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Kubo - Der tapfere Samurai

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kritiken.de Redaktion 27.10.2016
Kubo - Der tapfere Samurai© Universal Pictures Germany
A ca. 1229 Worte Lesezeit ca. 4 Minuten 30 Sekunden  📋 Inhalt

Kubo - Der tapfere Samurai als Stop-Motion-Parabel über Erinnerung, Familie und die Form des Erzählens

Einleitung

Kubo - Der tapfere Samurai erscheint 2016 als ein Film, der mehr ist als ein aufwändig animiertes Abenteuer für die ganze Familie: Er beansprucht den Status einer poetischen Allegorie, die mit den Mitteln der Stop-Motion ein zeitgenössisches Nachdenken über Erinnerung, Verlust und die Kraft des Erzählens führt. In einer Kinoepoche, die von Digitalität dominiert wird, wirkt Kubos taktile Welt zugleich archaisch und hochmodern; ihre Materialität öffnet einen Reflexionsraum, in dem Bilder als Träger persönlicher und kollektiver Historie verhandelt werden.

Der Film ist insofern relevant, als er zwei Diskurse zusammenträgt, die das Kino der 2010er Jahre prägen: die Renaissance handwerklicher Animationskünste und die Beschäftigung mit transgenerationalen Verletzungen. Statt Effekthascherei setzt die Inszenierung auf Dichte und Präzision; sie fordert das Publikum dazu heraus, das Bild nicht nur zu konsumieren, sondern es als Archiv zu lesen. Diese Ambition macht Kubo zu einem Beitrag, der über das Genre hinaus Resonanz beansprucht.

Gleichzeitig lässt sich der Film als Produkt eines unabhängigen Studios interpretieren, das seine eigene formale Sprache sucht. Laika, die Produktionsfirma, hat mit dieser Arbeit ihre Handschrift weiterentwickelt: aus der spielerischen Einmischung in bekannte Stoffe wird hier ein bewusstes Spiel mit Mythenformen und filmischer Metapher. Kubo positioniert sich damit in einem Spannungsfeld zwischen kommerzieller Erzählung und künstlerischem Anspruch.

Kurzüberblick zur Produktion

Kubo - Der tapfere Samurai ist das Regiedebüt von Travis Knight, der bislang vornehmlich als Produzent und leitender Creative bei Laika bekannt war. Unter seiner Regie verschmilzt die traditionelle Stop-Motion-Technik des Studios mit modernen Fertigungsprozessen wie dem Einsatz von 3D-gedruckten Gesichtern und digitalen Ergänzungen, ohne die haptische Qualität zugunsten glatter CGI-Oberflächen aufzugeben. Diese Balance prägt die visuelle Identität des Films: handgearbeitete Miniaturen, feine Texturen und gleichzeitig kinetische Bilder, die eine kinogerechte Monumentalität erreichen.

Die Produktion war aufwendig und typischerweise langwierig: Laika ist bekannt für ihre penible Detailarbeit, die Bild für Bild entsteht und dem Film eine greifbare Präsenz verleiht. Die Musik, komponiert von Dario Marianelli, unterstützt diese ästhetische Entscheidung, indem sie traditionelle Instrumente und orchestrale Schichten zu einer melancholischen, manchmal dramatischen Klanglandschaft verwebt. In der Filmografie des Studios nimmt Kubo einen markanten Platz ein, weil er den emotionalen Tonwiderstand erhöht und die narrativen Ambitionen ausdehnt.

Die Hauptdarsteller & Hauptdarstellerinnen

Die Stimme des jungen Protagonisten wird von Art Parkinson getragen, dessen Bekanntheit aus der Fernsehserie Game of Thrones rührt; hier vermittelt seine Stimmführung eine Mischung aus kindlicher Verwundbarkeit und erstaunlicher Entschlossenheit. Charlize Theron leiht einer Figur ihre Präsenz, die als moralischer und emotionaler Anker fungiert und durch Therms prägnante Intonation eine unaufgeregte Würde erhält. Matthew McConaughey bringt seinerseits einen rauen, sympathischen Ton für eine Gefährtenrolle ein, die komische Nuancen mit narrativer Verlässlichkeit verbindet.

Rooney Mara übernimmt die Stimmen für die antagonistischeren Nuancen im Film und prägt deren Kälte und elegische Härte. Ralph Fiennes schließlich verleiht einer zentralen Gegenspielerfigur eine aristokratische Kälte, die kaum je plump ins Böse kippt, sondern stets eine tragische Dimension anklingen lässt. Zusammen erzeugt dieses Ensemble eine Bandbreite an Stimmungen, die den filmischen Raum bevölkern, ohne in die Abhängigkeit reiner Prominenz zu geraten.

Handlung (spoilerfrei!)

Ohne ins Detail zu gehen, lässt sich Kubo als die Reise eines Jungen beschreiben, der mit einer besonderen Gabe ausgestattet ist und sich aufmacht, eine Lücke in seiner Vergangenheit zu schließen. Die erzählerische Prämisse ist klassisch-abenteuerlich: ein Auftrag, eine Verfolgung durch Kräfte, die aus der Familiengeschichte zu stammen scheinen, und Begleiter, die Schutz und Widerspruch zugleich bieten. Diese äußere Handlung ist eng verwoben mit einer inneren Entwicklung des Protagonisten, dessen Entscheidungen die Definition von Mut und Verantwortung hinterfragen.

Der dramatische Konflikt speist sich weniger aus simplen Gut-gegen-Böse-Kategorien als aus der Ambivalenz familiärer Bindungen und der Frage, welche Erzählungen man übernimmt oder zurückweist. Im Zentrum stehen wenige, klar gezeichnete Figuren, deren Beziehungen untereinander die narrative Energie erzeugen. Tonal liegt der Film zwischen Abenteuer, Stillstand und Melancholie; er wechselt zwischen humorvollen Einschüben und ernsten, oft eindrücklichen Bildern von Verlust.

Zentrale Themen und Motive

Kubo stellt die Frage nach der Funktion von Geschichten in den Mittelpunkt: Welche Macht hat das Erzählen, wenn es darum geht, Identität zu formen, Wunden zu heilen oder zu verfestigen? Erinnerung wird als aktives Element inszeniert, das sowohl retten als auch zerstören kann. Demgegenüber steht die Idee von Erbe und Vergebung: Der Film lotet aus, wie Kinder die Last vergangener Generationen tragen und welche Optionen ihnen bleiben, diese Last zu transformieren.

Visuelle Motive wie Papier, Musikinstrumente und maskenartige Gesichter arbeiten als Metaphern für Konstruktion und Projektion. Die Materialität der Animation selbst wird zum Thema: Handwerkliche Artefakte spiegeln die Fragilität menschlicher Überlieferung. Gleichzeitig wirft der Film Fragen zur kulturellen Aneignung auf, indem er japanische Mythenfiguren durch eine westliche Produktionsbrille interpretiert; diese ästhetische Vermittlung erfordert ein Bewusstsein für Differenz, das der Film in seinem Ambivalenzprinzip aufruft.

Am Ende bleibt Kubo weniger ein Lehrstück als eine dichte Meditation über die Bedingungen des Erinnerns und die Verantwortung, die mit dem Erzählen einhergeht. Seine filmische Sprache verweigert einfache Antworten, bietet aber reichhaltige Bilder und strukturelle Einsichten, die weit über das Animationsgenre hinaus nachhallen.

Filmkritik von Peter Osteried

„Kubo – Der tapfere Samurai“: Ein episches Abenteuer für Zuschauer jedes Alters

Es ist selten, heutzutage noch Stop-Motion-Filme im Kino zu sehen. Bisweilen gibt es sie jedoch, besonders von Laika Entertainment, das mit Coraline, ParaNorman und Die BoxTrolls wundervolle und vor Phantasie nur so überbordende Geschichten präsentiert hat. Mit Kubo – Der tapfere Samurai übertrumpft man diese Filme jedoch noch.

Der junge Kubo lebt in einem kleinen Dorf. Er unterhält die anderen Dorfbewohner mit seinen Geschichten, ohne zu ahnen, wie viel sie mit seiner eigenen Vergangenheit zu tun haben. Als ihm ein Geist aus der Vergangenheit begegnet, wird damit eine uralte Vendetta neu entfacht, weswegen Kubo nach einer magischen Rüstung suchen muss. Diese gehörte einst seinem Vater, einem legendären Samurai, und nur sie kann ihn beschützen. Doch sie zu finden, kommt mit allerhand Gefahren einher.

Optisch ist dieses Abenteuer ein ungeheurer Genuss. Weil die Macher sich nicht nur auf Stop-Motion verlassen haben, sondern diese mit Computeranimation kombinieren. Was dabei herauskommt, ist ein Triumph, der das Beste aus beiden Techniken herausholt. Der klassische Charme von Hand geformter Figuren geht hier in einer prächtigen computergenerierten Welt auf. Dabei werden Bilder geboten, an denen man sich gar nicht sattsehen kann – und das umso mehr, weil das Abenteuer nach ruhigem Anfang immens an Fahrt aufnimmt.

Aber auch das ist eine der Stärken des Films. Dass er sich die Zeit lässt, seine Figuren ausführlich vorzustellen, bevor er sie in das Abenteuer ihres Lebens stürzt. Das mag für jüngere Zuschauer vielleicht etwas zu ruhig sein, ein älteres Publikum wird es jedoch genießen, so in die Geschichte hineingezogen zu werden. Ohnehin ist Kubo – Der tapfere Samurai eines der wenigen Beispiele in der Welt der Animation, die nicht zwangsläufig für Kinder gestaltet sind. Es ist eine Geschichte, die auch Kinder genießen können, aber für Erwachsene gilt das ebenso. Im Grunde hätte dieser Film auch funktioniert, wenn man ihn mit echten Schauspielern umgesetzt hätte.

Die Geschichte wird dabei erstaunlich phantasievoll erzählt. Es gibt immer wieder Überraschungen, aber ebenso sehr funktioniert der Film, weil er die Geschichte seines jungen Helden auf geradezu klassische Art und Weise erzählt. Im Ergebnis heißt dies, dass Kubo – Der tapfere Samurai ein großartiger Animationsfilm ist, der es trotz kleinerem Budget problemlos mit den teuren Produktionen von Disney und Co. aufnehmen kann. Gut möglich, dass es bei der nächstjährigen Oscar-Verleihung für den besten Animationsfilm eine Überraschung geben wird …

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