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Zaytoun

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kritiken.de Redaktion 14.11.2013
Zaytoun© Senator Filmverleih
A ca. 1566 Worte Lesezeit ca. 5 Minuten 30 Sekunden  📋 Inhalt

Zaytoun - Eine parabelhafte Reise zwischen Schuld und Versöhnung im Schatten der kollektivisierten Erinnerung

Einleitung

Zaytoun tritt in einen langen Traditionsstrang von Filmen, die politische Konflikte über das intime Format einer Reise- oder Buddy-Erzählung befragen. Der Film verlegt historische Schärfen in ein personales Gefüge und sucht seine Dramatik weniger in den Schlachten der Geschichte als in den Blicken derer, die sie überleben. Insofern zielt er nicht auf ein Epochenporträt, sondern auf das kleine Maß der Begegnung - ein Zugang, der das Politische nicht verwischt, sondern verkörpert.

Der Zeitpunkt seines Erscheinens spiegelt eine Phase des medialen und kulturellen Nachdenkens über den Nahostkonflikt wider, in der narrative Vermittlungen politischer Unversöhnlichkeiten wieder vermehrt nach menschlicher Anschauung verlangen. Zaytoun reiht sich ein in Debatten um Erinnerung und Verantwortung, ohne eine einfache moralische Moral zu liefern. Seine Relevanz liegt darin, dass er mit filmischen Mitteln versucht, die Dauer von Traumata und die Schwierigkeit gemeinsamer Vergangenheitsbewältigung sichtbar zu machen.

Als Beitrag zu einem europäischen, britischen und israelischen Kino, das transnationale Produktionen nutzt, um lokal geprägte Geschichten zu erzählen, beansprucht Zaytoun die Aufmerksamkeit für die Art, wie populäre Genrekonventionen - in diesem Fall das Abenteuer und die Road Movie-Logik - zur Konturierung politischer Konflikte eingesetzt werden können. Der Film interessiert sich für die Schnittstellen von Mythos, Symbol und Lebenswirklichkeit und positioniert sich damit zwischen Humanismus und geopolitischer Metapher.

Kurzüberblick zur Produktion

Zaytoun wurde unter der Regie von Eran Riklis realisiert, einem Filmemacher, der sich in seinem Werk wiederholt mit den Verwerfungen des Nahostkonflikts und mit Figuren am Rande nationaler Kategorien beschäftigt. Riklis ist bekannt für eine ästhetische Balance aus persönlicher Nähe und politischer Kontextualisierung - ein Stil, der narrativ oft bescheidene Figuren für größere historische Fragen präpariert.

Die Produktion ist eine internationale Koproduktion zwischen Frankreich, Großbritannien und Israel, was für Projekte dieser Art typisch ist und die Notwendigkeit multilateraler Finanzierung bei Themen mit begrenzter kommerzieller Aussicht spiegelt. Ausgestattet mit einem Format, das sich stilistisch zwischen Arthouse und zugänglichem Abenteuerkino bewegt, arbeitet der Film mit einfachen, aber sorgfältig komponierten Mitteln - Licht, Landschaft und Performance - und verzichtet auf opulente Effekthascherei zugunsten einer fokussierten, dialoggetriebenen Erzählung.

Im Gesamtwerk Riklis’ steht Zaytoun für eine konsequente Fortführung seiner Themen: die Suche nach menschlicher Würde in politisch geteilten Räumen, das Spiel mit Sympathie und Misstrauen und die Frage, wie Geschichten Erinnerung strukturieren. Der Film ist weniger ein Eruptionspunkt als eine funktionale Episode in einer filmischen Auseinandersetzung mit Identität und Grenzen.

Die Hauptdarsteller & Hauptdarstellerinnen

Stephen Dorff übernimmt die Rolle des abgeschossenen Piloten und bringt damit eine internationale Präsenz in einen stark regional verankerten Stoff. Bekannt geworden durch Hollywood-Produktionen, übernimmt Dorff hier die komplexe Aufgabe, einen Charakter zu spielen, der weniger durch heroische Gesten als durch innere Zerrissenheit definiert ist. Sein Casting signalisiert zugleich eine Absicht, dem Protagonisten eine universell lesbare Verletzbarkeit zu geben.

Abdallah El Akal als junger palästinensischer Begleiter steht im Zentrum der emotionalen Achse. Die Dynamik zwischen dem erfahrenen Darsteller und dem jungen Nachwuchsschauspieler trägt das narrative Gewicht: Es geht um Begegnung, Lernprozesse und um die Sichtbarmachung jugendlicher Perspektiven in einem von Erwachsenen dominierten Konflikt. Ensemble-Mitglieder wie Ali Suliman und Mira Awad bringen zusätzliche regionale Authentizität und Erfahrung in Rollen, die oft als Repräsentanten verschiedener politischer und sozialer Realitäten fungieren.

Die Besetzung spiegelt eine Mischung aus bekanntem internationalen Namen und lokalen Talenten, die zusammen eine Vielstimmigkeit ermöglichen, ohne das filmische Feld zu überfrachten. Die Figuren sind bewusst nicht nur symbolische Typen, sondern Träger persönlicher Geschichten, die durch die Darsteller in ihrer Ambivalenz gehalten werden.

Handlung (spoilerfrei!)

Zaytoun erzählt die Reise zweier ungleicher Gefährten vor dem Hintergrund der dramatischen politischen Ereignisse der Zeit. Ausgangspunkt ist ein Konfliktmoment, der zwei Figuren zusammenführt, deren ursprüngliche Interessen kaum deckungsgleich sind. Was folgt, ist weniger ein actiongeladenes Abenteuer als eine Reihe von Prüfungen, Verhandlungen und stillen Momenten, in denen Misstrauen und Fürsorge sich abwechseln.

Der dramatische Konflikt liegt in der Kollision individueller Bedürfnisse mit kollektiven Narrativen - Überleben, Heimkehr, Rache und Schutz stehen einander gegenüber. Die zentralen Figuren sind ein erwachsener Mann, geprägt von Verlust und Pflicht, und ein heranwachsender Junge, für den die Reise zugleich Prüfung und Initiation ist. Die Atmosphäre des Films pendelt zwischen rauer Realität und einer kontemplativen Ruhe, die dem Lauf der Landschaft und den inneren Prozessen der Figuren Raum gibt.

Zentrale Themen und Motive

Zaytoun verhandelt Fragen von Zugehörigkeit, Verantwortung und Erinnerung. Immer wieder kehrt der Film zu Motiven der Verwurzelung zurück - bildlich konzentriert in der Olive als kulturhistorischem Symbol -, und stellt dem die Erfahrung von Entwurzelung und Flucht gegenüber. Die Olive fungiert dabei nicht als banales Symbol, sondern als komprimierte Metapher für Besitzverhältnisse, Generationentraditionen und die Schwierigkeit, gemeinsame Narrative zu finden.

Philosophisch interessiert sich der Film für die Grenzen von Empathie und die Bedingungen ihrer Entstehung. Er fragt, ob individuelle Begegnung die Struktur politischer Feindschaften aufheben kann, und welche Formen von Verständigung realistisch sind, wenn Traumen institutionalisiert wurden. Gesellschaftlich spricht er von den Mechanismen, durch die Narrative über Opfer und Täter reproduziert werden - und von der Möglichkeit, diese Narrative durch private Erfahrungen zu problematisieren.

Psychologisch betrachtet entfaltet Zaytoun das Thema des Erwachsenwerdens neben dem des Alterns und der moralischen Bilanz. Die Reise fungiert als Prüfstand für Identitäten, die sich erst in der Konfrontation zeigen - eine Inszenierung, in der Schweigen und Berührung, Kommando und Vertrauen als Mittel der Annäherung fungieren. In seiner filmischen Anlage bleibt Zaytoun somit eine Reflexion über die Verwobenheit von persönlichem Schicksal und historischer Struktur - und über die filmische Möglichkeit, in dieser Spannung präzise Bilder zu erzeugen.

Filmkritik von Tim Lindemann

Die filmische Aufarbeitung komplexer politisch-historischer Themen, deren Einfluss bis in die Gegenwart des Publikums reicht, ist heikel. Der israelisch-palästinensische Konflikt gehört dabei wohl zu den aller gefährlichsten Bereichen, ist die Deutungshoheit über viele Fakten hier doch besonders stark ideologisch aufgeladen. Nicht zuletzt geht es um die realen, tragischen Schicksale Tausender Menschen. Dass gerade dieses Thema trotzdem immer wieder Gegenstand filmischer Auseinandersetzung sein muss, ist dennoch unbestreitbar. Und so macht sich der israelische Regisseur Eran Riklis mit seinem neuen Film ?Zaytoun? daran, eine weitere kleine, mikro-historische Geschichte aus dem unentwirrbaren, blutigen Konflikt zu erzählen – und wählt dabei einen zwiespältigen Zugang.

Wie zuletzt die gefeierten Filme ?Waltz With Bashir? und ?Lebanon? entscheidet sich Riklis für einen klar historischen Einstieg, in dem er die Handlung seines Films während des Libanon-Kriegs im Jahr 1982 ansiedelt. In filmischer Hinsicht aber setzt sich ?Zaytoun? deutlich von diesen beiden Filmfestival-Gewinnern ab: Wo ?Waltz With Bashir? mit Animation experimentierte und ?Lebanon? beinahe ausschließlich im Innern eines Panzers stattfand, verzichtet Riklis auf formale Abweichung. Visuell und strukturell folgt sein Film eisern den Regeln des westlichen Erzählkinos, ja in gewisser Weise sogar des Genre-Kinos. Denn obwohl man ?Zaytoun? grob als Kriegsfilm bezeichnen könnte, ist er doch vor allem, auch nach Ansicht des Regisseurs, ein ?Road Movie?, wenn nicht gar ein ?Buddy Movie?.

Der Film erzählt die Geschichte des palästinensischen Flüchtlingsjungen Fahed (Abdallah El Akal), der seinen Vater bei einem Luftangriff der Israelis verliert. Kurz darauf wird sein bester Freund erschossen, seine Mutter ist längst tot. Mit kühlem Hass schließt er sich daraufhin einer extremistischen PLO-Gruppierung an, die wenig später einen abgestürzten israelischen Bomberpiloten (Stephen Dorff) gefangen nimmt. Trotz seiner unbändigen, hilflosen Wut auf den feindlichen Soldaten nimmt Fahed schließlich dessen Angebot an, ihn über die nördliche Grenze zu schmuggeln und so in das Heimatdorf seines Vaters zurückkehren zu können. Auf dem beschwerlichen Weg werden die beiden langsam Freunde, der israelische Yoni nimmt gar eine Art Vaterrolle für Fahed ein.

Trotz seines konstruierten Ansatzes übertüncht Riklis zu keinem Zeitpunkt die gnadenlose Brutalität der zersplitterten Welt, in der sich Yoni und Fahed bewegen. Nicht nur offeriert der Film einige kurze, aber erschütternde Gewaltspitzen, immer wieder positioniert er seine Hauptfigur Fahed symbolisch vor Zäunen, Absperrungen und Mauern. Ist dieses visuelle Motiv noch durchaus eindrücklich, trägt ?Zaytoun? an anderen Stellen eindeutig zu dick auf. Der titelgebende Olivenbaum (arab. Zaytoun), den Fahed während der gesamten Reise mit sich trägt, um ihn im Dorf seines Vaters einzupflanzen, kratzt schon hart an der Grenze zum Kitsch; der große Schlüssel, der symbolträchtig als Zeichen der verzweifelten Hoffnung um den Hals des Jungen hängt, überschreitet sie deutlich. Ebenso irritierend sind die knallig bunten Farben, in die Riklis seine Erzählung taucht – man wird das Gefühl nicht los, dass diesem Film ein kontrastreicher Schwarz-Weiß-Look deutlich besser gestanden hätte.

Der Storyaufbau aber gelingt dem Regisseur erstaunlich gut. Erstaunlich darum, weil er trotz tragischer Thematik auch erfolgreich Humor in den Plot einstreut ohne einen unpassenden Bruch herbeizuführen. Nicht zuletzt liegt das aber auch an der Chemie zwischen dem grandiosen jungen Newcomer El Akal und Stephen Dorff. Mag man sich zunächst noch über das Casting eines Hollywood-Schauspielers für die Rolle des Yoni wundern, muss man doch eingestehen, dass Rikli mit Dorff den richtigen Akteur für die Figur gefunden hat. Erst gegen Ende merkt man auch als Zuschauer so recht, wie sehr die beiden als Charaktergespann zusammengewachsen sind.

?Zaytoun? ist also ein handwerklich versiert konstruierter Film, der allen gängigen Konventionen des auf aktuellen Ereignissen beruhenden Kriegsfilm entgegenkommt. Er ist mal berührend, mal schockierend, mal vorsichtig humorvoll, mal spannend. Vielleicht hätte Riklis hier ein wirklich großartiger Film gelingen können, würde seine gewisse Mutlosigkeit in formalen Belangen diese Möglichkeit nicht verhindern. ?Zaytoun? umschmeichelt ein wenig zu sehr die Sehgewohnheiten, wagt sich fast nie aus den visuellen und narrativen Vorgaben des Hollywoodkinos heraus. Das ist angesichts der Schwere seines Themas zwar durchaus nachvollziehbar; die oben genannten, kühnen Beispiele filmischer Experimentierfreude zeigen aber eben auch, dass durchaus nuanciertere Verarbeitungen des Nahost-Konflikts möglich sind.

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