Mein neues bestes Stück - Komische Existenz und Körperpolitik im zeitgenössischen französischen Kino
Einleitung
Mit dem Kinostart am 08.06.2017 platziert sich Mein neues bestes Stück als eine französische Komödie, die weniger durch skandalöse Effekte als durch eine präzise Beobachtung sozialer Verhältnisse auffällt. Der Film nutzt das komödiantische Format, um Fragen von Identität, Begehren und Selbstdarstellung in einer Gesellschaft zu verhandeln, die zunehmend von Bild und Konsum geprägt ist. Seine Relevanz ergibt sich aus der Art, wie er private Irritationen als Spiegel gesellschaftlicher Umbrüche liest.
Im Zusammenspiel von Starbesetzung und Ensemblearbeit entsteht ein Ton, der zwischen boulevardesker Situationskomik und fein geschliffener Charakterzeichnung pendelt. Die Präsenz bekannter Gesichter wie Christian Clavier wird nicht allein zur konventionellen Lachgarantie instrumentalisiert, sondern dient als Kontrastfolie für ambivalente Figuren, deren Wünsche und Versagensmomente ernst genommen werden. So entsteht ein Film, der Komik nicht nur als Spaß, sondern als Medium kultureller Reflexion nutzt.
Vor dem Hintergrund der 2010er Jahre - einer Dekade, in der französische Komödien vermehrt gesellschaftspolitische Themen einschliffen und dabei zugleich ihr Publikum zu halten suchten - lässt sich Mein neues bestes Stück als Teil einer Strömung begreifen, die Unterhaltung und Diskurs miteinander verwebt. Der Film tritt in einen Dialog mit Debatten über Körperbilder, Rollenmodelle und Ökonomie des Alltags, ohne dabei in moralisierende Gesten zu verfallen.
Kurzüberblick zur Produktion
Die Inszenierung folgt einer Regiepraxis, wie sie in der gegenwärtigen französischen Komödie häufig anzutreffen ist - eine Balance aus präziser Handkamera, schnellem Schnitt und einem Augenmerk auf die körperliche Präsenz der Schauspielerinnen und Schauspieler. Die Regie legt Wert auf rhythmische Komik und auf die nuancierte Ausarbeitung von Bühnenmomenten, die in geschlossenen Interiors ebenso funktionieren wie in urbanen Außenaufnahmen.
Produziert wurde der Film in einem Umfeld, das für europäische Genrefilme typisch ist: eine Koproduktion zwischen unabhängigen Produzenten und etablierten französischen Produktionsfirmen, die es erlaubt, mittlere Budgets sinnvoll in Ausstattung, Casting und Drehplan zu investieren. Diese Umstände begünstigen eine ästhetik, die handwerklich sauber bleibt, ohne auf prononcierte Großproduktionseffekte angewiesen zu sein.
In der Karriere des Films lässt sich eine Verwandtschaft zu Werken erkennen, die Komik zur Analyse alltäglicher Machtverhältnisse verwenden. Die filmische Handschrift favorisiert die Arbeit mit Ensembledynamiken und legt Wert auf sprachliche Präzision und physische Komik als erzählerische Mittel. Dadurch positioniert sich der Film in einer Linie zeitgenössischer französischer Komödien, die Publikumserwartungen herausfordern, ohne den Zugang zur Unterhaltung zu verlieren.
Die Hauptdarsteller & Hauptdarstellerinnen
Audrey Dana, deren Schauspielerinnenkarriere Spielräume zwischen Drama und Komödie eröffnet hat, fungiert als zentrales emotionales Trägerelement. Bekannt geworden ist sie für Rollen, die Empathie und eine gewisse nervöse Direktheit kombinieren; hier verkörpert sie eine Figur, deren Innenleben die narrative Achse bildet. Ihre Präsenz trägt die Balance zwischen Selbstironie und Verletzlichkeit.
Christian Clavier, ein Veteran der französischen Komödie, bringt eine etablierte komödiantische Autorität in das Ensemble. Sein früheres Schaffen umfasst populäre Komödien und Boulevardrollen, die oft mit einer markanten Körpersprache und pointierter Mimik arbeiten. Im Film dient er als Gegenpol zu Audreys Figur - eine Rolle, die erwartbare Klischees nutzt und zugleich in verwickelte emotionale Nuancen geführt wird.
Éric Elmosnino, der in der Vergangenheit vor allem für seine biografische Verkörperung von Ikonen gelobt wurde, steuert eine ruhigere, psychologisch dichte Präsenz bei. Alice Belaïdi und Antoine Gouy ergänzen das Ensemble durch frische, manchmal leicht subversive Töne; ihre bisherigen Arbeiten zeigen ein Gespür für pointierte, moderne Komik. Die jüngeren Darstellerinnen Joséphine Drai und Victoire Brunelle-Remy liefern die notwendige Leichtigkeit und Energie, die dem Ensemble ein zeitgenössisches Profil verleihen.
Handlung (spoilerfrei!)
Ohne die Dramaturgie zu verraten, lässt sich der erzählerische Kern als die Auseinandersetzung einer Protagonistin mit einem einschneidenden persönlichen Entschluss beschreiben, der sowohl ihr soziales Umfeld als auch ihre Selbstwahrnehmung durcheinanderbringt. Aus dieser Ausgangssituation entspringen eine Reihe von Situationen, die das komische Potential der Figuren freilegen - Missverständnisse, Rollentauschmomente und Begegnungen, die die Charaktere zu reflexiven Handlungen zwingen.
Der dramatische Konflikt ist weniger ein klassischer Gegensatz von Gut und Böse als ein Spannungsfeld zwischen Wunsch und Norm, zwischen intimem Anspruch und öffentlicher Wahrnehmung. Zentrale Figuren treiben die Handlung durch aktive Entscheidungen voran, wobei die Erzählung auf die psychologischen Implikationen dieser Entscheidungen achtet. Ton und Atmosphäre oszillieren zwischen heiterem Boulevard und leisem, fast melancholischem Realismus; die Komik basiert oft auf Timing und Körperlichkeit, weniger auf groben Gags.
Zentrale Themen und Motive
Im Zentrum stehen Fragen nach Identität und Besitz - nicht allein im ökonomischen Sinn, sondern in Bezug auf Selbstdefinition und die Objekte, an denen Menschen ihren Wert messen. Der Film lotet aus, inwieweit äußere Veränderungen interne Subjekte verändern können und wie die Gesellschaft auf sichtbare Performanzen von Glück und Erfolg reagiert. Damit wird ein Spannungsfeld sichtbar, in dem gesellschaftliche Erwartungsformen und persönliches Begehren aufeinandertreffen.
Weitere Motive betreffen die Darstellung des Körpers als Projektionsfläche gesellschaftlicher Normen und die Ambivalenz von Nähe und Distanz in modernen Beziehungen. Psychologisch geht es um Kontrollverlust und die Sehnsucht nach Anerkennung, philosophisch berührt der Film Fragen nach Authentizität und Inszenierung des Selbst. Formale Motive spiegeln diese in Kameraarbeit und Montage: Nahaufnahmen, die Intimität erzwingen, und schnittliche Rhythmik, die komische und nachdenkliche Momente gegeneinander ausspielt.
Mein neues bestes Stück bietet damit nicht nur leichte Unterhaltung, sondern ein feinsinnig komponiertes Bild darüber, wie Komik als Instrument gesellschaftlicher Selbstbefragung fungiert. Die Produktion nutzt bekannte starbesetze Elemente, um komplexere Diskussionen zugänglich zu machen, und setzt so ein Zeichen für eine Komödientradition, die lachen lässt, aber vor allem zum Nachdenken anregt.
Filmkritik von Peter Osteried
„Mein neues bestes Stück“: Wenn eine Frau einen Penis bekommt …
Der dümmliche deutsche Titel legt nahe, dass man es mit einer halbgaren Körpertauschkomödie zu tun hat, wie man sie im Kino schon dutzendfach gesehen hat. Vor nicht allzu langer Zeit gab es mit Seitenwechsel auch einen deutschen Vertreter, der grauenhafter kaum hätte sein können. Mein neues bestes Stück ist aber mehr als das – weil hier gar kein Körper getauscht wird.
Jeanne (Audrey Dana) ist verzweifelt, nachdem sich ihr Mann zuerst von ihr getrennt hat und nun auch noch die Scheidung einreicht. Das Sorgerecht für die gemeinsamen Kinder verliert sie, weswegen sie sicher ist, dass eine Frau in der Männerwelt einfach keine Chance bekommt. Das liegt an dem bisschen Fleisch, das zwischen den Beinen baumelt. Als sie am nächsten Morgen erwacht, muss sie erschreckt und überrascht feststellen, dass sie nun einen Penis hat. Für Jeanne verändert sich nun das Leben, ebenso wie ihre Empfindung. Sie reagiert nun auf die Reize des schwachen Geschlechts, hat aber immer noch das Herz einer Frau.
Die üblichen Konventionen und Klischees umschifft Audrey Dana, die den Film auch inszeniert hat, geschickt damit, dass sie eben nicht auf den typischen Körpertausch schielt und einen Mann die weibliche Perspektive und eine Frau die männliche Perspektive kennen lernen lässt. Vielmehr ist beides in einer Person vereint, was es interessanter macht, da sich damit auch ein Kommentar darüber abgeben lässt, dass Männer und Frauen so viel gar nicht trennt. Es ist nur die eigene Wahrnehmung, die das anders aussehen lässt.
Aber ein Mensch, der beides in sich vereint, hat auch eine einzigartige Wahrnehmung auf beide Geschlechter. Das nutzt Dana, um durchaus soziokulturell interessante Beobachtungen zu machen, ganz frei von flachem Humor ist ihr Film aber auch nicht. Das mag dem Umstand geschuldet sein, dass wohl jeder so reagieren würde, wäre er in dieser Situation. Aber dennoch gibt es hier einige penisfixierte Gags, die zotig und dumpf sind. Im Grunde sind sie eines Films wie diesem unwürdig, denn Mein neues bestes Stück hat weit mehr als das zu bieten.
Allerdings leidet der Film natürlich unter dem infantilen, reichlich albernen deutschen Titel, der glauben macht, hier hätte es mit einer Produktion zu tun, die sich in Schenkelklopferhumor ergeht. Aber dem ist nicht so, tatsächlich gestaltet sich Danas Film mit der sehr sympathischen Botschaft als sehr viel filigraner. Der Titel wird in an der Kinokasse aber versenken!

