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Don Jon

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kritiken.de Redaktion 14.11.2013
Don Jon© Ascot Elite Filmverleih
A ca. 1570 Worte Lesezeit ca. 5 Minuten 30 Sekunden  📋 Inhalt

Don Jon als Spiegel dessen, was wir Liebe nennen - Inszenierte Intimität und Männerfantasien

Einleitung

Joseph Gordon-Levitts Don Jon tritt 2013 als ein Film in Erscheinung, der auf den ersten Blick wie eine ironische Variante der romantischen Komödie wirkt und sich zugleich als kulturanalytische Bestandsaufnahme des digitalen Begehrens entpuppt. In einer Zeit, in der Streaming, Smartphones und eine allgegenwärtige Pornografisierung der Bilderwelt die Formen des Begehrens und der Nähe verändern, versucht der Film, die Diskrepanz zwischen medialer Befriedigung und zwischenmenschlicher Intimität zu sezieren. Das macht Don Jon relevant als einen Beitrag zur gegenwärtigen Debatte über Sehgewohnheiten, Geschlechterrollen und die Ersetzung von Beziehungserfahrungen durch Bildkonsum.

Als Regiedebüt des langjährigen Schauspielers Joseph Gordon-Levitt positioniert sich der Film zugleich autobiografisch aufgeladener Autorenfilm und bewusste Auseinandersetzung mit dem Genre. Gordon-Levitt nimmt die Konventionen der Komödie als Fläche, um Erwartungen zu spiegeln und zu konterkarieren - die formale Vertrautheit des Genres dient dabei als Kontrastfolie für die Unvertrautheit, die der Protagonist in seinem Inneren erlebt. Der Film insistiert damit auf der Kluft zwischen Oberflächen, die wir im Alltag produzieren, und den dahinterliegenden Sehnsüchten.

In seiner Tonalität bewegt sich Don Jon zwischen lakonischer Satire und ernsthafter Reflexion. Das Werk zielt nicht auf einfache Bloßstellung, sondern auf die Herausarbeitung struktureller Bedingungen - wie Medienkonsum Geschlechterbilder formt und wie Rituale, Familienerwartungen und popkulturelle Mythen männliche Identitäten konstruieren. Damit verweist der Film über das Individuelle hinaus auf einen gesellschaftlichen Zeitgeist, in dem Intimität zunehmend als technologievermitteltes Produkt erlebt wird.

Kurzüberblick zur Produktion

Don Jon ist das erste große Regieprojekt von Joseph Gordon-Levitt, der neben der Regie auch das Drehbuch schrieb und die Titelrolle übernahm. Die Produktion ist der ästhetischen und inhaltlichen Kontrolle eines Schauspielerautors verpflichtet - ein Versuch, persönliche Perspektive und formale Konsequenz zu vereinen. Als unabhängiger Spielfilm mit vergleichsweise moderatem Budget nutzt Don Jon die Produktionsbedingungen eines kleineren Betriebs, um eine klare, auf Figuren konzentrierte Erzählung zu realisieren, ohne den Druck großer Studioimperative.

Formal arbeitet der Film mit einer stringenten Kameraarbeit und ökonomischer Montage, die das innere Verhalten des Protagonisten in mediale Rhythmen übersetzt. In der Platzierung von Musikauswahl, Schnitten und Bildkompositionen wird der Gegensatz zwischen virtueller Ekstase und physischer Routine sichtbar. In der Karriere Gordon-Levitts markiert Don Jon einen Wendepunkt - der Schritt vom reinen Schauspieler zum Autorenfilmer, der Themenwahl, Erzählton und Bildsprache bewusst verbindet und so das Feld für spätere Arbeiten als Regisseur und Produzent absteckt.

Die Hauptdarsteller & Hauptdarstellerinnen

Joseph Gordon-Levitt, bislang bekannt aus einer Palette von Neben- und Hauptrollen in Serien und Kinofilmen, gibt in Don Jon eine präzis getaktete Hauptfigur - einen Mann, dessen Alltag von Ritualen und Sehgewohnheiten bestimmt wird. Seine Darstellung balanciert zwischen komödiantischer Selbstgewissheit und der Verletzlichkeit eines Charakters, der erst durch Konfrontation mit anderen Lebensentwürfen in Bewegung gerät. Scarlett Johansson stellt die glamouröse Gegenfigur dar: sie repräsentiert das Bild der idealisierten Partnerin, wie es der Protagonist aus populären Narrativen verinnerlicht hat. Johansson nutzt das Image der Verführerin, um zugleich als Projektionsfläche für romantische Erwartung zu fungieren.

Julianne Moore übernimmt eine Schlüsselrolle als emotionaler Korrektiv und intellektuelle Herausforderung. Ihre Figur steht für einen anderen Modus von Nähe - reflektierter, weniger medial vermittelt - und wirft damit eine Komplizenschaft aus, die den Protagonisten dazu zwingt, sein Verhältnis zu Intimität neu zu vermessen. Tony Danza und Glenne Headly bilden das familiäre Umfeld, dessen Normen und Rituale die Biografie des Protagonisten prägen. In Nebenrollen tragen junge Darstellerinnen wie Brie Larson zur Vielfalt potentieller Beziehungen bei und spiegeln unterschiedliche Stadien und Modelle modernen Datings wider.

Handlung (spoilerfrei!)

Don Jon erzählt die Geschichte eines jungen Mannes, dessen Alltag von einer stringenten Ordnung aus Arbeit, Körperkult, familiären Pflichten und einem ritualisierten Bildkonsum bestimmt wird. Die dramatische Spannung entsteht nicht aus spektakulären Ereignissen, sondern aus dem schweren Aufeinandertreffen von Erwartung und Wirklichkeit - dem inneren Konflikt zwischen einer privat kultivierten Sehnsucht und der realen Begegnung mit Menschen, die andere Formen von Nähe anbieten.

Im Zentrum stehen persönliche Rituale, die als Ersatzreligion fungieren, sowie die Begegnungen, die den Protagonisten in Frage stellen. Die Erzählung konzentriert sich auf das Moment des Aufbruchs: kleine Alltagssprengsätze und zwischenmenschliche Irritationen, die die zuvor stabile Routine beschädigen. Tonal ist der Film geprägt von lakonischem Humor, beißender Ironie und gelegentlicher Rührung; die Atmosphäre wechselt zwischen suburbaner Banalität und einer hyperrealisierten Bildwelt, die den inneren Zustand des Protagonisten visualisiert.

Zentrale Themen und Motive

Im Kern stellt Don Jon Fragen nach dem Verhältnis von Medienbildern zu Formen gelebter Nähe. Der Film konfrontiert das Publikum mit der These, dass Bildkonsum nicht nur private Vorlieben widerspiegelt, sondern soziale Praktiken und Beziehungsmodelle formt. Welche Art von Nähe entsteht, wenn Intimität primär als visuelle Befriedigung verstanden wird? Wie beeinflussen Rituale, Normen und familiäre Prägungen die Fähigkeit, echte Begegnungen einzugehen? Diese Fragen stehen im Zentrum der filmischen Erkundung.

Philosophisch rückt Don Jon die Differenz von Repräsentation und Erfahrung in den Vordergrund - die Spannung zwischen einem idealisierten Bild von Liebe und der unordentlichen Realität zwischenmenschlicher Beziehungen. Psychologisch thematisiert der Film Suchtmuster, Narzissmus und die Suche nach Identität in einer von Bildern dominierten Lebenswelt. Gesellschaftlich wiederum spricht er verwandte Debatten an - über Geschlechtererwartungen, die Ökonomie des Begehrens und die Art und Weise, wie Popkultur Modelle von Männlichkeit reproduziert oder in Frage stellt.

Motivisch arbeitet der Film mit Wiederholungen, Spiegelungen und einer bewussten Gegenüberstellung von Oberfläche und Tiefe - formale Mittel, die die inhaltliche Fragestellung unterstützen. Don Jon verlangt dem Zuschauer keine einfachen Antworten ab, sondern bietet eine komprimierte Diagnose einer Gegenwart, in der die Sehnsucht nach Nähe immer öfter durch Bildformate kanalisiert wird - ein Thema, das seine Relevanz bis weit über den Zeitpunkt der Premiere hinaus bewahrt.

Filmkritik von Lukas Stern

Jon Martellos Leben ist eines, das man durchaus als sorglos beschreiben könnte, wenn auch etwas einförmig und ereignislos. Einen ehrgeizigen Plan verfolgt er nicht. Er führt einen gepflegten Singlehaushalt, geht täglich ins Fitnesscenter, sonntags marschiert er brav mit der Familie in die Messe, und abends geht’s mit seinen beiden Kumpels in die immer gleiche Stammdisco, wo sich in der Regel am Ende auch eine willige Dame findet, die dann zur Krönung mit ins Taxi steigt. Diese Grundsituation der stetigen Wiederholung bietet nicht nur genügend Raum fürs Komödiantische, das Regieanfänger Joseph Gordon-Levitt durchaus zielsicher heraufzubeschwören weiß, es ist auch eine gut überschaubare Versuchsanordnung: Je weniger Schauplätze und je weniger Darsteller, desto konzentrierter lässt sich mit diesem Wenigen arbeiten. Dabei ist der junge Regisseur übrigens selbst als Hauptdarsteller in beinahe jeder Einstellung zu sehen.

Nicht selten funktionieren Komödien nach dem Schema, dass der ermüdende Kreislauf der Wiederholungen irgendwann aus dem Ruder läuft und der Hauptakteur die Kontrolle über sein routiniertes und scheinbar perfektes Leben verliert. Dabei müssen die Helden der Komödie zwar stets mit drastischen Einschnitten rechnen, aber ab wann wird ein Konflikt zu intim, zu gravierend, zu aggressiv, als dass sich damit sorglos Späße machen lassen? Sich diese Frage als Regisseur zu stellen bedeutet nicht nur, die Grenzen der Komödie auszuloten, es bedeutet vor allem, sich von den Antworten zu lösen, die sich in der Gewohnheit des Genres zuweilen als der Weisheit letzter Schluss festgebissen haben. Jons krankhafte Pornosucht, um die es hier geht, ist nicht einfach auf eine maßlose Libido zurückzuführen, sie ist tatsächlich ein pathologisches Problem. Diese Sucht geht so weit, dass er beim realen Sex keine Befriedigung mehr findet und sein ganzes übriges Leben als zweitrangigen Pausenfüller zwischen die Hardcoresessions zwängen muss. Und bei aller (Selbst)ironie, mit der Gordon-Levitt das bitterernste Fundament dieses Leidens durchzieht, steht dennoch permanent die Frage im Raum, ob das nun wirklich noch Komödie ist oder ob einem das Lachen nicht doch irgendwann im Halse stecken bleiben muss.

Es ist einer durchaus raffinierten Inszenierung zu verdanken, dass Jons Sucht tatsächlich als schwerwiegendes Handicap erfahrbar wird. In schnellen Schnitten reihen sich die immer gleichen ritualisierten Einzelschritte aneinander, vom Starten des Laptops bis zum Wegwerfen des besamten Klopapiers. Für Sekunden erstrecken sich originale Pornoszenen über die gesamte Leinwand, und das exaltierte Gestöhne und Gekeuche der Darsteller erreicht einen maßlosen und unnatürlichen Lautstärkepegel. Es wird eben nicht nur ein leidenschaftliches Hobby gezeigt, sondern ein schwindelerregender Exzess, und ein fremdbestimmter obendrein.

Schade nur, dass die Ausgewogenheit zwischen Klamauk und Tragik, die am Anfang so vielversprechend anklingt, am Ende nicht hält. Gordon-Levitt verwirft die Möglichkeit, seine Figuren näher zu erforschen, zugunsten des Immer-Dagewesenen, des langweiligsten Musters schlechthin: ein orientierungsloser Mann, der sich am Ende zwischen zwei Frauen entscheiden darf und dessen aufrichtiger Entschluss die wundersame Heilung seiner beschädigten Männlichkeit verheißt.

Die Klischees, die zu Beginn noch die Hoffnung wecken, sie würden bewusst überspannt und damit verfremdet, nehmen den Film zunehmend in die Hand und verlieren dabei alle Ironie, schrumpfen letztlich auf die fadesten und abgeschmacktesten Gegensätze zusammen. Die beiden Frauenbilder, die mit Barbara (Scarlett Johansson) und Esther (Julianne Moore) heraufbeschworen werden, können als ironische Brechung nicht gelten, wenn zum Schluss nur die simpelsten Moralvorstellungen vom richtigen und vom falschen Sex daherkommen. Und auch der wundgeschürfte Jon wird zur reinen Parodie seiner selbst, zu einer Karikatur, die beides nicht mehr halten kann, den Witz und den Ernst. Pornos zum Problem zu machen ist eben doch kein so kühnes Wagnis, vor allem dann nicht, wenn die interessanten Fragen im infantilen Gekicher verebben. Es ist bedauerlich, aber Don Jon stellt seine Fragen nur dort, wo die Antworten leider schon geschrieben sind. Und den Schauwert des Klischees in allen Ehren, aber dort, wo es das letzte Wort hat, ist das Experiment bereits missglückt – wenn man Gordon-Levitt denn zuerkennt, dass er ein solches Experiment im Sinn hatte, dass er durchaus auf der Suche war nach einer passenden Form für einen komplexen Inhalt.

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