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Jahrhundertfrauen

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kritiken.de Redaktion 18.05.2017
Jahrhundertfrauen© Splendid Film GmbH
A ca. 1233 Worte Lesezeit ca. 4 Minuten 30 Sekunden  📋 Inhalt

Jahrhundertfrauen: Zwischen Emanzipation, Erinnerung und Fürsorge - ein feinsinniges Porträt amerikanischer Wandeljahre

Einleitung

Jahrhundertfrauen tritt an als ein filmisches Nachdenken über Übergänge: nicht nur über das Erwachsenwerden eines Jungen, sondern über historische und kulturelle Übergänge, die das Amerika der späten 1970er Jahre prägen. Der Film verhandelt, ohne laut zu werden, wie persönliche Geschichten und kollektive Umbrüche sich gegenseitig durchdringen. In einer Zeit, in der Erinnerungspolitik und Generationendiskurse wieder virulent sind, bietet das Werk einen besonnenen Blick auf die Kontinuitäten und Brüche, die Alltag und Identität formen.

Für das Schaffen seines Regisseurs fügt sich Jahrhundertfrauen in eine Linie persönlicher, semi-autobiografischer Arbeiten ein, die auf die feine Balance zwischen Intimität und historischer Verortung setzen. Der Film fühlt sich wie eine weitere Etappe in einem Oeuvre an, das wiederholt nach den Quellen von Bindung, Begehren und künstlerischer Selbstverortung fragt. Diese Nähe zur Biografie erlaubt es, das Private als Zugang zur größeren Kulturgeschichte zu nutzen.

Sein Anliegen ist dabei weniger dokumentarische Rückblende als reflexive Rekonstruktion: Er rekonstruiert nicht nur eine Epoche, sondern das Gefühl, in ihr zu leben. Die Zeit, in der der Film angesiedelt ist, fungiert als Resonanzboden für Debatten über Feminismus, Vaterschaft und die Formen von Fürsorge, die einerseits improvisiert, andererseits programmatisch sind. So wird aus einem vermeintlich kleinen Familienporträt ein Spiegel für gesellschaftliche Umbruchsprozesse.

Kurzüberblick zur Produktion

Regie führte Mike Mills, dessen Handschrift sich durch eine Vorliebe für fragmentarische Erzählweisen, persönliche Erinnerungsarbeit und eine subtile, oft humorvolle Ironie auszeichnet. Seine Filme zeichnen sich durch eine Collage-Ästhetik aus, die Memoirales mit fiktionalen Setzungen verbindet und dadurch eine eigentümliche Nähe zur Wirklichkeit erzeugt. In Jahrhundertfrauen zeigt sich diese Methode in der Verwendung von episodischen Einschüben, dokumentarisch anmutenden Details und einer erzählerischen Offenheit gegenüber Bruchstücken.

Die Produktion bewegt sich im Bereich des unabhängigen amerikanischen Kinos; es ist ein Ensemblefilm, der auf präzise, aber ökonomische Mittel setzt, um eine spürbare Zeitlichkeit zu schaffen. Auffällig ist die Sorgfalt bei Szenenbild und Kostüm, die das Ende der 1970er Jahre materialisiert, ohne in Nostalgie zu verfallen. Innerhalb des Gesamtwerks des Regisseurs markiert der Film eine Vertiefung in Fragen von Geschlecht, Generation und literarischer Erinnerung, weniger eine spektakuläre Abkehr als eine konsequente Weiterentwicklung seiner thematischen Interessen.

Die Hauptdarsteller & Hauptdarstellerinnen

Annette Bening steht im Zentrum des Ensembles und verkörpert mit ihrer zurückgenommenen Präzision die Rolle einer Mutterfigur, die Autorität und Zärtlichkeit zugleich ausübt. In ihrer Filmografie, geprägt unter anderem durch Arbeiten wie American Beauty und The Kids Are All Right, bringt sie eine glaubwürdige Mischung aus Stabilität und innerer Zerrissenheit in diese Rolle ein. Elle Fanning und Greta Gerwig bieten kontrastierende, komplementäre Tonlagen: Fanning bringt jugendliche Fragilität und Suchbewegungen, Gerwig eine jüngere Intellektualität und künstlerische Ambivalenz.

Billy Crudup und Lucas Jade Zumann füllen die männlichen Pole des Films, Crudup mit einer diskreten Präsenz, die ältere Maskulinität akzentuiert, Zumann als junger Protagonist, dessen Perspektive den narrativen Kern bildet. Neben ihnen runden Schauspielerinnen wie Alia Shawkat und Alison Elliott das Ensemble ab und bringen eine Vielfalt von Lebensentwürfen und Generationserfahrungen in die Struktur des Films. Die Arbeit mit bekannten wie weniger bekannten Gesichtern dient dem Film, verschiedene Stimmfarben und historische Lagen zu vergegenwärtigen.

Handlung (spoilerfrei!)

Der Film folgt episodisch den Lebensumständen eines jungen Mannes, der in einer von Frauen geprägten Wohngemeinschaft groß wird. Im Zentrum steht das Ringen um Erziehung, Begleitung und Selbstverfassung: Wie wird ein junger Mensch in einer Kultur sozialisiert, die gerade dabei ist, traditionelle Geschlechterbilder in Frage zu stellen? Der dramatische Konflikt entsteht aus dem Aufeinandertreffen divergierender Erwartungen - familiärer, kultureller und persönlicher - die nicht in einem einzigen Höhepunkt kulminieren, sondern sich in alltäglichen Auseinandersetzungen, Lernprozessen und Versuchen manifestieren.

Die zentralen Figuren sind dabei weniger archetypische Rollen als komplexe Individuen, die aneinanderreiben und sich wechselseitig prägen. Tonal bewegt sich der Film zwischen lakonischem Witz, melancholischer Reflexion und einer tastenweisen Emotionalität, die weder überdramatisiert noch sentimental gerät. Die Atmosphäre ist oft intim, gelegentlich lakonisch, stets aufmerksam für die kleinen Gesten, die große Bedeutungen tragen.

Zentrale Themen und Motive

Jahrhundertfrauen stellt Fragen nach Verantwortung, Autorität und der Vererbung von Weltdeutungen. Der Film verhandelt, wie Generationen Wissen, Verletzungen und Hoffnungen weitergeben - nicht als lineare Progression, sondern als komplexes Netz von Einflüssen, Widerständen und Aneignungen. Dabei rückt die Frage in den Vordergrund, wie sich Selbstverständnisse von Weiblichkeit und Männlichkeit in Zeiten des kulturellen Wandels reorganisieren.

Philosophisch öffnet der Film Räume für Reflexionen über Autonomie und Abhängigkeit: Er betrachtet Fürsorge nicht nur als private Tugend, sondern als politisches Feld, in dem Normen und Utopien ausgehandelt werden. Psychologisch thematisiert er die Ambivalenz von Bindung und Loslösung, die Prozesse des Erwachsenwerdens prägen. Formal setzt der Film auf fragmentarische Motive - Briefe, Fotos, episodische Einschnitte -, die Erinnerung als konstruktiven Akt zeigen und damit die Frage einer narrativen Ethik stellen: Wie erzählt man ein Leben, ohne es zu vereinfachen?

Insgesamt behauptet der Film eine leise, intelligent beobachtende Perspektive auf die Überschneidung von Privatem und Politischem und lädt dazu ein, über die Bedingungen nachzudenken, unter denen Identität in historischen Kippmomenten entsteht.

Filmkritik von Peter Osteried

„Jahrhundertfrauen“: Wie Leben weitergehen

Es ist ein lose autobiographischer Film, den Regisseur Mike Mills hier abgeliefert hat. Dabei steht sein jugendliches Alter Ego im Mittelpunkt, obwohl es um drei sehr unterschiedliche Frauen geht. Die aber alle extremen Einfluss auf die Mannwerdung dieses Jungen haben.

Kalifornien zum Ende der 1970er Jahre: Dorothea Fields (Annette Benning) ist eine selbstständige Frau mittleren Alters, die ihren jugendlichen Sohn Jamie ohne den Vater erzieht. Aber sie ist nicht die einzige, die auf ihn Einfluss hat. Da ist auch noch die freigeistige Abbie (Greta Gerwig), die bei den beiden wohnt, und Julie (Elle Fanning), mit der Jamie erste sexuelle Erfahrungen sammelt.

Für die drei Frauen ist Jamie so etwas wie der Mittelpunkt ihres Lebens. Zumindest aber der Mittelpunkt dieser Geschichte. Das unterminiert etwas den feministischen Ansatz, den Mills anstrebt und den er nicht nur durch Abbie manifestiert. Denn bisweilen hat man das Gefühl, dass diese Frauen überhaupt erst durch ihre Interaktion mit Jamie zu leben beginnen. Aber dem ist nicht so, sie haben eigene, voll entwickelte Leben. Diese Interaktion ist vielmehr dazu da, den Zuschauer tiefer in ihre Psyche blicken zu lassen. Das wird noch durch Voice-Over unterstützt, die essenzielle Aussagen treffen und nicht nur leeres Gewäsch sind.

Im Kern ist Jahrhundertfrauen eine Coming-of-Age-Geschichte, aber eine, die sich längst nicht nur auf Jamie erstreckt. Denn auch die drei Frauen machen in jener kurzen Zeit zum Ende der 1970er Jahre nicht nur viel, sondern auch eine Entwicklung durch. Dorothea muss mit der modernen Welt zurechtkommen, was aus heutiger Sicht amüsant ist, da sie für uns so unendlich vergangen erscheint. Abbie wiederum bekommt es mit einem lebensverändernden Schicksal zu tun und Julie möchte mit Jamie eigentlich nur befreundet sein, während sie anderswo ihren Spaß findet. Ihrer aller Leben wird von Jamie berührt, aber es geht auch weiter.

Das Ende ist faszinierend, weil die Voice-Over der Frauen enthüllen, wie es ihnen auf ihrem weiteren Lebensweg gegangen ist. Das ist vor allem bittersüß, weil das Leben eben nicht nur schöne Momente bereithält, so dass man die jungen Versionen dieser Frauen sieht, aber zugleich erfährt, wohin der Weg führt – und das ist nicht immer schön.

Die einzige männliche Hauptfigur in diesem Film wird von Billy Crudup gespielt. Er ist nicht wirklich eine Vaterfigur für Jamie, aber ein essenzieller Bestandteil jener Jahre. Auch seiner Figur gönnt man den Blick nach vorne, der schön und traurig zugleich ist.

Jahrhundertfrauen ist ein großartiges Werk. Ein Film mit immensem Gefühl, der etwas über das Leben auszusagen hat.

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