kritiken.de› Kultur›
Kultur

„Hope“ und die Zukunft des Kinos: Warum Na Hong-jins Film so bedeutend ist

kritiken.de
kritiken.de Redaktion 17.09.2026
„Hope“ und die Zukunft des Kinos: Warum Na Hong-jins Film so bedeutend ist© MUBI | Studiocanal
A ca. 1507 Worte Lesezeit ca. 5 Minuten 30 Sekunden  📋 Inhalt

Zehn Jahre nach „The Wailing“ kehrt Na Hong-jin mit einem Science-Fiction-Epos zurück, das kaum größer gedacht sein könnte. „Hope“ ist Monsterfilm, Actionkino und metaphysischer Albtraum zugleich. Interessanter als seine schiere Größe ist jedoch die Frage, was dieser Film über eine Branche erzählt, in der Hollywood längst nicht mehr selbstverständlich das Zentrum der Welt ist.

Na Hong-jin hat in seiner Karriere erstaunlich wenig gedreht. Vier Spielfilme in beinahe zwei Jahrzehnten sind für einen international erfolgreichen Regisseur nicht gerade viel. Trotzdem gehört der Südkoreaner heute zu jenen Filmemachern, bei denen bereits die Ankündigung eines neuen Projekts Aufmerksamkeit erzeugt. Das liegt weniger an Masse als an Handschrift. Seine Filme beginnen häufig in vertrauten Genres und verändern unterwegs ihre Gestalt. „The Chaser“ von 2008 sieht zunächst wie ein düsterer Serienkiller-Thriller aus und entwickelt sich zu einer erbarmungslosen Geschichte über institutionelles Versagen. „The Yellow Sea“ beginnt als Kriminalgeschichte und verwandelt sich in eine fiebrige Odyssee aus Schuld, Gewalt und Überleben. „The Wailing“ wiederum nahm 2016 die Struktur eines Polizeithrillers und machte daraus etwas, das zwischen Horrorfilm, religiöser Parabel, schwarzer Komödie und metaphysischem Rätsel kaum noch eindeutig einzuordnen war. Na Hong-jins Kino lebt von dieser Unsicherheit. Man glaubt zu wissen, welchen Film man gerade sieht, bis sich die Regeln verschieben.

Mit „Hope“ verschiebt sich nun nicht nur das Genre, sondern auch die Größenordnung. Zehn Jahre nach „The Wailing“ kehrt Na Hong-jin mit einer rund zweieinhalbstündigen Science-Fiction-Produktion zurück, die 2026 im Wettbewerb von Cannes lief. Hwang Jung-min, Zo In-sung und Hoyeon treffen darin auf Michael Fassbender, Alicia Vikander, Taylor Russell und Cameron Britton. Hinter der Kamera steht Hong Kyung-pyo, der bereits „The Wailing“, aber auch „Parasite“ fotografierte, die Musik stammt von Michael Abels. Schon die Namen zeigen, dass „Hope“ weit über die Dimension eines gewöhnlichen koreanischen Genrefilms hinausgeht. Dennoch besteht die eigentliche Besonderheit des Projekts nicht darin, dass Südkorea nun ebenfalls einen sehr teuren Science-Fiction-Film produzieren kann. Entscheidend ist, dass hier ein internationaler Blockbuster entsteht, der Hollywood nicht automatisch zum kulturellen Mittelpunkt seiner Welt macht.
Eine kleine Geschichte, die immer größer wird

Externer Inhalt Beim Laden des Videos werden Daten an YouTube übertragen.

Die Handlung beginnt bewusst unspektakulär. In einer abgelegenen koreanischen Gemeinde nahe der demilitarisierten Zone taucht eine rätselhafte Kreatur auf. Bewohner machen sich auf die Jagd, die Polizei versucht die Situation zu kontrollieren, aus einer zunächst lokalen Bedrohung entwickelt sich jedoch schrittweise etwas erheblich Größeres. Aus einer Jagd wird eine Begegnung zwischen Welten, aus menschlicher Überforderung eine Geschichte, die zunehmend kosmische Dimensionen annimmt. Dieses Prinzip ist typisch für Na Hong-jin. Auch seine früheren Filme handeln von Menschen, die zu spät verstehen, in welcher Situation sie sich tatsächlich befinden. In „The Chaser“ unterschätzt der Protagonist seinen Gegner und die Trägheit der Institutionen. In „The Yellow Sea“ glauben Figuren, Gewalt kontrollieren zu können, solange sie deren Regeln kennen. „The Wailing“ ging schließlich noch weiter und stellte infrage, ob Menschen Gut und Böse überhaupt zuverlässig voneinander unterscheiden können. „Hope“ überträgt diese Frage nun in das Science-Fiction-Kino: Was passiert, wenn nicht nur eine Bedrohung unbekannt ist, sondern auch unsere Kategorien zu ihrer Bewertung nicht mehr ausreichen?

Gerade darin unterscheidet sich Na Hong-jin von vielen Regisseuren, die große Budgets erhalten und daraufhin beginnen, ihre Filme leichter lesbar zu machen. Das moderne Blockbusterkino setzt meist auf klare Figurenkonstellationen, verständliche Motivationen und eine Dramaturgie, die dem Publikum möglichst wenig Orientierung entzieht. Na Hong-jin interessiert das Gegenteil. Seine Filme werden spannender, je weniger sicher wir sein können, was wir gerade beobachten. Figuren treffen Entscheidungen auf unvollständiger Grundlage, moralische Gewissheiten geraten ins Wanken und vermeintliche Erklärungen erzeugen neue Zweifel. Dass ausgerechnet ein solcher Regisseur nun einen der teuersten Filme der koreanischen Kinogeschichte drehen darf, ist bemerkenswert. Hohe Budgets sind normalerweise mit dem Wunsch nach größtmöglicher Berechenbarkeit verbunden. „Hope“ setzt dagegen auf einen Filmemacher, dessen gesamtes Werk vom Kontrollverlust handelt.
Wenn Hollywood zum Gast wird

Besonders interessant ist deshalb die internationale Besetzung. Michael Fassbender, Alicia Vikander, Taylor Russell und Cameron Britton sind keine dekorativen Namen für ein internationales Plakat, sondern Bestandteil einer koreanisch gedachten Welt. Die eigentlichen menschlichen Hauptfiguren bleiben koreanisch, während mehrere der westlichen Stars außerirdische Figuren verkörpern. Diese Umkehrung wirkt beinahe wie ein Kommentar auf die Geschichte des internationalen Kinos. Jahrzehntelang bedeutete ein großer internationaler Film außerhalb Hollywoods häufig Anpassung: mehr Englisch, westliche Stars im Zentrum, vertrautere Dramaturgien und möglichst wenig kulturelle Reibung. „Hope“ verfolgt einen anderen Weg. Hier treten Hollywood-Schauspieler in das Universum eines koreanischen Regisseurs ein, ohne dass dieser dafür seine Perspektive aufgeben muss.

Natürlich hat diese Entwicklung lange vor „Hope“ begonnen. Bong Joon-hos „Parasite“ gewann 2020 als erster nicht englischsprachiger Film den Oscar als bester Film. „Squid Game“ wurde zu einem weltweiten Popkulturphänomen. Koreanische Serien, Musik, Games und Filme erreichen heute ein internationales Publikum, ohne zuvor in eine westliche Form übersetzt werden zu müssen. „Hope“ geht jedoch noch einen Schritt weiter, weil nun auch jene Produktionsdimension hinzukommt, die lange fast ausschließlich Hollywood vorbehalten war. Internationale Stars, enorme Produktionswerte und ein globaler Vertrieb verbinden sich mit einem Stoff, dessen ästhetische und kulturelle Kontrolle weiterhin bei einem koreanischen Autorenfilmer liegt. Genau das macht den Film aus industriegeschichtlicher Sicht interessanter als die bloße Frage nach seinem Budget.

Dabei darf man nicht übersehen, dass das koreanische Kino selbst wirtschaftlich unter Druck steht. Die weltweite Popularität koreanischer Popkultur bedeutet nicht automatisch, dass der heimische Kinomarkt gesund ist. Gerade deshalb ist „Hope“ ein Risiko. Der Film basiert auf keinem Comicuniversum, keiner jahrzehntealten Marke und keiner bereits etablierten Filmreihe. Er ist weder Remake noch Reboot noch Spin-off. Das Kapital folgt hier zunächst einem Regisseur – und einem Regisseur, dessen vorheriger Film ein fast dreistündiger Horrorfilm über Schamanismus, Religion, Misstrauen und das Wesen des Bösen war. In einer Unterhaltungsindustrie, die finanzielle Risiken zunehmend über bekannte Marken und wiedererkennbare Figuren absichert, wirkt ein solches Projekt fast altmodisch: Ein Studio investiert nicht in eine Franchise-Formel, sondern in die Handschrift eines Filmemachers.
Der Blockbuster als Autorenfilm

Na Hong-jin nutzt diese Freiheit allerdings nicht, um plötzlich einen konventionellen Hollywoodfilm zu inszenieren. Seine alten Obsessionen bleiben sichtbar. Da sind wieder die Verfolgungsjagden, die sein Kino seit „The Chaser“ prägen. Da ist erneut die groteske Nähe zwischen Gewalt und schwarzem Humor. Und wieder bevölkern Figuren die Handlung, die glauben, rational zu handeln, obwohl sie die Folgen ihrer Entscheidungen kaum überblicken können. Nur die Dimension hat sich verändert. Aus engen Straßen, heruntergekommenen Wohnungen und regennassen Provinzorten wird nun ein Science-Fiction-Szenario mit internationaler Besetzung und entsprechendem Produktionsaufwand. Die filmische Grammatik bleibt dennoch unverkennbar seine eigene.

Dass „Hope“ dabei nicht überall auf uneingeschränkte Begeisterung stößt, passt fast schon zu diesem Projekt. Gerade die Laufzeit, die großen Actionpassagen und die bewusst offenen Erklärungen haben seit der Premiere Diskussionen ausgelöst. Manche Kritiker sehen darin ein außergewöhnlich ambitioniertes Stück Genrekino, andere einen Film, dessen Ideen größer sind als seine dramaturgische Geschlossenheit. Doch ein kulturell bedeutender Film muss nicht zwangsläufig ein perfekter Film sein. Manchmal liegt seine Bedeutung gerade darin, dass er etwas ausprobieren darf, dessen Ergebnis nicht vollständig planbar ist.

Genau darin unterscheidet sich „Hope“ von einem großen Teil des heutigen Franchise-Kinos. Hollywoods wichtigste Marken sind längst nicht mehr bloß Filme, sondern globale Verwertungssysteme. Figuren, Geschichten und Designs müssen sich über Kino, Streaming, Games, Merchandise und Fortsetzungen hinweg fortsetzen lassen. Das führt nicht zwangsläufig zu schlechten Filmen, erzeugt aber einen enormen Druck zur Wiedererkennbarkeit. „Hope“ verwendet die technischen Möglichkeiten eines Blockbusters, weigert sich jedoch, wie ein industriell standardisiertes Produkt zu wirken. Der Film darf teuer und gleichzeitig sonderbar sein. Er darf internationale Stars beschäftigen und trotzdem aus einer lokalen Perspektive erzählen. Er darf spektakuläre Action anbieten und gleichzeitig religiöse, moralische und philosophische Fragen stellen.
Nicht das nächste Hollywood

Es wäre übertrieben, aus einem einzelnen Film bereits eine neue Weltordnung des Kinos abzuleiten. Hollywood verfügt weiterhin über Produktionsmittel, Vertriebsstrukturen und Marken von einer Größenordnung, mit der nur wenige nationale Filmindustrien konkurrieren können. Doch kulturelle Macht verschiebt sich oft früher als wirtschaftliche Macht. Man erkennt den Wandel daran, welche Filme nicht mehr erklären müssen, warum sie aus Korea, Japan, Spanien oder Mexiko stammen. Man erkennt ihn daran, welche Regisseure internationale Stars verpflichten können, ohne ihre eigenen Geschichten dafür in eine amerikanische Form zu pressen.

Na Hong-jin gehört inzwischen zu diesen Filmemachern. Nach „The Chaser“, „The Yellow Sea“ und „The Wailing“ musste er offenbar nicht beweisen, dass seine Geschichten für ein internationales Publikum vereinfacht werden können. Stattdessen bekam er die Möglichkeit, seine eigene Art des Kinos größer zu machen. Vielleicht ist genau das die wichtigste Geschichte hinter „Hope“. Nicht, dass Südkorea jetzt ebenfalls einen aufwendigen Science-Fiction-Film herstellen kann. Technisch wäre das längst keine Überraschung mehr. Entscheidend ist, dass ein solcher Film nicht wie eine Kopie dessen aussehen muss, was Hollywood seit Jahrzehnten produziert.

Die Zukunft des internationalen Kinos könnte deshalb weniger darin bestehen, dass irgendwo ein „neues Hollywood“ entsteht. Wahrscheinlicher ist eine Welt mit mehreren kulturellen Zentren, in denen Regisseure ihre eigenen ästhetischen Traditionen mit den Produktionsmitteln eines globalen Blockbusters verbinden. Korea gehört längst zu diesen Zentren. „Hope“ macht diese Entwicklung nur besonders sichtbar. Und vielleicht erklärt gerade das, warum Na Hong-jins Rückkehr nach zehn Jahren größer wirkt als die Premiere eines einzelnen Films. „Hope“ erzählt von Menschen, die feststellen müssen, dass ihre Welt erheblich komplizierter ist, als sie angenommen haben. Für die internationale Filmindustrie könnte momentan etwas ganz Ähnliches gelten.

Newsletter

Einmal pro Woche die besten Essays, Analysen und Kritiken – direkt in Ihr Postfach.

kritiken.de