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Das ist unser Land

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kritiken.de Redaktion 24.08.2017
Das ist unser Land© Alamode Film
A ca. 1228 Worte Lesezeit ca. 4 Minuten 30 Sekunden  📋 Inhalt

Das ist unser Land - ein nüchterner Blick auf Populismus, Alltag und moralische Verführungen

Einleitung

Mit Das ist unser Land tritt ein Film an, der weniger durch spektakuläre Gesten als durch die Genauigkeit seiner Beobachtung besticht. In einer Epoche, in der politische Rhetorik zunehmend in den Alltag eindringt, beansprucht dieser Film Aufmerksamkeit, weil er die Mechanik der Verführung und die Verwundbarkeit sozialer Bindungen in den Mittelpunkt stellt. Er fordert nicht mit plakativen Urteilen, sondern mit der langsam sich entfaltenden Erkenntnis, wie sich private Lebensentwürfe und öffentliche Agenden überlagern.

Der Film ist nicht nur wegen seiner Thematik relevant, sondern auch durch seine Entstehungszeit. Ende August 2017, nur Monate nach einer polarisierten Präsidentschaftswahl in Frankreich, bietet das Werk einen Spiegel für europäische Debatten über Identität, Zugehörigkeit und politische Repräsentation. Die Aktualität des Stoffes verleiht dem Drama Schärfe: Es ist ein filmisches Dokument jener Momente, in denen politische Angebote ihre Attraktivität in Lebensrealitäten einzupflanzen versuchen.

Ton und Haltung des Films verweisen auf eine künstlerische Tradition, die auf genaue Personenstudien und ein skeptisches Interesse an Machtverhältnissen setzt. Statt moralischer Simplizität interessiert sich der Film für Graubereiche - für die Brüche, die im Alltäglichen beginnen und politisch wirksam werden. Diese Zurückhaltung macht seine Aussage nicht leiser, sondern schärfer: Die Leinwand wird zur Bühne für das Wesen moderner Konflikte.

Kurzüberblick zur Produktion

Das ist unser Land ist eine franko-belgische Koproduktion, die sich formal an eine nüchterne, realistische Ästhetik hält. Regie führte Lucas Belvaux, dessen Arbeit seit langem zwischen politischem Engagement und psychologischem Feinblick oszilliert. Belvaux bringt eine Handschrift mit, die sich durch präzise Figurenführung, eine Vorliebe für Ensemblekonstellationen und eine Abkehr von didaktischer Überzeichnung auszeichnet. Die Kameraarbeit ist behutsam, die Montage darauf bedacht, Kausalzusammenhänge mehr zu suggerieren als zu erklären.

Die Produktionsumstände reflektieren ein Projekt, das auf inhaltliche Nähe statt auf spektakuläre Effekte setzt. In einem Umfeld, das sowohl Festivalzirkus als auch publizistischen Widerhall suchte, positionierte sich der Film als ernstzunehmender Beitrag zur Diskussion über Demokratie und Medien. Die Co-Produktion zwischen Frankreich und Belgien ist auch Ausdruck einer grenzüberschreitenden Debatte: Die Themen des Films gehen über nationale Partikularitäten hinaus und zielen auf europäische Fragestellungen.

Innerhalb des filmischen Schaffens von Belvaux nimmt dieses Werk eine Stelle ein, die kontemplative Schärfe mit politischer Relevanz verbindet. Es reiht sich in eine Reihe von Arbeiten ein, die weniger auf spektakuläre Inszenierungen als auf die Konsequenzen kollektiver Entscheidungen für das Individuum schauen.

Die Hauptdarsteller & Hauptdarstellerinnen

Émilie Dequenne, die durch ihre Durchbruchrolle in Rosetta bekannt wurde, verkörpert hier die zentrale Figur - eine Frau, deren Wärme und Verletzbarkeit den unerwarteten Anziehungspunkten der politischen Szene gegenübergestellt werden. Dequennes Spiel ist von einer stillen Präsenz getragen, die den Zuschauer an der inneren Zerrissenheit ihrer Rolle teilhaben lässt.

André Dussollier bringt seine Erfahrung als charakterstarker Altmeister in eine Rolle ein, die für das Ensemble als Gegengewicht fungiert. Sein Spiel balanciert zwischen Autorität und Ambivalenz und verleiht dem Film eine institutionelle Dimension. Guillaume Gouix, dessen Porträts oft von intensiver physischer Präsenz leben, übernimmt eine Funktion innerhalb der Erzählung, die Spannung zwischen persönlicher Loyalität und politischer Mechanik sichtbar macht. Ergänzt wird das Ensemble durch bekannte Gesichter wie Catherine Jacob und Anne Marivin, die mit kleineren, aber markanten Einsätzen das soziale Netz der Geschichte ausleuchten.

Handlung (spoilerfrei!)

Im Zentrum des Films steht eine junge Frau, deren beruflicher Alltag und private Verhältnisse sie für ein politisches Angebot empfänglicher machen, als sie zunächst vermutet. Aus kleinen Gefälligkeiten und scheinbar unscheinbaren Begegnungen entwickelt sich eine Annäherung an eine Partei, deren Rhetorik soziale Sorgen aufgreift und instrumentalisierbar macht. Der dramatische Konflikt entsteht aus der Spannung zwischen individueller Moral und kollektiver Verführungskraft: Wie weit geht man, wenn Zugehörigkeit Sicherheit verspricht, und welchen Preis fordert die Identität dafür?

Die zentralen Figuren agieren in einem engen sozialen Feld - Familie, Kolleginnen und Kollegen, lokale Funktionäre - und bilden so ein Mikrokosmos, in dem politische Diskurse konkrete Auswirkungen auf Beziehungen und Selbstverständnis haben. Der Ton ist eher kontemplativ und nüchtern als hysterisch; die Atmosphäre eine Mischung aus alltäglicher Nähe und latent gespannter Erwartung. Die erzählerische Energie entsteht aus kleinen Eskalationen und den Konsequenzen persönlicher Entscheidungen, nicht aus spektakulären Wendungen.

Zentrale Themen und Motive

Der Film stellt Fragen nach Zugehörigkeit, Verantwortung und Verführbarkeit. Er erkundet, wie populistische Narrative soziale Unsicherheiten auffangen und in politische Loyalität verwandeln. Dabei interessieren ihn weniger ideologische Plausibilitäten als die psychologischen und sozialen Mechanismen, die Menschen in solche Prozesse hineinziehen. Es geht um Moral als Praxis, um Scham, Kompensation und die Suche nach Anerkennung - Phänomene, die politisch instrumentalisierbar sind.

Auf motivischer Ebene arbeitet der Film mit Kontrasten zwischen Innen- und Außenräumen, mit intensiven Nahaufnahmen, die Gesichter als Resonanzräume für Ambivalenz nutzen, und mit einer Montage, die die Diskrepanz zwischen inszeniertem politischen Pathos und banalem Alltag offenlegt. Die wiederkehrende Präsenz von Medienbildern und öffentlichen Reden fungiert als Katalysator - sie macht sichtbar, wie Sprache und Bild Öffentlichkeit formen und private Entscheidungen beeinflussen. So entsteht ein dichtes Panorama, das weniger zur Belehrung denn zur Reflexion einlädt: Wie wird aus einem persönlichen Bedürfnis eine kollektive Haltung, und welche Brüche hinterlässt dieser Prozess.

Filmkritik von Peter Osteried

„Das ist unser Land“: Ein wichtiger Film vor der Wahl

Ein Film wie Das ist unser Landist gerade heute wichtiger und eindrucksvoller denn je, da er eindringlich zeigt, wie Menschen Opfer des Populismus werden und sich nur allzu leicht darauf einlassen können, während sie eigentlich anständig und engagiert sind. Doch dann verschwimmen die Grenzen.

Die Krankenpflegerin Pauline kümmert sich um ihren Vater, ihre Kinder und ihre Patienten. Sie ist hingebungs- und aufopferungsvoll. Das fällt auch dem Arzt Dr. Berthier auf, der für eine nationalistische Partei tätig ist und nach einer passenden Kandidatin für die Bürgermeisterwahl sucht. Er macht ihr schmackhaft, dass sie die ideale Kandidatin ist, dass sie als Bürgermeisterin dafür sorgen könnte, dass soziale Missstände verschwinden. Pauline lässt sich darauf ein und erhält die Unterstützung der Parteichefin Agnes Dorgelle, deren Vater als Alt-Nazi bekannt ist. Während Pauline eine Beziehung mit einem Neo-Nazi anfängt, merkt sie, wie ihre neue politische Agenda sie Familie und Freunden entfremdet, aber sie muss auch erkennen, in welch dreckiges Geschäft sie sich begeben hat.

Der Film des belgischen Regisseurs Lucas Belvaux nimmt natürlich deutliche Anleihen bei der französischen Politik-Landschaft und spielt auf den Front National, aber auch auf Marine Le Pen an. Die Figuren sind zwar fiktiv, die Hintergründe aber nur zu real. Erschreckend ist dabei der Blick in die Arbeitsmethoden rechtsextremer und rechtspopulistischer Parteien, die nach außen eine Fassade aufrechterhalten, sich aber eigentlich Techniken bedienen, die weit jenseits jeder Rechtsstaatlichkeit stehen.

Belvaux gestaltet seinen Film fast schon wie ein dokumentarisches Drama. Er zeigt auf, wie die Hauptfigur verführt wird, wie sie, die Tochter eines Kommunisten, zum anderen Ende des politischen Spektrums wechselt und ausblendet, was um sie herum passiert. Wer hinsehen will, der erkennt, was hier gespielt wird, aber Pauline verschließt die Augen. Vor der Partei, vor den Methoden der Partei, aber auch vor den Taten ihres Freundes.

DAS IST UNSER LAND ist ein so intelligenter wie beklemmender Film, weil er nüchtern und kühl seziert, wie rechtspopulistische Politik funktioniert, wie sie Strömungen und Stimmungen aufgreift und wie sie auf Anhänger wirkt. Eine besonders starke Szene ist die, als eine Freundin von Pauline die Werbeplakate abreißt, aber von einer Rotte Jugendlichen bedroht wird. Politik wie diese ermutigt den Sprung hin zu Gewalttätigkeit. Sie verroht und entmenschlicht.

Dies ist ein wichtiger Film, bei dem nur eines wirklich schade ist: Dass ihn sicherlich nicht diejenigen sehen werden, die ihn dringend sehen müssten.

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