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Atomic Blonde

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kritiken.de Redaktion 24.08.2017
Atomic Blonde© Universal Pictures Germany
A ca. 1417 Worte Lesezeit ca. 5 Minuten  📋 Inhalt

Atomic Blonde - Kühle Gewalt und Identität: Der weibliche Agent im neonbeleuchteten Kalten Krieg

Einleitung

Atomic Blonde tritt auf einer Bühne an, die zugleich vertraut und verschoben wirkt: der Spionagethriller der späten Achtzigerjahre, übersetzt in eine Gegenwart, die sich an Stilmitteln der Popkultur vergangener Jahrzehnte labt. Der Film nimmt den historischen Moment des Mauerfalls zum Kontext, nutzt ihn aber weniger zur historischen Rekonstruktion als zur Kulisse für eine Studie über Verrat, Rolleninszenierung und die Körperlichkeit von Macht. In der deutschen wie internationalen Kritik löste der Film deshalb eine doppelte Lesart aus - als Pop-Produkt mit kultivierter Oberfläche und als Versuch, klassische Agentennarrative durch eine andere Perspektive zu befragen.

Relevanz gewinnt Atomic Blonde nicht nur durch seine Besetzung und seinen Soundtrack, sondern durch die Art, wie er Actionästhetik und Identitätsfragen zusammenführt. In einer Phase, in der das Kino des Thrillers sowohl nostalgisch auf die Achtzigerjahre blickt als auch die Konventionen des Genres verblüffend modernisiert, stellt der Film die Frage, wie eine Frauenfigur in der Tradition männlicher Agentenfiguren etabliert werden kann, ohne bloß eine Kopie zu sein. Die Protagonistin operiert sichtbar an der Schnittstelle von Performance und Existenz - eine Konstellation, die das Interesse des Feuilletons weckt.

Gleichzeitig lässt sich Atomic Blonde als Ausdruck eines zeitgenössischen Trendbewusstseins lesen: die Verwendung populärer Songs als Ironie- und Emotionsverstärker, die Betonung präsenter körperlicher Praktiken und eine filmische Sprache, die mehr von Schnitt und Choreographie lebt als von erzählerischer Langsamkeit. Der Film ist damit Teil einer Welle, die Action als künstlerische Disziplin behandelt und die Ausstattung, Kostüm und Musik als Träger narrativer Bedeutung begreift.

Kurzüberblick zur Produktion

Regie führte David Leitch, der zuvor vor allem als Stuntman, Koordinator und Mitbegründer der Stuntfirma 87Eleven Bekanntheit erlangt hatte. Atomic Blonde markiert für ihn den Schritt ins Regiefach und trägt deshalb deutlich die Handschrift eines Regisseurs mit Stunt-Vergangenheit: Einprägsame, physische Kampfsequenzen, präzise choreografierte Auseinandersetzungen und ein Augenmerk auf praktische Stunts statt auf computergenerierte Effekte bestimmen die Bildsprache. Leitch nutzt diese Mittel nicht nur zur Unterhaltung, sondern als Erzählwerkzeug, das Figurenpsychologie über Körperlichkeit vermittelt.

Die filmische Umsetzung basiert auf dem Graphic Novel The Coldest City von Antony Johnston und Sam Hart, was sich in der stilisierten Ästhetik und der kompakten, oft elliptischen Erzählweise niederschlägt. Gedreht wurde überwiegend in europäischen Städten, die das geteilte Berlin der späten Achtzigerjahre atmosphärisch nachzeichnen. Die Produktion arbeitet mit einem aufwändigen Stunt- und Kampfteam, dessen Mitglieder teilweise auch im Film zu sehen sind - ein Umstand, der die Authentizität der Actionszenen unterstreicht. Budgetär bewegte sich die Produktion im mittleren Bereich für internationale Genrefilme, was den Spielraum für handwerkliche Exzellenz in Kamera und Choreographie erlaubte.

Im Gesamtwerk des Regisseurs tritt Atomic Blonde als Ausgangspunkt einer Karriere hervor, die Actionästhetik mit Mainstream-Erzählformen verbindet. Die filmische Erfolgsformel - ein intensiver Fokus auf physische Präsenz, gekoppelt mit einer starken Popkulturebene - zieht sich durch Leitchs spätere Arbeiten und markiert sein Profil als Regisseur, der handfeste Action mit stilistischer Selbstfeinheit verbindet.

Die Hauptdarsteller & Hauptdarstellerinnen

Charlize Theron bildet den polaren Mittelpunkt des Films. Ihre Persona, bereits geprägt durch Rollen wie in Mad Max - Fury Road oder Monster, bringt hier die Kombination aus physischer Präsenz und kalkulierter Emotionalität ein. Theron trainierte intensiv, um die physische Glaubwürdigkeit der Rolle zu sichern; ihr Spiel balanciert zwischen kalter Profession und angedeuteter Verwundbarkeit. Sofia Boutella, bekannt geworden durch die Rolle der Gazelle in Kingsman und weitere Genreauftritte, kontrastiert Theron mit einer anderen Art von Körperlichkeit - tänzerisch, aber nicht weniger gefährlich. Ihr Ensemblepart fungiert als Affekt- und Spiegelpunkt innerhalb der Erzählung.

James McAvoy, dessen Bandbreite von intellektuellen bis zu psychologisch komplexen Figuren reicht, bringt in Atomic Blonde eine ambivalente, charmant verschränkte Energie als Gegenspieler und möglicher Verbündeter der Protagonistin. John Goodman agiert in einer Nebenrolle als erfahrener Strippenzieher und verleiht dem Film durch seine Stimme und Präsenz institutionelle Gravitas. Ergänzt wird das Ensemble durch eine Reihe markanter Charakterdarsteller wie Bill Skarsgård, Toby Jones und Eddie Marsan, die mit kleinen, aber prägnanten Auftritten die Welt des Films funktional und atmosphärisch verdichten.

Handlung (spoilerfrei!)

Atomic Blonde folgt der MI6-Agentin Lorraine Broughton, die kurz vor dem Zusammenbruch der DDR nach Berlin entsandt wird. Ihre Mission ist präzise umrissen, doch die Umstände sind es nicht: In einem Ambiente aus Misstrauen, doppelten Interessen und hektischer politischer Veränderung verändern sich Allianzen schnell. Der dramatische Konflikt entspinnt sich aus der Frage nach Loyalität - wem vertraut man in einem System, das auf Täuschung aufbaut - und aus der Frage nach dem Preis, den Verrat und Geheimhaltung fordern.

Die zentralen Figuren werden weniger durch ihre Biografien als durch ihre Entscheidungen und körperlichen Handlungen geformt. Atmosphäre und Ton bewegen sich zwischen kalter Eleganz und brutaler Direktheit: Neonlicht und Diskokugeln stehen neben blutigen Auseinandersetzungen, die Kamera ist oft nahe am Körper, und das Tempo variiert zwischen konzentrierten Gefechten und ruhigen, beobachtenden Sequenzen. Die Erzählhaltung bleibt konzentriert auf die operative Perspektive, vermeidet längere historische Exkurse und setzt stattdessen auf unmittelbare Sinneseindrücke.

Zentrale Themen und Motive

Atomic Blonde fragt nach Identität als Verhandlungsraum - nicht nur politisch, sondern auch geschlechtlich und performativ. Die Protagonistin ist eine Figur, die sich selbst als Instrument einsetzt und deren Authentizität permanent hinterfragt wird. Das Motiv des Spiegelns - im wörtlichen wie im übertragenen Sinne - zieht sich durch die Bildkomposition und die Figurenkonstellationen. Verrat und Loyalität werden als variable Größen gedacht, die eine moralische Unschärfe erzeugen, welche das Genre an seine konventionellen Grenzen bringt.

Auf einer philosophischeren Ebene thematisiert der Film die Entkopplung von Oberfläche und Substanz: Die äußere Eleganz der Welt - Mode, Musik, Architektur - kollidiert mit physischer Gewalt und psychischer Erschöpfung. Diese Dialektik eröffnet eine Lesart, in der Action nicht nur Eskapismus, sondern auch introspektive Möglichkeit ist. Gesellschaftspolitisch lässt sich Atomic Blonde als Spiegel einer Gegenwart lesen, die Nostalgie für politische Klarheiten mit der Erkenntnis verbindet, dass solche Klarheiten oft Konstrukte sind. Damit verweist der Film auf die Prekarität von Gewissheiten in Zeiten des Umbruchs.

Filmkritik von Peter Osteried

„Atomic Blonde“: Trübe Aussichten in Berlin

Comic-Verfilmungen befassen sich nicht nur mit Superhelden. Es gibt immer wieder auch Stoffe abseits der Kostümträger, die den Weg vom Comic zum Film finden. Mit Atomic Blonde liegt nun die Verfilmung der Graphic Novel „The Coldest City“ vor, die dieser Tage auch in deutscher Übersetzung erschienen ist. Über den mag man denken, was man will, der Film selbst ist jedoch eine Übung von Stil über Substanz.

November 1989: Es sind nur noch wenige Tage, bis die Mauer fällt, aber der Kalte Krieg ist immer noch gut in Gang. Die britische Agentin Lorraine (Charlize Theron) kommt nach Ost-Berlin, weil sie nach einer Liste mit den Namen von Agenten und Doppelagenten sucht. Dabei hilft ihr der zwielichtige Percival (James McAvoy), doch schon bald gerät alles außer Kontrolle. Denn die Liste verschwindet, der KGB ist hinter Lorraine her und die letzten Tage der DDR werden noch einmal explosiv.

Die Geschichte ist eigentlich gar nicht vorhanden. Die ominöse Liste ist ein typischer MacGuffin, der das Geschehen in Gang bringen soll, aber von Bedeutung ist sie nicht. Stattdessen setzt man darauf, dass hier eine knallharte Geschichte erzählt wird, die bodenständige Action bietet. Die ist tatsächlich auch das Beste am Film, was insbesondere für einen Kampf im Treppenhaus gilt, bei dem Charlize Theron eine sehr gute Figur macht. Ansonsten wirkt sie, das muss man leider sagen, etwas müde in ihrer Darstellung. Das mag aber auch an der sympathiefreien Figur liegen, die sie spielt. Oder aber am generellen Ambiente, das grau und düster ist. Schön ist Atomic Blonde auf jeden Fall nicht.

Dabei merkt man der 30 Millionen Dollar teuren Produktion an, dass man hier versucht hat, auf Coolness zu setzen. Nicht von ungefähr kommt es so auch, dass die Macher schon von einem Franchise á la John Wick träumen, das US-Einspiel dürfte dem aber einen Strich durch die Rechnung machen. Das betont Hippe des Films geht einfach nicht auf, weder mit den stilisierten Texteinblendungen, noch mit der eigentümlichen Song-Auswahl, die einige Neue-Deutsche-Welle-Hits beinhaltet.

Die Besetzung ist an sich ganz gut. Sogar Til Schweiger ist dabei, dessen Rolle ist aber so minimal, dass sie kaum über Statisten-Niveau hinauskommt. Aber das ist vielleicht auch besser so.

Dass Atomic Blonde hässlich aussieht, ist noch nicht mal das größte Problem dieses Werks. Die Konzentration auf eine ausgelutschte Geschichte, die man so schon häufig gesehen hat, ist das weit größere. Das Aufpeppen mit hübschen Action-Einlagen rettet dabei leider auch nichts. Zumal man es sich nicht verkneifen kann, am Ende noch einen Twist zu bieten, der vorhersehbar ist. Im Grunde war einem schon vorher klar, dass man einen Film ähnlich dem Angelina-Jolie-Hit Salt sieht – nur dass dieser so viel besser war.

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