, sondern als echte Menschen durchgehen. Wie sehr, das sieht man bei einer wundervollen Sequenz, bei der Maui der jungen Vaiana vorsingt, wer er ist. Hier greift man auf Zeichentrick zurück und illustriert so perfekt den Kontrast, der zwischen Computer-Animation und klassischer Animation besteht. Denn Maui und Vaiana wirken hier lebendiger denn je.

Das Studio hat einmal mehr die Technik völlig ausgereizt und neue Wege gefunden. Wasser – von jeher ein problematisches Element für Computeranimationen – sieht absolut authentisch aus. Gleiches gilt für das Haar der Hauptfiguren. Technisch ist Vaiana nichts anderes als ein Triumph.

Inhaltlich hat er nicht weniger zu bieten, denn was hier präsentiert wird, ist ein grandioses Abenteuer für Jung und Alt. Dabei nutzt man eine sehr starke Frauenfigur, die problemlos die stärksten Frauenfiguren des Studios – und davon gab es einige – in den Schatten stellt. Darüber hinaus wird eine phantastische Geschichte erzählt, die dem klassischen Motiv einer Heldenreise folgt, zugleich aber auch Elemente eines Buddy-Movies enthält, denn Maui ist alles andere als begeistert, dass er das Herz zurückbringen und sich einer schrecklichen Lava-Kreatur stellen soll.

Vaiana punktet in allen Bereichen. Er ist witzig, emotional, spannend, abenteuerlich, mitreißend, inspirierend und – das am Wichtigsten – tatsächlich erhebend. Man verlässt das Kino mit einem guten Gefühl, weil man gerade miterlebt hat, wozu Kino fähig sein kann. Hier ist es pure Magie, die erschaffen wurde, wobei die Urlaubsstimmung aufkommen lassenden Bilder ebenso einprägsam sind wie die beschwingt-schönen Songs, die – ebenso wie das Schweinchen Pua oder das Hühnchen Hay Hay – das Tüpfelchen auf dem I sind.

In einem Jahr der großen Kino-Enttäuschungen ist Vaiana die richtige Medizin, die zeigt, wozu das Medium überhaupt fähig ist. Vaiana ist nicht nur ein toller Animationsfilm. Er ist ein hervorragender Film!

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