PLUR1BUS ist mehr als nur Science-Fiction: Der subversive Mut hinter der RNA-Metaphorik
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PLUR1BUS ist mehr als nur Science-Fiction: Der subversive Mut hinter der RNA-Metaphorik

ca. 1054 Worte   Lesezeit ca. 4 Minuten   11830
Inhalt:
  1. Das „heiße Eisen“: Die verweigerte Allegorie
  2. Die Logik-Ruine: Affektive Surrogate und ein sinnloses Zentrum
  3. Der „Deus ex Machina“: Weltrettung als Offenbarungseid
  4. Ein mutiges Scheitern am Zeitgeist

Vince Gilligan beginnt sein neuestes Werk mit einer Idee, die so waghalsig ist, dass sie im übertragenen Sinne mehr Wahrheit über unsere Gegenwart in sich trägt, als der durchschnittliche Couchsurfer beim ersten Streamen erahnen würde. Doch der Mut zum großen Thema wird sofort von einem handwerklichen Problem überschattet: Die Serie stürzt sich mit einer fast schon panischen Hast in ihr Szenario. Man hat das Gefühl, Gilligan wollte den modernen Serienjunkie, dessen Aufmerksamkeitsspanne kaum noch für eine langsame Exposition reicht, sofort an den Haken nehmen. Dabei hätte gerade ein Name seiner Größenordnung es sich leisten können – ja, müssen –, sich Zeit zu lassen, bis die Katze aus dem Sack gelassen wird.

Dieser Übereifer führt dazu, dass PLUR1BUS bereits an der ersten Hürde der Realitätstreue scheitert. Die Forscher geraten beim Empfang eines Signals in eine Ekstase, die jede astronomische Praxis ignoriert. Es wird so getan, als beträte man absolutes Neuland, während wissenschaftliche Meilensteine wie das Wow!-Signal von 1977 völlig ausgeblendet werden. Gravierender ist jedoch das Fehlen jeder systemischen Logik: In einer Welt der globalen Überwachung und Notfallpläne würde ein solches Signal niemals in der Hand ein paar aufgeregter Nerds verbleiben. Es würde augenblicklich das Militär auf den Plan rufen und die Maschinerie des Nationalen Sicherheitsrates in Gang setzen.

Dass Gilligan diese Intervention der Machtapparate ignoriert und stattdessen ein Szenario entwirft, in dem ein extraterrestrischer RNA-Bauplan ohne ethische Hürden in einem Hinterhof-Labor nachgebaut wird, wirkt wie ein erzählerisches Vakuum. Er bedient sich der Bildsprache von Verschwörungsmythen und Chemtrail-Ästhetik, um den Plot voranzutreiben, statt die intellektuelle Tiefe der SETI-Post-Detection-Protokolle auszuloten. Doch hinter dieser klischeehaften Fassade und der unrunden Realisierung verbirgt sich ein mutiger Kern: Der Versuch, die traumatische Kollektivierung der Corona-Jahre und die schleichende Erosion der individuellen Autonomie aufzuarbeiten.

Das „heiße Eisen“: Die verweigerte Allegorie

Besonders irritierend ist das dramaturgische Versäumnis, die Transformation als schleichenden Prozess abzubilden. Man stelle sich vor, was ein Regisseur mit echtem Gespür für die menschliche Pathologie aus diesem Stoff hätte machen können. Unsere heutige Gesellschaft, dieses nervöse, ausgebrannte Kollektiv der Burnout-Geplagten, hätte die perfekte Leinwand geboten. Man hätte das tägliche Gift zeigen müssen: der hasserfüllte Blick im Stau, die permanente Gereiztheit einer Moderne, die uns alle überfordert.

Hätte Gilligan sich die Zeit genommen, diesen alltäglichen Wahnsinn als Status Quo zu etablieren, wäre die eigentliche Transformation ein psychologisches Meisterstück geworden. Ein fließender Übergang, in dem die Höflichkeit zur existenziellen Bedrohung wird: Der aggressive Nachbar, der plötzlich mit einem unheimlichen Lächeln seine Hilfe anbietet; der Drängler, der sanftmütig auf die Vorfahrt verzichtet. Die Protagonistin und mit ihr der Zuschauer hätte in einen Zustand des epistemischen Zweifels gleiten müssen: Ist die Welt genesen oder habe ich den Verstand verloren?

Hier weicht der Autor vor dem eigentlichen „heißen Eisen“ zurück: Die Parallelen zu unserer jüngsten Realität sind so offensichtlich, dass ihr Ignorieren fast wie Zensur wirkt. Wir haben erlebt, wie Milliarden von Menschen unter massivem sozialen Druck in ein globales (mRNA-)Kollektiv gedrängt wurden. Die Ausgrenzung derer, die sich diesem „Eins-Werden“ entzogen, die Stigmatisierung der Immunen als Gefahr all das hätte eine brennende Aktualität entfalten können. Doch Gilligan flüchtet aus der Paranoia der Übergangsphase, in der man nie weiß, wer bereits Teil des „Wir“ ist, in den schnellen „Turbo-Modus“ der neuen Realität. Er ersetzt das reale Trauma der Spaltung durch fantastischen Hokuspokus.

Die Logik-Ruine: Affektive Surrogate und ein sinnloses Zentrum

Dieses Unvermögen setzt sich in der Zeichnung der Hauptfigur fort. Wir sollen eine erfolgreiche Buchautorin vor uns haben eine Frau des Geistes. Doch was wir sehen, ist eine Figur, die mit dem affektiven Gestus einer überforderten Alltagsfigur agiert. Diese Fehlcharakterisierung ist symptomatisch: Der Autor nutzt nicht die intellektuellen Ressourcen einer Denkerin, um den Wahnsinn zu analysieren, sondern greift in die Mottenkiste der Burnout-Klischees.

Hier klafft das eigentliche erzählerische schwarze Loch: Warum versteift sich eine weltumspannende, perfekt funktionierende kollektive Intelligenz darauf, eine Handvoll unbedeutender Immuner mit verzweifelter Höflichkeit zu „überreden“? Es ergibt keinen Sinn. In einer Welt der totalen Synchronisation wären diese Abweichler lediglich statistisches Rauschen. Dass das Kollektiv sie in den Mittelpunkt stellt, ist ein narratives Blendwerk, das die innere Logik der Welt der Bequemlichkeit einer konventionellen Heldenreise opfert. Wo wohlwollende Kritiker hier „philosophischen Tiefgang“ halluzinieren, findet sich in Wahrheit nur die Ratlosigkeit eines Autors, der seine statische Welt gewaltsam in Bewegung halten muss.

Der „Deus ex Machina“: Weltrettung als Offenbarungseid

Als ob die intellektuelle Leere nicht schwer genug wiege, flüchtet sich das Drehbuch im letzten Akt in das abgedroschenste aller Klischees: die Weltrettung per Hardware. Der Rückgriff auf Atombomben und EMP-Schläge ist der finale Offenbarungseid. Es ist die Flucht aus der metaphysischen Komplexität in die banale Mechanik des Action-Kinos der 90er Jahre.

Dass ein lokaler technischer Schlag ein genetisch verankertes Kollektivbewusstsein „heilen“ soll, beleidigt die Intelligenz des Zuschauers. Es ist der ultimative Beweis dafür, dass es nie um eine ernsthafte Auseinandersetzung mit Identität oder Glück ging, sondern um die Befriedigung voyeuristischer Sehgewohnheiten. Wer hier eine „augenzwinkernde Umkehrung“ von Klassikern sieht, verkennt, dass dieses Augenzwinkern lediglich das Blinzeln eines Autors ist, der selbst nicht an die Tiefe seiner Fragen glaubt. Die Welt wird gerettet, aber der diskursive Raum bleibt als Trümmerhaufen zurück.

Ein mutiges Scheitern am Zeitgeist

Man muss Vince Gilligan bei aller handwerklichen Schelte eines zugestehen: Den Mut zum Wagnis. In einer Medienlandschaft, die sich meist in politisch korrekter Belanglosigkeit verliert, ist PLUR1BUS der seltene Versuch, die traumatischen Verwerfungen der Corona-Jahre indirekt aufzuarbeiten. Die Serie thematisiert den massiven Druck auf das Individuum, die fast schon religiöse Forderung nach kollektiver Konformität und die subtile Veränderung der menschlichen Psyche durch externe Eingriffe (RNA-Metaphorik).

Dass Gilligan hierbei Motive wie Chemtrails oder reale biochemische Risiken streift, ist ein riskantes Spiel mit den Ängsten der Modern aber es ist ein Versuch, die Menschen auf die schleichende Erosion ihrer Autonomie aufmerksam zu machen. Es ist geradezu bezeichnend, dass die meisten Mainstream-Kritiken diese offensichtlichen Parallelen geflissentlich übergehen und sich lieber in technischen Details verlieren. Für dieses Aufbrechen des kollektiven Schweigens gebührt dem Autor Anerkennung.

Letztlich bleibt PLUR1BUS jedoch ein Paradoxon: Die Serie lebt von einer visionären, brandaktuellen Idee, die in ihrer Radikalität ihresgleichen sucht, doch sie bricht unter der Last einer unrunden Realisierung zusammen. Man kann und sollte sich diese Serie ansehen nicht als fertiges Meisterwerk, sondern als Dokument eines Autors, der versucht, die richtigen Fragen zu stellen, aber an der Komplexität der Antworten (und seines eigenen Drehbuchs) scheitert. Das Potenzial für einen echten erzählerischen Aha-Effekt war da; übrig bleibt ein mahnendes Fragment.