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Die göttliche Ordnung

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kritiken.de Redaktion 03.08.2017
Die göttliche Ordnung© Alamode Film
A ca. 1416 Worte Lesezeit ca. 5 Minuten  📋 Inhalt

Die göttliche Ordnung: Kleine Komödie, großer Umbruch - Eine Studie zur Macht der Alltagsroutinen

Einleitung

Petra Volpes Die göttliche Ordnung kehrt eine vermeintlich abgeschlossene Epoche um und macht aus einem historischen Moment eine leise, pointierte Moralstudie. Der 2017 erschienene Film erzählt nicht nur vom Kampf um das Frauenstimmrecht in der Schweiz - er seziert die Mechanik gesellschaftlicher Selbstverständlichkeiten, die den Wandel lange blockieren. Gerade weil Volpe die großen politischen Schlagworte verweigert und stattdessen auf Alltagskonstellationen setzt, gewinnt der Film an analytischer Schärfe und kultureller Relevanz.

Der Film ist relevant, weil er einen nationalen Einschnitt - die Einführung des Wahlrechts für Frauen auf Bundesebene 1971 - aus der Perspektive jener verortet, die am unmittelbarsten von der Regelung betroffen waren: ländliche Frauen, Ehepartner und Nachbarschaften. In einer Zeit, in der Debatten über Gleichstellung und Erinnerungspolitik neu aufflammen, fungiert Die göttliche Ordnung als Spiegel, der historische Selbstbilder überprüfbar macht. Volpes Erzählung richtet sich nicht allein an historische Bekennerinnen, sondern an ein Publikum, das die Verhältnisse hinterfragt, die als banal gelten.

Stilistisch und tonär betrachtet bewegt sich der Film zwischen heiterer Komödie und politischem Drama. Diese Spannung macht seine Wirkung aus: Lachen und Ärger entstehen aus denselben Sequenzen, aus der Konfrontation von Ritualen mit aufkeimendem Widerstand. Volpes Umgang mit Stoff und Figuren vermeidet Pathos und setzt stattdessen auf eine präzise Beobachtungssprache, die dem Zuschauer Raum zur Reflexion lässt.

Kurzüberblick zur Produktion

Regie führte Petra Volpe, die das Drehbuch schrieb und das Thema als zentralen Punkt ihres bisherigen Schaffens begreift. Volpe hat sich in ihrer Arbeit immer wieder mit Geschlechterrollen und gesellschaftlicher Normierung auseinandergesetzt; Die göttliche Ordnung markiert zugleich ihren Durchbruch im Kino und ihre prägnanteste Auseinandersetzung mit einem historischen Moment. Die Produktion entstand im schweizerischen Kontext, mit den typischen Beschränkungen eines nationalen Arthouse-Kinos - ein begrenztes Budget, dafür eine klare thematische Positionierung und eine Produktion, die auf Authentizität in Kostüm, Ausstattung und Lokalität legte.

Obwohl es sich formal um eine Komödie handelt, ist die Inszenierung handwerklich auf Präzision und Glaubwürdigkeit ausgerichtet. Die Bildsprache vermeidet Effekte zugunsten einer klaren, oft symmetrischen Komposition, die das Dorf als soziales Gefüge lesbar macht. Schnitt und Rhythmus bevorzugen Montage, die Milieus sichtbar hält und zugleich Spannungen auflöst, bevor sie eskalieren. Die göttliche Ordnung etablierte sich in der Schweiz als Publikumserfolg und war darüber hinaus die nationale Einreichung für die Oscars - ein Hinweis auf die Verbindung von lokalem Thema und universaler Anziehungskraft.

Die Hauptdarsteller & Hauptdarstellerinnen

Im Zentrum steht Marie Leuenberger, die als Protagonistin die Zerrissenheit zwischen privater Harmonie und öffentlichem Dissens verkörpert. Leuenberger, in Theaterkreisen bereits bekannt, bringt eine subtile Mischung aus bodenständiger Wärme und innerer Brisanz in die Rolle. Ihre Performance vermeidet pathetische Gesten und setzt auf Nuancen: kleine Blicke, veränderte Körperhaltung, die schrittweise Emanzipation sichtbar machen.

An ihrer Seite agiert Maximilian Simonischek als Vertreter der konservativen Kleinfamilie - ein Charakter, der nicht als archetypischer Schurke funktioniert, sondern als Produkt seiner sozialen Umstände. Seine Präsenz erzeugt die nötige Spannung, weil er den Alltag verkörpert, gegen den sich der Wandel richtet. Ergänzt wird das Ensemble durch eine starke Reihe von Darstellerinnen und Darstellern, die die Dorfgesellschaft plastisch machen: erfahrene Charakterköpfe übernehmen Rollen als Nachbarinnen, Aktivistinnen und Lokalpolitikerinnen, während jüngere Schauspielerinnen den Aufbruch und die Verunsicherung sichtbar machen.

Auch internationale und regionalkonturierte Namen treten auf; sie ordnen sich dem kollektiven Ensemble unter und zeigen, wie Volpe auf Ensemblearbeit statt auf starbesetzte Ikonographie vertraut. Die Figuren sind dabei weniger Typen als sozial verortete Menschen - ein Ansatz, der die politische Aussage des Films entpersonalisiert und in Strukturen lesbar macht.

Handlung (spoilerfrei!)

Die göttliche Ordnung erzählt von einer jungen Frau in einem schweizerischen Dorf zu Beginn der 1970er Jahre, deren alltägliches Leben durch die Debatte ums Frauenstimmrecht ins Rutschen gerät. Der dramatische Konflikt entsteht aus dem Zusammenprall persönlicher Loyalitäten mit emergenten politischen Überzeugungen: Familie, Arbeit, Nachbarschaft und Glauben geraten in ein Spannungsfeld, das nach einem Ausweg verlangt. Die Erzählung bleibt dabei bewusst lokal und episodisch - sie beobachtet Begegnungen, Hausgespräche und Versammlungen, zeigt die Mechanik von Druck und Solidarität und vermeidet große, expository Momentaufnahmen.

Die zentralen Figuren sind die Protagonistin, ihr Partner, einige enge Vertraute und die Aktivistinnen der Bewegung. Tonal bewegt sich der Film zwischen ironischer Leichtigkeit und ernsthafter Ernsthaftigkeit; atmosphärisch dominiert eine Mischung aus warmem Nostalgie-Licht und der Kühle institutioneller Räume. Die Komödie entsteht nicht aus Pointen, sondern aus der Konfrontation von Gewohnheit mit Beharrungskräften.

Zentrale Themen und Motive

Im Mittelpunkt des Films stehen Fragen nach Legitimität, Selbstbestimmung und dem Verhältnis von Privatheit und Politik. Volpe interessiert weniger die heroische Geste als die Mikrophysik der Macht - wie Routine, Sprache und Rollenbilder politische Selbstverständlichkeiten generieren und stabilisieren. Die göttliche Ordnung fragt, wie Veränderung im Kleinen beginnt und welche Allianzen notwendig sind, damit sie Bestand hat.

Philosophisch berührt der Film Themen der Autonomie und der politischen Subjektbildung: Wann wird ein Individuum zum politischen Subjekt, und welche sozialen Kosten sind damit verbunden? Gesellschaftlich rückt die ländliche Perspektive in den Mittelpunkt und macht deutlich, dass Fortschritt nicht linear verläuft, sondern aus Aushandlungen besteht. Psychologisch beobachtet Volpe, wie Scham, Loyalität und Furcht Entscheidungen prägen - und wie Humor als Überlebensmechanismus und als strategisches Mittel dient.

Die Motive, die immer wieder auftauchen, sind Rituale der Ordnung - Sonntagspraktiken, Familienmahlzeiten, Nachbarschaftsrituale - und deren schrittweise Aufweichung. Diese Wiederholungen machen sichtbar, wie sehr politische Veränderung an der Aufhebung von Routinen hängt. Volpes filmische Antwort ist keine finale Lösung, sondern eine genaue Bestandsaufnahme: Der Film dokumentiert, analysiert und lädt zur weiteren Reflexion über die Bedingungen gesellschaftlicher Anerkennung ein.

Filmkritik von Bianka Piringer

Eine Hausfrau entdeckt ihre Stimme

Selbst in der großen Zeit der Umwälzungen, die die 1968er-Bewegung in der westlichen Welt in Gang setzte, legte man in der traditionsbewussten Schweiz wenig Wert darauf, mit dem Strom zu schwimmen. Als die Bevölkerung 1971 über die Einführung des Frauenstimmrechts entscheiden soll, sind die Widerstände nicht nur bei Männern groß. Die GegnerInnen wittern buchstäblich einen Verstoß gegen die göttliche Ordnung, wenn Frauen in der Politik mitmischen. Doch selbst in dem beschaulichen Dorf, in dem die junge Hausfrau und Mutter Nora (Marie Leuenberger) lebt, kündigt sich ein Bewusstseinswandel an, und er wird einigermaßen stürmisch verlaufen.

Das humorvolle Drama von Regisseurin und Drehbuchautorin Petra Volpe („Traumland“) erinnert sehr anschaulich und zugleich unterhaltsam daran, dass die Emanzipation den Frauen jener Generation nicht in den Schoß fiel. Der 1968er-Spruch „Das Private ist politisch“ bewahrheitet sich für Nora und ihre Mitstreiterinnen auch im umgekehrten Sinn, denn ihr Eintreten für das Frauenstimmrecht gefährdet nicht nur den Dorffrieden, sondern auch ihre familiären Beziehungen.

Nora ist anfangs eine brave Frau, die den Haushalt schmeißt und ihrem meckernden Schwiegervater den Tee serviert, wenn er danach ruft. Nun möchte sie halbtags als Sekretärin arbeiten. Da hat sie aber die Rechnung ohne ihren Mann Hans (Max Simonischek) gemacht. Er will das nämlich nicht und weist sie darauf hin, dass sie gesetzlich auf seine Zustimmung angewiesen ist. So wird Nora neugierig auf die Broschüren, die Frauenrechtlerinnen in der Stadt verteilen.

Mit Empörung verfolgt Nora auch das Drama, das sich im Hause ihrer Schwägerin Theresa (Rachel Braunschweig) abspielt. Deren unangepasste Tochter landet erst im Erziehungsheim und dann im Gefängnis, ohne etwas Böses getan zu haben. Und dann ist da noch die alte Vroni (Sibylle Brunner), die den Dorfgasthof betrieb und nun mittellos dasteht, weil ihr verstorbener Mann alles versoff. Gemeinsam mit Vroni und einer weiteren Frau organisiert Nora eine Informationsveranstaltung zum Frauenstimmrecht im Dorf. Nach Meinung der meisten Bewohner ist das ein klarer Verstoß gegen die guten Sitten.

Volpe zeichnet den Pfad der Emanzipation als steinig und voller Rückschläge, was dem Film eine geerdete Authentizität verleiht. Marie Leuenberger entwickelt Starqualität, gerade weil sie die Hauptfigur als so zurückhaltend bescheidenen Charakter spielt. Nora verkörpert schweizerische Bodenständigkeit und zugleich auf ganz unprätentiöse Art ein damals neues Selbstbewusstsein. Ihr Mann Hans wiederum wird keineswegs als Ekel präsentiert, nur weil er sich ängstlich gegen den frischen Wind wehrt. Die leisen Töne dominieren auch in der Musik, wenn nicht gerade mit dem einen oder anderen Flower-Power-Hit versucht wird, der Aufbruchstimmung im Film mehr Energie einzuimpfen.

Volpe lässt kaum einen Aspekt damaliger Emanzipation aus, nicht die sexuelle Selbsterforschung der Frauen, nicht die Entdeckung gleichgeschlechtlicher Solidarität. Viele Themen wirken exemplarisch gestreift, wie für ein Erinnerungsalbum zusammengestellt, dessen Betrachtung schmunzeln lassen soll. So ist im an sich wohlgeratenen Film aber leider wenig von dem Feuer zu spüren, das mit dem Bewusstseinswandel in Wirklichkeit einherging. Der Geschichte hätte ein wenig von der Radikalität einer Iris von Roten gutgetan, von der die Dokufiktion „Verliebte Feinde“ über diese schweizerische Feministin der 1950er Jahre zeugt. Denn bei Volpe bestimmt das filmische Bestreben, die Dorfgemeinschaft versöhnlich zu betrachten, allzu sehr die Perspektive.

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