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Hüter der Erinnerung - The Giver

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kritiken.de Redaktion 02.10.2014
Hüter der Erinnerung - The Giver© StudioCanal Deutschland
A ca. 1597 Worte Lesezeit ca. 6 Minuten  📋 Inhalt

Hüter der Erinnerung - The Giver: Erinnerung als Bürde und politische Bildmacht im Jugend-Dystopikum

Einleitung

Hüter der Erinnerung - The Giver nähert sich der populären Young-Adult-Dystopie mit der Ernsthaftigkeit eines Altmeisters des politischen Kinos. Die Verfilmung des mehrfach preisgekrönten Romans von Lois Lowry wurde 2014 als Versuch präsentiert, eine weithin gelesene Vorlage in ein visuell wie thematisch dichteres Kino zu übersetzen. Angesichts einer Besetzung, die von Meryl Streep bis Jeff Bridges reicht, und eines Regisseurs mit konventioneller Hollywood- wie arthausorientierter Vorbilanz, verlangt der Film eine Betrachtung der Spannungen zwischen Fabelhaftigkeit und politischer Allegorie.

Relevanz erhält der Film nicht nur durch seine Herkunft im Kanon jugendlicher Dystopien, sondern durch die Frage, die er stellt: Welche Funktion hat Erinnerung in Gesellschaften, die Sicherheit über Vielfalt stellen? In einer Gegenwart, in der Debatten um Daten, kollektive Erinnerung und staatliche Ordnungspolitiken an Schärfe gewinnen, wirkt die Adaption wie ein kulturelles Echo jener Diskussionen.

Die Tonalität des Films oszilliert zwischen nüchterner Parabel und emotionalem Appell. Dieser Balanceakt macht ihn zu einem interessanten Gegenstand für die kulturjournalistische Einordnung: Er beansprucht eine didaktische Haltung, bleibt dabei aber handwerklich an einigen Stellen überraschend filmisch - vor allem in der übersetzten Bildsprache, die den Verlust und die Wiederentdeckung sinnlicher Erfahrung zum Thema macht.

Kurzüberblick zur Produktion

Regie führte Phillip Noyce, ein Filmemacher, der sich in seinem Schaffen zwischen Konvention und kritischem Anspruch bewegte - bekannt geworden durch kommerzielle Thriller wie Patriot Games und durch empathisch ausgestaltete Dramen wie Rabbit-Proof Fence. Noyces Handschrift ist handwerklich solide, interessiert an der Ausarbeitung moralischer Dilemmata und an einer klaren Bildästhetik, die er in unterschiedlichen Genres beibehält.

Die Produktion positionierte sich als mittlere Studioadaption: kein Low-Budget-Experiment, aber auch kein großangelegtes Franchise-Projekt. Ziel war eine ernsthafte Adaption des literarischen Vorbilds mit dem Anspruch, sowohl ein junges Publikum als auch ein kritisches Erwachsenenpublikum anzusprechen. Auffällig ist die Kombination aus etablierten Charakterdarstellern und jungen Talenten, die den Film als hybride Produktion zwischen Mainstream und Autorenfilm kennzeichnet.

Im Gesamtwerk Noyces steht Hüter der Erinnerung für einen späten, eher reflektierenden Zugang zu einem narrativen Stoff, der moralische Komplexität fordert. Er zeigt Noyce als Regisseur, der sich nochmals dem Thema politischer Formen annähert - nicht als Thriller, sondern als moralische Allegorie in klares visuellem Gewand.

Die Hauptdarsteller & Hauptdarstellerinnen

Jeff Bridges bringt seine raue, zugleich warmherzige Präsenz in die Rolle des titelgebenden Bewahrers. Bridges hat im Lauf seiner Karriere oft Figuren verkörpert, die von Lebenserfahrung und leiser Autorität getragen werden; hier übernimmt er die Rolle des Bewahrers, der große Verantwortung und schwere Erinnerungen trägt. Seine Darstellung verleiht der Figur die nötige Schwere und Menschlichkeit, ohne ins Moralapodiktische zu kippen.

Brenton Thwaites, als junger Protagonist, übernimmt die Perspektive des Zuschauers - ein coming-of-age-Element, das in LDystopien als Identifikationsachse dient. Thwaites ist hier das Sinnesorgan des Films, durch das Fragen von Empfindsamkeit, Gehorsam und Rebellion verhandelt werden. Odeya Rush liefert als seine Verbindung zum Alltag der Gemeinschaft eine stille, aber präsente Gegenfigur.

Meryl Streep ist als die Älteste eine symbolische Verkörperung der Ordnungsmacht. Ihre Erfahrung mit vielschichtigen, oft ambivalenten Rollen gibt der Figur eine repräsentative, fast archaische Dimension. Katie Holmes erscheint in der Rolle einer Elternfigur, die zwischen Fürsorge und Systemkonformität vermittelt, während Cameron Monaghan als jugendlicher Freund die spielerische, manchmal sorglose Seite der Gemeinschaft spiegelt.

Alexander Skarsgård tritt als eine der erwachsenen Autoritätsfiguren auf und bringt seine markante physische Präsenz in eine Rolle, die weniger psychologisches Innenleben als repräsentative Funktion hat. Taylor Swift hat einen kurzen, aber wirkungsvollen Auftritt als Nebenfigur, deren Bedeutung über reine Prominenz hinaus in emotionaler Resonanz steht. Emma Tremblay ergänzt das Ensemble in einer kindlichen Rolle, die die Familienthematik des Films akzentuiert. Katharina Damm ist in einer unterstützenden Funktion Teil des europäischen Castings.

Handlung (spoilerfrei!)

Der Film setzt in einer scheinbar ordentlichen Gemeinschaft an, die Konflikte durch Regelwerk und bewusst beschränkte Erinnerung vermeidet. In dieser kontrollierten Ordnung findet ein junger Protagonist eine Aufgabe, die ihn aus dem Alltag herausholt und ihm eine ungewohnte Perspektive auf seine Gesellschaft eröffnet. Die Dramaturgie baut nicht auf spektakulären Actionmomenten, sondern auf der inneren Entwicklung einer Figur, die für sich und für die Gemeinschaft Wahrnehmungen gewinnt, die bislang ausgespart wurden.

Der zentrale dramatische Konflikt entsteht aus dem Spannungsverhältnis zwischen kollektiver Sicherheit und individueller Erfahrung. Statt auf temporeiche Eskalationen setzt der Film auf Allmählichkeit: Er zeigt, wie sich Erkenntnis und Gewissen in einer reglementierten Umgebung formieren und welche Folgen diese Einsichten für den sozialen Zusammenhalt haben können. Die Atmosphäre ist dabei oft still, betont durch kontrollierte Bildgestaltung und eine Tendenz zum Monochromen, bis sich Farbräume öffnen - eine visuelle Metapher für erinnerte Sinneserfahrung.

Zentrale Themen und Motive

Im Zentrum des Films stehen Fragen nach Erinnerung, Verantwortung und der Preisgabe von Schmerz zugunsten vermeintlicher Harmonie. Das Motiv der Erinnerung fungiert dabei nicht nur als psychologisches Element, sondern als politisches Archiv: Erinnern heißt hier, Macht zu besitzen, aber auch die Bürde des Wissens zu tragen. Der Film stellt die provokante These zur Diskussion, dass kollektive Unwissenheit zwar Leid mindern, aber auch moralische Taubheit erzeugen kann.

Philosophisch öffnet die Adaption Diskurse über Identität und Moral: Wie viel Vergangenheit darf eine Gemeinschaft verdrängen, um funktional zu bleiben? Welche Rolle spielt Empathie, wenn Empfindungen domestiziert werden? Der Film berührt außerdem Fragen der Repräsentation und der Bildmacht - wie Bilder und Farben als Träger von Erinnerung fungieren und wie filmische Mittel Erfahrung übersetzen.

Psychologisch interessiert sich die Erzählung für die Prozesse des Erinnerns und Vergessens als Form persönlicher Emanzipation. Die Motive des Sichtbarmachens und des Zurückhaltens bilden den Kern einer Erzählung, die weniger Antworten anbietet als eine Einladung, über die ethischen Bedingungen moderner Ordnungen nachzudenken.

Filmkritik von Peter Osteried

Was, wenn der Hüter der Erinnerung seinen Job nicht mehr machen will?

Jugendromane werden in letzter Zeit inflationär verfilmt. Speziell solche mit Science-Fiction-Thematik entstehen zurzeit. Hüter der Erinnerung – The Giverist jedoch ein Roman, den Jeff Bridges schon vor mehr als 20 Jahren verfilmen wollte. Seine Kinder liebten ihn und er sah in der Figur des Hüters die ideale Rolle für seinen Vater Lloyd. Umsetzen konnte er den Film aber trotz des Roman-Erfolgs nicht. Bis jetzt. Bridges schlüpft dabei in die Rolle, die er einst seinem Vater zugedacht hatte.

Der Untergang geschah vor langer Zeit. Was ihn ausgelöst hat, wie er sich zutrug, das ist nicht bekannt, aber aus der Asche erhob sich eine neue Gesellschaft. Eine Gesellschaft, in der es Krieg, Hass, Schmerz, Missgunst, all das Böse nicht mehr geben sollte. Jeder sollte gleich sein, niemand sich einem anderen überlegen fühlen. Entscheidungen werden abgenommen, die Ältesten befinden, für welche Aufgaben ein Mensch bestimmt ist. Die Menschen leben in Familieneinheiten, die zugewiesen werden. Sie sind glücklich, sie sind frei von tiefergehenden Emotionen, sie sind Sklaven, ohne es eigentlich zu wissen.

In dieser Welt gibt es nur einen Menschen, der sich daran erinnert, wie es früher war. Der Hüter der Erinnerung (Jeff Bridges) bewahrt das Wissen über das Gute, aber auch das Böse in der Welt, um den Ältesten mit Rat zur Seite zu stehen. Jonas (Brendon Thwaites) wird als sein Nachfolger und Lehrling ausgewählt. Der Hüter zeigt ihm, wie die Welt war, er zeigt ihm, wie schön das Leben sein konnte, und er erweckt in ihm den Wunsch, diese Welt neu erstehen zu lassen. Aber damit bringt sich Jonas in Gefahr, denn die Ältesten wollen den Status Quo ihres perfekten Lebens beibehalten.

Zynisch könnte man natürlich konstatieren, dass Hüter der Erinnerung – The Giverauch nur aus Versatzstücken dystopischer Klassiker wie 1984 oder THX 1138 besteht, aber das wäre zu kurz gedacht. Einerseits lässt sich eine solche Kritik auf die meisten Filme anwenden, andererseits ist Philip Noyces Werk ein sehr guter Science-Fiction-Stoff, der auf Action weitestgehend verzichtet, sondern sich stattdessen mit einer Idee befasst.

Anders als bei den heute gängigen Erfolgen wie Hunger Gamesoder Die Bestimmung – Divergentgeht es hier nicht in erster Linie eine Romanze. Die gibt es für Jonas auch, aber sie ist relativ einseitig, da die Menschen um ihn herum – und damit auch Fiona, die er so mag – relativ emotionslos sind. Die Liebe, die er erkennt, mag der letztendliche Auslöser sein, warum er sich in den Kopf setzt, seine Rolle als neuer Hüter der Erinnerung zu nutzen, um nicht mehr nur zu hüten, sondern zu verbreiten.

Er ist der Rebell in einem System, das sich einen eben solchen planmäßig erschaffen hat – nur unter der Annahme, dass er immer im Zaum gehalten werden kann. Die Idee eines Systems, in dem man die Menschen ganzheitlich vergessen ließ, bis praktisch nichts mehr blieb, als stets freundliche Hüllen, ist faszinierend, weil sie auch so erschreckend ist. Anders als bei anderen Dystopien, wo Unterdrückungsmechanismen den freien Willen aufhalten, gibt es diesen hier gar nicht. Weil jeder glücklich ist, nichtsahnend, was ihm genommen wurde.

Das ist der Kern des Films, der ein starkes Plädoyer dafür ist, dass der Mensch ohne all das Schlechte auf der Welt und in seinem Leben das Gute gar nicht zu schätzen wüsste. Man muss leiden, um die Schönheit von etwas so einfachem wie Musik wahrhaftig genießen zu können. Ein Leben, das frei von sensorischen Genüssen ist, könnte ebenso gut ungelebt verhallen. Es mag oberflächlich betrachtet wie ein Utopia wirken, wenn all das Negative ausgelöscht ist, aber hinter diesen Mauern herrscht dennoch nur Trostlosigkeit.

Das stellt der Film auch technisch sehr gut dar. Denn er fängt schwarzweiß an und bleibt das auch eine ganze Weile. Erst im Lauf der Zeit schleicht sich Farbe ein, als Jonas beginnt, die Welt so zu sehen, wie sie ist, und nicht so, wie man ihm das eintrichtern wollte. Von Schwarzweiß über Sepia zu leuchtenden Farben ist der visuelle Gang dieses Films, womit die zwar mit einfacher Botschaft gestrickte, aber schöne Geschichte perfekt untermalt wird.

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