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Mein ziemlich kleiner Freund

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kritiken.de Redaktion 01.09.2016
Mein ziemlich kleiner Freund© Concorde Filmverleih GmbH
A ca. 1332 Worte Lesezeit ca. 5 Minuten  📋 Inhalt

Mein ziemlich kleiner Freund: Intime Unwucht und zarte Machtspiele im zeitgenössischen Liebesabend

Einleitung

Mit Mein ziemlich kleiner Freund betritt ein französischer Liebesfilm die Szene, der weniger durch spektakuläre Wendungen als durch eine beharrliche Beobachtung von Nähe und Ungleichgewicht auffällt. Die Relevanz des Films ergibt sich nicht nur aus seinem Premierenjahr 2016, sondern aus dem Zusammentreffen zweier gegenwärtiger Tendenzen: der Neigung des französischen Kinos zu psychologisch feingesponnenen Beziehungsstudien und der medialen Präsenz großer Darsteller, die ihr publikumsträchtiges Image für intimere, riskantere Rollen zu verwenden beginnen. In diesem Spannungsfeld liest sich der Film als Versuch, die Mechanik von Anziehung und Distanz im Kleinen auszumessen.

Obgleich der Name des Regisseurs an dieser Stelle nicht genannt ist, lässt sich der Film produktionsästhetisch in eine Linie mit jenen berufenen französischen Romanzen einordnen, die weniger auf melodramatische Zuspitzung als auf die Präzision des Blicks setzen. Die Besetzung mit Jean Dujardin und Virginie Efira signalisiert gleichsam ein Interesse an performativer Ambivalenz: Hier trifft eine vom Kommerz ausgehende Leinwandpräsenz auf eine Schauspielerin, deren Karriere eine bemerkenswerte Verwandlung von Oberfläche zu innerer Komplexität dokumentiert.

Im weiteren sozialen Hintergrund steht Mein ziemlich kleiner Freund in der europäischen Filmproduktion jener Jahre, die Beziehungsfragen mit einer neuen Empfindlichkeit gegenüber Körperlichkeit, Blickregimen und Machtverhältnissen verhandelt. Der Film spricht also weniger für einen epochalen Wandel als für eine Intensivierung der filmischen Auseinandersetzung mit Intimität - ein Thema, das schon lange in der französischen Tradition liegt, hier aber in eine Gegenwart projiziert wird, die Fragen nach Öffentlichkeit, Selbstdarstellung und Verletzlichkeit neu moduliert.

Kurzüberblick zur Produktion

Als französische Produktion aus dem Jahr 2016 bewegt sich Mein ziemlich kleiner Freund formal in einem Bereich, der bei Fachpublikum und breiterem Publikum gleichermaßen Resonanz findet: Eine offensichtliche Arbeit mit Darstellern, ein vermutlich moderates Budget und eine Konzentration auf realistische Innenräume und Alltagssituationen statt auf visuelle Effekte oder aufwendige Schauplätze. Die Wahl, ein Ensemble um Hauptdarsteller wie Jean Dujardin und Virginie Efira zu gruppieren, deutet auf eine Produktion, die Vertrauen in die darstellerische Komplexität statt in narrative Kniffe setzt.

Die Produktionsumstände selbst bleiben weniger spektakulär als das Ergebnis: Der Film wirkt wie ein sorgfältig gesetztes Gegenstück zu größeren Komödien- oder Prestigeproduktionen, die diese Schauspieler teils kennen. Als Position im Gesamtwerk der beteiligten Künstler markiert der Film eher eine intime Zwischenstation denn einen Bruch; er nutzt die Bekanntheit seiner Protagonisten, um Erwartungen zu verschieben und dem Blick Raum für Subtilität zu geben.

Die Hauptdarsteller & Hauptdarstellerinnen

Jean Dujardin hat seit seinem internationalen Durchbruch eine bemerkenswerte Bandbreite zwischen physischer Komik und ernsthaftem Schauspiel entwickelt. In Mein ziemlich kleiner Freund tritt er als Träger einer vertrauten magnetischen Präsenz auf, die hier gezielt gebrochen und auf ihre Verletzlichkeit hin befragt wird. Dujardins Fähigkeit, zugleich sympathisch und rätselhaft zu erscheinen, erlaubt dem Film, die Figur als Zugangspunkt zu sozialen Erwartungen an Männlichkeit zu nutzen.

Virginie Efira, deren Wandel von einer populären Fernsehmoderatorin zur ernst genommenen Filmschauspielerin zu den auffälligeren Karrieren der letzten Jahre zählt, bringt eine fein austarierte Mischung aus Direktheit und Verschlossenheit. Sie verkörpert in diesem Kontext eine Figur, die die Mechanismen der Verführung und Abwehr zugleich verkörpert und so zum Kompass des Films wird. Cédric Kahn, hier in einer doppelten Rolle als Darsteller mit regiefachlicher Herkunft, ergänzt das Ensemble durch eine nüchterne, beobachtende Qualität, die die erzählerische Balance hält. Die weiteren Ensemblemitglieder fügen dem Beziehungsgeflecht Nuancen hinzu, ohne das Zentrum der Erzählung zu überfrachten.

Handlung (spoilerfrei!)

Mein ziemlich kleiner Freund erzählt von einer Liebesbeziehung, deren äußere Einfachheit eine Reihe innerer Spannungen überlagert. Im Zentrum stehen zwei Figuren, deren Zuneigung nicht durch spektakuläre Konflikte, sondern durch feine Differenzen in Wahrnehmung, Selbstbild und sozialer Positionierung ausgetragen wird. Der dramatische Impuls erwächst weniger aus einem erzählerischen Ereignis als aus dem langsamen Aufscheinen von Rissen im gemeinsamen Alltag - von Missverständnissen, stillen Kompromissen und dem Gewicht unausgesprochener Erwartungen.

Die zentralen Figuren navigieren durch eine Atmosphäre zwischen Zärtlichkeit und Unsicherheit; der Film entfaltet dabei eine Tonalität, die von leiser Komik bis zu ernsthafter Kontemplation reicht. Die Erzählung legt Wert auf Szenen der Nähe: Gespräche, Blicke, kleine Gesten, die mehr über die Beziehung aussagen als explizite Erklärungen. Dieser reduzierte Ansatz erzeugt eine Intensität, die sich nicht in plotgetriebener Spannung, sondern in emotionaler Verdichtung niederschlägt.

Zentrale Themen und Motive

Als thematischer Kern fungiert die Frage nach Maß und Wahrnehmung - was bedeutet es, "klein" zu sein, in einem emotionalen, sozialen oder körperlichen Sinn? Der Titel fungiert dabei als Chiffre für Ungleichgewicht: körperliche Metaphern stehen neben metaphorischen Relationen von Macht und Ohnmacht, Sichtbarkeit und Unsichtbarkeit. Der Film untersucht, wie Liebe als Raum der Selbstvermessung dienen kann, in dem die Protagonisten ihre Identitäten aushandeln und manchmal neu erfinden.

Daneben geht es um die Performanz von Geschlecht: Wie reproduzieren und hinterfragen die Figuren tradierte Codes von Männlichkeit und Weiblichkeit? Die psychologische Dimension verknüpft Intimität mit Fragen der Autonomie, während die gesellschaftliche Ebene still die Normen mitverhandelt, die Erwartungen an Körperlichkeit und Erfolg strukturieren. Formale Motive wie Näheaufnahmen, der Einsatz von Stille und das Verhältnis von Innen- zu Außenräumen verstärken diese thematischen Linien, indem sie das Subtile hervorheben und den Blick auf das Körperliche als Träger sozialer Bedeutung lenken.

In der Summe bietet Mein ziemlich kleiner Freund eine präzise Studie über das Verhältnis von Nähe und Distanz im gegenwärtigen Liebeskino. Ohne große narrative Kunstgriffe lotet der Film die Nuancen menschlicher Bindung aus und nutzt die Präsenz seiner Darsteller, um Fragen der Wahrnehmung, der Machtverhältnisse und der verletzlichen Selbstbehauptung in eleganter, aber ernster Manier zu stellen.

Filmkritik von Peter Osteried

Der ziemlich kleine Freund ist eigentlich ganz groß

Technisch ist Mein ziemlich kleiner Freund wirklich brillant. Jean Dujardin schrumpfen zu lassen, ist ein Meisterstück der Effekttechnik. In keiner Szene wird die Illusion gebrochen, immer ist man davon überzeugt, dass der französische Star wirklich nur knapp 140 cm groß ist. Das gilt in seinem Umgang mit den Interieurs, aber auch mit Personen.

Als die Anwältin Diane (Virginie Efira) den nur 1,36 Meter großen Alexandre (Jean Dujardin) kennen lernt, ist sie perplex. Sie hätte mit einem größeren Mann gerechnet, ist aber beeindruckt vom Charme und der Ausstrahlungskraft dieses kleinen Mannes. Er lädt sie zu einem Abenteuer ein, das sie nie wieder vergessen wird. Und sie ruft ihn wenig später an. Ein Date folgt und beide kommen sich näher. Es könnte die große Liebe sein, aber Diane hat ein Problem damit, wie sie angesehen wird, wenn sie mit dem kleinen Mann unterwegs ist.

Die bloße Technik ist es aber nicht, die die romantische Komödie zur reizvollen Unterhaltung werden lässt. Es ist auch der Umstand, dass hier ein bisschen mehr Tiefgang herrscht, als das normalerweise der Fall ist. Denn es gelingt Dujardin mit subtilem Spiel, den Schmerz dieses Mannes zu zeigen, der ihn beständig hinter einer Fassade der Coolness und des Gleichmuts versteckt. Aber er ist ein kleiner Mann, der es leid ist, klein zu sein. Weil er eigentlich ein großer Mann ist, der fast schon zu perfekt ist. Damit erhält das Werk auch etwas Märchenhaftes, da man den Eindruck hat, ein Mann wie Alexandre kann einfach nicht von dieser Welt sein.

Gefällig ist diese Romcom vor allem, weil die Figuren eine Reise durchmachen, die nachvollziehbar ist. Das gilt sogar noch mehr für die blonde, hochgewachsene Anwältin, die die Blicke der Männer auf sich zieht, aber damit hadert, neben einem kleinen Mann gesehen zu werden. In ihr brodelt der Konflikt zwischen der Liebe zum Mann ihres Lebens und der Angst, von anderen beurteilt zu werden. Worauf es am Ende hinausläuft, kann man sich denken, aber das schmälert die Wirkung nicht. Denn Mein ziemlich kleiner Freund funktioniert eben auch, weil er auf sicherlich sehr simpel gestrickte, aber dennoch spürbare Art und Weise eine Botschaft präsentiert, die wahrhaftig ist: Man sollte nie etwas darauf geben, was andere denken – nur darauf, was man selbst denkt und fühlt.

Im Endeffekt folgt der Streifen ganz und gar den Mustern typischer Romcoms. Das macht ihn einigermaßen vorhersehbar, aber das garniert er mit allerhand Nebengags (Stichwort: Hund Lucio), einer technisch umwerfenden Präsentation und einem Jean Dujardin, dem das Kunststück gelingt, den romantischen Helden zu spielen, wie er das schön häufiger getan hat. Nur eben als kleiner Mann.

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