Rückkehr nach Montauk: Ein elegisches Porträt von Erinnerung, Verzicht und der Arbeit am eigenen Leben
Einleitung
Rückkehr nach Montauk, 2017 veröffentlicht, positioniert sich als ein leiserer, kontemplativer Beitrag im Spätwerk eines Regisseurs, der seine Karriere einst mit politischen und literarischen Großformen begründete. Der Film ist relevant, weil er eine ältere, europäische Perspektive auf Liebe, Vergessen und die literarische Selbstverortung bietet - Themen, die in einem Kino, das häufig Jugend und Skandale ins Zentrum stellt, weniger prominent erscheinen. Die Rückkehr an einen Ort der Erinnerung fungiert hier nicht als nostalgische Flucht, sondern als Prüfstand für die Bedingungen des Erinnerns selbst.
In der gegenwärtigen Kinolandschaft, in der multinationale Koproduktionen und Streamingstrategien Stoffe neu vermarkten, tritt Rückkehr nach Montauk als intimes, aufs Nicht-Übertreiben bedachtes Drama hervor. Sein Wert liegt in der präzisen Beobachtung und der ästhetischen Zurückhaltung - Eigenschaften, die dem Film erlauben, die existenziellen Fragen seiner Figuren ohne voyeuristische Beschleunigung auszuloten. Gerade deshalb ist er ein Film, der in Rezensionen und Festivals mehr über Formfragen als über Plotdiskussionen zu sprechen gibt.
Der Film berührt Zeitgeistfragen auf subtile Weise: Er thematisiert das Altern in einer globalisierten, medial vermittelten Welt, in der Erinnerungen immer häufiger als Erzählungen über das Selbst organisiert werden. Damit steht er in der Tradition eines europäischen Autorenkinos, das persönliche Geschichte und kulturelle Selbstvergewisserung verknüpft, ohne populäre Dramatisierungen nachzuahmen.
Kurzüberblick zur Produktion
Rückkehr nach Montauk wurde von Volker Schlöndorff inszeniert, einem Regisseur, dessen Name untrennbar mit der deutschen Nachkriegskinematographie verbunden ist. Schlöndorff, international bekannt durch Filme wie Die Blechtrommel, hat sich über Jahrzehnte hinweg mit literarischen Stoffen und politischer Geschichte auseinandergesetzt. Seine Handschrift im späten Werk zeigt eine Präferenz für nüchterne Erzählweisen, literarische Vorlagen und eine Betonung auf Schauspielerarbeit und atmosphärischer Dichte.
Die Produktion ist eine deutsch-französisch-irische Koproduktion, ein Umstand, der sich im Film durch eine gewisse europäische Mischtönung - sprachlich wie visuell - bemerkbar macht. Solche Koproduktionen erlauben oft reduzierte Budgets und eine intimere, weniger marktorientierte Herangehensweise - beides Aspekte, die die formale Zurückhaltung und die fokussierte Erzählökonomie des Films erklären. Schlöndorffs späte Filme verhandeln wiederholt das Verhältnis von Erinnerung und künstlerischer Verarbeitung - eine Leitlinie, in die Rückkehr nach Montauk organisch eingereiht ist.
Die Hauptdarsteller & Hauptdarstellerinnen
Stellan Skarsgård führt das Ensemble an. Der schwedische Schauspieler hat sich in einem weiten Spektrum von Arthouse- bis Hollywood-Produktionen als Fähigkeit zur diskreten Intensität erwiesen. In Rückkehr nach Montauk verkörpert er eine alternde, literarisch arbeitende Figur, deren Innenleben unter der Oberfläche brodelt und die sich einer Prüfung ihrer Vergangenheit stellt. Nina Hoss ist seine Gegenspielerin in diesem intimen Kammerspiel. Hoss, in Deutschland bekannt geworden durch die Arbeit mit Regisseuren wie Christian Petzold, bringt eine straffe, kontrollierte Präsenz, die Ambivalenz und emotionale Nachdrücklichkeit zugleich erlaubt.
Unterstützt wird das Duo von international besetzten Namen wie Niels Arestrup, dessen Erfahrung in französischem Kino und seine raue, prägnante Autorität zum Filmklang beitragen, sowie Bronagh Gallagher, die mit irischer Erdung und natürlicher Wärme punktet. Das Ensemble umfasst weiters eine Band von Darstellern unterschiedlicher Herkunft - ein Spiegel der Koproduktionsstruktur -, die dem Film eine Mehrstimmigkeit verleihen, ohne die Konzentration auf die zentralen Beziehungsgefährten zu verwässern.
Handlung (spoilerfrei!)
Der Film erzählt von der Rückkehr eines Schriftstellers an einen Ort, an dem eine für ihn bedeutende Begegnung stattgefunden hat. Diese Reise ist weniger als äußeres Handlungselement konzipiert denn als Auslöser einer inneren Katharsis: Erinnerungen werden überprüft, alte Affekte auf ihre gegenwärtige Relevanz hin befragt und die Möglichkeit einer erneuten Begegnung ausgelotet. Der dramatische Konflikt liegt in der Spannung zwischen dem Bedürfnis, Vergangenes wiederherzustellen, und der Erkenntnis, dass Erinnerung immer auch Konstruktion ist.
Zentrale Figuren sind die zurückkehrende, reflexive Gestalt des Autors und die Frau, zu der sich seine Erinnerungen verhalten - Beziehungsverläufe, Schuldgefühle, verpasste Chancen und die Frage nach Wahrhaftigkeit prägen ihr wechselseitiges Verhältnis. Der Ton ist elegisch, oft mit gedeckter Melancholie, und die Atmosphäre ist von einem klaren, oft kühlen Look geprägt, der den inneren Zustand der Figuren spiegeln soll.
Zentrale Themen und Motive
Im Kern stellt der Film Fragen nach der Verlässlichkeit des Erzählens: Wie viel von dem, was wir als Erinnerung bezeichnen, ist erzähltes Selbstbild, und inwieweit ist künstlerische Verarbeitung Verrat an oder Rettung von erlebter Wirklichkeit? Die narrative Lage eines Autors, der über sein eigenes Beziehungsleben verfährt, eröffnet Reflexionen über die Verantwortung des Erzählers gegenüber seinen Subjekten - eine ethische Dimension, die sich durch das gesamte Werk zieht.
Psychologisch kreist der Film um Sehnsucht, Reue und die Mechanik des Loslassens. Gesellschaftlich gelesen verweist er auf generationelle Spannungen im Umgang mit Intimität, auf unterschiedliche Formen, mit denen Männer und Frauen Erinnerung und Selbstbehauptung austragen. Formal fungiert die Rückkehr an einen konkreten Ort - das Meer, die Küste, die Sommerszenerie - als Motiv für Grenzräume: Hier trifft Innen auf Außen, Gegenwart auf Vergangenheit, und die Fotografie der Natur wird zur Projektionsfläche für das Innenleben der Figuren.
Filmisch arbeitet Rückkehr nach Montauk mit Zurückhaltung: lange Einstellungen, subtile Montagen, ein sparsamer, die Geräuschwelt betonender Soundtrack und eine Kamera, die Nähe erzeugt, ohne zur Intimitätsverletzung zu werden. So entsteht ein künstlerisches Feld, in dem die Fragen des Films nicht durch demonstrative Illustrationen beantwortet werden, sondern als offene, formal eingebettete Provokation bestehen bleiben.
Filmkritik von Peter Osteried
„Rückkehr nach Montauk“: Die Geister der Vergangenheit
Im Leben gibt es nur zwei Dinge, die wichtig sind. Die Dinge, die man getan und mit denen man jemandem wehgetan hat und die man seitdem bereut. Und die Dinge, die man nicht getan hat, obwohl man wusste, dass man sie machen sollte – und die man ebenso bereut. Das ist die Lektion, die der Schriftsteller Max Zorn (Stellan Skarsgard) von seinem Vater auf dem Totenbett erhalten hat. Das ist auch die Ausgangslage von Volker Schlöndorffs neuem Film, mit dem er nach langer Zeit wieder mal eine in der Gegenwart angesiedelte Geschichte erzählt.
Max hat einen Roman geschrieben, der eine wahre Geschichte erzählt. Seine Geschichte, wenn auch etwas mit Erfundenem ausgeschmückt. Mit dem Buch an der Hand kehrt er nach New York zurück, um dort Publicity dafür zu machen. Er hofft aber auch, Rebecca (Nina Hoss) wiederzusehen – jene Frau, die er einst verlassen und es seitdem stets bereut hat. Sie will ihn erst nicht sehen, überlegt es sich aber doch anders und nimmt ihn mit auf eine Reise nach Montauk, wo die Zwei glücklichere Zeiten erlebt haben.
Dies ist nicht die Verfilmung von Max Frischs autobiographischem Roman „Montauk“. Schlöndorff hatte mit dem Autor darüber gesprochen, als er dessen Homo Faber inszenierte, aber die Idee verworfen. Später kam sie ihm wieder, weniger als eine Adaption, sondern mehr als eine Hommage, da er eine ähnliche Geschichte in der modernen Welt erzählen wollte. Herausgekommen ist ein intensives Drama, das sich mit der Reue befasst, mit den verpassten Chancen, mit dem, was hätte sein können, aber nicht ist. Das manifestiert sich in der Hauptfigur, die zwei Frauen liebt. Clara, mit der Max zusammen ist, und Rebecca, mit der er gerne zusammen wäre. Dass dies für Max kein gutes Ende nimmt, versteht sich von selbst. Es wird aber auch vom Film getragen, der eine traurige Grundstimmung besitzt und schwermütig auf einen Mann zurückblickt, der sich als im Leben gescheitert betrachtet. Weil er seinem eigenen Anspruch nicht gerecht werden konnte.
Das spielt Stellan Skarsgard herausragend. In seinem Gesicht kann man den Schmerz dieses Mannes, aber auch seine Hoffnungen ablesen. Er ist, wie Rebecca es nennt, immer noch ein Träumer, und das nicht nur in seinen Romanen, sondern auch in der Realität.
Vor allem aber lebt Rückkehr nach Montauk von der Erkenntnis, dass es keine Rückkehr gibt. Es ist wie bei Thomas Wolfes Roman „Es führt kein Weg zurück“. Die Vergangenheit ist entschwunden, alles, was bleibt, sind Erinnerungen und die Geister einer besseren, einer subjektiv glücklicheren Zeit. Selbst wenn Max sein Wunsch erfüllt würde, wäre er doch schal und leer, weil er nicht dem entsprechen kann, wovon er seit fast 20 Jahren träumt. Das ist die traurige, die bittere Lektion, die der Schriftsteller im Herbst seines Lebens lernen muss.
Schlöndorff packt das in ein intensives, authentisch gestaltetes Drama, das angenehm zurückhaltend ist, während es den Zuschauer mitnimmt auf eine Reise, die vielleicht jedem von uns bevorstehen könnte …

