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Belladonna of Sadness

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kritiken.de Redaktion 01.09.2016
Belladonna of Sadness© Rapid Eye Movies
A ca. 1275 Worte Lesezeit ca. 4 Minuten 30 Sekunden  📋 Inhalt

Belladonna of Sadness: Eine visuelle Meditation über Schmerz, Ohnmacht und weibliche Emanzipation

Einleitung

Belladonna of Sadness hat sich in der Rezeptionsgeschichte des japanischen Kinos als ein Grenzfall etabliert - ein Film, der weniger durch traditionelle Narration als durch persistente visuelle Imagination seine Wirkung entfaltet. Obwohl die Fassung, die in den letzten Jahren wieder verstärkt gezeigt wurde, formal in die frühe 1970er Jahre zurückreicht, erlangt die Arbeit ihre fortdauernde Relevanz gerade durch ihre radikale Auseinandersetzung mit Fragen von Körper, Gewalt und kollektiver Projektion. In einer Gegenwart, in der das Kino wiederholt seine Mittel reflektiert und politische Formate neu verhandelt, wirkt Belladonna wie ein früher Modellversuch, die Grenzen des Animationsmediums für erwachsene Themen auszuloten.

Im Werk seines Regisseurs markiert der Film einen jener kaum zähmbaren Ausbrüche experimenteller Handschrift: Die filmische Sprache löst sich zugunsten lange nachwirkender Bildkompositionen, expressiver Collage und einer Klanglichkeit, die oft mehr vermittelt als erklärt. Diese Entscheidung führt nicht nur zu einer einmaligen visuellen Unmittelbarkeit, sondern stellt das filmische Erzählen selbst in Frage: Erinnern, Traum und symbolischer Überschuss ersetzen kausale Motivationen und lassen jede Szene als psycho-soziale Landschaft lesen.

Gesellschaftshistorisch lässt sich die Produktion in eine Phase einordnen, in der japanisches Kino und populäre Kultur sich intensiv mit Geschlechterrollen, Machtverhältnissen und der Nachwirkung von Traditionen auseinandersetzten. Belladonna reflektiert dieses Klima durch die Linse einer mythifizierten Vergangenheit und betreibt zugleich eine politische Ikonographie - die Hexe als Projektionsfläche für kollektive Schuld, Angst und die Verdrängung weiblicher Autonomie.

Kurzüberblick zur Produktion

Belladonna of Sadness entstand in einem Feld künstlerischer Experimente, das die Grenzen zwischen Animation, Malerei und Performance verwischte. Der Regisseur, dessen Arbeit hier in einer besonders kühnen, visuell auftretenden Form vorliegt, gehörte zu den Filmemachern, die das Medium Animation aus der reinen Kinderunterhaltung herausführen wollten und es in den Kontext avantgardistischer, oft kontemplativer Kinoästhetik rückten. Die Produktionsumstände waren geprägt von vergleichsweise knappen Mitteln und einem Willen zur Eigenständigkeit: Die Bildsprache bedient sich arbeitsteiliger, handgefertigter Techniken, die den filmischen Raum immer wieder in flächige, fast malerische Tableaus verwandeln.

Die Entstehung ist außerdem ein Beispiel für eine Zeit, in der Studios und unabhängige Produzenten Experimente mit erotischen und politischen Inhalten wagten, um neue Zielgruppen zu erschließen. Innerhalb des Gesamtwerks des Regisseurs nimmt dieser Film eine Sonderstellung ein: Er ist der radikalste Versuch, narrative Ökonomie zugunsten einer assoziativen, symbolgetränkten Bildsprache aufzugeben und so die expressive Kraft der Animation maximal auszuschöpfen.

Die Hauptdarsteller & Hauptdarstellerinnen

Die Besetzung vereint Stimmen, die sowohl aus dem Film- als auch aus dem Theaterschaffen stammen, und verleiht der ebenso mythischen wie konkreten Erzählung eine theatralische Dichte. Aiko Nagayama übernimmt die zentralen vokalen Partien, wobei ihre Performance weniger auf naturalistische Artikulation als auf die modulierte Dramatisierung innerer Zustände zielt. Ihre Stimme funktioniert wie ein Leitmotiv, das zwischen Verletzlichkeit und aufbrechender Präsenz oszilliert.

Tatsuya Nakadai, eine der prägenden Figuren des japanischen Kinos, bringt mit seiner markanten Intonation eine historische Schwere in die Darstellung von Autoritätspersonen. Seine Präsenz verankert die symbolische Ordnung, gegen die das filmische Subjekt aufbegehrt. Die übrigen Darsteller, darunter Katsuyuki Itô, Masaya Takahashi, Shigako Shimegi, Natsuka Yashiro und Masakane Yonekura, verdichten die Sphären von Dorfgesellschaft, kirchlicher Moral und feudaler Gewalt und arbeiten im Tonfall häufig mit zugespitzter, gestischer Sprache, die an das Brechtische erinnert. In dieser Konstellation werden die Figuren weniger als psychologische Charaktere denn als Träger gesellschaftlicher Kräfte lesbar.

Handlung (spoilerfrei!)

Die erzählerische Grundstruktur folgt dem Schicksal einer Frau aus ländlicher Umgebung, deren Leben durch persönliche Gewalt und das Eingreifen lokaler Machthaber aus der Bahn geworfen wird. Auf der Ebene der Handlung geht es um Ohnmacht, die Suche nach Schutz und die Rekonstruktion einer Identität angesichts sozialer Verurteilung. Der dramatische Konflikt entspinnt sich aus dem Zusammenprall individueller Bedürfnisse und kollektiver Normen: Eine polarisierte Gemeinschaft trifft auf ein subversives Subjekt, das mit den Mitteln einer mythischen Sprache antwortet.

Central sind die Figurenkonstellationen aus Opfer, Peiniger, Zeugen und Institutionen. Der Film verzichtet auf ausführliche psychologische Motivationen und setzt stattdessen auf symbolische Aufladung; Ton und Atmosphäre sind dabei überwiegend halluzinatorisch, melancholisch und gelegentlich verstörend. Die narrative Ökonomie dient weniger einer klaren Plotführung als der Erzeugung von Stimmungen und assoziativen Bildern, die sich im Gedächtnis festsetzen.

Zentrale Themen und Motive

Belladonna of Sadness stellt grundlegende Fragen nach Macht und Repräsentation: Wer besitzt das Recht, über Körper und Begierden zu verfügen, und wie formulieren Gemeinschaften ihre Ängste durch Mythen? Die Figur der Hexe fungiert als komplexes Symbol - sie vereint Stigmatisierung, autonomes Wissen und die Angst vor sozialer Auflehnung. Auf dieser Ebene wird das Motiv der Hexenverfolgung zur Metapher für die Mechanismen von Ausschluss und Projektion.

Philosophisch öffnet der Film Räume für Reflexionen über Subjektwerdung und die Macht der Bilder: Die visuelle Form ist nicht nur Vermittler, sondern Thema; Schmerz, Erinnerung und ekstatische Erfahrung werden durch fragmentierte Bildräume und koloristische Entscheidungen materialisiert. Gesellschaftlich formuliert die Arbeit eine Kritik an traditionellen Autoritätsstrukturen und der Instrumentalisierung von Moralvorstellungen zur Kontrolle kollektiver Energien.

Psychologisch betrachtet operiert das Werk mit Traumlogiken - Widersprüche und Überhöhungen erzeugen eine Ästhetik der Katharsis, ohne in simplen Opfer-oder-Helden-Kategorien zu verbleiben. So bleibt der Film ein offenes Denkmodell für Konflikte um Macht, Geschlecht und künstlerische Darstellung, dessen Bildsprache mehrdeutige Lesarten zulässt und die Rezeptionsarbeit auf Seiten des Zuschauers aktiv fordert.

Filmkritik von Peter Osteried

Die verschollene Belladonna der Trauer kehrt ins Kino zurück

Lange galt Eiichi Yamamotos Belladonna of Sadness als verschollen. Es war die letzte Produktion der Mushi Productions, bevor diese bankrottgingen. In Deutschland wurde das Werk 1973 bei der Berlinale uraufgeführt, seitdem entschlummerte es dem kollektiven Gedächtnis, wurde nun aber von Rapid Eye wiederentdeckt. Präsentiert wird nun ein psychedelischer Trip, wie er nur in den 1970er Jahren produziert werden konnte.

Jeanne will ihren Freund Jean heiraten, doch sie müssen dem Fürsten einen Tribut entrichten. Da dieser mit dem Angebot nicht zufrieden ist, vergewaltigt er Jeanne und überlässt sie dann seinen Männern. Danach erscheint Jeanne der Teufel in Phallusform und verleiht ihr ungeahnte Macht. Das bringt ihr den Respekt – und die Angst – der Dorfbewohner ein. Aber ein Pakt mit dem Teufel kommt immer auch mit einem Preis einher.

Belladonna of Sadness als Anime zu bezeichnen, würde diesem bemerkenswerten Werk nicht gerecht. Denn Yamamoto benutzt keinen Stil, den man gemeinhin mit Anime in Verbindung bringen würde. Vielmehr hat er einen Kunstfilm erschaffen, der die Animation in Höhen erhebt, die damals durchaus ihresgleichen gesucht hat. Denn er spielt auch extrem mit der Form, indem er nicht nur animierte Sequenzen bietet, sondern auch Einzelbilder, die nur durch die Bewegung der Kamera eine Form von Bewegung erfahren.

Darüber hinaus ist der Stil so gehalten, dass man weniger an japanischen Zeichentrick als vielmehr an europäische Produktionen erinnert wird. Das liegt nicht nur am Setting, sondern vor allem auch an der Präsentation, denn hier gelingt es, einen wirklich und wahrhaftigen Film für Erwachsene zu gestalten. Und das nicht nur, weil das Thema sehr sexualisiert ist, sondern auch, weil die Umsetzung von einer surrealen Brillanz ist, der man sich kaum entziehen kann. Das macht Belladonna of Sadness aber auch zu einem schwierigen Film, der nicht jedem gefallen wird.

Er ist in seiner Erzählweise drastisch, auch wenn er künstlerische Bilder dafür findet, was mit Jeanne passiert. Es mutet gar wie ein Fiebertraum an, den die geschändete Jeanne hat und an den sie sich klammert, um dieses Trauma zu überwinden. Im Grunde ist dies auch ein sehr feministisches Werk, weil es zudem darum geht, wie eine Frau ihre sexuelle Freiheit innerhalb eines patriarchalischen Systems findet.

Yamamoto lotst aus, was mit den Mitteln des Zeichentricks möglich ist. Die simple Wahrheit: Alles – und sogar mehr, als mit echtem Film. Denn der Regisseur präsentiert eine düstere, surreale, in den Bann ziehende Bilderpracht, die an die cineastischen Welten eines Alejandro Jodorowsky erinnert. Belladonna of Sadness ist ein Erlebnis – auch und gerade auf der großen Leinwand!

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