kritiken.de› Filme›
Filme

Die Schadenfreundinnen

kritiken.de
kritiken.de Redaktion 01.05.2014
Die Schadenfreundinnen© Fox Deutschland
A ca. 898 Worte Lesezeit ca. 3 Minuten 30 Sekunden  📋 Inhalt

Die Schadenfreundinnen - Komödie als klinische Studie weiblicher Solidarität und Rachemechanik

Einleitung

Die Schadenfreundinnen tritt in die populäre US-Komödienlandschaft der 2010er Jahre mit einer Selbstsicherheit, die zugleich kalkuliert und widersprüchlich wirkt. Auf den ersten Blick folgt der Film dem routinierten Muster der "girl power"-Komödie - starbesetzte Frauenfigur, Racheplan, glitzernde Oberfläche. Bei näherer Betrachtung aber interessiert er sich weniger für naive Vergeltungsfantasien als für die sozialen Mechanismen, die solche Fantasien produzieren und publik machen. Damit verweist der Film auf ein Grundmotiv moderner Erzählungen über Geschlechterbeziehungen: die Inszenierung von Verletzung als öffentliches Ereignis.

Im Werk seines Regisseurs markiert Die Schadenfreundinnen einen Moment, in dem Nick Cassavetes bekannte Melodramatik mit komödiantischen Konventionen kreuzt. Wer Cassavetes von Filmen wie The Notebook oder My Sister's Keeper kennt, erwartet intensive Gefühlslandschaften und eine Neigung zum sentimentalen Pathos. In Die Schadenfreundinnen wird dieses Gefühlsmoment in eine handfeste Komödie übersetzt, sodass die emotionale Verdichtung einerseits erhalten bleibt, andererseits durch schnelle Schnitte, laute Musik und pointierte Gag-Setups entschärft wird.

Die gesellschaftliche Relevanz des Films liegt weniger in politischer Polarisierung als in seiner zeitlichen Verortung: Vor dem kulturellen Umbruch, den Debatten über Machtmissbrauch und öffentliche Bloßstellung später verstärkten, reflektiert der Film die Attraktivität von Vergeltung als Gemeinschaftserlebnis. Er ist somit symptomatisch für eine Popkultur, die Solidarität, Vergnügen und mediale Sichtbarkeit miteinander verknüpft - eine Mischung aus Therapie, Unterhaltung und Voyeurismus.

Kurzüberblick zur Produktion

Die Schadenfreundinnen ist eine Studioproduktion, die bewusst auf das Zusammentreffen von Kommerz und Starpower setzt. Regie führte Nick Cassavetes, dessen Handschrift in der Verlagerung emotionaler Konflikte in populäre Gattungen spürbar bleibt. Der Film arbeitet mit klaren, hochglanzpolierten Bildern, schneller Montage und einem Sounddesign, das dramatische Zuspitzung in popkulturelle Klangsignale übersetzt.

Als Mainstream-Komödie der frühen 2010er Jahre bewegt sich Die Schadenfreundinnen im mittleren Budgetsegment, konzipiert für ein breites Kinopublikum und mit einer internationalen Vermarktung im Blick. Die Produktionsumstände begünstigten ein hohes Maß an starorientierter Inszenierung - Settings, Kostümierung und Musik beeinflussen die Wahrnehmung der Figuren stärker als eine naturalistische Psychologie. Auffällig ist, wie die Produktion Glamour und Alltäglichkeit miteinander verkettet: Luxusorte dienen als Kulisse für intime Auseinandersetzungen, die sich wiederum in öffentlichkeitswirksamen Aktionen entladen.

Im Gesamtwerk Cassavetes´ fällt der Film als vergleichsweise leichte, kommerzielle Variante seiner Neigung zur Gefühlsdramaturgie auf. Er praktiziert weniger den langen Atem des Dramas als die Verdichtung in Szenen, die Emotion, Komik und Symbolik simultan liefern.

Die Hauptdarsteller & Hauptdarstellerinnen

Cameron Diaz übernimmt die zentrale Rolle einer Frau, die aus Enttäuschung und Wut heraus zur treibenden Kraft des Geschehens wird. Diaz steht seit den 1990er Jahren für eine Mischung aus Komik und knapper Emotionalität - von The Mask über Charlie´s Angels bis zu romantischen Komödien - und bringt hier ihre Erfahrung mit Rollen, die sowohl Schlagfertigkeit als auch Verletzlichkeit verlangen.

Leslie Mann, oft assoziiert mit dem neurotisch-komischen Idiom amerikanischer Autorenfilmer, kontrastiert Diaz mit einer anderen Facette weiblicher Reaktion auf Betrug: sie verkörpert das komödiantische Gegenüber, das das Gefühl in pointierte, oft physische Gags übersetzt. Nikolaj Coster-Waldau tritt als die blendend charmante, aber moralisch fragwürdige männliche Figur auf, deren Charisma die Handlung erst ins Rollen bringt - bekannt geworden durch seine Arbeit an der vielbeachteten Fantasy-Serie Game of Thrones.

Taylor Kinney fungiert als romantischer Gegenpol, Kate Upton erscheint als jüngere, attraktive Kontrapunktfigur, während Nebenbesetzungen wie Nicki Minaj oder Don Johnson die Welt der Protagonistinnen mit popkulturellen und generationsübergreifenden Signalen bestücken. Insgesamt ist die Besetzung so angelegt, dass Typenlichkeit und Star-Image dramaturgisch genutzt werden - die Zuschauerinnen sollen sowohl vertraute Figuren erwarten als auch die Überraschung, dass sich diese Figuren solidarisch verbünden.

Handlung (spoilerfrei!)

Die Erzählung konzentriert sich auf den dramatischen Konflikt zwischen privater Kränkung und öffentlicher Rache. Ausgangspunkt ist die Entdeckung von Untreue, die nicht als singuläres Ereignis behandelt wird, sondern als Katalysator eines Bündnisses. Im Zentrum stehen mehrere Frauen aus unterschiedlichen Lebenswelten, deren Begegnung zunächst auf gegenseitigem Misstrauen, bald aber auf strategischer Kooperation beruht.

Die Dynamik des Films baut auf klaren Aktstrukturen: die Konfrontation mit dem Fehlverhalten, die Planung einer Gegenaktion und die Konstitution einer Gruppe, die ihre Differenzen für ein gemeinsames Ziel überwindet. Die Handlung spannt sich zwischen kurzen, incisiven Komiksequenzen und Momenten, in denen die persönliche Verletzung durchscheint. Ton und Atmosphäre oszillieren zwischen ironischer Leichtigkeit und einer unterschwelligen Ernsthaftigkeit, die dem Vergnügungsmoment eine existenzielle Note verleiht.

Zentrale Themen und Motive

Im Mittelpunkt steht die Frage nach Gerechtigkeit in Beziehungen - nicht als rechtliche Kategorie, sondern als soziale Praxis. Der Film verhandelt, wie und warum Menschen kollektiv handeln, wenn private Kränkungen in den öffentlichen Raum treten. Dabei rückt die performative Dimension weiblichen Handelns in den Vordergrund: Solidarität wird nicht nur gefühlt, sondern inszeniert, als Taktik und als öffentlichkeitswirksame Form der Selbstbehauptung.

Eine weitere Achse ist die Ambivalenz von Vergeltung. Der Film stellt Vergnügen an der Blamage des Anderen gegen die potenzielle Selbstentfremdung, die aus dem Verharren im Opferstatus folgt. Psychologisch offenbart sich ein Spannungsverhältnis zwischen Heilung durch gemeinsames Handeln und der Gefahr, dass Rache selbst zur Identität wird. Gesellschaftlich reflektiert Die Schadenfreundinnen den Mechanismus medialisierter Bloßstellung - wie Private in Szene gesetzt werden, um kollektive Emotionen zu kanalisieren.

Formal nutzt der Film die Mittel der Komödie - Tempo, Überzeichnung, musikalische Inszenierung -, um ernste Themen zugänglich zu machen. Diese formale Strategie ist kein bloßes Ablenkungsmanöver, sondern trennt die ästhetische Sphäre der Komödie von der ethischen Debatte über Vergeltung und Solidarität. Die Schadenfreundinnen spielt somit in einer Grauzone zwischen Unterhaltung und Reflexion - sie fordert das Publikum auf, über die Lust an der Rache ebenso nachzudenken wie über die Formen moderner Empathie.

Newsletter

Einmal pro Woche die besten Essays, Analysen und Kritiken – direkt in Ihr Postfach.

kritiken.de