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Der kleine Nick macht Ferien

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kritiken.de Redaktion 02.10.2014
Der kleine Nick macht Ferien© Wild Bunch Germany GmbH
A ca. 1234 Worte Lesezeit ca. 4 Minuten 30 Sekunden  📋 Inhalt

Der kleine Nick macht Ferien: Kindliche Perspektive als Kommentar zur französischen Alltagsvernunft

Einleitung

Der kleine Nick macht Ferien fügt sich in die lange Tradition französischer Familienkomödien ein, die aus der Alltagsskizze ein verlässliches Medium für gesellschaftliche Beobachtung machen. Ausgehend von der renommierten Bilder- und Erzählwelt von René Goscinny und Jean-Jacques Sempé überträgt der Film das literarische Archiv kindlicher Wahrnehmungen auf die filmische Bühne und fragt dabei weniger nach spektakulärer Handlung als nach der Verortung des Blicks.

Die Relevanz dieses Films liegt in seiner Fähigkeit, nostalgische Reflexion und zeitgenössische Befindlichkeiten zu verknüpfen. In einer Ära, in der Familie, Freizeit und Erziehung wiederholt politisiert werden, bietet die pointierte Fokussierung auf Ferien als sozialen Raum eine diskrete Linse für Fragen der Autorität, sozialen Zugehörigkeit und der Übersetzung von kindlicher Logik in erwachsene Vernunft.

Regisseur Laurent Tirard hat sich in seinem bisherigen Werk als ein genauer Beobachter des komischen Potentials von Missverständnissen und sozialen Ritualen profiliert. Dieses Werk steht in seiner filmischen Linie als Fortsetzung einer Handschrift, die klassische Erzähltradition mit modernem Timing verbindet und dabei die Ambivalenz zwischen Sentimentalität und ironischer Distanz wahrt.

Kurzüberblick zur Produktion

Der kleine Nick macht Ferien ist eine französische Familienkomödie, die auf den populären Vorlagen von Goscinny und Sempé basiert und für ein breites Kinopublikum konzipiert wurde. Die Produktion bewegt sich im kommerziellen Mainstream des französischen Kinos, mit einem Ensemble etablierter Charakterdarsteller und einem jungen Protagonisten, der die Erzählperspektive trägt.

Laurent Tirards Regieansatz zeichnet sich durch eine stringente Inszenierung aus, die die Anforderungen einer Adaption - Treue zum Ton des Ausgangsmaterials bei gleichzeitiger Aktualisierung für das Kino - ernst nimmt. Die äußere Gestaltung der Filme zeigt eine Vorliebe für klare Bildkompositionen, rhythmisierte Montage und einen zurückhaltenden Einsatz von Sentimentalität, so dass die Komik eher aus Charakterkonstellationen denn aus Gagsituation entsteht.

Im Gesamtwerk des Regisseurs markiert dieses Filmprojekt eine konsequente Fortsetzung seiner Auseinandersetzung mit Groteske und Alltagskomik. Es steht neben früheren Arbeiten, die sich ebenfalls mit literarischen oder historischen Vorlagen beschäftigten, und bestätigt Tirards Fähigkeit, literarische Vorlagen in eine filmische Rhetorik zu übersetzen, die zugleich zugänglich und kunstvoll bleibt.

Die Hauptdarsteller & Hauptdarstellerinnen

Im Zentrum steht Mathéo Boisselier, ein junger Schauspieler, dessen natürliche Präsenz und Timing die Rolle des kleinen Nick tragen. Boisseliers Nicolas bildet den sensorischen Mittelpunkt des Films - durch seine Perspektive wird der Zuschauer in die feinen Abstufungen kindlicher Wahrnehmung eingeführt, ohne dass die Figur zur bloßen Projektion reduziert würde.

Das Ensemble um ihn herum besteht aus renommierten französischen Darstellern, die jeweils stereotype Erwachsenentypen zugleich bestätigen und subtil unterlaufen. Valérie Lemercier bringt ihre bekannte komische Präzision und Figurenverdichtung ein, während Kad Merad die gebräuchliche Mischung aus väterlicher Autorität und verborgenem Sentiment verkörpert. François Damiens und François-Xavier Demaison liefern die anarchischen, leicht exzentrischen Gegenpole zu den elterlichen Figuren, und Charakterdarsteller wie Daniel Prévost, Francis Perrin und Bouli Lanners fügen dem Ensemble nuancierte Texturen hinzu.

Die Besetzung nutzt die starke Typisierung der Schauspieler und deren etablierte personas - die Vertrautheit des Publikums mit diesen Gesichtern erlaubt dem Film, ökonomisch mit Figurenkonstellationen umzugehen: Erwachsene verkörpern Größen des alltäglichen Normenkatalogs, Kinder repräsentieren ein fluides Feld von Freundschaft, Loyalität und moralischer Unschuld.

Handlung (spoilerfrei!)

Der Film entfaltet seine Dramaturgie in episodischer Folge: Ferien werden zum räumlichen und narrativen Katalysator, in dem kleine Abenteuer, Missverständnisse und soziale Rangordnungen sichtbar werden. Die grundlegende Spannung entsteht aus dem Zusammenprall zweier Ordnungssysteme - der kindlichen Logik mit ihrer eigenen Ethik und dem stabilisierenden Anspruch der Erwachsenenwelt.

Im Zentrum stehen die Interaktionen zwischen Nicolas, seinen gleichaltrigen Freunden und den Erwachsenen, die ihre eigenen Ängste, Wünsche und Ritualismen in die Ferien mitbringen. Diese Beziehungen werden weniger als linearer Handlungsfortschritt erzählt als in einer Abfolge von Szenen, die durch komische Setups, Beobachtungen und kleine Eskalationen verbunden sind. Ton und Atmosphäre verweben Leichtigkeit mit einer milden, manchmal bittersüßen Melancholie und erlauben dem Film, sich als nostalgische, aber nicht rückwärtsgewandte Reflexion zu etablieren.

Zentrale Themen und Motive

Im Kern des Films steht die Frage nach Wahrnehmung und Übersetzung - wie die Welt aus den Augen eines Kindes gelesen wird und wie Erwachsene darauf reagieren. Diese thematische Achse eröffnet eine Reihe von Überlegungen: Es geht um Autorität und Rebellion, um die Konstruktion von Gemeinschaften in einem temporären Raum wie den Ferien und um die Art und Weise, wie kindliche Imagination Alltagshandlungen entzündet und kommentiert.

Philosophisch lässt sich Der kleine Nick macht Ferien als Untersuchung der Differenz zwischen Perspektiven lesen. Die Kinderoperativen setzen Regeln, schaffen Ordnungen und zugleich Rituale der Solidarität, während die Erwachsenen zu navigieren versuchen zwischen Verantwortung, Angst vor Kontrollverlust und dem Bemühen, die eigene Kindheit zu reproduzieren oder zu korrigieren. Psychologisch tritt die Diskrepanz zwischen subjektiver Wirklichkeit und sozialer Norm hervor - ein Spannungsfeld, das der Film mit einer feinen, nicht moralinsauren Feder behandelt.

Als gesellschaftliches Motiv fungiert die Ferienzeit als Mikrokosmos: wirtschaftliche Verhältnisse, soziale Zugehörigkeit und kulturelle Praktiken werden in begrenzter Zeit sichtbar gemacht. Damit arbeitet der Film nicht als lehrhafte Parabel, sondern als sensibles Panorama, das dem Publikum Material zur Reflexion anbietet - über Erziehung, Erinnerung und die kleinen Mechanismen, durch die Gemeinschaften stabilisiert oder aufgerieben werden.

Filmkritik von Peter Osteried

Tohuwabohu mit dem kleinen Nick, der mit seiner Familie in die Ferien fährt

Fünf Jahre sind vergangen, seit Der kleine Nick in die Kinos kam. Nun steht das Sequel an, während der Kleine naturgemäß neu besetzt werden musste, werden seine Eltern auch weiterhin von Kad Merad und Valerie Lemercier gespielt. Wie schon beim ersten Teil ist auch dieses Sequel nach den Geschichten in den Kinderbüchern von Rene Goscinny und Jean-Jacques Sempé sehr episodisch gestrickt.

Die Schule ist vorbei und die Ferien beginnen. Für den kleinen Nick heißt das Urlaub mit den Eltern. Anders als üblich geht es diesmal nicht in die Berge. Dort will die Mutter des kleinen Nicks immer hin, aber diesmal hat sich ihr Mann durchgesetzt. Es geht ans Meer. Wermutstropfen dabei: Damit seine Frau zustimmt, muss er zustimmen, die Schwiegermutter mitzunehmen. Das dämpft die Urlaubsfreude etwas, aber das Meer ruft – und viele kleine Abenteuer passieren.

Im Grunde besteht Der kleine Nick macht Ferien aus einer Reihe von Vignetten, kleinen Geschichten mit lockeren Pointen, die allesamt sehr harmlos, aber auch durchaus vergnüglich sind. Der Weg wird dabei vom letzten Schultag bis zum Ende der Ferien beschrieben, mit allen Tücken, die damit einhergehen, so etwa auch einem Stau, dem sich der Vater des kleinen Nicks mit Bauernschläue entziehen will. Das geht nach hinten los, wie so viel in diesem Urlaub.

Die Vorlage lässt sich nur schwer in eine durchgehende Geschichte umwandeln. Goscinny, ein Mann für feinen Humor, hat bewusst kurz angelegte Episoden erschaffen, die thematisch aneinandergereiht sein mochten, aber eben nie eine Einheit bildeten. Das merkt man auch diesem Film an, dem vielleicht sogar besser gedient gewesen wäre, wenn man die Geschichte in Kapitel unterteilt und diese auch mit eigenen Titeln versehen hätte. Das hätte die Segmentierung des Films unterstrichen, aber auch gezeigt, dass man sich ihrer sehr wohl bewusst ist.

So wirkt das alles etwas uneins, geradeso, als würde man sich eine Kompilation von Kurzfilmen ansehen. Aber immerhin sind diese gut, und das nicht nur, weil zwar erwartbare, aber amüsante Urlaubsgeschichten geboten werden, sondern weil die Liebe zum Detail auch überzeugen kann. Der kleine Nickt macht Ferien lässt das Frankreich der 1960er Jahre wieder auferstehen. Er erinnert an die filmischen Glanzzeiten jener Ära, ist so herrlich unschuldig und vergnüglich. Dabei handelt es sich keineswegs um einen Kinderfilm. Vielmehr ist Der kleine Nickt macht Ferien schon für die ganze Familie ausgelegt und bietet für Groß und Klein etwas.

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