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The Party

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kritiken.de Redaktion 27.07.2017
The Party© Weltkino Filmverleih
A ca. 1442 Worte Lesezeit ca. 5 Minuten 30 Sekunden  📋 Inhalt

The Party - Gesellschaftsanatomie im Einraumdrama: Sally Potters feinparodistische, lakonische Falte der Moral

Einleitung

Sally Potters The Party nimmt die vertraute Form der Salonkomödie und verwandelt sie in ein Präzisionsinstrument, mit dem die Risse einer liberalen Kultur seziert werden. Der Film ist kein furioses Spektakel, sondern ein intimes Seziertheater: eine überschaubare Gruppe von Gästen, ein übersichtlicher Wohnraum, eine Reihenfolge von Gesten und Geständnissen, die nach und nach das soziale Gewebe entblättern. In seiner Knappheit und formalen Strenge gewinnt The Party an Relevanz als Spiegel der politischen und moralischen Verhältnisse der späten 2010er Jahre.

Relevanz entsteht hier nicht durch laute Parolen, sondern durch das genaue Beobachten alltäglicher Interaktion. Potters Film ist insofern mehr als Unterhaltung: er ist eine Laborprobe für die Beobachtung von Heuchelei, Rivalitäten und den performativen Mechanismen, mit denen sich Milieus selbst reproduzieren. Gerade in einer Zeit, in der politische Identität zunehmend privat inszeniert wird, liefert The Party eine Studie darüber, wie das Politische in intimen Situationen wiederkehrt.

Für Potters Werk markiert dieser Film einen kompakten, konzentrierten Moment. Nach anekdotisch-erzählstärkeren Werken wie Ginger & Rosa und formal gewagteren Filmen wie Orlando kehrt sie hier zu einer hermetischen, theatralischen Form zurück, die bei aller Lakonie ihrerseits programmatisch ist: die Bühne wird zur Mikropolitisierung des Alltags. Der Ton ist lakonisch und satirisch zugleich, ohne auf einfache Moralisierungen zurückzugreifen. So lotet The Party die Spannungsfelder zwischen Kulisse und Wahrheit, Intimität und Publikum aus.

Kurzüberblick zur Produktion

Regie führte Sally Potter, deren Handschrift sich in einer stringenten Verbindung von Sprachwitz, ironischer Distanz und formaler Kontrolle zeigt. Potter arbeitet häufig mit reduzierten Mitteln und einem hohen Maß an Regie-Ästhetik; The Party setzt diese Linie als kleines, intim inszeniertes Kammerspiel fort. Auffällig ist die Entscheidung für eine beschränkte Spielstätte und eine knappe Laufzeit, die den Eindruck eines aufgezeichneten Bühnenstücks verstärkt und die Dramatik auf die Interaktionen der Figuren fokussiert.

Die Produktion ist eine bewusst kleinformatige britische Ensembleproduktion, die auf die Ressourcen eines Studios im Blockbuster-Sinne verzichten kann. Dreh in wenigen Räumen, eine überschaubare Crew und die Konzentration auf Schauspiel und Raumgestaltung lassen auf ein kompaktes Budget und eine produktionstechnische Absicht schließen, die filmische Ökonomie als Stilmittel zu nutzen. Der Festivalstart und die anschließende Verbreitung über Festivals und ausgewählte Kinostarts haben The Party als ein Werk positioniert, das weniger auf Marktbreite als auf kritische Rezeption zielt.

Im Gesamtwerk Potters steht dieser Film neben ihren zuvor verfolgten Themen: Identität, Gender, politische Haltung und die Inszenierung des Selbst. The Party liest sich als nüchterne, fast chirurgische Ergänzung zu ihren früheren, oft lyrischeren Arbeiten und zeigt Potter als Regisseurin, die sich formal zu beschränken weiß, um in den Details umso deutlicher zu werden.

Die Hauptdarsteller & Hauptdarstellerinnen

Das Ensemble ist prominent und heterogen, was dem Film seine Spannweite gibt. Patricia Clarkson übernimmt die Rolle der Gastgeberin - eine Frau, deren vermeintlicher Erfolg Anlass für das Treffen ist und die als Katalysator für die entstehenden Verwerfungen dient. Clarkson bringt ihre Erfahrung mit subtiler Interieurarbeit und ironischer Distanz ein, wie man sie aus ihren früheren Arbeiten kennt.

Bruno Ganz fungiert als repräsentative Figur des alten Europa; seine Präsenz verleiht dem Ensemble eine ruhige Gravitas. Ganz spielt den zurückgenommenen Intellektuellen, dessen Beobachtungen und Andeutungen das Geschehen immer wieder verschieben und perspektivisch verdichten. Kristin Scott Thomas und Cherry Jones stehen für unterschiedliche Facetten liberaler Bürgerschaft: die eine verkörpert Zurückhaltung und aristokratische Kontrolle, die andere eine heitere, amerikanische Direktheit. Timothy Spall bringt als möglicher Widerpart eine rauere, konfrontativere Energie ins Feld, während Emily Mortimer und Cillian Murphy die jüngere Generation vertreten, mit Formen von Skepsis, Unsicherheit und einer anderen Moralökonomie. Gemeinsam bilden sie einen Mikrokosmos, in dem Berufsbiographien, Herkunft und persönliche Geschichte die Streitlinien markieren.

Handlung (spoilerfrei!)

The Party entfaltet seine Dramaturgie in einem engen zeitlichen und räumlichen Rahmen: eine Feier in einer Wohnung, anlässlich eines beruflichen Ereignisses der Gastgeberin. Was als geselliges Beisammensein beginnt, entwickelt sich Schritt für Schritt zu einer Serie von Konfrontationen und Enthüllungen. Der dramatische Konflikt ist nicht ein einziges zentrales Ereignis, sondern das sukzessive Aufeinandertreffen rivalisierender Wahrheiten und persönlicher Eitelkeiten, die die fragile Kohärenz der Gruppe erodieren lassen.

Zentral sind dabei die Figurenkonstellationen: Gastgeberin und Gäste, Paare und Einzelne, Zugehörige einer bestimmten sozialen Schicht. Der Ton des Films bewegt sich zwischen schneidendem Humor und beißender Bitterkeit; die Atmosphäre ist klaustrophobisch und zugleich komisch, weil die sozialen Regeln des Anstands immer wieder auf die Probe gestellt werden. Potters Kamera und Schnitt rhythmisieren diese Eskalation so, dass der Zuschauer weniger eine lineare Auflösung als eine Verdichtung von Spannungen erlebt.

Zentrale Themen und Motive

Im Zentrum von The Party stehen Fragen nach Authentizität, Verantwortung und den performativen Dimensionen politischer Haltung. Der Film fragt, wie moralische Ansprüche im Alltag verhandelt werden und inwieweit öffentliche Positionen private Beziehungen durchdringen. Er erkundet die Kluft zwischen sprachlicher Empörung und praktischer Verantwortung, zwischen liberaler Selbstdarstellung und tatsächlicher Solidarität.

Motivisch arbeitet Potter mit wiederkehrenden Elementen: der Wohnzimmerraum als politischer Schauplatz, die Glaswand als Membran zwischen Innen und Außen und das präzise Timing der Dialoge als Mittel, um Machtverschiebungen sichtbar zu machen. Formal nutzt der Film die Enge des Sets, monochrome Bildgebung und eine choreografierte Figurenbewegung, um die Fragilität sozialer Übereinkünfte zu betonen. Auf einer philosophischen Ebene geht es um das Verhältnis von Wahrheit und Image, auf einer psychologischen um die Angst vor Bloßstellung und die Mechanismen, mit denen Menschen ihr Gesicht wahren.

Ohne einfache Antworten zu liefern, legt The Party Schichten einer Gesellschaft frei, die an ihrer eigenen Rhetorik scheitert. Der Film bleibt dabei interpretativ offen: Er zeigt, ohne definitive Urteile zu sprechen, und lädt so zu einer Reflexion über die moralischen Herausforderungen jener Sozialität ein, in der öffentlicher Anspruch und privates Versagen unauflöslich miteinander verwoben sind.

Filmkritik von Bianka Piringer

Kultiviert und verlogen

Es hätte eine fröhliche Feier werden sollen in einem Londoner Haus. Janet (Kristin Scott Thomas) empfängt ein paar enge Freunde, um ihre Ernennung zur Gesundheitsministerin des oppositionellen Schattenkabinetts zu feiern. Während sie in der Küche Häppchen vorbereitet, legt ihr Ehemann Bill (Timothy Spall) mit versteinerter Miene Bluesmusik auf und spricht dem Rotwein zu. Und es ist auch kein gutes Omen, dass Janets Freundin April (Patricia Clarkson) beim Entkorken des Sekts eine Fensterscheibe einschlägt.

Vieles an dieser schwarzen Komödie der britischen Regisseurin Sally Potter („Ginger & Rosa“) erinnert an Roman Polanskis „Der Gott des Gemetzels“. Auch wenn der Anlass der Zusammenkunft hier ein guter ist, stehen die Zeichen bald auf Sturm. Die Gastgeber und ihre Gäste sind gebildete Menschen aus der Politik, Wirtschaft, Wissenschaft, Kultur. Aber auf ihr zivilisiertes Benehmen und den lässigen Humor ist kein Verlass mehr, wenn es ans Eingemachte geht. Überall brechen Beziehungskrisen auf und die eigenen Gewissheiten verwandeln sich blitzschnell in Lebenslügen. Manch einer läuft Gefahr, Opfer eigener oder fremder Affekte zu werden.

Potter lässt die Handlung praktisch in Echtzeit in verschiedenen Räumen des Stadthauses und seinem Hof filmen. Aufgrund der Zweier- und Dreiergrüppchen, die sich bilden, teilt sich das Geschehen ab und zu in parallele Stränge auf. So wirkt die Geschichte zwar bühnenhaft, lebt aber dennoch von der launigen Schnittregie, die banale und wehleidige Szenen mit echten Notsituationen im Zimmer nebenan kombiniert.

Die Charaktere scheinen eine Gemeinsamkeit zu haben, nämlich dass sie von sich selbst eingenommen sind und wenig auf die anderen achten. Da ist zum Beispiel Janet, die glückliche Politikerin, die im Bad heimlich ein Liebestelefonat führt. Dass Bill, der alte Professor, einen verstörten Eindruck macht, scheint sie nicht zu bemerken. Sie glaubt, ihn zu kennen, aber dieser Irrtum wird sich bitter rächen.

Schnell wird klar, dass die Charaktere zu Karikaturen stilisiert und überhöht sind. Ihre persönliche Glaubwürdigkeit kommt dabei aber leider zu kurz, was sie nicht gerade interessanter macht. Außerdem gibt es unter ihnen Typen, die altbekannte Klischees verkörpern. Das gilt beispielsweise für den Banker Tom (Cillian Murphy), der schwer kokainsüchtig ist. Oder auch für den von Bruno Ganz sehr eindringlich gespielten Esoteriker Gottfried, der sich zum Therapeuten der Gruppe aufschwingt. Seine Frau April hat Haare auf den Zähnen und setzt nicht nur Gottfried mit ätzendem Zynismus herab. Und dann ist da noch das lesbische Paar Martha (Cherry Jones) und Jinny (Emily Mortimer), das Drillinge erwartet. Martha, die feministische Professorin, schockt Jinny mit der Bemerkung, dass sie selbst nun das Denken und die schwangere Jinny den animalischen Part übernehme. Dieser Seitenhieb Potters auf Feministinnen, die sich von patriarchalischen Rollenvorstellungen nicht richtig gelöst haben, sitzt.

Solche Pointen verdichten sich aber nicht zu einer wirklich mitreißenden Gesellschaftskritik. Das stilvolle Schwarzweiß der Bilder wirkt etwas gekünstelt, denn es signalisiert zwar Zeitlosigkeit, aber der Inhalt ist dafür nicht substanziell genug. Bill legt Jazz- und Latino-Musik auf, die mit ihrer guten Laune in diesem Kreis direkt gestrig wirkt. Die Menschen haben das Savoir-vivre verlernt. Das ist zumindest eine Erkenntnis, über die es sich nach dieser satirischen, nur angenehme 71 Minuten dauernden Posse zu diskutieren lohnt.

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