kritiken.de› Filme›
Filme

Captain Phillips

kritiken.de
kritiken.de Redaktion 14.11.2013
Captain Phillips© Sony Pictures Releasing GmbH
A ca. 2563 Worte Lesezeit ca. 9 Minuten 30 Sekunden  📋 Inhalt

Captain Phillips: Maritime Spannung und moralische Unschärfe im Zeitalter der Globalisierung und Gewalt

Einleitung

Captain Phillips, erschienen 2013, steht für eine Form von Kino, das sich an der Schnittstelle von Thriller und zeitgenössischem Drama bewegt und die Ästhetik des dokumentarischen Erzählens in den Dienst einer persönlichen Krise stellt. Der Film nimmt einen realen Vorfall als Ausgangspunkt, nutzt ihn aber weniger zur bloßen Rekonstruktion als zur Untersuchung von Handlungslogiken, Verantwortlichkeiten und der visuiblen Vermittlung von Machtverhältnissen auf engstem Raum. In der öffentlichen Wahrnehmung verschmolzen bei Erscheinen die Namen des Hauptdarstellers Tom Hanks mit der globalen Nachrichtensituation um somalische Piraterie, wodurch der Film schnell zu einem Diskussionsgegenstand über Repräsentation und Medienlogik wurde.

Innerhalb des filmischen Diskurses markiert Captain Phillips eine Fortsetzung jener Herangehensweise, die den Regisseur zu einem renommierten Vertreter des politischen Kinos gemacht hat. Das Werk zeigt die Verschränkung von persönlicher Verantwortung und größeren geopolitischen Strukturen, ohne sich in simplen Moralisierungen zu verlieren. Die Spannung entsteht nicht allein aus der äußeren Bedrohung, sondern aus der filmischen Form, die Nähe und Distanz zwischen Zuschauer, Opfer und Täter permanent austariert.

Relevanz gewinnt der Film auch durch seinen zeitgeschichtlichen Kontext. Anfang des 21. Jahrhunderts veränderten sich die Wahrnehmungen von Seefahrt, globalem Handel und staatlicher Schutzfähigkeit. Piraterie an der Horn von Afrika fungierte als Brennglas für Fragen nach ökonomischer Globalisierung, staatlichem Versagen und medialer Dramatisierung von Gewalt. Captain Phillips greift diese Fragestellungen nicht als abstrakte These auf, sondern konkretisiert sie in der Enge eines Schiffs, auf dem ökonomische Routinen und existenzielle Entscheidungen kollidieren.

Kurzüberblick zur Produktion

Regie führte Paul Greengrass, dessen Handschrift hier unverkennbar ist: eine dokumentarisch anmutende Kamera, schnittintensive Rhythmen und ein Interesse an realistisch wirkenden Konfliktabfolgen. Greengrass hat sich mit früheren Arbeiten einen Ruf als Filmemacher erarbeitet, der politisch aufgeladene Ereignisse in eine unmittelbare, oft chaotische Bildsprache übersetzt. Captain Phillips ist weniger ein politisches Pamphlet als eine konzentrierte Weiterführung seiner Methoden.

Die Produktion realisierte die Herausforderung, Seeschlachten und Enge an Bord glaubhaft darzustellen, durch eine Kombination aus Dreharbeiten auf Wasser, Studioarbeit und präziser szenischer Einrichtung. Die Kameraarbeit, die sich häufig in Schulterperspektiven und kurzen Takes bewegt, erzeugt eine sensorische Nähe, die den Zuschauer in die klaustrophobische Situation zieht. Der Film basiert auf der Memoirenvorlage des betroffenen Kapitäns und einem Drehbuch, das den Fokus auf psychologische Nuancen und Prozesshaftigkeit legt.

Innerhalb des Gesamtwerks des Regisseurs nimmt Captain Phillips eine Position ein, die das Interesse an unmittelbarer politischen Relevanz mit einer intensiven Figurenökonomie verbindet. Im Gegensatz zu großformatigen Ensemblestücken konzentriert sich der Film auf wenige, prägnant gezeichnete Charaktere und stellt dadurch Fragen nach Verantwortung, Führung und medialer Repräsentation in den Vordergrund.

Die Hauptdarsteller & Hauptdarstellerinnen

Tom Hanks trägt die Rolle des Kapitäns. Hanks, in seiner Karriere häufig als Verkörperung eines gewissen amerikanischen Everyman gelesen, bringt hier eine kontrollierte, zurückgenommene Präsenz, die das Gewicht beruflicher Verantwortung und persönlicher Belastung spürbar macht. Seine Darstellung vermeidet große Gesten und setzt auf feine mikroexpressive Arbeit, die in einem filmischen Kontext von Nähe besonders wirkungsvoll ist.

Der Somalier Barkhad Abdi ist eine der prägenden Entdeckungen des Films. Als Teil eines Ensembles von größtenteils unbekannten Schauspielern verkörpert er eine der zentralen Figuren der Angreifergruppe. Seine Leistung zeichnet sich durch eine Mischung aus roher Entschlossenheit und ambivalenter Menschlichkeit aus. Die Besetzung mit zum Teil nicht-professionellen Darstellern trägt zu einer Authentizität bei, die das filmische Geschehen weniger als fiktionale Konstruktion erscheinen lässt als vielmehr als unmittelbare Konfrontation.

Weitere Schauspieler erscheinen in unterstützenden, aber signifikanten Rollen. Subtile, funktionale Nebenrollen sorgen dafür, dass die sozialen und institutionellen Ebenen, von der Mannschaft bis zur militärischen Reaktion, dramaturgisch präsent bleiben. Die Ensembleleistung folgt dabei einer klaren Dramaturgie: Einzelne Gesichter werden zum Träger großer Interpretationsräume.

Handlung (spoilerfrei!)

Die erzählte Konstellation ist einfach und stringent: Ein Frachtschiff wird von einer Gruppe somalischer Männer angegriffen. Die angespannte Begegnung auf hoher See entwickelt sich rasch zu einer Situation, in der improvisierte Entscheidungen über Leben und Tod, Pflicht und Überleben entscheiden müssen. Die Dramaturgie formt sich aus dem Gegensatz von professioneller Routine und plötzlicher Gewalt, aus der Ratio der Schiffsführung und dem Druck einer existenziellen Bedrohung.

Im Zentrum stehen wenige Akteure, deren Handlungen und Reaktionen die Spannung tragen. Der Kapitän steht für Verantwortung und die Anforderungen einer Führungsperson, während die Angreifer zugleich als politische und wirtschaftliche Produkt einer globalen Konstellation erscheinen. Die Atmosphäre ist geprägt von Enge, drückender Hitze und dem konstanten Geräusch des Meeres. Greengrass nutzt diese sensorischen Elemente, um eine fast körperliche Erfahrung von Gefahr und Entscheidungsdruck zu erzeugen.

Zentrale Themen und Motive

Captain Phillips fragt nach Führungsverhalten unter extremen Bedingungen und nach der Grenze zwischen Pflicht und Selbstschutz. Der Film verhandelt das Verhältnis von Recht und Gewalt, von persönlicher Verantwortung und strukturellen Ursachen. Er stellt die Frage, wie Individuen innerhalb globaler Systeme handeln, wenn institutionelle Sicherheiten versagen oder nicht greifen.

Ein wiederkehrendes Motiv ist die See als Grenzraum, in dem gesetzliche und moralische Ordnungen ihre Konturen verlieren. Die physische Isolation auf dem Wasser fungiert als Metapher für das Auseinanderfallen politischer Narrative. Ebenfalls zentral ist die Frage nach der Darstellung des Anderen. Greengrass nähert sich den Angreifern nicht nur als Kriminellen, sondern lässt Situationen ihrer Verzweiflung und ihrer ökonomischen Motivation sichtbar werden, ohne dies zur Entschuldigung zu stilisieren. Dadurch entsteht eine Spannung zwischen Empathie und Verantwortungszuweisung.

Formal arbeitet der Film mit Nähe und Distanz, mit abrupten Schnittfolgen und einer knappen, oft dissonanten Soundgestaltung, um die psychologische Realität der Figuren fühlbar zu machen. Captain Phillips bleibt in seinen Bildern und seinem Erzählmodus dicht an realen Folgen globaler Verflechtungen, ohne einfache Antworten zu liefern. Das macht ihn zu einem Werk, das weniger ein Urteil fällt als die Fähigkeit des Kinos demonstriert, komplexe Gegenwartsphänomene ästhetisch zu verhandeln.

Filmkritik von Nino Klingler

„This is a real world situation": Gerade eben drillte Captain Phillips (Tom Hanks) seine Crew noch mit einem imaginären Piratenangriff, da haben schon zwei kleine Boote die Verfolgung des Containerriesen MV Maersk Alabama aufgenommen. Schnell müssen die Köpfe umschalten, von simulierter auf wirkliche Gefahr. Denn in 240 Seemeilen Abstand zur somalischen Küste bedeuten unbekannte Boote selten Gutes.

Regisseur Paul Greengrass verlangt von seinen Zuschauern dabei etwas ganz Ähnliches wie Captain Phillips von seiner Mannschaft: Der Brite reichert seine hochspannenden Thriller gerne mit einer satten Portion Wirklichkeit an, erzählt Geschichten, die auf ganz realen Geschehnissen fußen. Seine filmischen Ahnen sind die Spionage- und Paranoiathriller der 1970er Jahre, wie dort schließen sich auch bei Greengrass Entertainment und profunde politische Auseinandersetzung nicht aus. Man spürt, dass in die Entwicklung seiner Filme ein fast wissenschaftlicher Rechercheaufwand einfließt, ob er nun in „Bloody Sunday“ nordirische Unruhen analysiert, den tragischen Kampf um das Flugzeug „United 93“ am 11. September 2001 nachzustellen versucht, oder eben von der Geiselnahme des amerikanischen Captain Phillip durch somalische Piraten berichtet. Greengrass hat sich eine ganz eigene Kunst im filmtypischen Jonglieren von Fakt und Fiktion erarbeitet, die durchaus „Doku-Action“ genannt werden könnte. Bei ihm darf Politik krachen, und Actionkino denken.

Natürlich spielen in ein einzelnes Ereignis wie das Kapern eines Handelsschiffs durch somalische Piraten komplexe Zusammenhänge mit hinein: Globalisierung, Kolonialgeschichte, Wirtschaftsungerechtigkeit, Klimawandel, Stammesfehden. Aber wie soll man davon erzählen, und schwerer noch: Wie soll man einem Publikum diese Zusammenhänge begreifbar machen? Genau bei dieser Frage setzt Greengrass’ didaktische Action an: Alle großen, vagen, unsichtbaren Umwälzungen der Welt konkretisieren sich manchmal in handgreiflichen, brutalen, persönlichen Auseinandersetzungen.

Zum Beispiel in der zwischen dem tonnenförmigen Tankerkapitän Phillips und dem spindeldürren, Khat-kauenden und todesmutigen Piratenführer Muse (Barkhad Abdi). Schon ihre Körper gehören unterschiedlichen Welten an, aber Greengrass lässt mit dem Multi-Oscar-Megastar Hanks und dem Debütanten Abdi auch radikal unterschiedliche Schauspielstile, Sprachen, Mimiken und Gesten aufeinanderprallen. Und auch abseits der Hauptfiguren erzählt „Captain Phillips“ von den Unterschieden in der Welt nicht mithilfe abstrakter Analysen, auch nicht durch um Mitleid heischenden Krisenjournalismus, sondern über Bewegungen, Klänge, Bilder und Gefühle, all jener Mittel also, die dem Film als Kunstform zur Verfügung stehen. So ist die Verfolgungsjagd zwischen dem Ozeanriesen und den ameisenkleinen Außenbordern der Piraten ein fast absurder Kampf der Verhältnisse: Wo das Frachtschiff schneckengleich Manöver macht, werden die kleinen Kähne der Afrikaner von den aufgeworfenen Heckwellen meterhoch durch die Luft gewirbelt.

Bei dieser Kaperfahrt kommt es auch zu einem grandiosen Blickwechsel zwischen den beiden Kapitänen. Sie starren einander durch die Ferngläser an, Phillips seelenruhig von seiner Kommandobrücke aus, Muse mit fast artistischer Balance auf seinem hüpfenden Boot. Zwei Männer wie aus entfernten und fremden Galaxien, einer schaut gemessen und von oben herab, der andere wild umhergerissen und gehetzt. Greengrass’ Bilder werden ja gerne und fälschlicherweise als verwackelt und wirr verschrien, aber in „Captain Phillips“ beweisen er und sein altvertrauter Kameramann Barry Ackroyd mal wieder, worin die Stärken einer hochsensiblen und maximal an unterschiedliche Situationen und Figuren angepassten Optik liegen. Auf jede Figur, auf jede Emotion können sie flexibel und unmittelbar reagieren, können menschlichen Pulsschlag fast verlustfrei in Bildzittern und ruckartige Bewegungen übersetzen.

Die meiste Zeit bleibt „Captain Phillips“ sehr ausgewogen in seiner Darstellung der einander bekämpfenden, aber zugleich einander ausgelieferten Gruppen von Frachter-Mannschaft und Terroristen. Vor allem vermeidet der Film eine allzu offene Feier amerikanischen Heldenmuts. Gen Ende wird das zwar etwas problematischer, wenn die Navy Seals wie unbesiegbare Übermenschen vom Himmel geflogen kommen, ihre Scharfschützengewehre auspacken und damit genau jene Unfähigkeit zur Selbstverteidigung beenden, die Greengrass den Amerikanern in „United 93“ noch vorgehalten hatte. Aber auch wenn am Ende (das darf man bei einem so faktennahen Film wie „Captain Phillips“ durchaus vorwegnehmen) die Terroristen sterben und der Amerikaner gerettet wird: Irgendwie macht es Greengrass seinen Zuschauern durch quälend lange Sequenzen und stagnierende Spannungsbögen letztlich unmöglich, das alles als wirkliches Happy End zu empfinden. Zu viel und vor allem zu intensiv hat man davor miterlebt mit den vermeintlichen „Verbrechern“.

Ganz frei von problematischen Entscheidungen ist „Captain Phillips“ selbstverständlich nicht. Dass einige in der Realität voneinander getrennte Ereignisse dramatisch zusammengezogen, andere aufgeplustert wurden, kann niemanden verwundern. Schwieriger ist da schon die dezidiert positive Zeichnung des Captains, auf dessen Memoiren der Film auch basiert. Denn in Wirklichkeit war der wohl oftmals despotisch agierende Phillips nicht unschuldig an der Tragödie, lenkte er sein Schiff doch entgegen klarer Richtlinien zu nahe an die somalische Küste. Das wiederum ist auch ein Problem faktensatten Kinoerzählens: So stark die Wirklichkeit in den Film hineinwirken kann, so sehr kann der Film wiederum die Wirklichkeit überlagern und verzerren.

Und dennoch: „Captain Phillips“ ist ein einzigartiger Film, mit dem Paul Greengrass erneut seine Sonderstellung im Weltkino unter Beweis stellt. Dies ist wohldurchdachtes, hochintelligentes Filmemachen, das quer liegt zu jeglichen Genreaufteilungen und Zielgruppen und sowohl Actionfans wie politisch Interessierte herausfordern wird.

Filmkritik von Sophie Charlotte Rieger

Tom Hanks, Weltstar und zweifacher Oscarpreisträger, brilliert als Gallionsfigur dieses ansonsten eher mäßig prominent besetzten Thrillers und stellt eindrucksvoll unter Beweis, dass er es noch immer beherrscht, Kinozuschauer in seinen Bann zu ziehen. Dabei kommt ihm der heldenhafte Charakter des Bootskapitäns Richard Phillips durchaus entgegen. Auf einer wahren Begebenheit beruhend erzählt „Captain Phillips“ die Geschichte der Entführung eines US-amerikanischen Containerschiffs durch somalische Piraten. Tom Hanks ist als titelgebender Kapitän für seine Crew und deren Wohl verantwortlich und riskiert bei dem Versuch, seine Untergebenen zu schützen, schließlich gar das eigene Leben.

Kapitän Phillips ist ein wahrer Held, ganz so wie es sich für einen amerikanischen Blockbuster gehört. Nichts, aber auch gar nichts ist ihm anzulasten. Stets trifft er die richtigen Entscheidungen. Dass die Hauptfigur trotz dieser Eindimensionalität interessant bleibt, ist der schon erwähnten überdurchschnittlichen Schauspielleistung von Tom Hanks zu verdanken. Es gelingt ihm, Phillips nicht nur Souveränität und Verantwortungsbewusstsein zu verleihen, sondern auch die unter der Oberfläche lauernde Todesangst des Entführungsopfers sichtbar zu machen. Mit gewohnter Leichtigkeit gewinnt Hanks damit die Sympathie des Zuschauers, der nun um das Wohl des Helden zu bangen beginnt.

„Captain Phillips“ gönnt seinem Publikum in der Tat wenige Ruhepausen. Drehbuchautor Billy Ray erzählt seine Geschichte so geschickt, dass die Spannung über die zweistündige Laufzeit stets aufrechterhalten wird, ohne dass auch nur der kleinste Moment von Langeweile oder Entspannung aufkäme. Dies gelingt ihm mit dem wiederholten Wechsel von Spielort und Bedrohungsszenario. Immer wieder spannt er den Zuschauer durch neue Bedrohungen auf die Folter, löst die konkrete Situation auf, nur um direkt im Anschluss die nächste Gefahr am Horizont auftauchen zu lassen. Mit dieser Dramaturgie kann er auch die begrenzten Spielorte gekonnt ausgleichen. Obwohl die Geschichte auf dem offenen Meer nur wenig Flexibilität erlaubt, verlagert Ray die Geschichte immer wieder von einem Ort zum nächsten und kreiert auf diese Weise für das Publikum immer neue aufregende Szenarien.

Auch Paul Greengrass trägt seinen Teil zur Atemlosigkeit des Zuschauers bei. Der Einsatz einer wackligen Handkamera und schneller Schwenks der selbigen, der das Publikum schon in „Die Bourne Verschwörung“ und „Das Bourne Ultimatum“ gehörig durchschüttelte, erweist sich auch diesmal als funktionales Gestaltungsmittel. Nicht nur, dass die unkontrolliert wirkenden Kamerabewegungen passender Weise ein Gefühl von Seekrankheit auslösen können, sie erschaffen außerdem eine Atmosphäre permanenter Unruhe. Paul Greengrass versteht es, die Aufmerksamkeit seines Publikums dauerhaft zu fesseln.

Während „Captain Philipps“ aus den obig genannten Gründen als Thriller großartig funktioniert, fehlt es dem Konzept insgesamt an Komplexität und Tiefgang. Zwischen dem amerikanischen und dem somalischen Kapitän spielt sich ein Machtkampf ab. Beide sind Anführer und somit in der Verantwortung für ihre Crew und das gemeinsame Unternehmen, sei es nun der Transport von Gütern oder die Entführung eines Frachters. Es ist eine der gravierenden Schwachstellen von „Captain Philipps“, das sich das Kapitänsduell niemals auf Augenhöhe abspielt. Der Amerikaner ist dem Somali stets intellektuell überlegen, vermag ihn immer wieder hinters Licht zu führen und auszutricksen. Zudem bewahrt sich Kapitän Phillips auch in Momenten großer Bedrängnis seine Ruhe und Besonnenheit, während sein somalischer Widersacher Muse (Barkhad Abdi) zunehmend die Nerven verliert. Schließlich spiegelt sich in den Augen des Entführungsopfers gar Mitleid für seine Peiniger. Was uns vermutlich für die Situation der somalischen Piraten sensibilisieren soll, verursacht stattdessen einen gravierenden Respektverlust.

Leider gelingt es Regisseur Paul Greengrass und Drehbuchautor Billy Ray nur ungenügend, die somalischen Piraten als ganze Menschen mit Gefühlen und Bedürfnissen in den Blick zu nehmen. Während Kapitän Phillips als Familienvater in die Geschichte eingeführt wird, präsentieren sich die Somalis von Beginn an größtenteils als eindimensionale Bösewichte. Im Zuge der Geschichte erleben wir zwar ihre wachsende Verzweiflung in Anbetracht des scheiternden Unternehmens, doch befinden wir uns über ihre Lebenssituation weitgehend im Unklaren. Nur an einer Stelle wird mit der Überfischung des Meeres durch ausländische Unternehmen die prekäre Lage der somalischen Fischer angesprochen, doch belässt es das Drehbuch letztlich im Unklaren, ob es sich hierbei wirklich um die primäre Handlungsmotivation der Piraten handelt. Der Film unterteilt klar in Gut und Böse, wobei sich die Amerikaner wenig überraschend gesammelt auf der Seite der Guten befinden.

Damit scheitern Paul Greengrass und Billy Ray leider daran, der realen Situation in Somalia Rechnung zu tragen. Der Versuch, einen Zusammenhang zwischen den Industrienationen und der Armut des ostafrikanischen Landes und der daraus resultierenden Piraterie herzustellen, ist zwar sichtbar, verbleibt jedoch derart in der Andeutung, dass er dem Kinozuschauer im Grunde nichts beizubringen weiß. Die Piraten, die mit den weit aufgerissenen Augen und ihrem irrationalen und unberechenbaren Verhalten geradezu gruselig wirken, sind in erster Linie Aggressoren und Verbrecher, für deren Motive sich der Film zu wenig interessiert. Dem gegenüber steht das amerikanische Heldentum, das nicht nur durch Kapitän Phillips, sondern auch die militärische Unterstützung der Navy verkörpert wird und dem Film bei näherer Betrachtung eine irritierend patriotische Note verleiht.

Immerhin verzichtet Paul Greengrass auf unnötigen Pathos. Sein Hauptaugenmerk gilt der Titelgebenden Hauptfigur und nicht den USA als Heldennation. Und auch wenn er die Gelegenheit verschenkt, das Problem der Piraterie komplexer zu beleuchten, präsentiert er mit „Captain Phillips“ doch einen sehenswerten Thriller, dessen Tempo und Actionsequenzen in der Tat „großes Kino“ sind.

Newsletter

Einmal pro Woche die besten Essays, Analysen und Kritiken – direkt in Ihr Postfach.

kritiken.de