Everybody Wants Some: Verweilende Campus-Elegie über Kameradschaft, Sehnsucht und das Flirren der Achtziger
Einleitung
Richard Linklaters Everybody Wants Some, 2. Juni 2016 in die Kinos gekommen, setzt eine gelassene, dabei minutiös beobachtende Perspektive auf den Übergang vom Teenager- zum jungen Erwachsenenalter. Der Film wirkt wie eine atmosphärische Studie über einen schmalen, oft übersehenen Augenblick des Lebens - jene Wochen am Beginn des Collegejahres, in denen Regeln, Rollen und Begehren noch offen ausverhandelt werden. Relevanz gewinnt der Film nicht durch dramatische Zuspitzungen, sondern durch seine Hartnäckigkeit, das Alltägliche in seiner sozialen Dichte darzustellen.
Im Werk Linklaters steht Everybody Wants Some in einer Linie mit Bewusstseins- und Zeit-Romanen wie Dazed and Confused und Boyhood - nicht als direkte Fortsetzung, sondern als thematische Variante. Wo Dazed and Confused die Highschool-Mythen der Siebziger sezierte und Boyhood das Leben über Jahre befragte, interessiert sich Everybody Wants Some für den Raum zwischen Jugend und Verantwortung: ein Zwischenreich, in dem Kameradschaft und sexuelles Erwachen nebeneinander existieren.
Gesellschaftlich trifft der Film einen Moment, in dem Nostalgie als kulturelles Instrument ambivalenter wird. Linklater nutzt die Achtziger nicht als bloße Postkartenschönheit, sondern als klanglichen und sozialen Resonanzboden - Pop und Rock liefern die emotionale Temperatur, während die Figuren die Provisorien ihrer Identität austesten. In Zeiten, in denen Rückblicke oft moralisiert werden, bleibt dieser Film ein ästhetisches Experiment über Präsenz und Vergänglichkeit.
Kurzüberblick zur Produktion
Regisseur Richard Linklater, seit langem für seine naturalistischen Dialoge und sein Gespür für temporale Besonderheiten bekannt, verankert Everybody Wants Some in seiner charakteristischen Handschrift: langer Atem, beiläufige Situationen, ein Augenmerk auf Gruppendynamiken. Linklater arbeitet bevorzugt mit Ensembles und situativen Szenen, die eher aus Beobachtung als aus dramaturgischem Zwang entstehen. Diese Arbeitsweise spiegelt sich auch in Everybody Wants Some - die Kamera hält, lässt die Darsteller atmen und gewährt dem Publikum Zeit, soziale Codes zu dekodieren.
Die Entstehung des Films war geprägt von einer kleinen, aber sorgfältig organisierten Produktion, die auf Location-Drehs in Linklaters Heimatregion setzte und den kollaborativen Ton des Regisseurs fortführte. Premiere und erste Rezeption fanden auf Festivals statt, was dem Film ermöglichte, seine Stimmung abseits großer Marketingmechaniken zu entfalten. Auffällig ist die Verwendung eines dichten, sorgfältig kuratierten Soundtracks als narrativer Klebstoff - Musik fungiert hier nicht nur als Epoche, sondern als Charakter, der Räume und Beziehungen formt.
Innerhalb von Linklaters Gesamtwerk markiert Everybody Wants Some keine radikale Abkehr, sondern eine atmosphärische Vertiefung. Während er in früheren Werken expliziter existenzielle Fragen streifte, ist hier die Frage nach Zugehörigkeit und Performance in sozialen Räumen das zentrale Anliegen. Der Film steht damit als ein stilles Kapitel in einer Karriere, die wiederholt die Spannungen zwischen Zeit, Erinnerung und Identität ausgelotet hat.
Die Hauptdarsteller & Hauptdarstellerinnen
Die Besetzung des Films besteht aus einem Ensemble junger Schauspieler, die jeweils Typen verkörpern, weniger klassische Archetypen. Blake Jenner nimmt die Rolle des frischgewordenen College-Baseballspielers ein - der anfängliche Blick des Zuschauers kanalisiert sich über seine Perspektive. Seine Figur ist Beobachter und zugleich Proband: neu in einer Hierarchie, deren unausgesprochene Gesetze er lernen muss.
Um Jenner gruppieren sich Kollegen und Kontrahenten, gespielt von einer Mischung etablierter Gesichter und Nachwuchstalenten. Einige Darsteller bringen vorherige Bekanntheit aus Fernseh- oder Filmrollen mit, andere treten mit diesem Ensemble erstmals als prägende Präsenz hervor. Frauenfiguren im Film sind mehr als schmückendes Beiwerk - sie sind soziale Agentinnen, die Verhaltensweisen reflektieren und herausfordern. Insgesamt verlässt sich Linklater auf die Spielfreude seiner Darsteller, auf Improvisation und auf das subtile Austarieren von Gruppendynamiken, statt auf starre Figurenzeichnungen.
Handlung (spoilerfrei!)
Der Film begleitet in episodischer Form die Tage, vielleicht Wochen, um eine Gruppe von College-Baseballspielern herum. Zentrum ist ein neuer Spieler, dessen Ankunft und Integration in das Team die Narrative vorantreibt. Statt einer klassischen Plotkurve ordnet Linklater eine Abfolge von Begegnungen, Spielen, Partys und Gesprächen an, die zusammen ein soziales Gefüge sichtbar machen. Der dramatische Konflikt entspringt nicht einem einzelnen Ereignis, sondern aus der Spannung zwischen individueller Freiheit und den Normen einer engen männlichen Gemeinschaft.
Zentrale Figuren sind der neue Spieler, seine Teamkollegen unterschiedlichen Alters und Temperaments sowie eine Rotte von Kommilitoninnen und Nebencharakteren, die als Spiegel und Reibfläche dienen. Ton und Atmosphäre des Films schwanken zwischen leichtfüßiger Komik und leisem Melancholieblick; die Kamera verweilt, erlaubt der Komik Raum und nimmt zugleich die stillen Momente ernst. Baseball fungiert als Hintergrundmotor - Sportlichkeit als Bühne für soziale Rituale.
Zentrale Themen und Motive
Everybody Wants Some fragt danach, wie männliche Identitäten kollektiv ausgehandelt werden - welche Regeln gelten in einer Jungsrunde, wie wird Anerkennung verteilt, wie manifestieren sich Rivalität und Solidarität. Es geht um Zugehörigkeit als performativen Akt: Anzüge, Gesten, Sprache, sexuelle Konstellationen werden ausprobiert, bewertet und modifiziert. Linklater interessiert weniger die finalisierte Persönlichkeit als der Prozess des Versuchens.
Eine weitere Dimension ist die Zeitlichkeit: Nostalgie wird nicht als romantische Verklärung serviert, sondern als sinnlicher Raum, in dem Musik, Kleidung und Orte Erinnerungen formen. Der Soundtrack dient als Gedächtnisanker - er macht das Vergangene fühlbar und zeigt zugleich, wie flüchtig solche Gefühle sind. Ebenso prominent ist das Thema der Übergänge - vom Unverbindlichen zur Verantwortung, von der Jugend zur etablierten Identität. Psychologisch betrachtet ist der Film eine Studie des sozialen Lernens und der Selbstinszenierung in Gruppen.
Insgesamt arbeitet Everybody Wants Some mit einer filmischen Ökonomie der Beobachtung: kleine Gesten, längere Einstellungen und eine precise Ton-Image-Kopplung eröffnen Einsichten in familiäre und soziale Muster. Der Film lädt dazu ein, die Mechanik des Zusammenhalts zu untersuchen - ohne zu moralisieren, aber mit einem feinen Gefühl für die Ambivalenzen des Erwachsenwerdens.
Filmkritik von Peter Osteried
Bei Richard Linklater will jeder einen draufmachen
Mit Confussion – Sommer der Ausgeflippten zelebrierte Richard Linklater die eigene Jugend, die Mitte der 1970er Jahre stattfand. Mit seinem neuesten Film Everybody Wants Some!! kehrt er nun zu den Wurzeln zurück. Diesmal schreibt man das Jahr 1980, das sich aber den Klamotten und des Sounds wegen noch immer nach den 1970ern anfühlt.
Es sind noch drei Tage, bis das Studium beginnt. Jake (Blake Jenner) zieht ins Haus seiner neuen Team-Kameraden ein. Hier wohnen nur die Mitglieder des Baseball-Teams – Alteingesessene sowie Neulinge. Sie alle müssen sich erst beschnuppern, was am besten mit Bier, guter Laune und Partys geht. Drei Tage, in denen die Sportskanonen so richtig die Sau raus lassen, während sie sich darüber klar werden müssen, dass sie an der High School zwar die besten in ihrer Sportart waren, hier aber nur einer von vielen sind. Jake stört das weniger, hat er doch ein Auge auf die Kunststudentin Beverly (Zoey Deutch) geworfen.
Eine Geschichte im eigentlichen Sinn erzählt Linklater nicht. Vielmehr präsentiert er eine konzentrierte Momentaufnahme und zeigt drei Tage im Leben von typischen „Jocks“, also den Schülern, die als Sportler für Furore sorgen und immer die Mädchen bekommen. Allerdings fächert Linklater das auf. Er zeigt seine Figuren als echte Menschen, die mal dumm, mal schlau, mal extrovertiert, mal introvertiert sein können – dem puren Klischee will er nicht entsprechen.
In Everybody Wants Some!! geht es um das Eine, aber auch um mehr – und um weniger. Denn was man hier erlebt, ist nicht nur eine typische College-Komödie, wie sie in den frühen 1980er Jahren entstanden sein könnte, sondern ein ehrlicher, an seinen Figuren interessierter Film, der dieses ungleiche Team so gestaltet, dass man einfach Spaß daran hat, mit ihnen ihr Leben zu erforschen. Anders hätte der Film auch nicht funktioniert, denn die nicht vorhandene Geschichte kann den Zuschauer nicht hineinziehen, das geht nur über die Figuren, die allesamt exzellent besetzt sind. Man spürt richtig, dass sich hier ein paar Stars von morgen ihre ersten Sporen verdienen. Besonders überzeugend: Blake Jenner und Glen Powell.
Linklaters College-Komödie überzeugt aber auch, weil sie so authentisch wirkt. Die Klamotten, die Frisuren, die Musik, die Autos, die ganze Umsetzung – das wirkt wie aus einer anderen Zeit. Daraus bezieht dieser Streifen seinen Reiz und schafft es auch, über fast zwei Stunden zu unterhalten. Weil es Spaß macht, mit diesen Figuren einen draufzumachen – und weil man sich an eine filmische Zeit erinnert fühlt, die unschuldiger erscheint, je länger sie vergangen ist.

