kritiken.de Filme
Filme

Under the Silver Lake

kritiken.de
kritiken.de Redaktion 22.06.2018
Under the Silver Lake
A ca. 828 Worte Lesezeit ca. 3 Minuten  📋 Inhalt

Under the Silver Lake - Ein paranoider Stadtspaziergang durch Hollywoods verschlüsselte Archipele der Gegenwart

Einleitung

Under the Silver Lake ist ein Film, der weniger als stringente Geschichte denn als atmosphärisches Versuchsobjekt zu lesen ist: ein cineastisches Panorama der Obsessionen, das zeitgenössische Los Angeles als Projektionsfläche für Verschwörungsfantasien und popkulturelle Sehnsüchte nutzt. Die Relevanz des Films liegt in seiner insistierenden Frage, wie Bedeutung in einer Mediengesellschaft hergestellt, gelesen und missgedeutet wird. In einer Ära, in der Codes und Affekte sich in Nachrichtentickern und Meme-Strukturen verbreiten, dient der Film als diagnostisches Stereoskop auf die Mechanismen von Interpretation und Paranoia.

Als Werk eines Regisseurs, der bereits mit einem minimalistischen Horrortext Aufsehen erregt hatte, markiert Under the Silver Lake eine formale und thematische Ausweitung: weniger klaustrophobische Allegorie als ambitiöse Genre-Collage, die Noir, Satire und Roadmovie-Elemente zu einem langen, elliptischen Monolog verbindet. Die narrative Freiheit wird dabei zugunsten von Stimmung, Sounddesign und einer exzentrischen Bildästhetik geopfert, was den Film weniger zu einer gelösten Erzählung als zu einer ästhetischen Provokation macht.

Das gesellschaftliche Echo, das Mitchells Film hervorruft, ist doppelt: Zum einen reflektiert er die Gegenwart, in der Verschwörungsdenken und Sehnsucht nach Sinn produktive Kräfte sind. Zum anderen ist er ein Spiegelbild der Filmkultur selbst, die seit Jahren mit Nostalgie, Referenzialität und der Dekonstruktion von Ikonen ringt. In diesem Spannungsfeld wird Under the Silver Lake zu einem symptomatischen Text jener Kultur, die Bedeutung sowohl produziert als auch konsumiert.

Kurzüberblick zur Produktion

Regie und Drehbuch liegen in den Händen von David Robert Mitchell, dessen frühere Arbeiten bereits eine Vorliebe für Genre und atmosphärische Verdichtung verrieten. Mitchell erweitert hier seine Handschrift in Richtung eines ambivalenten Neo-noir: sorgfältig komponierte Bildräume, eine Vorliebe für elektronische Soundlandschaften und eine ins Detail gehende Popkultur-Archäologie gehören zu seinen Markenzeichen. Die Kameraarbeit, die oft nachts in neonglänzenden Straßen und verlassenen Motels verweilt, trägt zur entgrenzten Atmosphäre entscheidend bei.

Die Produktion war im unabhängigen amerikanischen Raum angesiedelt, mit Unterstützung eines Verleihs, der für experimentelle Genreprojekte bekannt ist. Der Film feierte seine Premiere auf internationalen Festivals und polarisierte Kritiken und Publikum gleichermaßen, was seine Stellung als polarisierendes Epizentrum künstlerischer Ambitionen unterstreicht. Budget und Produktionsdetails spielen eine untergeordnete Rolle gegenüber der Inszenierungsintention: eine filmische Suche nach Mustern in einer vermeintlich chaotischen Wirklichkeit.

Im Gesamtwerk des Regisseurs nimmt Under the Silver Lake eine eigenständige Position ein. Es ist der Versuch, die formale Strenge früherer Arbeiten zu öffnen und in ein labyrinthartiges, assoziatives Narrativ zu überführen. Diese Expansion ist zugleich Chance und Risiko: sie ermöglicht reichhaltige Lesarten, führt aber auch zu Reibungen zwischen Ambition und narrativer Kohärenz.

Die Hauptdarsteller & Hauptdarstellerinnen

Andrew Garfield trägt den Film als zentrales Bewusstseinsorgan. Bekannt geworden durch Rollen, die von Teenagedramen bis zu großen Hollywoodproduktionen reichen, stellt Garfield hier einen Protagonisten dar, dessen lakonische Verlorenheit und obsessive Hartnäckigkeit die narrative Achse bilden. Seine Darstellung ist weniger auf klassische Heroik als auf eine melancholische, beinahe entrückte Innehaltung angelegt: ein Beobachter, der zugleich Akteur ist und sich in der eigenen Deutungssucht verliert.

Die weibliche Hauptfigur, dargestellt von Schauspielerinnen aus dem Indie- und Genrezirkel, fungiert weniger als psychologisch fein gezeichnete Figur denn als Katalysator und Projektionsfläche. Riley Keough, die in der Indie-Szene und mit Genrearbeiten Bekanntheit erlangte, bildet das Zentrum dieser Projektion: ihre Präsenz bleibt rätselhaft, prädestiniert dazu, Bedeutungen zu triggern, statt sie abschließend zu liefern. Das Ensemble, dem vertraute Gesichter aus Film und Fernsehen angehören, arbeitet als Panorama von Typen - vom charismatischen Kleinstadtsmog-Charakter bis zur grotesken Mediensatire.

Handlung (spoilerfrei!)

Der Film folgt einem jungen Mann aus dem Viertel Silver Lake, der eine mysteriöse Vermisstenmeldung zum Anlass nimmt, in die Nachtstadt einzutauchen. Aus einer scheinbar banalen Beobachtung entwickelt sich eine Suche, die ihn an die Ränder und Hinterhöfe einer Stadt führt, die voller Geheimnisse und Codes zu sein scheint. Die Handlung ist episodisch angelegt: Begegnungen, Hinweise und Abzweigungen ordnen sich einer zunehmenden Intensität, ohne je vollständig in ein klares Erzählschema zu münden.

Der dramatische Konflikt entspinnt sich weniger als klassische Gegnerschaft denn als Spannung zwischen Suche und Sinnstiftung. Zentral sind die Figuren des Suchenden und jener, deren Verschwinden ihn in Bewegung setzt. Ton und Atmosphäre schwanken zwischen lakonischer Komik, klaustrophobischer Paranoia und einer melancholischen Melancholie, die den nächtlichen Raum als Ort kultureller Projektionen nutzt.

Zentrale Themen und Motive

Under the Silver Lake stellt Fragen nach der Produktion von Bedeutung in einer medial übersättigten Welt. Der Film thematisiert die Ambivalenz von Deutungskünsten - das Bedürfnis nach Mustern und die Gefahr, in Interpretationen die Realität zu überformen. Hier trifft ein klassischer Noir-Detektivimpuls auf Internet-Ästhetiken: Codes, versteckte Botschaften und die Logik des Verschwörungsdenkens werden als kulturelle Praktiken sichtbar gemacht.

Philosophisch kreist der Film um die Grenze zwischen Zufall und Ordnung sowie um die Ethik des Schauens. Gesellschaftlich verhandelt er die Isolation urbaner Existenz und die Kommodifizierung von Nostalgie. Psychologisch interessiert ihn die Fixierung des Protagonisten auf eine Sinnfindung, die ihm Sinn zu stiften vorgibt und zugleich entfremdet. Formale Motive - wiederkehrende Symbole, akustische Patterns und eine ausgedehnte Rhetorik der Verweise - spiegeln die inhaltliche Obsession und machen den Film zu einer Reflexion über Interpretation als kulturelle Praxis.

Newsletter

Einmal pro Woche die besten Essays, Analysen und Kritiken – direkt in Ihr Postfach.

kritiken.de