Weg von der Fantasy, hin zum traumatisierten Antihelden: Christopher Nolans DIE ODYSSEE bricht mit den Regeln des klassischen Sandalenfilms und liefert ein theatralisches Meisterwerk ab. Unsere ausführliche Kritik zum Kinohit.
Von Peter Osteried
Christopher Nolan ist längst zu einer eigenen Marke geworden. Ein Nolan-Film ist immer ein Ereignis, unabhängig davon, welche Geschichte erzählt wird. Der britische Filmemacher hat sich im Lauf der Jahre – und gekrönt durch OPPENHEIMER – den Ruf eines Künstlers erworben, der selbst sperrige Themen als Blockbuster aufziehen kann. Manche nannten ihn den „Michael Bay des gehobenen Anspruchs“ – eine Beleidigung schwingt darin mit, ein klein bisschen Wahrheit aber auch. Nolan will groß und episch erzählen, egal, welche Geschichte es ist, und er will große Namen für seine Figuren. Ein Nolan-Ensemble ist immer auch ein Who-is-Who Hollywoods. DIE ODYSSEE ist mit 250 Millionen Dollar ein sündhaft teurer Film, hat am Startwochenende aber auch 264 Millionen Dollar weltweit eingespielt. Rechnet man die Marketing-Kosten dazu und bedenkt, dass von einem Kinoticket nur gut 50 Prozent an das Studio gehen, braucht er etwa 750 Millionen Dollar, um in die Gewinnzone zu kommen. Das ist durchaus möglich, sogar wahrscheinlich. Am Ende dürfte ein Einspiel von etwa einer Milliarde Dollar stehen.
Nolan hat sich des Stoffs von Homer, der wiederum 500 Jahre mündlicher Überlieferung zur „Illias“ und zur „Odyssee“ zusammengefasst hat, auf eine Weise angenommen, wie sie so im Kino noch nicht zu sehen war. Sicher, dies ist längst nicht die einzige Verfilmung des Stoffs. So gab es schon in den Fünfzigerjahren Kirk Douglas als Odysseus, im Fernsehen war es Armand Assante in einem aufwendigen Zweiteiler und letztes Jahr konnte man Ralph Fiennes als Odysseus in RÜCKKEHR NACH ITHAKA sehen. Aber Nolan hat daraus mehr gemacht. Er hat aus einem Stoff, den Hollywood sonst eher als Fantasy-Spektakel erzählen würde, einen Film gemacht, in dem der Held nicht strahlend, sondern gebrochen ist. Sein Odysseus ist nicht wegen der langen Heimreise gebrochen, er ist es, weil er das Gefühl hat, das Ende der Zivilisation heraufbeschworen zu haben.
Der Zerstörer von Welten
Als er mit dem trojanischen Pferd mit seinen Leuten in die Stadt Troja kommt und dort die Tore öffnet, um die griechische Armee hineinzulassen, sagt er: „Ich habe zehn Jahre der aufgestauten Wut auf diese Stadt losgelassen.“ Was folgt, ist ein Brandschatzen und Morden, das Odysseus erschüttert. Er sieht sich als Unheilsbringer, nicht unähnlich Oppenheimer, der nach dem ersten Atombombentest gesagt haben soll: „Ich bin der Tod geworden, der Zerstörer von Welten.“ In gewisser Weise ähneln OPPENHEIMER und DIE ODYSSEE einander. Beide sind um die drei Stunden lang, beide haben ein ausuferndes Ensemble, in beiden geht es um einen Zivilisationsbruch. Nur dass DIE ODYSSEE in einem phantastischen Kontext stattfindet. Sie wird auf einer ganz anderen Ebene erzählt, die aber Nolans narrativen Manierismen entspricht. Er spielt mit dem Element der Rückblende, zeigt gegenwärtige und vergangene Handlung, akzentuiert das eine durch das andere. Sicher, dies ist kein MEMENTO, der von hinten nach vorne erzählt ist, aber er hat den erzählerischen Kniff, die Vergangenheit zur Erklärung der Gegenwart heranzuziehen – aber erst zum Ende hin.
Wo sind die Götter?
DIE ODYSSEE ist ein phantastischer Film mit Zyklopen, Giganten, Meereskreaturen und Hexen, die Menschen in Schweine verwandeln, aber die griechischen Götter nehmen kaum Platz ein. Im Grunde gibt es nur eine: Athene, gespielt von Zendaya. Sie ist es, die Odysseus anleitet, die in das Zwiegespräch mit ihm geht, die ihm Rat gibt, wo in ihm Ratlosigkeit herrscht. Aber am Ende stellt Nolan das auf den Kopf. Als er zeigt, wie die Griechen über Troja herfallen, zeigt er auch eine Tempeldienerin, gespielt von Zendaya, die von den einfallenden Berserkern abgeschlachtet wird. Urplötzlich stellt sich die Frage: Sieht Odysseus Athene wirklich oder ist sie nur ein Ausbund seiner Imagination? Die aufgestaute Schuld, die sich in der Manifestation einer Gottheit zeigt? Das kann man so lesen, passt es doch auch zu Odysseus‘ Hadern mit seiner Rolle im Trojanischen Krieg. Es ist das schlechte Gewissen, das ihn begleitet.
Mehr als ein Sandalenfilm
Hollywood hat fast von Anfang an auch auf das gesetzt, was man den Sandalenfilm nennen könnte. Mehr oder minder historische Stoffe, die meist auf Spektakel setzen, aber nicht zwangsläufig akkurat sind in dem, was sie zeigen. Auf Akkuratesse verzichtet auch Nolan. Seine Rüstungen, seine Kleider, sie sind anachronistisch. Er nutzt sie auch, um eine märchenhafte Ausgestaltung der Geschichte zu erreichen. Zugleich hebt sich sein Werk von vielen anderen Vertretern dieses Subgenres ab. Denn Nolan ist zwar ein Freund der großen Bilder und Gesten und präsentiert echtes Blockbuster-Spektakel, macht aus der Homerschen Geschichte aber weniger ein Heldenepos als vielmehr ein tragisches Gedicht. Sein Film lebt von der Gravitas der Bilder, der Wucht der Musik, dem Druck der Soundeffekte – er ist im besten Sinne theatralisch.
Was man sieht, ist, was man kriegt
Matt Damon sagte, DIE ODYSSEE könnte der letzte Film sein, der auf diese Art gemacht wird. Er meinte das Drehen an vielen verschiedenen Locations und auf Meer, aber auch das Heer an Statisten und nicht zuletzt die praktischen Effekte. Nolan relativierte, dass er Damon da nicht zustimmen würde. Wohl, weil er selbst seine nächsten Filme nicht anders angehen wird. DIE ODYSSEE ist auch deswegen beeindruckend, weil sie so echt wirkt. Natürlich kommt auch Nolan nicht umhin, auf CGI zurückzugreifen, aber er tut es nur dort, wo es notwendig ist. Der Zyklop war eine gigantische, mit Stöcken bewegte Puppe, so dass die Schauspieler etwas hatten, mit dem sie interagieren konnten. Per CGI wurden nur die Stöcke entfernt, die Bewegungen glatter gestaltet und das Gesicht des Einäugigen animiert. Als Odysseus und seine Leute später auf die Giganten in Rüstungen treffen, hat Nolan auch darauf verzichtet, das in der Nachproduktion zu regeln. In den Rüstungen stecken großgewachsene Schauspieler, es ist aber vor allem das Kameraspiel mit der Perspektive, das sie größer und mächtiger als die Menschen aussehen lässt.
Auch das erklärt den Erfolg von Nolans Werken. Ihnen ist eine Authentizität inne, die Franchise-Filme wie Star Wars oder die Superhelden von Marvel und DC längst nicht mehr haben. Sieht man DIE ODYSSEE, hat man das Gefühl, etwas Echtes zu sehen, und das kann kein noch so guter Effekt aus dem Computer jemals emulieren. Der Computer mag es perfekt aussehen lassen können, aber die Realität ist niemals perfekt, und das gehört zum Erfolgsrezept des Nolan-Werks. DIE ODYSSEE ist ein monumentales Werk, das aber nicht dem Regelwerk des klassischen Monumentalkinos folgt. Weil es zugleich auch ein echter Nolan ist, der – wie eingangs schon gesagt – zu einer eigenen Marke geworden ist, wie es vor ihm nur wenigen Regisseuren gelang, so etwa einem Alfred Hitchcock oder Steven Spielberg. Weil er sich darüber hinaus immer wieder herausfordert und mühelos die Genres wechselt, bleibt er überraschend und spannend. DIE ODYSSEE ist die Kulmination dessen, aber das hätte man auch schon bei OPPENHEIMER sagen können. Darum: Es bleibt spannend, was Christopher Nolan als Nächstes machen wird.

