Baden Baden: Feinsinnige Kartographie des Erwachsenwerdens zwischen Witz, Melancholie und zeitgenössischen Leerstellen
Einleitung
Baden Baden ist ein leiser, dabei präzise beobachtender Beitrag zum gegenwärtigen französisch-belgischen Autorenkino, der sich weniger über große Gesten als über kleine Risse in Alltäglichkeiten definiert. Der Film zieht seine Spannung nicht aus plotorientierten Wendungen, sondern aus der genauen Registrierung von Momenten, in denen Selbstverständliches fremd wird. In einer Zeit, in der filmische Coming-of-Age-Erzählungen zunehmend auf laute Brüche setzen, erscheint Baden Baden als Gegenmittel - subtil, offen für Zwischentöne und in seiner Komik stets mit einem melancholischen Unterton versehen.
Für die Regisseurin Rachel Lang markiert der Film einen deutlichen Einstieg in das abendfüllende Erzählen: Sie verlagert ihr Augenmerk auf die innere Landschaft einer Protagonistin, deren Unsicherheit und Alltagsklugheit das Zentrum der Erzählung bilden. Die Relevanz des Films liegt darin, wie er gängige Genreerwartungen dekonstruiert - die Tragikomödie wird hier nicht als Gefüge von Pointe und Pathos missbraucht, sondern als feinsinniges Instrument, um Ambivalenzen des Erwachsenwerdens sichtbar zu machen.
Im weiteren gesellschaftlichen Kontext korrespondiert Baden Baden mit Stimmen, die sich mit den prekären Übergängen der Generation Mitte-20 beschäftigen: veränderte Arbeitsbiografien, verschobene Familienmodelle und die Erfahrung urbaner Einsamkeit. Langs Blick ist dabei weder programmatisch noch moralisch; er ist beobachtend und leise kritisch, was den Film zu einem dokumentarisch anmutenden Zeitbild macht, ohne dabei auf direkte Sozialanalyse zu reduzieren.
Kurzüberblick zur Produktion
Rachel Lang inszeniert Baden Baden als erste Langfilmregiearbeit mit einer Handschrift, die von Nähe zu ihren Figuren und einer Vorliebe für diagonale, beinahe improvisatorisch wirkende Szenenräume geprägt ist. Die Produktion ist eine französisch-belgische Koproduktion, die auf Intimität statt auf Effekthascherei setzt: offenbar begrenzte Mittel werden in eine präzise Mise-en-scène, natürliches Licht und eine ruhige Kamera investiert, die oft im Flüchtigen verharrt.
Formal setzt der Film auf eine sparsame, rhythmisch zurückhaltende Montage, die Pausen und Missverständnisse aushält. Die Kameraarbeit vermeidet pathetische Gesten zugunsten einer beobachtenden Distanz, die gleichzeitig Vertrautheit erzeugt. In der Stellung innerhalb von Langs Gesamtwerk - als ihr Debüt im langen Format - fungiert Baden Baden als programmatische Anlage: Themen wie Identität, zwischenmenschliche Unsicherheit und die Erosion traditioneller Erwachsenheitsnormen werden hier bereits angelegt und zeigen eine Regisseurin mit Sinn für kleine, erschütternde Details.
Die Hauptdarsteller & Hauptdarstellerinnen
Im Zentrum steht Salomé Richard, deren Schauspiel sich durch eine unaufgeregte Präsenz und feine Gesten auszeichnet. Richard gelingt es, eine Figur zu tragen, deren innere Konflikte mehr durch Blick und Tonlage als durch demonstrative Aufschreie vermittelt werden. Ihre Darstellung ist ein Paradebeispiel für gegenwärtige, naturalistische Schauspielweise, die auf Zurückhaltung und Ungesagtes setzt.
Claude Gensac, bekannt aus einem langen Füllhorn französischer Unterhaltungskultur, bringt als Angehörige der älteren Generation eine komische wie rührende Textur in die Familiensequenzen; ihr Spiel kontrastiert die vorsichtige Energie der Jugend mit einer routinierten Gelassenheit. Swann Arlaud und Lazare Gousseau treten in tragenden Nebenrollen auf und liefern, jeweils mit unterschiedlicher Intensität, Gegenpole zur Hauptfigur - mal irritierend, mal beflügelnd. Zabou Breitman und weitere erfahrene Darstellerinnen und Darsteller akzentuieren das Ensemble und verleihen dem Film eine Tonalität, die zwischen Theaternähe und cineastischer Intimität oszilliert.
Handlung (spoilerfrei!)
Baden Baden begleitet eine junge Frau in einer Übergangsphase ihres Lebens. Der Film beobachtet Alltagssituationen, familiäre Begegnungen und flüchtige Beziehungen; aus diesen Alltagsszenen entwickelt sich der eigentliche dramatische Impuls: die Frage, wie man mit Unentschiedenheit, mit verfehlten Erwartungen und mit kleinen Demütigungen umgeht. Es geht nicht um große Konfrontationen, sondern um die Serie von Momenten, die eine Person in Richtung Entscheidung, Rückzug oder Neuorientierung treiben.
Die zentralen Figuren sind bewusst konturiert, nicht karikiert: eine junge Frau, ihre älteren Verwandten und verschiedene Bekannte, die immer wieder als Spiegel oder Antagonisten fungieren. Der dramatische Konflikt entsteht aus Differenzen zwischen innerem Bedürfnis und äußerer Wirklichkeit - aus dem Spannungsverhältnis zwischen Sehnsucht nach Nähe und der Unfähigkeit, sie zu fordern oder dauerhaft zu behalten. Ton und Atmosphäre spielen eine ebenso große Rolle wie Handlungsschritte: Baden Baden wirkt wie ein stetes Abtasten von Emotionen, häufig in leiser Komik gehalten.
Zentrale Themen und Motive
Im Zentrum des Films stehen Fragen nach Identität, Selbstermächtigung und den kleinen Ritualen, die das Individuum im Alltag zusammenhalten. Baden Baden lotet das Wechselspiel von Scham, Scheitern und alltäglicher Würde aus und fragt, wie gesellschaftliche Erwartungen - an Beruf, Beziehung, Familienverhalten - das Gefühl des Selbst aushöhlen können. Parallel dazu reflektiert der Film über die Rolle der Sprache und der Pausen: Vieles, was nicht ausgesprochen wird, formt das Bild einer Generation, die sich zwischen Pragmatismus und Fragilität bewegt.
Motive wie das Alltägliche, die wiederkehrende Präsenz älterer Generationen und die wiederholte Konfrontation mit banalen Missverständnissen geben dem Film seine spezifische Dramaturgie. In seiner Bild- und Tondramaturgie findet Baden Baden eine Form, die weniger auf Auflösung eines Konflikts als auf die Darstellung des Aushaltens abzielt. So entsteht ein filmisches Porträt, das die Tragikomik modernen Erwachsenwerdens nicht beleuchtet, um zu belehren, sondern um die Nuancen erlebter Existenz freizulegen.
Filmkritik von Peter Osteried
„Baden Baden“: Nicht um die Stadt, sondern um ein Bad geht es hier. Also irgendwie …
Mit der Stadt Baden Baden hat der gleichnamige Film rein gar nichts zu tun. Der Ort wird nur einmal kurz erwähnt, als Ana ihrer Großmutter anbietet, mal dorthin zu fahren. Die Autorin und Regisseurin Rachel Lang hat den Titel aber wohl hauptsächlich deswegen gewählt, weil die Hauptfigur den gesamten Film über damit beschäftigt ist, ein Bad zu renovieren.
Nicht, dass das die komplette Handlung wäre. Aber recht viel mehr kommt eigentlich nicht. Alles beginnt damit, dass die 26-jährige Ana als Chauffeurin bei einer Filmproduktion arbeitet, aber das auch nicht gebacken bekommt. Nach Ende des Drehs soll sie den Leihwagen abgeben, entschließt sich aber, damit nach Hause zu fahren. Dort trifft sie auf ihren Bruder, aber auch auf ihren alten Freund, der sie früher mal beschissen hat. Das Feuer der Leidenschaft brennt aber schon noch, während Ana ziellos durchs Leben wandert, keinen Job findet und das Bad renoviert, derweil ihre Großmutter im Krankenhaus liegt.
Das ist – in Kurzform – im Grunde der komplette Film. Was Rachel Lang mit ihrem Debüt bietet, ist im Endeffekt so etwas wie ein Film über ein ganz normales Leben. Das Problem dabei ist, dass dieses Leben ausgesprochen langweilig ist. Das gilt eigentlich für die meisten normalen Leben, weswegen das Kino größer als das Leben ist. Doch nicht, wenn man sich in einem kleinen franko-belgischen Independent-Film wiederfindet, der sich selbst sehr ernst nimmt, aber ebenso wie seine Hauptfigur ziellos mäandert.
Es sind Episoden aus dem Leben ihrer Protagonistin, die Lang hier präsentiert. Sie dehnt sie über Gebühr aus, ist sprunghaft, ohne Ziel – und das bis zu einem Ende, das völlig sinnfrei erscheint. Denn es löst weder etwas auf, noch wäre es so etwas wie ein Neuanfang für die Hauptfigur. Stattdessen ist alles, wie es immer war: Einigermaßen beschissen, aber es geht eben weiter.
Das lässt sich auch über diesen Film sagen, der handwerklich sicherlich nicht schlecht ist. Auch die Schauspieler geben sich redlich Mühe und erscheinen in ihren Rollen authentisch. Aber die Geschichte ist es, die einfach nicht in den Bann zu ziehen vermag. Zwar mag man es als kunstvoll betrachten, dass hier quasi das echte Leben geschildert wird, aber zugleich wirkt es auch übersteigert. Weil Ana in ihrer Essenz eine solche Verliererin ist, dass die Glaubwürdigkeit strapaziert wird. Ihr ist im Grunde alles egal. Ihr Job, ihr Leben, ihre Zukunft, nur eines interessiert sie: ihre Großmutter.
Davon abgesehen erscheint Baden Baden als ein Film, in dem es im Endeffekt nur darum geht, ein Bad zu renovieren. Da ist es dann auch durchaus passend, dass das letzte Bild – schon als der Vorspann läuft – vom renovierten Bad ist, das feierlich ausgestattet ist. Es mag zum Jubilieren sein, dass Ana damit zumindest etwas zum Abschluss gebracht hat, als Zuschauer fühlt man sich dem dennoch seltsam fremd und fern.

