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Love, Simon

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kritiken.de Redaktion 28.06.2018
Love, Simon© Bildrechte beim jeweiligen Verleiher / Promotional Material (siehe Impressum)
A ca. 1442 Worte Lesezeit ca. 5 Minuten 30 Sekunden  📋 Inhalt

Love, Simon als Hollywood-ästhetik der Normalisierung und generationellen Selbstermächtigung im postromantischen Teenagerkino

Einleitung

Love, Simon trat 2018 in eine kulturelle Lücke, die lange Zeit von Mainstream-Kino gemieden worden war: das uneingeschränkte, in sich ruhende Porträt eines schwulen Teenagers als Protagonisten einer konventionellen Coming-of-Age-Komödie. Der Film markiert weniger einen radikalen Bruch als vielmehr einen Moment der Normalisierung, in dem die Dramaturgie von Gefühlen, Freundschaft und Identität nicht länger durch Pathos oder Außenseiterexotik definiert wird, sondern durch filmische Vertrautheit mit dem klassischen Highschool-Genre.

In dieser Hinsicht zeigt Love, Simon die Ambivalenz des Zeitgeistes: auf der einen Seite die wachsende gesellschaftliche Akzeptanz und die Forderung nach Repräsentation, auf der anderen Seite die Herausforderungen, die entstehen, wenn ein vormals marginalisiertes Narrativ in die Maschinerie des Studiosystems eingespeist wird. Der Film fungiert als Spiegel für eine Generation, die digitale Intimität und öffentliche Selbstinszenierung gleichermaßen kennt und in der Coming-out-Prozesse nicht mehr ausschließlich private, sondern auch performative Akte sind.

Die Tonalität des Films - warm, freundlich, leicht melancholisch - passt zu seiner programmatischen Absicht: er will nicht polarieren, sondern inkludieren. Doch hinter der zugänglichen Oberfläche stellen sich Fragen nach Autorschaft, Repräsentation und der Balance zwischen künstlerischer Dringlichkeit und kommerzieller Verträglichkeit. Diese Spannung zieht sich wie ein leiser Leitfaden durch das Werk, das Greg Berlanti hier in Szene setzt.

Kurzüberblick zur Produktion

Love, Simon basiert auf dem Jugendroman Simon vs. the Homo Sapiens Agenda von Becky Albertalli und wurde von 20th Century Fox produziert. Regie führte Greg Berlanti, dessen Karriere vornehmlich im Fernsehen verankert ist: Berlanti hat als Produzent und Showrunner eine beachtliche Anzahl populärer Serien aufgebaut, insbesondere in Genres, die auf Serienmarkedtauglichkeit und breite Zugänglichkeit zielen. Sein Kinoeinsatz bei Love, Simon überträgt viele dieser Produktionsprinzipien auf einen Spielfilm: stringente Figurenführung, rhythmische Erzählung und eine Sprache des Mainstreams, die darauf abzielt, breite Schichten zu erreichen.

Die Produktion operierte mit einem vergleichsweise moderaten Studioetat von etwa 17 Millionen US-Dollar und positionierte sich damit als mittlerer, kalkulierbarer Einsatz für ein sensibles Thema. Auffällig ist die Studiounterstützung für eine offen queere Hauptfigur, was Produktionsseite und Marktlogik in Einklang bringt: das Studio erlaubt künstlerische Sichtbarkeit, verlangt dafür aber auch den Erhalt bestimmter genretypischer Konventionen - Humor, romantische Steigerungen und ein beherrschbares dramatisches Spannungsfeld.

Im Gesamtwerk Berlanti steht Love, Simon für den Versuch, persönliche Erfahrung und massentaugliche Erzählformen zu vereinen. Als Film in einem etablierten Produktionskontext zeigt es sowohl die Möglichkeiten als auch die Grenzen eines Studiosystems, das echte Diversität verspricht, aber auch normierende Mechanismen impliziert.

Die Hauptdarsteller & Hauptdarstellerinnen

Nick Robinson, der die titelgebende Rolle interpretiert, hat sich in den Jahren zuvor als eine der prägenden jungen Figuren des amerikanischen Kinos etabliert. Bekannt wurde er durch Arbeiten wie The Kings of Summer und durch Rollen in größeren Studioprojekten; in Love, Simon liegt die Stärke seiner Darstellung in einer zurückgenommenen Präsenz, die verletzliche Intimität mit jugendlicher Unsicherheit verbindet.

Katherine Langford, die aus der Fernsehserie 13 Reasons Why hervorging, bringt eine konturierte, existentielle Note in die Nebenfigur, deren Beziehung zu Simon weniger als romantisches Zentrum denn als Spiegel für seine Selbstwahrnehmung fungiert. Alexandra Shipp und Jorge David Lendeborg Jr. fungieren als Teil des Freundeskreises und verkörpern unterschiedliche Facetten von Loyalität und jugendlicher Selbstfindung.

Jennifer Garner und Josh Duhamel geben den Elterngenerationen ein empathisches Gesicht; ihre Figuren sind weniger Klischees als Versuche, Elternschaft in Momenten von Verunsicherung und Fürsorge zu zeigen. Keiynan Lonsdale und Miles Heizer ergänzen das Ensemble und bringen heterogene Ausdrucksweisen von Männlichkeit und Freundschaft ein. Talitha Bateman rundet das Bild einer Highschool-Gemeinschaft ab, die dem Film seine soziale Struktur verleiht.

Handlung (spoilerfrei!)

Love, Simon erzählt die Geschichte eines Jugendlichen, der im Spannungsfeld zwischen innerer Wahrheit und äußerer Anpassung navigiert. Der zentrale motorische Impuls ist eine anonyme digitale Korrespondenz, die die Frage nach Identität, Vertrauen und Nähe in Zeiten von Social Media verhandelt. Daraus entsteht ein dramaturgisches Spannungsfeld, das weniger auf spektakuläre Wendungen setzt als auf die graduelle Entwicklung einer Figur, die lernen muss, sich selbst öffentlich und privat zu behaupten.

Der dramatische Konflikt entspringt nicht aus Gewalt oder gesellschaftlicher Verwerfung, sondern aus der Zerbrechlichkeit sozialer Bindungen: die Angst vor Ablehnung, das Ringen um Authentizität und die Frage, welche Rolle das Umfeld in der Formierung eines Selbstbildes spielt. Zentral sind dabei Simon selbst, sein enges Freundesnetzwerk und seine Familie, die zusammen ein Bild von Jugend zeichnen, das zugleich alltäglich und aufgeladen ist.

Ton und Atmosphäre des Films sind geprägt von einer warmen, zugewandten Kameraarbeit, einem moderaten Tempo und einer Balance zwischen Komik und Melancholie. Die Erzählhaltung vermeidet Pathos, favorisiert stattdessen Beobachtung und das feine Austarieren zwischen Intimität und dem öffentlichen Bereich des Lebens.

Zentrale Themen und Motive

Im Kern stellt Love, Simon Fragen nach Sichtbarkeit, Selbstbestimmung und den Bedingungen des Coming-out in einer digital vernetzten Gegenwart. Der Film befragt die Ethik des Outings, die Bedeutung von Geheimnissen im digitalen Zeitalter und die Art, wie Identität durch Kommunikation - anonym oder offen - verhandelt wird. Anonymität fungiert dabei als Motiv: sie eröffnet Räume der Exploration, erzeugt aber zugleich neue Abhängigkeiten und Risiken.

Philosophisch berührt der Film Themen von Authentizität versus Rollenperformanz, wobei die Highschool als Labor für soziale Normen dient. Gesellschaftlich gesehen reflektiert Love, Simon eine Verschiebung: Queere Geschichten werden nicht länger nur als Nischenerzählungen geführt, sondern als integraler Bestandteil des Popkulturellen - mit allen Chancen und Spannungen, die diese Institutionalisierung mit sich bringt.

Psychologisch richtet der Film den Blick auf die Formierung eines Selbst unter Beobachtung und auf die Bedeutung von Freundschaft als Ort der Bestätigung. Formal setzt er auf vertraute Genrekodizes, nutzt aber digitale Kommunikationsformen als narrativen Katalysator, wodurch eine zeitgenössische Lesart des Coming-of-Age-Mythos entsteht.

Filmkritik von Bianka Piringer

Coming-out an der Schule, ja oder nein?

Warum gibt es eigentlich kein heterosexuelles Coming-out, fragt sich der 16-jährige Simon (Nick Robinson). Und schon erwachen seine Fantasien auf der Kinoleinwand zum Leben, in denen seine Highschoolfreunde ihre Eltern mit der gebeichteten Hinwendung zum anderen Geschlecht vor den Kopf stoßen. Simons Sinn für Humor bestimmt den manchmal sehr erfrischenden Tonfall dieser amerikanischen Komödie und hilft ihm auch selbst, sein Drama durchzustehen. Denn Simon ist schwul, hat es aber noch niemandem gesagt.

Als Voice-Over-Erzähler betont Simon, dass er sich nicht von anderen Teenagern unterscheide, nur habe er eben ein Geheimnis. Und das bedrückt ihn. Auf einer Online-Plattform der Schule liest er einen anonymen Eintrag eines schwulen Schülers, der sich Blue nennt und dasselbe Geheimnis hat. Simon beginnt eine Mailkorrespondenz mit Blue, verliebt sich in den Unbekannten, aber der Mitschüler Martin (Logan Miller) entdeckt die Mails und beginnt, Simon zu erpressen.

Wann ist für Jugendliche der richtige Zeitpunkt, ihre sexuelle Identität zu offenbaren? In einem Alter, in dem die Gruppe der Gleichaltrigen so wichtig ist, fällt es vielen sicherlich schwer, der stillen, aber vorherrschenden Erwartung nicht zu entsprechen. Simon fragt sich, ob ihn sein Umfeld als Mensch anders wahrnehmen würde, wenn es wüsste, dass er den Gärtner sexy findet. Seine langjährige Freundin Leah (Katherine Langford) ist schon irritiert, weil ihre Beziehung nicht körperlich wird. Anders als in Coming-out-Dramen früherer Zeiten droht hier nicht die soziale Ächtung, auch Simons Eltern (Jennifer Garner, Josh Duhamel) wirken dafür zu liberal und liebevoll. Aber auch wenn die Gesellschaft toleranter geworden ist, ist das Coming-out für viele Teenager weiterhin ein komplexes Problem.

Als Vorlage diente diesem Film von Regisseur Greg Berlanti („So spielt das Leben“) der Jugendroman „Nur drei Worte“ der Psychologin Becky Albertalli. Ihre Kenntnis jugendlicher Gedanken- und Gefühlswelten lässt auch den Film sehr lebensnah erscheinen. Aus dem Alltag der Schüler ist das Internet mit seinen sozialen Medien nicht wegzudenken. Wie es Simon helfen oder neue Probleme schaffen kann, malt der Film ausführlich und witzig aus. Warum den Gärtner ansprechen, wenn eine Kontaktanbahnung mit einem jungen Mann namens Blue anonym möglich ist? Blöd nur, wenn Simon dann vergisst, sich auszuloggen…

Inhaltlich fällt auf, dass es zwar unsympathische Mitschüler wie den Erpresser Martin, oder schräge Witzemacher wie den Schuldirektor gibt. Zugleich aber liegt eine Atmosphäre der Freundschaft und Harmonie über allem, die mächtig genug erscheint, Konflikte über kurz oder lang regelrecht zu verschlucken. Von der aus anderen Spielfilmen bekannten Highschool als Hort einer gnadenlosen sozialen Hackordnung ist diese Lehranstalt meilenweit entfernt. Damit fehlt es der Komödie aber auch an Biss. Simon und Leah wirken für ihr Alter ungewöhnlich tolerant und verständnisvoll.

Gestalterisch kommt der Ideenreichtum der Komödie stärker zur Geltung. Vor allem die Szenen, die Simons Fantasien folgen, wirken pfiffig. Wie könnte seine Zukunft als geouteter schwuler Mann bestenfalls aussehen? Selbstironisch sieht er sich mit einer Gruppe jungdynamischer Menschen wie in einem Musical tanzen, zu Whitney Houstons „I Wanna Dance with Somebody“. Popmusik von gestern und heute betont den unbeschwerten Schwung des Films. Etwas weniger Versöhnlichkeit wäre jedoch besser gewesen, denn manchmal läuft der stets so gutmütig-friedliche Simon Gefahr, zum Botschafter einer pädagogischen Haltung zu mutieren, die Heranwachsenden mehr Gelassenheit ans Herz legt.

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