Wie in alten Zeiten - Elegische Emanzipationskomödie über Erinnerung, Würde und zweite Chancen
Einleitung
Wie in alten Zeiten tritt in eine Nische des populären Kinos ein, in der Komik und Melancholie nicht gegeneinander, sondern miteinander spielen. Der Film nutzt das vertraute Vokabular der romantischen Komödie und des Feldversuchs heiterer Kriminalität, um eine leise Reflexion über Alter, Würde und ökonomische Verletzlichkeit zu führen. Seine Relevanz liegt weniger in originellen Plotwendungen als in der Art, wie etablierte Darstellerfiguren und europäische Schauplätze zu einem Spiegel für gegenwärtige Unsicherheiten gerückt werden.
Im Arbeitsfluss des Regisseurs markiert der Film einen behutsamen Schritt: er verwebt die Intimität seiner Figuren mit einem klassischen Genregerüst und setzt damit auf Charakterstudie statt auf Spektakel. In einer Zeit, in der die öffentliche Debatte rund um Rentensicherheit, prekäre Altersvorsorge und die Frage nach dem Wert erfahrener Lebensleistung an Schärfe gewonnen hat, bedient sich die Erzählung einer leichten Form, um ernsthafte gesellschaftliche Fragen fühlbar zu machen.
Die Tonalität des Films oszilliert zwischen nostalgischer Wehmut und dem Vergnügen kleiner Rachemanöver. Diese Balance erlaubt eine doppelte Lesart: Als Unterhaltung funktioniert der Film als charmante, manchmal verschmitzte Caprice; als kulturelles Dokument verweist er auf das Bedürfnis, dem Altern eine Handlungsfähigkeit zurückzugeben. Die filmische Geste ist dabei nicht laut, sondern bedacht: Szenen atmen, Blicke tragen Bedeutung, und die Komik gewinnt an Substanz durch die Erfahrung der Figuren.
Kurzüberblick zur Produktion
Regie führte Joel Hopkins, ein Filmemacher, der sich in früheren Arbeiten bereits mit den Spannungen zwischen Einsamkeit und Zärtlichkeit auseinandergesetzt hat. Seine Handschrift zeichnet sich durch eine unaufgeregte Beobachtungsgabe aus, die größeren Gefühlen eine private, oft komische Architektur verleiht. Hopkins setzt weniger auf visuelle Effekte als auf die Nuancen in Dialog und Schauspiel, wodurch seine Werke eine beinahe theatralische Intimität entwickeln.
Die Produktion ist als europäische Co-Produktion zu lesen, die mittelgroße Budgets nutzt, um aufwendigere Genrevignetten ohne Großindustrieästhetik zu realisieren. Gedreht wurde bevorzugt on location; die Kamera umkreist gut bekannte wie halbvertraute Landschaften, deren Sonnigkeit und Architekturen zur Stimmung beitragen. Die Produktionsumstände erlauben eine gewisse künstlerische Gelassenheit: statt auf Effektdruck zu reagieren, wird Raum gelassen für Tempowechsel, Dialogsicherheit und eine Ensemblechemie, die den Film trägt.
Im Werk des Regisseurs steht Wie in alten Zeiten für eine Verschiebung hin zu leichteren, komödiantischeren Tönen, ohne die ihm eigene Ernsthaftigkeit zu verleugnen. Die gegenwärtige Arbeit nutzt genretypische Mechanismen, um die wiederkehrenden Motive von Einsamkeit, Anerkennung und menschlicher Zuneigung in ein helleres Licht zu rücken.
Die Hauptdarsteller & Hauptdarstellerinnen
Mit Pierce Brosnan und Emma Thompson besetzt der Film zwei Figuren, deren Karrierebiografien selbst als kulturelle Stichworte fungieren. Brosnan, lange Zeit Symbolfigur eines eleganten Actionhelden, bringt hier eine gebrochene Gelassenheit mit, die seine physische Präsenz mit vokaler Sanftheit koppelt. Thompson, deren künstlerische Bandbreite sowohl komödiantische Schärfe als auch dramatische Tiefe umfasst, gibt der weiblichen Hauptfigur einen Tonfall aus Würde, Ironie und latentem Trotz.
Timothy Spall tritt als bewährter Charakterdarsteller auf, dessen Fähigkeit, skurrane Ernsthaftigkeit auszuloten, dem Ensemble eine erdige Glaubwürdigkeit verleiht. Unterstützt wird das zentrale Paar von einer Reihe europäischer Nebenfiguren - darunter Marisa Berenson, Celia Imrie, Tuppence Middleton, Louise Bourgoin und Laurent Lafitte - die jeweils unterschiedliche Facetten gesellschaftlicher Milieus und Generationen repräsentieren. Diese Besetzungspalette ermöglicht es dem Film, von britischem Understatement bis zu französischer Leichtigkeit zu oszillieren und so einen paneuropäischen Ton zu formen.
Die Figuren sind keine bloßen Typen; sie sind Träger biografischer Spuren, die von den Schauspielerinnen und Schauspielern durch subtile Mimik und Timing ausgearbeitet werden. Gerade die Kollision von Altbekanntem und neuem Ensemblegeist schafft eine Dynamik, in der Erfahrung als dramatisches Kapital erscheint.
Handlung (spoilerfrei!)
Die Geschichte setzt bei Figuren ein, die sich in einer Lebensphase befinden, in der Routine und Enttäuschung eng beieinanderliegen. Ein persönlicher Schicksalsschlag stellt ihre ökonomische und existenzielle Lage infrage und mobilisiert sie zu einem ungewöhnlichen Plan. Der Grundkonflikt ergibt sich aus dem Zusammentreffen von verloren gegangener Sicherheit und dem Drang, Selbstachtung wiederherzustellen.
Im Zentrum stehen zwei Protagonisten, deren Beziehung durch gemeinsame Geschichte und unbeendete Gefühle geprägt ist. Ihre Reise führt sie durch eine Abfolge europäischer Schauplätze, die wie Bühnenbilder für Stationen ihres Wiederaneinanders fungieren. Die Handlung nutzt Elemente des Kaper- und Roadmovie-Genres, ohne in den kriminellen Thrill zu kippen; der Schwerpunkt liegt vielmehr auf psychologischer Verwickelung und komischer Verlegenheit.
Ton und Atmosphäre sind zumeist leichtfüßig, mit unterströmenden Momenten von Bitterkeit. Die Erzählung bevorzugt Dialoge und kleine Gesten gegenüber lautem Aktionismus, wodurch die zunehmende Nähe der Figuren glaubhaft wird und die Frage nach persönlicher Würde im Alter in den Vordergrund rückt.
Zentrale Themen und Motive
Der Film stellt grundlegende Fragen nach Würde, Erinnerung und ökonomischer Gerechtigkeit. Was bedeutet es, in späteren Lebensjahren Handlungsfähigkeit zurückzugewinnen? Wie verhalten sich Erinnerung und Identität zueinander, wenn materielle Sicherheiten zu schwinden drohen? Diese Fragen werden nicht theoretisch, sondern über das konkrete Handeln der Figuren verhandelt.
Ein wiederkehrendes Motiv ist das Spiel mit Rollen und Masken: Die Figuren schlüpfen in Verhaltensweisen, die sie lange abgelegt zu haben glaubten, und finden darin eine Form von Selbstermächtigung. Der Film arbeitet mit konventionellen Stilmitteln - Reisedramaturgie, Ensemblekomik, pointierte Dialoge - um soziale Beobachtungen zu verdichten. Visuell dominiert eine Palette warmer, oft postkartenhafter Bilder, die mit der ernsthaften Thematik einen reizvollen Kontrast eingehen.
Die philosophische Dimension liegt in der Frage nach der Würdigkeit des Alterns in einer Gesellschaft, die Jugend und Produktivität besonders schätzt. Psychologisch erzählt der Film von der Möglichkeit, Bruchstellen zu besetzen und narrative Kontrolle zurückzugewinnen. So wird die Komödie zu einem Vehikel, das ernste Reflexion und leichte Unterhaltung zusammenführt, ohne den einen Pol zu opfern.
Filmkritik von Tim Lindemann
Gerne wird über Teenie-Filme à la ?Twilight? und ?High School Musical? gespottet: Die Plots sind flach, die Darsteller hübsch aber untalentiert, das Ganze also nur ein groß angelegter, leicht durchschaubarer Trick um der simpel gestrickten Jugend das Geld aus der Tasche zu sein. Sie stehen im Volksmund synonym für das Plumpe, Kommerzielle, Nicht-künstlerische am Film. Dem soll hier nicht unbedingt widersprochen werden; kurios aber ist es, dass das mindestens ebenso penetrante Genre der Rentner-Komödie nicht mit der gleichen Verachtung gestraft wird. Im Gegenteil: Oft erhalten die Filme trotz ihrer biederen Betulichkeit noch Eingang in die diffuse Kategorie des ?Arthouse?. Ein klares Monopol in der Produktion dieser Rührstücke haben die Franzosen und Engländer: Besonders die Filmemacher von der Insel haben zuletzt mit Filmen wie ?Best Exotic Marigold Hotel? oder ?Quartett? die Herzschrittmacher schneller schlagen lassen. ?Wie In Alten Zeiten?, der neue Film des Regisseurs und Autors Joel Hopkins, reiht sich in diesen Kanon perfekt ein.
Zunächst einmal gehört ?Wie In Alten Zeiten? allerdings in eine viel ältere Kategorie, die der Filmphilosoph Stanley Cavell als ?re-marriage comedy? bezeichnete; romantische Komödien also, die sich mit der erneuten Zusammenführung eines zuvor geschiedenen Paares befassen – etwa Howard Hawks' Klassiker ?His Girl Friday? oder George Cukors ?Philadelphia Story?. Das Thema geht auf Shakespeare zurück und wurde in den 30ern und 40ern von amerikanischen Filmemachern aufgegriffen, um den strengen Zensurvorschriften ein Schnippchen zu schlagen: Scheidung war eigentlich ein Tabu-Thema, mit der abschließenden Reunion des Paars aber stimmte man die Zensoren gnädig. ?Wie In Alten Zeiten? hatte wohl keine Zensur zu fürchten, wählt aber den gleichen Weg: Richard (Pierce Brosnan) und Kate (Emma Thompson) sind zwar nach ihrer Scheidung in Kontakt geblieben, lassen aber auch keine Gelegenheit aus, um sich gegenseitig anzugiften und aufzuziehen. Nur ihre zwei gemeinsamen Kinder halten sie lose zusammen.
Dann passiert das Unglaubliche und auch reichlich Unglaubwürdige: Richards Bank wird plötzlich von einer anderen Firma übernommen und absichtlich aus Profitgier gegen die Wand gefahren – die Ersparnisse von Richards treuen, hart arbeitenden Untergebenen sind futsch, zusammen mit seinen eigenen. Aufopfernd und volksnah wie die Chefs global operierender Finanzkonzerne nun einmal sind, macht Richard sich natürlich sofort auf den Weg nach Paris, um den bösartigen Konkurrenten Vincent zur Rede zu stellen – nicht ohne vorher seine Exfrau Kate zu überreden, ihn zu begleiten. Nach anfänglichen Rückschlägen hecken die beiden den Plan aus, den zehn Millionen schweren Diamanten zu stehlen, den Vincent seiner jungen Verlobten geschenkt hat. Und das, obwohl Richard, wie immer wieder betont wird, in seinem Arbeitsleben immer strikt den Regeln gefolgt ist.
Dass der Vorsitzende einer Bank derart von einem Verkauf überrascht werden kann und in der Folge seinen Kontrahenten persönlich aufsucht, um ihm mitzuteilen, er handele unmoralisch: geschenkt. Man könnte über dieses und andere bizarre Plotlöcher hinwegsehen, wenn wenigstens die Chemie zwischen den beiden Hauptfiguren stimmen würde. Schließlich bezieht sich der Film auf die oben genannte Tradition der Screwball-Comedies, die sich durch rasend schnelle, spritzige Dialoge auszeichneten. Die sucht man hier vergebens. Brosnan und vor allem Thompson versuchen zwar ihr Bestes um die schablonenhaften Charaktere zum Leben zu erwecken, scheitern aber durchweg am flachen Drehbuch. Prostata-, Bandscheiben-, und Inkontinenz-Witze sind hier das höchste der Gefühle und werden in der entsprechenden Zielgruppe sicherlich für Begeisterungsstürme sorgen.
Damit ist man auch schon am Knackpunkt angelangt: ?Wie in Alten Zeiten? fühlt sich an wie eine Mischung aus Rosamunde-Pilcher-TV-Filmen, ?Gala?-Artikeln und dem Humor von alternden Kabarettisten wie Karl Dall und Ingo Appelt. Der Film erreicht also punktgenau seine 60plus-Zielgruppe und das kann man ihm nur schwer zum Vorwurf machen. Dank Timothy Spall als kuriosem Freund des Ex-Paars gibt es immerhin ein paar Schmunzler. Als Running Gag offenbart sich nämlich zunehmend die bewegte Vergangenheit dieses pummeligen Biedermanns, inklusive Fremdenlegion und Unterweltverbindungen. Das vermag aber auch nicht darüber hinwegzutäuschen, dass ?Wie In Alten Zeiten? ein kühl kalkulierter Schwank mit erzkonservativer, upper-middle-class Moral ist, so fad und deprimierend wie Kantinenessen im Altersheim.

