kritiken.de› Filme›
Filme

Jung & schön

kritiken.de
kritiken.de Redaktion 14.11.2013
Jung & schön© Weltkino Filmverleih
A ca. 1669 Worte Lesezeit ca. 6 Minuten  📋 Inhalt

Jung & schön - Kühle Beobachtung der Verwandlung zwischen Begehren, Schweigen und moralischer Deutung

Einleitung

François Ozons Jung & schön setzt sich in der französischen Filmlandschaft der 2010er Jahre als nüchterne Studie über Jugend, Sexualität und das Verhältnis von Sichtbarkeit und Geheimnis durch. Der Film befasst sich nicht mit spektakulären Skandalen, sondern mit der alltäglichen Verstörung einer Heranwachsenden, deren inneres Leben sich gegen die vertrauten Ordnungen der Familie und Gesellschaft verschiebt. In dieser Zurückhaltung liegt die Relevanz des Werks: Es verlangt eine präzise Wahrnehmung von Zuschauern und Kritikern, die nach den feinen Brüchen in der sozialen Oberfläche suchen.

Im Œuvre Ozons lässt sich Jung & schön als Fortsetzung einer langen Auseinandersetzung mit Liebesformen, transgressiven Begehren und der Kluft zwischen äußerer Norm und innerer Regung lesen. Ozon, der in seinem Werk wiederholt zwischen ironischem Distanzblick und melodramatischer Innenschau oszilliert, verlegt hier das Spannungsverhältnis in die Adoleszenz - ein Feld, das bei ihm immer wieder als Katalysator für Fragen nach Identität und Verantwortung fungiert.

Gesellschaftlich trifft der Film einen Moment, in dem Debatten über Selbstbestimmung, Sexualerziehung und die mediale Vermarktung von Jugendrollen neu akzentuiert werden. Ohne populistische Zuspitzung reflektiert Jung & schön die Ambivalenzen eines zeitgenössischen Frankreich, in dem persönliche Autonomie, rechtliche Normen und moralische Erwartungen oft im Widerspruch stehen. Das macht ihn zu einem Film, der weniger Antworten liefert als diagnostische Bilder jener Spannungen, die die Gegenwart prägen.

Kurzüberblick zur Produktion

Der Film entstand als französische Produktion unter der Regie von François Ozon, dessen Handschrift sich in der formalen Klarheit und thematischen Konsequenz zeigt. Ozon ist bekannt für seine Fähigkeit, sensible Themen in einer kühlen, oft ästhetisch präzisen Bildsprache zu gestalten. Diese Handschrift zeigt sich in einer kompositorisch sorgfältigen Kameraführung, einer sparsamen, aber wirkungsvollen Montage und einer Tendenz, narrative Entwicklung über atmosphärische Sequenzen erzählbar zu machen.

Jung & schön wurde in einem moderaten Produktionsrahmen realisiert, der dem intimen Zugang des Films entgegenkommt. Anstelle groß angelegter Sets setzt die Produktion auf reale Orte und eine reduzierte Ausstattung, um die Nähe zur Lebenswelt der Protagonistin zu konservieren. Solche Umstände fördern eine Konzentration auf Schauspiel und Bildkomposition - beides zentrale Träger der erzählerischen Intentionen Ozons.

Im Gesamtwerk Ozons markiert der Film eine Phase, in der der Regisseur sich verstärkt den Ambivalenzen von Begehren und Machtverhältnissen widmet. Er reiht sich damit in eine Folge von Arbeiten ein, die weniger auf Provokation denn auf subtile Destillierung emotionaler und sozialer Widersprüche abzielt.

Die Hauptdarsteller & Hauptdarstellerinnen

Im Zentrum steht Marine Vacth, deren Darstellung der jungen Protagonistin den Film trägt. Vacth zeichnet hier eine Figur, deren äußerliche Ruhe und innere Zerrissenheit eine komplexe Spannung erzeugen. Die Rolle markierte für die Schauspielerin einen wichtigen Schritt in ihrer Karriere und machte sie einem breiteren Publikum bekannt.

Géraldine Pailhas ist als Mutterfigur zu sehen. Ihre Präsenz spiegelt die Haltung einer erwachsenen Perspektive auf das Erwachsenwerden wider - ein Gegenpol, der weniger durch Konfrontation als durch stille Ratlosigkeit charakterisiert ist. Frédéric Pierrot tritt in einer Vater- oder Vaterfigurrolle auf und ergänzt das familiale Gefüge, während jüngere Darsteller wie Fantin Ravat die Generationenbezüge im Familienszenario akzentuieren.

Charlotte Rampling besetzt eine prägnante Nebenrolle, die als erfahrene, distanzierte Erwachsene fungiert und so die thematische Achse von Jugend versus Erfahrung weiter ausleuchtet. Die übrigen Darstellerinnen und Darsteller füllen das soziale Umfeld der Protagonistin - Kunden, Bekannte, Autoritätsfiguren - und machen die Konstellationen sichtbar, in denen die zentrale Figur ihren Weg sucht.

Handlung (spoilerfrei!)

Jung & schön erzählt von einer siebzehnjährigen Schülerin, deren Suche nach Identität sich über sexuelle Experimente und ein Leben zwischen Offenkundigem und Verborgenen vollzieht. Der Film bleibt der Perspektive der jungen Frau verpflichtet und lässt die Außenwelt oft nur als Spiegel oder Kontrapunkt erscheinen. Dramatischer Motor ist nicht ein äußeres Ereignis von epischer Tragweite, sondern die leise Eskalation eines inneren Konflikts - das Auseinanderklaffen von Selbstbestimmung und sozialer Norm.

Im Zentrum steht das Verhältnis der Protagonistin zu ihrer Familie und zu den Menschen, denen sie in verschiedenen Kontexten begegnet. Diese Begegnungen sind eher Puzzlestücke als erklärende Episoden; Ozon verzichtet auf ausführliche Motivation und setzt stattdessen auf Andeutungen und Blicke, die sukzessive ein Bild der Figur formen. Tonalität und Atmosphäre des Films sind zurückgenommen, mit einer ästhetischen Kälte, die gleichzeitig die Verletzlichkeit der Hauptfigur betont.

Zentrale Themen und Motive

Jung & schön stellt Fragen nach Autonomie, Verantwortung und der Bedingtheit von Begehrensformen. Wie verhält sich Selbstbestimmung in einem Alter, in dem rechtliche und familiäre Schranken noch dominieren? Welche Rolle spielt die Ökonomie des Begehrens, wenn intime Begegnungen auch Austauschbeziehungen sind? Der Film interessiert sich weniger für moralische Urteile als für die psychologischen und sozialen Mechanismen, die Handeln möglich machen und zugleich einschränken.

Eine wiederkehrende Motivebene ist die Spannung zwischen Sichtbarkeit und Geheimnis. Die Protagonistin operiert an der Schwelle von Öffentlichkeit und Intimität - ein Spannungsfeld, das Ozons Kamera aufmerksam auslotet. Ebenfalls prominent ist die Frage nach Sprache und Schweigen: Was wird ausgesprochen, was bleibt unausgesprochen, und wie formen diese Differenzen die Wahrnehmung der Figur durch ihr Umfeld? Philosophisch lässt sich der Film als Reflexion über Subjektwerdung lesen - nicht als heroische Entwicklung, sondern als Ambivalenzprozess, in dem Identität immer auch ein Ergebnis von Begegnungen und Zuschreibungen ist.

Psychologisch prägt den Film eine Analyse der Verantwortungszuschreibung: Wem wird Handlungskompetenz zugeschrieben, wer wird als handelndes Subjekt anerkannt? Diese Grundfragen verweben sich mit gesellschaftlichen Diskursen über Jugend, Sexualität und Moral und machen Jung & schön zu einem Werk, das stilistisch kontrolliert und inhaltlich wachsam die Risse jener Ordnungen beleuchtet, die das Erwachsenwerden prägen.

Filmkritik von Tim Lindemann

Schon die erste Einstellung von ?Jung & Schön? zeigt, dass der französische Regisseur Francois Ozon in seinem fünften Film in fünf Jahren auf bewährte Trademarks zurückgreift: Durch die Linsen eines Fernglas beobachten wir ein beinahe unbekleidetes, attraktives Mädchen beim Sonnenbaden. Damit knüpft Ozon nicht nur an seinen kühlen Thriller ?Swimming Pool? an, in dem er Ludivine Sagnier in ähnlich erotischer Pose zeigte, sein neuer Film schließt sich auch nahtlos an den Vorgänger ?In Ihrem Haus? an, der ebenfalls das Verhältnis zwischen Film und Voyeurismus durchleuchtete – Ozon ist bekanntermaßen ein riesiger Hitchcock-Fan. Neben den inhaltlichen Gemeinsamkeiten hinterlässt der Regisseur auch strukturelle Fingerabdrücke – dennoch wirkt ?Jung & Schön? seltsam unvollständig.

Die junge Schönheit, der die Kamera von nun an keinen Augenblick des Films mehr von der Seite weicht, ist die 17-jährige Isabelle, gespielt von der schlichtweg umwerfenden Newcomerin Marine Vacth. Die Schauspielerin entwickelt eine Präsenz, Natürlichkeit und nicht zuletzt kühne Erotik, der man sich kaum entziehen kann und legt hier mit Sicherheit den entscheidenden Grundstein für eine spannende Karriere. Zunächst bleibt dem Zuschauer ihre Rolle jedoch ein Rätsel: Minutiös bereitet sich Isabelle im Sommerurlaub auf ihr Erstes Mal mit einem Ferienflirt vor. Kaum ist der Akt vollzogen, begegnet sie dem unglücklichen Jungen jedoch mit brutaler Gleichgültigkeit. Wieder zurück im heimischen Paris konfrontiert uns Ozon plötzlich mit einer drastischen Enthüllung über seine Protagonistin, die so gar nicht zu dem stillen Mädchen vom Anfang passen will: Isabelle schläft als High-Class-Escort für viel Geld mit alten, reichen Männern, führt ein Doppelleben zwischen typischer Teenager-Welt und knallhartem Sex-Geschäft.

Wieder beschäftigt sich Ozon also mit seiner und unserer Rolle im voyeuristischen Spiel des Kinos: Als Zuschauer folgen wir gebannt seinem Blick (oder: dem ?Blick der Kamera?) auf Isabelle, die wiederum die Blicke aller anderen Filmfiguren auf sich zieht. Aber: Führt dieses Sehen weiter als nur bis an die attraktive Oberfläche? Gelingt es uns und den fiktiven Charakteren, Isabelles Motivationen und Gefühle zu verstehen oder bleibt sie für alle nur ein rein optischer ?Anblick?? Diese Grundfragen stellt der Film mit einer bestechend beiläufigen Cleverness, die den klassischen Kinohandwerker Ozon schon immer auszeichnete. Auch sein großes Talent im Umgang mit seinen Schauspielern (und besonders Schauspielerinnen), für das er spätestens seit seinem Durchbruch ?8 Frauen? bekannt ist, zeigt sich in ?Jung & Schön? erneut: Trotzdem Vacth hier eindeutig allein im Mittelpunkt steht, begeistern gerade auch die gemeinsamen Szenen mit Isabelles besorgten (Stief-)Eltern, gespielt von Géraldine Pailhas und Frédéric Pierrot.

Dennoch fehlt es Ozons neuem Film an Etwas; vielleicht an der gewissen Leichtigkeit, die selbst seine nicht eindeutig als Komödien ausgelegten Filme durchzieht. So finden sich in ?Jung & Schön? zwar die explizitesten Sexszenen, die der Regisseur bisher auf die Leinwand gebracht hat, dafür vermisst man zu oft den leisen Humor, mit dem er gewöhnlich seine Figuren betrachtet. Der Film wirkt trotz skandalträchtigem Thema beinahe spröde – das ist sicherlich beabsichtigt, hält die Zuschauer aber eben auch immer weiter auf Distanz zu der faszinierenden Hauptfigur. Das Rätsel hinter der blendenden Schönheit lässt uns der Film bis zum Schluss nicht lösen – vielleicht gab es auch nie eins.

Etwas unmotiviert wirken auch die strukturellen Entscheidungen des Regisseurs, die er ebenfalls aus dem eigenen Werk entleiht. So ist der Film in vier Kapitel eingeteilt, die, beginnend mit dem Sommer, den vier Jahreszeiten entsprechen. Zwar mag man Isabelles Entwicklung lose mit dem Jahreslauf assoziieren – der Winter symbolisiert Niedergang, der Frühling Neubeginn – der Zusammenhang erscheint dennoch eher willkürlich. Ganz anders also als in ?5x2?, in dem Ozon episodenhaft den Verlauf einer Beziehung rückwärts erzählte. Am Ende eines jeden Abschnitts in ?Jung & Schön? erklingt ein thematisch lose verwandtes Musikstück über eine kurze Montagesequenz – eine Idee, die der Regisseur bereits in ?8 Frauen? grandios ausarbeitete. Im Gegensatz zu dem unwiderstehlichen Soundtrack dieses Films wirken die Chansons in ?Jung & Schön? leider sinn- und kraftlos: Säuselnde Frauenstimmen singen hier kitschige Texte über belanglosen Softpop, der sofort wieder aus dem Gedächtnis verschwindet. Ein halbherzig angewandtes Stilmittel und das größte Ärgernis des Films.

So hinterlässt der Film, der ebenso unvermittelt endet wie er beginnt, den Zuschauer ein wenig ratlos. Dass Ozon eine moralische Geschichte über unziemliches Teenager-Verhalten erzählen wollte, ist unwahrscheinlich. Was aber bleibt dann von ?Jung & Schön? außer seinen teils ästhetischen, teils drastischen Sexszenen? Nun, zum einen das großartige Quasi-Debüt einer jungen Schauspielerin, sowie die wie üblich routinierte Inszenierung des Regisseurs. Außerdem lässt sich der Film als Hommage an die Grandes Dames des freizügigen französischen Films der 60er verstehen: Anna Karina, Brigitte Bardot und ganz besonders Catherine Deneuve in ?Belle De Jour?. Im Gegensatz zum vielschichtigen, durchweg spannenden Späh-Film ?In Ihrem Haus? fällt ?Jung & Schön? als Fingerübung dennoch deutlich ab.

Newsletter

Einmal pro Woche die besten Essays, Analysen und Kritiken – direkt in Ihr Postfach.

kritiken.de