- Mamma Mia: Here We Go Again! - Nostalgie, Pop-Mythos und das Echo einer weiblichen Lebenswelt
- Einleitung
- Kurzüberblick zur Produktion
- Die Hauptdarsteller & Hauptdarstellerinnen
- Handlung (spoilerfrei!)
- Zentrale Themen und Motive
Mamma Mia: Here We Go Again! - Nostalgie, Pop-Mythos und das Echo einer weiblichen Lebenswelt
Einleitung
Mamma Mia: Here We Go Again! tritt an als Fortsetzung eines Phänomens, das längst zum Popkulturellen Markenzeichen geworden ist. Der Film rekonstruiert nicht nur die spielerische Verquickung von ABBA-Hits mit Strandromantik, sondern versucht zugleich, die emotionale Bilanz der Figuren eines Erfolgsprodukts neu zu lesen. In einer Zeit, in der Nostalgie als ästhetische Strategie ebenso gängig ist wie das Wiederaufleben bekannter Marken, fungiert der Film als Reflexionsfläche für Fragen nach Herkunft, Erinnerung und dem Vermächtnis populärer Kultur.
Regisseur und Drehbuchautor Ol Parker wählt hierfür eine doppelte Zeitebene und macht aus dem musikalischen Spektakel eine Art Werkstatt für Erinnerung: Die Feierlichkeit der Songs wird durch melancholische Rückblenden ergänzt, das Feelgood-Kino durch kleinere Risse im Erzählbild. Damit positioniert sich der Film zwischen kalkulierter Kommerzästhetik und dem Versuch, die Figuren menschlich nachzuzeichnen - ein Spannungsfeld, das auch über die reine Unterhaltung hinausweist.
Relevanz gewinnt der Film nicht allein durch sein Franchise-Potenzial, sondern durch die Art und Weise, wie er populäre Musik als erzählerisches Material nutzt. In einer Gegenwart, die sich verstärkt mit Identität, weiblicher Solidarität und intergenerationalen Bindungen beschäftigt, bietet die Fortsetzung eine kulturtopografische Karte: Sie lotet die Versatzstücke eines Lebensgefühls aus, das aus Melodie, Erinnerung und Gemeinschaft besteht.
Kurzüberblick zur Produktion
Ol Parker, der das Drehbuch verfasste und Regie führte, ist ein britischer Filmemacher, dessen Arbeit häufig Ensemblegeschichten und eine warm-nostalgische Tonlage betont. Bei Here We Go Again! trifft seine Neigung zur emotionalen Zugänglichkeit auf die Produktionsmechanismen eines Großprojekts: Ein bewährtes Produzententeam rund um Judy Craymer, die bereits den Erstling verantwortete, stellte die Kontinuität zum Musical-Phänomen sicher. Gedreht wurde vorwiegend auf idyllischen griechischen Inselkulissen, deren photogene Ästhetik den filmischen Raum prägt.
Die Finanzierung und der internationale Vertrieb lagen in den Händen großer Studios, die das Projekt als kommerziell tragfähige Fortsetzung einer global erfolgreichen Marke verankerten. Technisch setzt der Film auf hochglanzpolierte Musicalszenen, auf aufwendige Choreografien und ein Produktionsdesign, das die Sonnigkeit der Bilder mit sorgfältig komponierten Interieurs kontrastiert. In Ol Parkers Gesamtwerk markiert der Film einen bewusst opulenten Ausflug in den Jukebox-Musicalbereich, der seine narrativen Präferenzen - Ensembleführung, melodramatische Momente und ein Faible für Zugehörigkeitsgeschichten - in ein größeres Spektakel überführt.
Die Hauptdarsteller & Hauptdarstellerinnen
Lily James übernimmt die Rolle der jungen Donna und fungiert damit als emotionale Brücke zwischen Vergangenheit und Gegenwart. James, die einem breiteren Publikum durch Rollen wie die Cinderella-Adaption und ihre Arbeit in historischen Dramen bekannt wurde, bringt eine kecke Unmittelbarkeit und vokale Frische in die Figur. Ihre Darstellung zielt weniger auf Imitation als auf die Rekonstruktion eines Entstehungsprozesses - wie aus einer jungen Frau die spätere Patin einer Gemeinschaft wurde.
Amanda Seyfried kehrt in der Rolle der Sophie zurück, die im Zentrum des Erbes der Familie steht. Seyfried, deren Karriere von Rollen in Coming-of-Age- und Musicalkontexten geprägt ist, trägt die Gegenwartsebene: Sie ist die Trägerin von Entscheidungen, die aus den Wurzeln der Vorjahre resultieren. Pierce Brosnan, dessen Persona stark mit dem Bond-Image verbunden ist, fügt der Pop-Idylle eine leicht patinierte Männlichkeit hinzu; seine stimmliche Präsenz rekonstruiert eine romantische Geste in einem anderen Klang. Meryl Streep, deren schauspielerische Bandbreite legendär ist, fungiert als immaterielle Achse der Erinnerung - ihre Aura überstrahlt die Teile und verleiht ihnen historische Tiefe.
Handlung (spoilerfrei!)
Ohne den narrativen Teppich zu zerreißen, lässt sich sagen, dass Mamma Mia: Here We Go Again! zwischen zwei Zeitsträngen oszilliert. Die Gegenwartsebene folgt den Nachwirkungen des Lebens einer Familie auf einer Insel - der Versuch, ein gemeinschaftliches Erbe zu verwalten, und die Verpflichtungen, die sich daraus ergeben. Parallel dazu gewährt der Film Einblicke in die frühen Jahre einer der zentralen Figuren und zeigt, wie Entscheidungen, Sehnsüchte und Zufälle das spätere Gefüge formen.
Der dramatische Konflikt entsteht weniger aus einem einzelnen Antagonisten als aus den Spannungen zwischen Vergangenheit und Gegenwart - zwischen Erinnerung und Verdrängung, zwischen persönlicher Freiheit und Verantwortung gegenüber anderen. Die zentralen Figuren ringen mit Loyalitäten, Selbstfindung und der Frage, wie man Geschichte leben und zugleich hinter sich lassen kann. Tonal bewegt sich der Film zwischen heiterem Musical-Spektakel und leiseren Momenten retrospektiver Sehnsucht; er benutzt die musikalischen Einwürfe nicht nur zur Unterhaltung, sondern als kommentierende Chorpassagen.
Zentrale Themen und Motive
Im Zentrum steht die Auseinandersetzung mit Erinnerung und Erbe. Der Film fragt, wie Identität über Generationen weitergegeben wird und welche Rolle Erzählungen, Lieder und Rituale bei der Konstruktion persönlicher und kollektiver Biografien spielen. Musik fungiert hier nicht bloß als dekoratives Element, sondern als Träger von Bedeutung: Songs werden zu Gedächtnisstützen, zu dramaturgischen Motoren, die Vergangenheit ins Heute ziehen.
Ein weiteres Motiv ist die weibliche Solidarität und die Formierung von Familie jenseits biografischer Normen. Die Figuren verhandeln Fürsorge, Unabhängigkeit und die Suche nach Selbstbestimmung in einem sozialen Gefüge, das sowohl Schutz als auch Einschränkung bedeuten kann. Der Film stellt damit Fragen nach Autorschaft des eigenen Lebens und nach den Möglichkeiten, ein Erbe kreativ umzudeuten.
Schließlich steht das Projekt exemplarisch für das moderne Jukebox-Musical als kulturelle Praxis: die Wiederaneignung bekannter Songs, ihre Umdeutung in neuen narrativen Kontexten und die Reflexion darüber, wie Popmusik als emotionaler Kurzschluss funktioniert. In dieser Perspektive ist Mamma Mia: Here We Go Again! weniger ein nostalgischer Rückwärtsgewandter als ein Versuch, Popgeschichte produktiv zu remixen - mit all den Spannungen und poetischen Chancen, die daraus erwachsen.
Filmkritik von Bianka Piringer
Schön war‘s mit dir, Donna!
Zehn Jahre ist es bereits her, dass Meryl Streep in „Mamma Mia!“ Abba-Songs sang und dem von Flower-Power-Nostalgie durchzogenen Musicalfilm zu weltweitem Kultstatus verhalf. Nun soll die große Party auf der griechischen Insel Kalokairi weitergehen, verspricht der Titel des Fortsetzungsfilms. Gelingt es ihm, die globale „Mamma Mia!“-Fangemeinde erneut in Verzückung zu versetzen? Der Regisseur des Sequels, Ol Parker („Eine Hochzeit zu dritt“), hat jedenfalls mit einem erheblichen Nachteil zu kämpfen, denn Streeps Charakter Donna weilt nicht mehr unter den Lebenden.
Wie um den Mangel von Streeps – nicht ganz vollständiger - Absenz auszugleichen, gerät die Fortsetzung zur doppelten Hommage: Nicht nur das Werk der legendären schwedischen Popgruppe Abba wird zelebriert, sondern auch die Erinnerung an Donna, die Ende der 1970er Jahre nach dem Oxford-Studium als Hippie-Aussteigerin nach Griechenland gezogen war. Jetzt hat Donnas Tochter Sophie (Amanda Seyfried) die alte Pension ihrer Mutter auf Kalokairi aufwendig renoviert und zum Hotel vergrößert und viele Gäste zur Eröffnungsfeier eingeladen.
Doch weder Sophies Freund Sky (Dominic Cooper) kann aus New York kommen, noch wollen zwei ihrer drei möglichen Väter erscheinen. Lediglich Donnas Witwer Sam (Pierce Brosnan), der auf der Insel lebt, steht ihr zur Seite und Donnas beste Freundinnen Tanya (Christine Baranski) und Rosie (Julia Walters) sind angereist. Dann zieht aber ein Sturm auf und es sieht so aus, als würde die Party ins Wasser fallen…
Auch 1979 gab es einen Sturm auf der Insel, als die gerade angekommene Donna (Lily James) dem New Yorker Sam (Jeremy Irvine) über den Weg lief. In häufigen Rückblenden erzählt das Sequel davon, wie die junge Donna ihre Lover traf, vor Sam in Paris den zum Banker bestimmten Harry (Hugh Skinner) und in Griechenland den jungen schwedischen Yachtbesitzer Bill (Josh Dylan). Die Rückblenden haben viel mit der Gegenwartsebene zu tun, denn Sophie sehnt sich wie verrückt nach ihrer geliebten Mutter, die sie so bewundert.
Irgendwann lässt Sophie die Mutter im Geiste sogar wiederauferstehen, für ein ergreifendes Duett, als das Sequel die Zuschauer längst mit dem besonderen „Mamma Mia!“-Zauber umgarnt hat. Bis dieser Zauber jedoch wirkt, muss eine längere Aufwärmphase durchlaufen werden. Wenn sich im Originalfilm die in Würde gealterte Donna wieder an ihre wilde Hippiezeit erinnerte, entstand diese unvergleichliche Retro-Atmosphäre, die die Rückblenden im Sequel gerade nicht aufweisen. Denn die relativ intensiv geschnittenen Szenen mit Lily James auf dem Weg nach Griechenland ähneln mehr einem modernen Videoclip als dass sie die Flower-Power-Stimmung der 1970er Jahre wieder zum Leben erwecken. Dabei spielt Lily James überzeugend und voller Elan.
Doch die Summierung sonniger Inselaufnahmen und romantischer Wohlfühlmomente, etwa auf Bills Yacht, tut ihre Wirkung und der Verstand des Zuschauers ergibt sich der märchenhaften Show mit ihren Gesangs- und Tanznummern. Außer Hits wie „Dancing Queen“ oder „Waterloo“ kommen diesmal auch weniger bekannte Abba-Lieder wie „When I Kissed the Teacher“ oder „My Love, My Life“ zum Zuge.
Glücklicherweise hat das Sequel auch für Sam, Harry und Bill als ältere Semester Verwendung. Denn Pierce Brosnan, Colin Firth und Stellan Skarsgard legen ihre Auftritte unvergleichlich beschwingt oder gar selbstironisch hin. Auch eine Persiflage der berühmten „Titanic“-Pose fehlt nicht. Mit solchen gezielten Gute-Laune-Gesten und sogar einigem Slapstick wird die heitere Verklärung befördert, die dem Publikum praktisch einen leichten Schwips beschert.
