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Beziehungsweise New York

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kritiken.de Redaktion 01.05.2014
Beziehungsweise New York© StudioCanal Deutschland
A ca. 1611 Worte Lesezeit ca. 6 Minuten  📋 Inhalt

Beziehungsweise New York - Intime Kartografie der Beziehungen und Einsamkeiten in einer globalisierten Großstadt

Einleitung

Beziehungsweise New York tritt als ein Film auf, der weniger ein einzelnes Ereignis erzählt als eine Serie von Konstellationen auslotet. In einer Zeit, in der Kino zunehmend transnationale Verbindungen thematisiert und urbanes Leben als Seismograph persönlicher Befindlichkeiten dient, versucht dieser Film, die Stadt als Resonanzraum für Beziehungsdynamiken zu lesen. Die Wahl New Yorks als Bühne ist dabei nicht nur topographisch, sondern semantisch: Die Metropole fungiert als Hintergrund wie als aktiver Mitspieler, dessen Rhythmen das Beziehungsgeflecht formen und spiegeln.

Die Relevanz des Films liegt weniger in einer neu erfundenen Erzählform als in seiner beharrlichen Beschäftigung mit vertrauten Fragen der Gegenwartsliteratur und des neueren Autorenkinos: Wie werden Intimität und Identität im Zeitalter permanenter Mobilität verhandelt? Welche Rolle spielen Sprache, Herkunft und berufliche Mobilität für die Konstruktion von Nähe? Beziehungsweise New York platziert sich dabei im Spannungsfeld zwischen essayistischer Beobachtung und psychologischem Ensembledrama.

Obwohl die Regieangabe in den vorliegenden Informationen nicht aufgeführt ist, lässt sich der Film als Produkt einer französischen Filmsprache lesen, die sich seit den 2000er Jahren wieder verstärkt dem urbanen Alltag und dem Geflecht interkultureller Beziehungen zuwendet. Insofern kann Beziehungsweise New York als Fortsetzung eines Motivs gelten, das in jüngeren französischen Arbeiten - bei denen die Stadt zur Projektionsfläche für individuelle Schicksale wird - bereits variiert wurde. Der Film rückt damit in ein größeres Gespräch über Globalität, Selbstinszenierung und die neue Verletzlichkeit des Subjekts.

Kurzüberblick zur Produktion

Die Regie ist in den hier vorgelegten Daten nicht genannt. Dieser Umstand ändert jedoch nichts an der lesbaren Handschrift des Films, die sich durch eine beobachtende Kameraführung und eine Präferenz für Ensemblekonstellationen auszeichnet. Die Inszenierung tendiert zu ruhigen, oft langen Einstellungen, in denen minimale Bewegungen der Figuren und subtile Verschiebungen im Raum die dramaturgische Spannung erzeugen. Dieser Stil verweist auf eine Regie, die dem Darstellerisch-Intimen Vorrang vor spektakulären Mitteln gibt.

Als französische Produktion, die in New York spielt, verlangt der Film eine Produktionstechnik, die transatlantische Kooperationsformen kennt: Stadtaufnahmen, die alltägliche Räume in den Fokus rücken, erfordern logistische Präzision und ein Produktionsteam, das mit den Anforderungen des Außen- und Studio-Drehs gleichermaßen vertraut ist. Budgetangaben liegen nicht vor, doch die ästhetische Zurückhaltung deutet auf eine Finanzierung hin, die mehr auf Schauspiel und Drehbuch als auf aufwendige Effekte setzt.

In der filmhistorischen Einordnung steht Beziehungsweise New York in einer Reihe von französischen Filmen, die urbane Polyphonie als narratives Prinzip übernehmen. Es ist ein Beitrag, der weniger durch formale Provokation als durch thematische Stringenz auffällt und damit seinen Platz im jüngeren französischen Kino als ein leises, beobachtendes Kapitel behauptet.

Die Hauptdarsteller & Hauptdarstellerinnen

Das Ensemble wird von bekannten französischen Gesichtern getragen, die je eine bestimmte Filmsprache und Erwartungshaltung mitbringen. Romain Duris, dessen Karriere von Rollen geprägt ist, die zwischen impulsiver Energie und existenzieller Ruhelosigkeit oszillieren, bringt eine nervöse Präsenz ein, die das Angezogene und das Flüchtige zugleich veranschaulicht. Seine früheren Arbeiten, etwa in urbanen Ensemblestücken, liefern eine Folie, auf der seine Figur hier als Suchender gelesen werden kann.

Audrey Tautou, in der Öffentlichkeit vielfach mit einer Art verschmitzter Melancholie assoziiert, übernimmt eine Rolle, die das subtile Spiel zwischen Oberfläche und Innenschau verlangt. Ihre filmische Vergangenheit, die eine Kombination aus charmantem Kopfkino und unterschwelliger Verletzlichkeit zeigt, bietet dem Film eine Figur, die sowohl rätselhaft als auch zugänglich bleibt.

Cécile De France bringt eine nüchterne, präzise Präsenz mit, die oft die Rolle des pragmatischen Gegengewichts zu impulsiveren Figuren übernimmt. Kelly Reilly, Li Jun Li und Sandrine Holt erweitern das Spektrum um angelsächsische und diasporische Perspektiven, sodass das Ensemble die kulturelle Heterogenität der Stadt widerspiegelt. Nebenprofessionelle Einsprengsel und bekannte Charakterdarsteller aus dem amerikanischen Theater- und Fernsehen runden das Bild ab und erzeugen eine Atmosphäre, in der die nationalen Prägungen der Darsteller zur thematischen Substanz werden.

Handlung (spoilerfrei!)

Der Film entfaltet mehrere Handlungsfäden, die in der Großstadt aufeinandertreffen und sich zeitweise verweben. Ohne auf eine klassische linear-kausale Struktur zu bestehen, beobachtet er Begegnungen, Trennungen und die kleinen Kompromisse des Alltags, aus denen größere emotionale Umwälzungen resultieren. Zentrale Figuren sind eine Handvoll Menschen unterschiedlicher Herkunft, deren berufliche und private Wege sich in urbanen Räumen kreuzen - in Wohnungen, Cafés, Büros und auf kurzen Straßenwegen, die als symbolische Übergänge fungieren.

Der dramatische Konflikt ergibt sich weniger aus einem einzigen Ereignis als aus der Kollision von Erwartungen: Die Vorstellung von Nähe stößt auf die Realitäten von Mobilität, Karriereambitionen und sprachlicher Entfremdung. Diese Spannungen werden in ruhigen Szenen sichtbar, in denen das Nichtgesagte mehr Gewicht hat als die verbohrten Dialoge. Ton und Atmosphäre sind von einer kontemplativen Klarheit, die kleinen Momenten der Intimität großen Raum lässt und die Stadt gleichzeitig als unerbittliche Bühne zeigt.

Zentrale Themen und Motive

Beziehungsweise New York stellt Fragen nach Zugehörigkeit und Selbstbild in einer globalisierten Gegenwart: Wie formieren sich Beziehungen, wenn physische Nähe nicht mehr automatisch Verlässlichkeit bedeutet? Welche Rolle spielt die Sprache, wenn Kommunikation brüchig wird? Der Film sucht weniger nach Antworten als danach, die Ambivalenzen sichtbar zu machen, die mit grenzüberschreitenden Lebensentwürfen verbunden sind.

Philosophisch kreist er um das Thema des Selbst als Konstruktion - ein Subjekt, das sich in einer Stadt von flüchtigen Spiegelbildern bildet. Gesellschaftlich betrachtet reflektiert der Film über die neoliberalen Bedingungen urbaner Lebenswelten, in denen Karriere und Flexibilität die Möglichkeiten des Zwischenmenschlichen beeinflussen. Psychologisch interessiert er sich für die Mechanismen von Nähe und Distanz: Wie wird Intimität hergestellt, wie bewahrt, wie aufgegeben? Motive wie Fenster, überlagerte Gesprächsfetzen und wiederkehrende Wege durch die Stadt fungieren als visuelle Leitmotive, die die innere Landschaft der Figuren außenbilden.

Ohne sensationelle Gesten oder pathetische Zuspitzungen bemüht sich der Film um eine präzise, sinnliche Beobachtung der Gegenwart: Beziehungsweise New York liest die Metropole als eine Summe von Begegnungen und Zwischenräumen, in denen die Bedingung menschlicher Bindung heute ausgelotet wird.

Filmkritik von Peter Osteried

Beziehungsweise New York – für Xavier und seine Freundinnen ist der Big Apple ein heißes Pflaster

Cèdric Klapisch hat mit Beziehungsweise New Yorkden Abschluss einer Trilogie vorgelegt, die im Jahr 2002 mit L’auberge espagnole – Barcelona für ein Jahrbegann. An Sequels ist er eigentlich nicht interessiert. Im klassischen Sinne ist Beziehungsweise New York auch keines, es ist vielmehr das nächste Kapitel im Leben der Protagonisten. Man lernte Xavier als Mittzwanziger kennen und erlebte seine Entwicklung mit, die sich auch im Leben des Regisseurs und der Schauspieler widerspiegelte. Sie sind nicht mehr, wer sie einmal waren – und der Film trägt dem Rechnung.

Xavier (Romain Duris) steht kurz vor dem 40. Geburtstag und arbeitet an seinem neuen Roman, mit dem er der Komplexität des Lebens nachspüren will. Seinem Leben natürlich, denn das hat es in sich. Seine Freundin Wendy (Kelly Reilly) trennt sich nach zehn Jahren von ihm und zieht von Paris nach New York – mit den beiden gemeinsamen Kindern. Darum beschließt auch Xavier, in den Big Apple zu ziehen, aber eine Aufenthaltsgenehmigung zu bekommen, ist schwierig. All das wird noch verkompliziert, weil er ein Mitspracherecht will, was die Ausbildung seiner Kinder betrifft. Dann besucht ihn noch seine alte Flamme Martine (Audrey Tautou) und seine lesbische Freundin Isabelle (Cecile de France) erwartet ein Kind, das dank seiner Spermaspende überhaupt erst möglich wurde. Alles schwierig, und das Leben wird von Tag zu Tag noch komplizierter …

Bevor Klapisch sich an diesen Film machte, wollte er, dass sein Hauptdarsteller Romain Duris zuerst Vater wird. Zwar muss man kein Vater sein, um einen zu spielen, aber er glaubt, dass sich ein anderer Blickwinkel ergibt, der sich auch subtil im Spiel niederschlägt.

Mit seinen Filmen, die er die „Trilogie der Reisen von Xavier“ nennt hat Klapisch so etwas wie den französischen Gegenpol zu Richard Linklaters Before-Filmen abgeliefert. Wie diese lebt auch Klapischs Trilogie und damit auch der neue Beziehungsweise New Yorkdavon, dass man in regelmäßigen Abständen Einblick in verschiedene Leben und damit auch eine Bestandsaufnahme bekommt. Zugleich verändern sich die Befindlichkeiten, sowohl die der Hauptfiguren als auch die der Zuschauer, die ebenso wie Xavier und seine Freunde immer wieder an einem anderen Lebensabschnitt ankommen und Dinge und Ereignisse damit neu bewerten.

Das ist eine der Stärken dieses Films, der naturbedingt in etwas episodische Struktur verfällt, da man dem Leben von gleich vier Menschen gerecht werden muss. Über fast zwei Stunden kommt dabei aber kein Moment der Langeweile vor, es ist fast, als würde man alte Freunde nach sehr langer Zeit wiedersehen und einen vergnüglichen Abend miteinander verbringen. Dieses Lebensgefühl verströmt Beziehungsweise New York, der mit seinen multikulturellen Weltbürgern ein Ideal propagiert, das im echten Leben vielleicht noch nicht erreicht, aber sicherlich erstrebenswert ist.

Beziehungsweise New Yorkist wie das Leben selbst. Dramatisch, traurig, verspielt, liebenswert, lustig und alles dazwischen. Man leidet und liebt mit den Figuren mit. Einerseits, weil man sie mittlerweile so gut kennt, andererseits, weil man in ihnen Elemente des eigenen Selbst wiedererkennt. Der Film hat dementsprechend auch eine introspektive Wirkung auf den Zuschauer.

Ob es das mit den Reisen von Xavier wirklich gewesen ist? Er bekommt sein Happyend, damit verrät man wirklich nicht zu viel, aber was heißt das schon? Das gab es früher auch. Das Leben funktioniert einfach anders. Im Moment schließt Cedric Klapisch aus, Xavier noch einmal einen filmischen Besuch abzustatten, aber wer weiß schon, was in zehn Jahren ist. Eines ist jedoch gewiss. Als Zuschauer möchte man irgendwann gerne zu diesen Figuren zurückkehren, schon allein, um zu sehen, wie sich ihr Leben entwickelt hat und wie es um die kleinen Dramen bestellt ist, die die Existenz eines jeden nun mal auszeichnen und definieren.

Beziehungsweise New Yorkist ein schöner, ein vergnüglicher Film, der das Leben zelebriert, auch und gerade, weil es kompliziert ist. Und dann auch, weil es das nicht ist. Es ist letztlich nur eine Frage der Sichtweise. Am Ende geht es nur darum, die glücklichen und bedeutsamen Momente zu erleben und in vollen Zügen zu genießen.

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