kritiken.de› Filme›
Filme

Dallas Buyers Club

kritiken.de
kritiken.de Redaktion 06.02.2014
Dallas Buyers Club© Ascot Elite Filmverleih
A ca. 1433 Worte Lesezeit ca. 5 Minuten  📋 Inhalt

Dallas Buyers Club - Eine Studie zu Krankheit, Kapital und performativer Männlichkeit im Reagan-Amerika

Einleitung

Dallas Buyers Club tritt als kalt erwärmtes Porträt einer Ära auf, in der Krankheit zugleich sozialer Stigmatisierungsmechanismus und ökonomische Verhandlungsmasse ist. Der Film rekonstruiert nicht nur ein Kapitel der US-Geschichte der AIDS-Krise, sondern stellt die Frage nach dem Verhältnis von individueller Autonomie und institutioneller Fürsorge in den Mittelpunkt. Seine Relevanz liegt weniger in der Chronik eines Einzelschicksals als in der exemplarischen Anordnung von Machtverhältnissen, medizinischer Bürokratie und Überlebensstrategien.

Im Werk des Regisseurs markiert Dallas Buyers Club einen konsequenten Schritt in Richtung englsprachiger, auf Performances zentrierter Charakterstudien. Jean-Marc Vallée, ein Regisseur, der sich seit C.R.A.Z.Y. und The Young Victoria an Nähe zu Figuren und einer fast dokumentarischen Präsenz der Kamera versucht, nutzt hier die biografische Vorlage, um Perspektiven von Moral, Gesetz und Ökonomie in einen intimen Zugriff zu übersetzen. Die Regiearbeit vermeidet pathetische Großgesten und setzt stattdessen auf Entschiedenheit in Rhythmus und Bildwahl.

Gesellschaftlich verortet sich der Film im Klima der 1980er Jahre, in dem politische Verdrängung, homophobe Ressentiments und die langsame Professionalisierung von Patientenbewegungen das öffentliche Leben bestimmten. Vor diesem Hintergrund lässt Dallas Buyers Club nicht nur medizinische Fragen aufscheinen, sondern auch die Art, wie Märkte, Gesetz und Vorurteil das Leben Einzelner disponieren. Der Film funktioniert deshalb auch als Spiegel aktueller Debatten um Zugang zu Gesundheitsversorgung, Regulierung und die Ökonomie des Körpers.

Kurzüberblick zur Produktion

Regie führte Jean-Marc Vallée, ein kanadischer Filmemacher, dessen Handschrift von naturalistischer Beobachtung, einer präzisen Arbeit mit Schauspielern und einer sparsam eingesetzten, aber wirkungsvollen visuellen Ästhetik geprägt ist. Dallas Buyers Club entstand als unabhängige Produktion mit vergleichsweise kleinem Budget von rund 5 Millionen US-Dollar. Diese begrenzten Mittel prägen die Textur des Films: Ökonomie wird zur Produktionsbedingung, die Konsequenz ist ein Fokus auf Figurenkonstellationen und die minimalistische Ausstattung, statt auf opulente Rekonstruktion.

Gedreht wurde an Schauplätzen, die Authentizität erzeugen, und in einem Zeitrahmen, der auf Effizienz angelegt war. Die ästhetischen Entscheidungen - dezente Farbpalette, direkte Beleuchtung, Nähe der Kamera - korrespondieren mit Vallées Tendenz, Erzähltempo und Performance über groß angelegte Produktionsdesigns zu stellen. Im Gesamtwerk steht der Film als Übergangswerk zu weiteren englischsprachigen, charaktergetriebenen Arbeiten des Regisseurs und markiert zugleich seinen Einstieg in die internationale Filmlandschaft jenseits des frankophonen Kanadas.

Die Hauptdarsteller & Hauptdarstellerinnen

Im Zentrum steht Matthew McConaughey, der sich in den Jahren vor Dallas Buyers Club von Hollywood-Komödien zu einem anspruchsvolleren Repertoire wandelte. Bekannt geworden durch leichtere Mainstreamrollen, hatte er bereits mit Rollen in The Lincoln Lawyer und The Paperboy den Pfad zu ernsteren, ambivalenten Figuren bereitet. In diesem Film verkörpert er einen texanischen Protagonisten, dessen raue Oberfläche und überlebensorientierte Egozentrik die Erzählung tragen.

Jared Leto, als Musiker und Schauspieler eine ambivalente Figur in der populären Kultur, bringt seine Erfahrung mit extremen physischen und psychischen Verwandlungen ein. Seine Darstellung hier fokussiert auf eine Figur, die geschlechtliche Normen und Identität anders organisiert und damit das Narrativ um Krankheit und Mitgefühl erweitert. Jennifer Garner tritt als Vertreterin der medizinischen Institution auf; sie ist im Film die professionelle Gegeninstanz, deren Ambivalenz zwischen medizinischer Ethik und persönlicher Betroffenheit die medizinische Sphäre menschlicher macht.

Unterstützt wird das Ensemble von Charakterdarstellern wie Steve Zahn und Denis O'Hare, deren Präsenz kleine, aber prägnante Nuancen in die Figurenbeziehungen einfließen lässt. Insgesamt nutzt der Film die Spannung zwischen Starbesetzung und Ensemblearbeit, um Figuren nicht nur zu porträtieren, sondern als Knotenpunkte sozialer Dynamiken erlebbar zu machen.

Handlung (spoilerfrei!)

Ohne in Plotdetails zu verfallen: Die Erzählung setzt bei der Diagnose einer lebensbedrohlichen Krankheit in den 1980er Jahren ein und begleitet den Protagonisten auf seinem Weg, mit den begrenzten Mitteln seiner Zeit zu überleben. Der dramatische Konflikt entsteht aus dem Spannungsverhältnis zwischen individueller Überlebenspraxis und institutionellen Regulierungen: medizinische Zulassung, Marktmechanismen und juristische Rahmenbedingungen geraten in ein Spannungsfeld mit der Notwendigkeit, Zugang zu wirksamen Behandlungen zu sichern.

Im Zentrum stehen wenige zentrale Figuren und ihre wechselnden Allianzen; der Film konzentriert sich auf Beziehungen, die zwischen Konfrontation und Solidarität oszillieren. Tonalität und Atmosphäre sind geprägt von einer rauen Direktheit: Es wird wenig sentimentaler Überhöhung Raum gegeben, stattdessen dominiert eine ungeschönte, zeitweise lakonische Darstellung des Alltags mit Krankheit.

Zentrale Themen und Motive

Dallas Buyers Club stellt Fragen danach, wie Gesellschaften mit Verwundbarkeit umgehen, wer Zugang zu lebenswichtigen Ressourcen erhält und welche Rolle Märkte und staatliche Institutionen dabei spielen. Der Film verhandelt die Ethik des Überlebens: Wem gehört das Recht, Behandlung zu suchen und zu ermöglichen? Wer entscheidet, welche Medikamente zugelassen werden und zu welchem Preis? Diese wirtschaftsethischen Fragestellungen verweben sich mit persönlichen Fragen nach Identität, Reue und Solidarität.

Psychologisch rückt der Film Konstitutionen von Männlichkeit ins Blickfeld: Die Hauptfigur muss, angesichts existenzieller Bedrohung, ihre Selbstdefinition neu aushandeln. Parallel dazu erweitert die Präsenz einer Figur, die geschlechtliche Normen transzendiert, die Perspektive auf Gemeinschaftsbildung und Empathie in einer Zeit extremer Ausgrenzung. Formal nutzt Vallée eine reduzierte Bildsprache, engere Close-ups und eine sparsame Montage, um Körperlichkeit und Zerbrechlichkeit unmittelbar zu vermitteln. So wird das Kino selbst zum Medium, das sowohl die ökonomischen Bedingungen des Lebens als auch die sittlichen Dilemmata der Zeit erkundet.

Filmkritik von Mattes Teschabai

Gegen das Establishment

Lange Zeit lag das 1992 verfasste, einst so heiß begehrte Drehbuch „Dallas Buyers Club“ auf Eis – Aids könne man ja höchstens als Historienfilm aufarbeiten und ein sterbender, homophober Rodeomann sei kein wirklicher Publikumsmagnet. Doch Matthew McConaughey und Regisseur Jean-Marc Vallée haben sich und ein paar Millionen Dollar zusammengerissen und gemeinsam einen Film zustande gebracht, der McConaughey und seinem Nebendarsteller Jared Leto („Requiem for a Dream“) nicht nur Golden Globes und Oscarchancen einräumt, sondern auch als handfestes Indie-Statement gegen Establishment, Diskriminierung und sonstige Unmöglichkeiten funktioniert.

Im Rodeo ist es nicht das Ziel, den Stier zu zähmen, sondern zwei statt einer, drei statt zwei Sekunden auf seinem Rücken auszuhalten und währenddessen eine gute Figur zu machen. Als Ärzte dem homophoben Lebemann-Cowboy Ron Woodroof (McConaughey) überraschend die Diagnose Aids und höchstens 30 Tage Lebenserwartung um die Ohren hauen, entscheidet er sich, sein Leben und was ihm davon bleibt in die Hand zu nehmen und so gut es geht zu dehnen. Weil die Pharma-Industrie nur das überteuerte, gleichzeitig gefährliche Mittel AZT fördert und dieses auch noch in umständlichen Tests zurück hält, schließt Woodroof sich kurzerhand mit dem Transsexuellen Rayon (Jared Leto) zusammen und eröffnet schmuggelnderweise den Dallas Buyers Club – eine Art Selbstversorgungsclub für nicht zugelassene Medikamente.

Ron Woodroof gab es wirklich, sein Buyers Club genoss unter Kennern einen Ruf, aus dem einfachen Grund, dass Woodroof einen echten Unterschied machte – er experimentierte selber mit Medikamenten, brachte sich immer auf den neuesten Stand der Aidsforschung und besaß genügend kriminelle Energie, um professionell und routiniert zu schmuggeln. Mit der rotzigen Gewinnorientierung eines gemeinen Drogendealers zog er ein Geschäft auf, dass seinen wachsenden Mitgliederzahlen half und allen Beteiligten die Chance bot, der panischen Aids-Lähmung der achtziger Jahre zu entkommen, die zu großen Teilen von der Pharma-Industrie generiert wurde. Einige Wochen vor seinem Tod, 1992, sieben Jahre nachdem ihm die Ärzte gesagt hatten er würde in 30 Tagen sterben, stimmte er einem mehrtägigen Interview mit dem Drehbuchautor Craig Borton zu.

Borton hält Woodroofs persönliche Biographie weitgehend aus dem Spiel und verdichtet den historischen Menschen zu einer humanistischen Metapher. Der Wandel vom homophoben Elektriker, dessen Gedanken meist nicht weiter als bis zur nächsten „100 $-Nutte“ gehen, zum aufgeschlossenen Aktivisten mit wird dabei flach gehandelt. Das Drehbuch hält sich von großen Erkenntnissen und psychologischen Wendungen fern – das Ziel ist der bewusste und offensive Umgang mit Aids und wahr ist allein, was man währenddessen erlebt. Auf diese Weise wird Woodroofs Welt pragmatisch von innen nach außen gekehrt – seine schnauzbärtigen Rodeo-Kumpels werden mit ihren Schwuchtel-Witzen genauso zum Feindbild, wie die sterile Anonymität der Krankenhäuser. Im Kampf gegen Aids wird Woodroof zum Entrepreneur, der sich zwischen Drag-Queens und Drogensüchtigen nach neuen Werten und Wegen umguckt und sich entschieden gegen das Establishment stellt, das in der Bigotterie des kleinen Texaners beginnt und der verbohrten Geldgier der Global Players aufhört.

Ein Hauch von Utopie liegt in der Geschichte, der angenehm durch die rohe und dokumentarische Ästhetik spukt, die teilweise an Aronofskys „The Wrestler“ erinnert. Kein Licht, kein Stativ, keine Filmmusik – Jean Marc-Vallée hat in bester Indie-Manier aus Zeit- und Geldnot eine Tugend gemacht. Kamerafahrten vom Beifahrersitz aus, spontane Bildgestaltung – der Film atmet eine alltägliche Unmittelbarkeit. Die grenzwertig ausgemergelten Körper von Leto und McConaughey erhalten so eine beiläufige Wucht, die keine künstliche Ausleuchtung erreicht hätte. Während Leto und McConaughey sich gegenseitig an die Wand spielen, kümmert sich Jennifer Garner als sympathisierende Jungärztin, um den moderaten Teil und übernimmt auch Story-technisch den wichtigen Funken Hoffnung, den der Film sät – dass nämlich auch die Mitte der Gesellschaft noch nicht verloren, sondern manchmal bereit ist, von ihren ausgestoßenen Extremitäten und Helden zu lernen.

Newsletter

Einmal pro Woche die besten Essays, Analysen und Kritiken – direkt in Ihr Postfach.

kritiken.de