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Like Someone in Love

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kritiken.de Redaktion 27.02.2014
Like Someone in Love© Peripher
A ca. 916 Worte Lesezeit ca. 3 Minuten 30 Sekunden  📋 Inhalt

Like Someone in Love - Kiarostamis lakonische Studie städtischer Einsamkeit und leiser Verwandlung

Einleitung

Like Someone in Love markiert einen lässtigen, fast meditativ-sparsamen Tonfall in der späten Phase des Werkes von Abbas Kiarostami. Das 2014 datierte Kinofragment - entstanden im Dialog zwischen französischer und japanischer Produktion - richtet den Blick nicht auf große Narrationen, sondern auf die feinen, oft bitteren Spannungen zwischen Rollen, Erwartungen und dem schwindenden Gefühl von Vertrautheit in der Großstadt. Gerade weil der Film äußerlich wenig Ereignis zeigt, gewinnt er an Bedeutung als Untersuchung der Gegenwart: Er misst Intimität an entlegenen Gesten und verortet Einsamkeit mitten im sozialen Gewimmel.

Im Kontext des Regisseurs steht Like Someone in Love für eine konsequente Fortsetzung jener Themen, die Kiarostami seit seinen iranischen Meisterwerken begleitet haben - Identität, Authentizität und die Unschärfe zwischen Leben und Darstellung. Zugleich ist der Film durch seine japanische Besetzung und den urbanen Schauplatz eine Studie darüber, wie universelle Motive sich in anderen kulturellen Feldern konkretisieren. Das macht den Film relevant nicht nur als Werk eines etablierten Autors, sondern als Begegnungsort zweier filmischer Kulturen.

Die gesellschaftliche Dimension des Films liegt weniger in politischer Anklage als in der feinsinnigen Beobachtung sozialer Ordnungen: Generationenkonflikte, Geschlechterrollen und die Ökonomie von Nähe und Dienstleistung werden nicht laut benannt, sondern in alltäglichen Situationen abgelesen. In dieser Zurückhaltung zeigt sich ein Zeitgeist - das konstante Abtasten von Nähe in Zeiten ökonomischer Unsicherheit und medialer Vermittlung - der das städtische Leben des frühen 21. Jahrhunderts prägt.

Kurzüberblick zur Produktion

Like Someone in Love wurde von Abbas Kiarostami inszeniert, einem zentralen Vertreter des Weltkinos, dessen Handschrift sich durch einen minimalen, beobachtenden Stil, lange Einstellungen und eine Vorliebe für Ambivalenz auszeichnet. Der Film entstand als Co-Produktion zwischen Frankreich und Japan und ist Teil jener späten Periode, in der Kiarostami zunehmend mit ausländischen Ensembles und in fremder Sprache arbeitete. Dadurch verschieben sich seine gewohnten Erzählmodalitäten in eine neue kulturelle Praxis - das formale Experiment bleibt, die kulturelle Linse verändert sich.

Produktionsbedingt wirkt Like Someone in Love weniger als opulentes Autorenkino denn als konzentrierte, zurückgenommene Arbeit mit begrenzten Mitteln - eine Ökonomie des Films, die Kiarostamis Herangehensweise entspricht. Die Kameraarbeit favorisiert ruhige Bildkompositionen, der Schnitt vermeidet dramatische Montageeffekte; Ton und räumliche Stille übernehmen oft narrativen Gewicht. In dieser Hinsicht steht der Film im Verhältnis zu Kiarostamis Gesamtwerk als Fortsetzung: Bewährte ästhetische Strategien werden in einem neuen geografischen und sprachlichen Kontext erprobt.

Die Hauptdarsteller & Hauptdarstellerinnen

Im Zentrum des Films steht Rin Takanashi, die eine junge Studentin spielt, deren Doppelrolle zwischen Studium und Nachtarbeit die moralischen und existenziellen Spannungen des Films trägt. Takanashi bringt eine zurückhaltende Präsenz, die gezwungenen Rollen und innere Unschärfen gleichermaßen vermittelt. Ryo Kase, ein etablierter Darsteller des japanischen Gegenwartskinos mit internationaler Erfahrung, übernimmt die Figur eines Mannes, dessen Beziehungen zur Protagonistin ein Netzwerk von Abhängigkeiten und feinen Machtverschiebungen sichtbar machen.

Tadashi Okuno und Denden liefern die kompakten, atmosphärisch dichten Randfiguren, die in Kiarostamis Bildwelt oft als Kristallisationspunkte sozialer Erwartungen fungieren. Reiko Mori und Kaneko Kubota runden das Ensemble ab und geben dem urbanen Milieu zusätzliche Nuancen - sie verkörpern Personen, die weniger durch explizite Psychologisierung funktionieren als durch ihre Präsenz im sozialen Gefüge der Handlung. Gemeinsam formen die Schauspieler ein Ensemble, das mehr in der Spannung zwischen Gesagtem und Ungesagtem arbeitet als in lauten Gesten.

Handlung (spoilerfrei!)

Der Film konzentriert sich auf eine junge Frau, deren Alltag zwischen Studium und einer Tätigkeit in der Nachtlokalbranche oszilliert, sowie auf die Menschen, die in unterschiedlicher Weise in ihr Leben eingreifen. Ausgangspunkt ist ein Moment der Begegnung - eine Konstellation von Figuren, die vertraut und zugleich unvertraut zueinander sind. Diese Begegnungen entwickeln sich nicht als klassischer Plot mit dramatischer Zuspitzung, sondern als Reihe von beobachteten Alltagssituationen, in denen kleine Missverständnisse, Rückzugsbewegungen und unausgesprochene Erwartungen das Gewicht tragen.

Der dramatische Konflikt liegt weniger in konventioneller Opposition als in der Kollision persönlicher Bedürfnisse und sozialer Rollen. Zentrale Figuren stehen vor Entscheidungen, die weniger exzeptionell sind als exemplarisch - sie testen ihre Möglichkeiten, Präsenz zu behaupten oder sich zurückzuziehen. Ton und Atmosphäre des Films sind nüchtern, gedämpft und präzise: Eine kühle, fast dokumentarische Distanz verbindet sich mit Momenten intimer Nähe, sodass der Zuschauer in eine Spannung zwischen Nähe und Entfremdung hineingezogen wird.

Zentrale Themen und Motive

Like Someone in Love setzt sich mit Fragen von Identität, Inszenierung und autonomer Existenz auseinander. Der Film fragt, welche Rolle Individuen in ihren eigenen Lebensgeschichten übernehmen - und wie sehr diese Rollen von ökonomischen und sozialen Erwartungen determiniert sind. Dabei verschiebt Kiarostami die Diskussion weg von moralischer Verurteilung hin zu einer analytischen Betrachtung menschlicher Ambivalenz: Die Figuren handeln nicht eindeutig richtig oder falsch, sondern innerhalb von Grauzonen, die der Film sorgfältig ausmisst.

Wiederkehrende Motive sind Rollenwechsel, das Schauspiel des Alltags und die Differenz zwischen äußerer Haltung und innerem Befinden. Die Großstadt erscheint als Raum, in dem Nähe multipel codiert ist - als Dienstleistung, als emotionaler Rückzug, als flüchtige Begegnung. Philosophisch rührt der Film an Fragen nach Authentizität in einer Welt, in der soziale Identität zunehmend performativ ist. Psychologisch interessiert er sich für Einsamkeit inmitten der Gemeinschaft und für die kleinen Kompromisse, die Menschen eingehen, um in ihren sozialen Feldern zu überleben.

Formal begleitet Kiarostami diese Themen mit einer Kamera, die beobachtet statt zu erklären, mit Einstellungen, die auf Atmosphäre setzen, und mit einer Erzählweise, die Lesarten offenlässt. Dadurch wird Like Someone in Love zu einem leisen, aber komplexen Beitrag zur Debatte über Nähe, Darstellung und moralische Grauzonen in einer urbanen Gegenwart. Der Film lädt nicht zur sofortigen Deutung ein, sondern fordert zur geduldigen Betrachtung und zur kritischen Selbstbefragung des Sehens auf.

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