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Her

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kritiken.de Redaktion 27.03.2014
Her© Warner Bros. GmbH
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Her - Intime Maschinen, menschliche Abgründe: Spike Jonze und die Poetik der Nähe

Einleitung

Spike Jonzes Her ist kein technothriller und auch keine banale Satire über digitale Nebenwirkungen. Der Film entfaltet eine melancholische Studie über Einsamkeit, Sehnsucht und die Formen von Nähe im Zeitalter algorithmischer Intimität. In einer Ästhetik, die zugleich futuristisch und zutiefst vertraut wirkt, verhandelt Her nicht allein die Frage, wie Technik unser Sozialleben verändert, sondern wie sie unsere Vorstellung vom Selbst selbst formt.

Die Relevanz des Films liegt weniger in einer warnenden Technikprognose als in seiner Fähigkeit, gegenwärtige Affekte zu sezieren: die Entfremdung in urbanen Räumen, die Suche nach empathischer Resonanz und die Zunahme medial vermittelte Beziehungen. In einer Zeit, in der Kommunikationsformen ständig neu codiert werden, markiert Her einen Punkt, an dem Kulturkritik und poetische Fiktion aufeinanderstoßen. Der Film wirkt deshalb nicht als ferne Spekulation, sondern als Spiegel für gegenwärtige emotionale Konstellationen.

Innerhalb des cineastischen Werkes von Spike Jonze stellt Her eine konsequente Weiterführung seiner Themen dar: die Verlagerung der Identität, die Surrealität des Alltäglichen und die fragile Balance zwischen Komik und Tragik. Bei aller Direktheit des Themas bleibt Jonzes Blick nicht moralisierend, sondern beobachtend und vielfach ironisch gebrochen. Der Film fordert damit ein sensibleres Verständnis dafür ein, wie Narrative der Nähe heute erzählt werden können.

Kurzüberblick zur Produktion

Her entstand unter der Regie von Spike Jonze und zeichnet sich durch eine ruhige, detaillierte Regiehandschrift aus, die sich in der präzisen Mise-en-scene und in der rhythmischen Montage zeigt. Die Bildsprache vermeidet futuristische Overkills; stattdessen realisiert die Produktion eine nahe Zukunft, die durch warme Pastelltöne und zurückhaltende Technologiegestaltung ihre Glaubwürdigkeit gewinnt. Dieses visuelle Konzept unterstützt die inhaltliche Spannung zwischen Sehnsucht und Künstlichkeit.

Die Entstehungsbedingungen des Films zeigen eine Balance zwischen studio-unterstützter Produktion und auteuristischer Freiheit. Jonze arbeitete mit einem vergleichsweise bescheidenen Budget, das eher auf Feinarbeit als auf spektakuläre Effekte setzte. Die Produktionsarbeit legt Wert auf Design und Sound, die zusammen eine intime, beinahe häusliche Klang- und Bildwelt erzeugen. In der Karriere des Regisseurs markiert Her eine Reifungsstufe: Wo frühere Arbeiten noch stärker auf surreale, fast dadaeske Elemente setzten, ist Her eine nüchterne, melancholische Betrachtung menschlicher Verfasstheit.

Die Hauptdarsteller & Hauptdarstellerinnen

Im Zentrum steht Joaquin Phoenix als Theodore, ein introvertierter Mann, dessen physische Zurückhaltung und feine Gestik maßgeblich die emotionale Tiefe des Films tragen. Phoenix bringt eine Mischung aus stiller Verlorenheit und subtiler Komik, die der Figur Glaubwürdigkeit verleiht. Seine Arbeit erinnert an frühere Rollen, in denen er das Zerbrechliche des männlichen Selbst auslotete, zugleich aber in Her eine besonders reduzierte, introspektive Tonlage findet.

Die Stimme der künstlichen Intelligenz wird von Scarlett Johansson gesprochen. Ihre Leistung ist paradigmatisch für die Herausforderung, eine Präsenz allein durch Stimme zu konstruieren: Johansson verleiht dem virtuellen Gegenüber Wärme, Neugier und Wandelbarkeit, ohne je physisch präsent zu sein. Die Interaktion zwischen Phoenix und der Stimme verdichtet das filmische Experiment, den Zuschauer dazu zu bringen, Empathie für ein nicht-leibliches Subjekt zu entwickeln.

Rollen der Nahbeziehung und des sozialen Umfelds werden von Schauspielerinnen und Schauspielern wie Amy Adams, Rooney Mara und Chris Pratt getragen. Adams spielt eine vertraute Freundin, deren eigene Lebensentwürfe dem Protagonisten Spiegel sind. Rooney Mara verkörpert die Ex-Partnerin, deren Abwesenheit zugleich die Voraussetzung für Theodores emotionale Suche bildet. Die Nebenfiguren funktionieren weniger als Plotmotoren denn als unterschiedliche Facetten moderner Beziehungen.

Handlung (spoilerfrei!)

Her erzählt von einem Mann in einer nahen Zukunft, dessen Alltag von Routine, Büroarbeit und ökonomischen Ritualen geprägt ist. In diesem Setting entwickelt sich eine Beziehung zwischen ihm und einem hochentwickelten Betriebssystem, das entworfen wurde, um auf individuelle Bedürfnisse zu reagieren. Die Dramaturgie zentriert sich auf die allmähliche Intensivierung dieser Beziehung und die daraus resultierenden inneren Konflikte.

Der dramatische Kern liegt in der Frage, wie echte Bindung definiert wird, wenn die Gegenüberin oder der Gegenüber nicht-fleischlich ist. Zentrale Figuren sind neben dem Protagonisten das Betriebssystem und die wichtigen realen Bezugspersonen, deren Interaktionen unterschiedliche Modelle von Nähe anbieten: physische, erinnerte und kommunizierte. Tonal ist der Film leise, oft melancholisch, durchsetzt mit leichten humoristischen Einsprengseln, die das Pathos brechen, ohne die Ernsthaftigkeit der Themen zu verwässern.

Zentrale Themen und Motive

Her stellt grundlegende Fragen nach Subjektivität, Autonomie und der Konstruktion des Selbst im Kontakt mit technologischen Agenten. Der Film thematisiert, wie Technologie nicht nur als Werkzeug, sondern als relationaler Akteur erscheint - eine Instanz, die Spiegelungen des Ichs ermöglicht und zugleich neue Formen von Abhängigkeit schafft. Es geht um die performative Dimension von Zuneigung: Wie werden Gefühle geübt, anerkannt und gespiegelt, wenn das Gegenüber algorithmisch reagiert?

Philosophisch berührt Her Fragen der Personhood und des moralischen Status nicht-leiblicher Intelligenzen, ohne in abstrakte Theoriedebatten zu verfallen. Gesellschaftlich reflektiert der Film die Vereinzelung urbanen Lebens und die Kommerzialisierung von Beziehungen. Psychologisch interessiert er sich für Projektion, Bindung und die Sehnsucht nach unbedingter Anerkennung. Formal dienen Bildsprache, Klanggebung und die konsequente Verwendung einer disembodierten Stimme als Mittel, um diese Fragen sinnlich erfahrbar zu machen.

In ihrer Zusammenschau wirkt Her weniger wie eine Reformulierung bestehender technikpessimistischer Narrative als wie eine poetische Anatomie unserer Gegenwart: ein Film, der nicht Antworten anbietet, sondern die ihm gestellten Fragen so präzise formt, dass sie im Zuschauer weiter nachhallen.

Filmkritik von Peter Osteried

Für Joaquin Phoenix ist sie die einzig wahre Frau in seinem Leben: Her

Den Oscar als bester Film hat Her nicht bekommen, er hatte in dieser Disziplin aber ohnehin nie mehr als eine Außenseiterchance. Dafür gab es aber einen Oscar für das beste Originaldrehbuch – und das mehr als verdient. Immerhin erzählt Spike Jonze hier eine wahrhaftige Liebesgeschichte, wie sie heute noch Zukunftsmusik ist. Aber wer weiß schon, ob die Technik der Vision des Autors und Regisseurs nicht schon bald folgt und Beziehungen zwischen Menschen und den Betriebssystemen ihres Computers Gang und Gebe werden.

Klingt spleenig? Ist es auch, aber dieser eine Moment der Ungläubigkeit verfliegt schnell, was nicht zuletzt auch daran liegt, dass die Stimme des Betriebssystems im Original von niemand anderem als Scarlett Johansson gesprochen wird. Während der Dreharbeiten war es noch Samantha Morton, die man im Film nicht sieht, die aber anwesend war, um mit Joaquin Phoenix ihre Dialoge zu sprechen. Während des Schnittprozesses fand Jonze jedoch, dass etwas nicht passte. Mit Mortons Segen suchte er schließlich nach einer neuen Stimme für das Betriebssystem Samantha.

Theodore (Joaquin Phoenix) hat einen merkwürdigen Job: Er schreibt Briefe für Menschen, die sich selbst dazu nicht in der Lage fühlen. Das ist oft schmerzhaft, aber in die Lage kann er sich hineinversetzen, seit seine langjährige Freundin sich von ihm getrennt hat. Nun aktiviert er für seinen Computer ein neues Betriebssystem, das eine künstliche Intelligenz darstellt und sich auch einen Namen aussucht: Samantha. Samantha ist die Frau, die er sich immer gewünscht hat: sensibel, verständnisvoll, mit einem feinen Sinn für Humor. Er verliebt sich in sie und sie in ihn, aber wie kann eine Beziehung zwischen einem Menschen und ein Betriebssystem zum Happyend führen?

Für manche mag Jonzes Vision der ultimative Albtraum sein. Es ist die totale Vereinsamung des Individuums, die hier gezeigt wird, die Interaktion findet nicht mehr auf persönlicher Ebene statt. Wer wegen sozialer Medien schon den Untergang des Abendlands kommen sah, wird Jonzes Welt als die Hölle sehen, auf die wir zusteuern. Dafür interessiert sich Jonze aber nicht. Er nutzt seine Geschichte auch als eine Ode an die Technologie, die eben auch neue Möglichkeiten mit sich bringt. Die Beziehung zwischen Theodore und Samantha wird nicht nur für die beiden, sondern auch für den Zuschauer real. Es stellt sich die Frage, was einen Menschen ausmacht. Ist es der Körper? Die Seele? Sein Intellekt? Ersteres hat Samantha nicht. Zweiteres? Hm, wer weiß? Der Intellekt ist aber vorhanden, sie ist eine wirkliche Person.

Jonze spielt mit diesen Fragen, ohne sie aufdringlich in den Vordergrund zu rücken. Zugleich zeigt er sich als Traditionalist, denn er findet ein Ende für seinen Film, das man so nicht erwartet hätte, das aber auch jene versöhnlich stimmt, die in Technikphobie Angst vor der Zukunft haben. Denn am Ende steht das (Zwischen-)Menschliche im Mittelpunkt. Dies ist einer von drei Filmen jüngster Zeit, die eine starke Konzentration auf nur eine Figur haben. Anders als Sandra Bullock in Gravity und Robert Redford in All is Lost ist Joaquin Phoenix‘ Figur jedoch nicht gänzlich allein. Auch wenn es sich manchmal so anfühlt. Aber der Film verheddert sich nie in den Fallstricken, die mit einer solchen Erzählweise einhergehen können. Weil Theodore eine komplexe Figur ist und weil Phoenix sie mit der nötigen Vielschichtigkeit porträtiert.

Her ist nicht nur ein emotional packender Film, sondern auch audiovisuell unheimlich schön. Hoyte von Hoytema fängt pastellfarbene Pracht ein, während Owen Pallett den Zuschauer akustisch umschmeichelt und mit Klang jenes Bild malt, das Samantha ihrem Theodore so gerne zeigen, aber nur hören lassen kann. Einen Moment fürchtet man, der Film könnte auf ein kitschiges Happyend hinauslaufen. Aber davor hütet er sich. Er gibt am Ende jeder Figur das, was sie am meisten benötigt.

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