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Dracula Untold

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kritiken.de Redaktion 02.10.2014
Dracula Untold© Universal Pictures Germany
A ca. 1734 Worte Lesezeit ca. 6 Minuten 30 Sekunden  📋 Inhalt

Dracula Untold - Zur Inszenierung des Monsters als tragischer Herrscher im zeitgenössischen Kino

Einleitung

Dracula Untold tritt in einer Gegenwart an, in der Hollywood die klassischen Schurken neu vermessen: nicht mehr als reine Antagonisten, sondern als komplexe Protagonisten, deren Verwandlung zum Mythos zum emotionalen Zentralstück stilisiert wird. Der Film artikuliert dieses Bedürfnis nach Herkunftserzählungen, indem er eine legendäre Gestalt in die Nähe eines familienorientierten Dramas rückt und zugleich den Anspruch erhebt, ein großes Fantasy-Epos zu sein. Relevanz gewinnt der Film dadurch, dass er nicht nur eine ikonische Figur rekonstruiert, sondern auch die Produktionslogik des Blockbusterkinos demoliert - oder ihr zumindest neue ästhetische Möglichkeiten abringt.

Als Debütwerk eines jungen Regisseurs positioniert sich der Film an der Schnittstelle von Historienepik und CGI-getriebener Fantasyspektakel. In dieser Synthese sucht Dracula Untold nach einer filmischen Sprache, die mythologische Tiefe mit massentauglicher Action verbindet. Die Relevanz des Films liegt damit weniger in der Schöpfung eines originären Dracula-Mythos als in der Art, wie er die existierenden Ikonen- und Genreformationen befragt und neu arrangiert.

Zeitgeistlich gehört das Projekt in eine Phase des Kinos, die von Reboots, Rewritings und dem Bedürfnis nach emotionaler Rückversicherungen dominiert ist: Helden werden menschlich gemacht, Monster werden empathisch ausstaffiert. Innerhalb dieses Diskurses stellt Dracula Untold einen interessanten Versuch dar, die Popularität des Vampirmotivs mit Anliegen wie nationaler Identität, Opferbereitschaft und familiärer Verantwortung zu koppeln, ohne dabei die Mechanik des großen Unterhaltungskinos zu verleugnen.

Kurzüberblick zur Produktion

Regie führte Gary Shore, ein junger irischer Filmemacher, für den Dracula Untold den ersten Langfilm darstellt. Shore bringt eine visuelle Sensibilität mit, die aus Werbe- und Kurzfilmarbeit erwachsen ist: ein Hang zur atmosphärischen Bildkomposition und zur plastischen Ausleuchtung, die in den ruhigen Momenten des Films zur Geltung kommt. Zugleich musste er sich mit den unvermeidlichen Zutaten des Studiosystems auseinandersetzen - groß angelegte Actionszenen, digital erweiterte Kreatureninszenierungen und ein Produktionsrhythmus, der auf Effizienz und internationale Marktgängigkeit angelegt ist.

Produziert wurde der Film von einem Major-Studio mit dem Ziel, eine zugängliche, visuell markante Interpretation der Dracula-Legende zu liefern. Das Budget bewegte sich im mittleren zweistelligen Millionenbereich, was die Produktion befähigte, historische Kulissen, Kostüme und Effekte zu kombinieren, ohne dabei die Grenzen zwischen praktischen und digitalen Mitteln aufzuheben. Diese Produktionsumstände prägen den Film: Er ist zugleich bodenständig in seinen Figurenkonstellationen und ambitioniert in seinen set-piece-orientierten Momenten.

Im Werk des Regisseurs fungiert Dracula Untold als Formbestimmung - als Werk, das ästhetische Vorlieben und kommerzielle Zwänge in ein erstes, noch nicht vollständig gefestigtes Statement übersetzt. Ob Shore aus dieser Ausgangsposition ein eigenes Autorenprofil entwickelt, bleibt damit eine offene Frage; der Film ist jedenfalls weniger ein persönliches Manifest als ein Versuch, in einem etablierten Genrefeld visuelle Temperamente zu setzen.

Die Hauptdarsteller & Hauptdarstellerinnen

Im Zentrum steht Luke Evans, ein Schauspieler, der sich in den letzten Jahren als vielseitiger Darsteller im Genrekino etabliert hat. Evans bringt physische Präsenz und eine geschmeidige Innenhaftigkeit in die Rolle des Vlad ?epe? - die historische Gestalt, deren Legende hier den narrativen Motor abgibt. Sein Spiel balanciert zwischen stoischer Führung und innerer Zerrissenheit; körperliche Transformationen und Kampfeinlagen fordern ihn in anderer Weise als die früheren Rollen, die ihn oft im Ensemble großer Stoffe sahen.

Sarah Gadon ist die weibliche Gegengewichtebene: als Mirena, die Geliebte und Lebenspartnerin, gibt sie dem Protagonisten einen emotionalen Anker. Gadon, bekannt aus arthousigeren Kontexten und der Zusammenarbeit mit namhaften Regisseuren, liefert hier eine konzentrierte, weniger pathetische Präsenz, die dem Film intime Töne verleiht.

Dominic Cooper fungiert als politischer und militärischer Widerpart - die Konstellation, in der er erscheint, ist die eines mächtigen Gegenspielers, dessen Handeln den Druck auf die Hauptfigur erhöht. Art Parkinson übernimmt die Rolle des Kindes, dessen Verwundbarkeit den dramatischen Kern der Entscheidungen seines Vaters schärft. Charles Dance bringt seine bekannte, autoritative Aura in eine Nebenrolle, die dem Film Stabilität in subtiler Weise verleiht. Die Besetzung setzt auf Vertrautheit: bekannte Gesichter, die durch unterschiedliche Karrierehintergründe dazu beitragen, historische wie emotionale Glaubwürdigkeit zu erzeugen.

Handlung (spoilerfrei!)

Die Handlung konzentriert sich auf einen Herrscher, der zwischen der Pflicht gegenüber seinem Volk und der Liebe zu seiner Familie zerrieben wird. Aus dieser Dialektik erwächst der zentrale Konflikt: die Frage nach dem Preis der Sicherheit und danach, wie weit ein Mensch gehen darf, um sein Reich und seine Nächsten zu schützen. Der Plot bewegt sich von intimen Innenräumen - Schlafgemächer, Beratungszimmer, familiäre Interaktionen - zu weiträumigen Konfrontationen, in denen militärische und übernatürliche Kräfte aufeinandertreffen.

Vorrangig sind die zentralen Figuren der Film: der Fürst als Handelnder, seine Frau als moralischer Spiegel und sein Kind als Projektionsfläche der Zukunft. Tonal ist der Film düster, aber nicht ausschließlich nihilistisch; er sucht einen mythischen Pathos, der in klaren, oft barock angelegten Bildern formuliert wird. Die Atmosphäre oszilliert zwischen mittelalterlicher Rauheit und einer hollywoodisierten Form von Märchenhaftigkeit, wobei das Genre-Spektrum von historischer Dramatisierung bis zu Fantasy-Action reicht.

Zentrale Themen und Motive

Im Kern stellt der Film Fragen nach Identität und Legitimationsmechanismen: Wie wird aus einem Menschen eine Legende? Welche Rolle spielen Opferbereitschaft und Gewalt in der Konstruktion von Herrschaft? Diese Fragen werden nicht nur in Dialogen, sondern vor allem durch Inszenierungsentscheidungen verhandelt - durch die Verdichtung von Einzelmomenten zu ikonischen Bildern, die später als Ursprungsmythos fungieren können.

Weitere Motive, die den Film strukturieren, sind die Ambivalenz von Macht, die Dialektik von Zivilisation und Barbarei und die familiäre Bindung als moralischer Prüfstand. Vampirische Metaphorik dient hier weniger als reines Horrormotiv denn als psychologische Projektionsfläche: Die Verwandlung wird zum Symbol für Übergangszustände, für die Untrennbarkeit von persönlichem Leid und politischem Kalkül. In dieser Perspektive wird Dracula Untold zu einem Beitrag der zeitgenössischen Filmkultur, der die Produktion von Mythen als ästhetische, moralische und politische Leistung begreift.

Filmkritik von Sophie Charlotte Rieger

Der Vampir begleitet das Kino fast seit seinen Anfängen. Wenige Mythen haben einen vergleichbar langanhaltenden Reiz auf die Geschichtenerzähler der vergangenen und heutigen Tage ausgeübt. Der Vampir ist - wie es seiner Natur entspricht - einfach nicht totzukriegen. Und wann immer man glaubt, jetzt sei nun wirklich alles über die Blutsauger gesagt, taucht zuverlässig jemand auf, der eine völlig neue und innovative Herangehensweise an das Thema für sich beansprucht. So wird auch „Dracula Untold“ als die Enthüllung eines bislang unbekannten Kapitels in der Geschichte des berüchtigten, titelgebenden Grafen beworben. Sehen Sie hier, was sie noch niemals geschaut haben: Der historische Blick auf den berühmtesten aller Vampire.

Diese Strategie ähnelt dem Produkt insofern, als dass sie vornehmlich Aufmerksamkeit und weniger Inhalt produziert. Selbstredend wollen wir alle wissen, ob die historische Figur Vlad III. tatsächlich ein Vampir war und dass die Drehbuchautoren Matt Sazama und Burk Sharpless ihren Heldenepos in einen geschichtlichen Kontext einbetten, erschafft eine verführerische Illusion von Wahrhaftigkeit. Der Film selbst unterscheidet jedoch nicht zwischen seinen Fantasy-Elementen und den historischen Bezügen. „Dracula Untold“ gibt seinem Zuschauer keine Hilfestellung dabei, das eine vom anderen zu trennen, hat keinerlei Bildungsabsicht, sondern will ausschließlich unterhalten. Insofern bleibt das Versprechen, einen historischen Blick auf die Figur des Dracula zu werfen, eine werbewirksame Täuschung.

Vlad III. (Luke Evans), auch Dracula – Sohn des Drachens – genannt, ist als Kindersoldat der türkischen Armee durch eine harte Schule gegangen. Zurück geblieben sind zahlreiche Narben auf seinem Rücken sowie auch der abgrundtiefe Hass gegen seine Peiniger. Als die Türken nun erneut männliche Kinder und Jugendliche aus Transsylvanien zwangsrekrutieren wollen, sagt Dracula ihnen den Kampf an. Doch mit menschlichen Kräften allein ist der übermächtigen Armee nicht beizukommen. Um sein Land und seine Familie zu verteidigen muss der edle Held zum blutrünstigen Vampir, vom Sohn des Drachens zum Sohn des Teufels werden.

„Dracula Untold“ ist ein Heldenepos. Aus der für ihre Erbarmungslosigkeit bekannten historischen Figur wird im Film ein edler Retter, moralisch integer und voll unsterblicher Liebe zu seiner Ehefrau Mirena (Sarah Gadon). Ein Mann, dessen Moralkodex auch die Transformation zum Blutsauger selbstredend nichts anhaben kann. Ein Mann, der auch als Monster noch immer zum Anbeißen aussieht. Ein Mann, der sich gleich mehrfach für sein Volk opfert. Ein Held wie er im Buche steht. Nur eben nicht unbedingt im Geschichtsbuch.

Natürlich braucht ein gelungener Actionfilm diesen historischen Bezug auch nicht unbedingt. Doch „Dracula Untold“ hat neben der enttäuschten Erwartungshaltung seiner Zuschauer noch mit ganz anderen Problemen zu kämpfen. Zum Beispiel mit dem Verzicht auf Landschaftsaufnahmen und dem Ersetzen derselben durch unterdurchschnittliche CGI, woran denn auch der Versuch scheitert, die actionreiche Vampirstory als überzeugenden Fantasy-Epos zu inszenieren. Oder auch die gänzlich uninteressanten Gefechtsszenen, die mit Schnitten und hektischen Kamerabewegungen derart zerstückelt sind, dass sich die Ereignisse auf dem Schlachtfeld nicht einmal im Ansatz nachvollziehen lassen und demzufolge auch keinerlei Spannung entwickeln. Auch die konstruierte Handlung stellt einen Stolperstein dar. Vlads Untergebene sind ebenso schnell dabei, sich gegen ihn zu verschwören, wie sie ihm anschließend wieder folgen. Der kollektive Stimmungswechsel bleibt hierbei völlig rätselhaft und dient zu offensichtlich nur einem vorübergehenden Anziehen des Spannungsbogens. Die Effekte erfüllen ebenfalls vornehmlich einen Selbstzweck. Die Eingangsszene, in der eine Kamera durch das dreidimensionale Standbild eines Schlachtfeldes schwebt, ist noch durchaus beeindruckend. Doch je mehr rasante Zooms und Close-Ups sich im folgenden Film an einander reihen, desto so stärker treten diese Stilmittel als enthölte Effekthascherei zutage. Oder positiv formuliert: Gary Shore weiß wie man ein Kinopublikum mit visuellen Mitteln von einer platten Erzählung ablenkt.

Letztlich weiß „Dracula Untold“ dem Vampirfilm-Genre wenig Neues hinzuzufügen und es ist darüber hinaus tatsächlich fraglich, ob hier überhaupt von einem Vampirfilme die Rede sein kann. Selbst Twilight war besser darin, dem Mythos „Vampir“ ein neues Antlitz zu verleihen und das klassische Repertoire dieses Erzähltypus durch innovative Elemente zu bereichern. Das Gewand der Teenager-Romanze und das Glitzern im Sonnenlicht sind in diesem Kontext nur mehr eine Geschmacksfrage. „Dracula Untold“ bleibt in dieser Hinsicht jedoch ziemlich einfallslos. Drei Tage hat der transformierte Held, um mit Hilfe seiner Superkräfte den türkischen Feind in die Flucht zu schlagen. Sollte er in dieser Zeit seinem Durst nach menschlichem Blut erliegen, so wird seine Seele für immer auf die dunkle Seite überwechseln. Damit hat sich das Innovationspotential der Erzählung jedoch bereits erschöpft. „Dracula Untold“ interessiert sich ebenso wenig für einen tatsächlichen Geschichtsbezug wie für den Vampirmythos selbst, sondern beschränkt sich darauf, eine uninspirierte Actionhandlung abzuspulen, innerhalb derer es letztlich unerheblich ist, dass es sich beim übermächtigen Helden um einen Vampir handelt. Von der düsteren Erotik so mancher Blutersaugermär fehlt hier jede Spur. An ihre Stelle tritt eine schwülstige Love Story, die daran krankt, dass Sarah Gadons Figur mit gleichbleibend hilflosem Opferblick über ihre Funktion als zu rettendes Weibchen und perfektioniertes Love Interest keinerlei eigene Agenda entwickelt.

Und so ist „Dracula Untold“ letztlich ein ziemlich austauschbares Möchtegern-Fantasy-Epos, von dem insbesondere Fans des Vampir-Genres ziemlich enttäuscht sein werden.

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