Das RoboCop-Dilemma: Warum kluge Köpfe den Kern des Films oft verfehlen

Das RoboCop-Dilemma: Warum kluge Köpfe den Kern des Films oft verfehlen

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Inhalt:
  1. Die Arroganz des Elfenbeinturms
  2. Die Weigerung, den Schmerz zu sehen
  3. Ein Armutszeugnis der Kritik

Man muss es in der gebotenen Deutlichkeit sagen: Die etablierte Kulturkritik leidet an einer chronischen, fast schon mitleiderregenden Blindheit. Während man sich in den selbsternannten Zentren des Intellekts gegenseitig die Klinke in die Hand gibt, um über die „leise Melancholie“ des zehnten Schwarz-Weiß-Dramas über das Schweigen zu dozieren, bleibt man vollkommen taub für die markerschütternde Brillanz dessen, was direkt vor der eigenen Nase liegt.

Reden wir über Paul Verhoevens RoboCop.

Für die Wächter des „guten Geschmacks“ war dieser Film 1987 nichts weiter als „Genre-Ware“ – ein lautes, blutiges Spektakel für das einfache Volk, dem man die künstlerische Relevanz bereits an der Kinokasse absprach. Diese Arroganz rächt sich heute bitter. Denn während die Eliten wegschauten, hat Verhoeven die Welt von heute präziser gezeichnet, als es ein ganzes Jahrzehnt an staatlich geförderten Themenabenden je könnte.

Die Arroganz des Elfenbeinturms

Der moderne Kritiker liebt das Ungefähre, das Abstrakte, das schmerzfrei Ästhetische. Er erträgt die Wahrheit nur, wenn sie in Metaphern verpackt ist, die so vage sind, dass man sie beim dritten Glas Wein noch bequem wegerklären kann.
RoboCop hingegen ist ein Schlag in die Magengrube dieser intellektuellen Bequemlichkeit. Der Film zeigt uns nicht die „theoretischen Herausforderungen der Privatisierung“ – er zeigt uns die OCP (Omni Consumer Products). Ein Konzern, der eine Stadt führt wie ein Shareholder-Meeting, der Menschen verheizt wie billige Batterien und der heute die operative Blaupause für jene Megakonzerne liefert, die unsere digitale Realität kontrollieren. Dass die Hohepriester der Kultur darin nur „Trash“ sahen, entlarvt ihre tiefsitzende Angst vor der ungeschminkten Realität. Sie sind blind für die Tatsache, dass die eiskalte, mörderische Entität des Konzerns heute nicht mehr im Kino bekämpft wird, sondern längst unsere gesamte Existenz kolonisiert hat.

Die Weigerung, den Schmerz zu sehen

In RoboCop wird Alex Murphy rituell hingerichtet. Es ist eine Szene von biblischer Brutalität. Die feingeistige Kritik wandte sich damals angewidert ab. Warum? Weil diese Gewalt nicht „künstlerisch wertvoll“ choreografiert war, sondern brutal ehrlich. Sie zeigt den Menschen als abgeschriebenes Asset, als biologische Hardware, die vom Kapital nach Belieben demontiert und als „Produkt“ reanimiert wird. Unsere heutige Unterhaltungsindustrie produziert am laufenden Band sterilen, moralisch imprägnierten Einheitsbrei, den dieselben Stimmen heute als „relevant“ oder „mutig“ feiern. Doch RoboCop wagt das, was heute niemand mehr wagt: Er zeigt die absolute Korruption der Seele durch den Markt. Während die Theorie noch über „Identität“ schwadroniert, hat dieser Film längst bewiesen, dass Identität in unserer Ära nur noch eine Lizenzgebühr ist, die man dem Eigentümer der Server schuldet.

Ein Armutszeugnis der Kritik

Es ist ein Skandal, dass wir heute feststellen müssen: Der geschmähte Actionfilm war klüger als seine Analysten. Die Überheblichkeit jener, die sich für zu fein hielten für einen Mann in einer Chrom-Rüstung, hat verhindert, dass wir die Warnsignale ernst nahmen. Sie hielten sich für erleuchtet, während sie zuließen, dass die Welt um sie herum in eine durchoptimierte Konzern-Dystopie abdriftete. Wahrheit ist keine Wahrheit, wenn sie nicht wehtut. Aber Schmerz ist in einem Kulturbetrieb, der auf Konsens und Gefälligkeit getrimmt ist, nicht vorgesehen. RoboCop ist die Antithese zu diesem verlogenen System. Es ist die ehrliche, dreckige Wahrheit über eine Gesellschaft, in der alles glänzt, während die pure Gewalt in jedem von uns wie ein Vulkan darauf wartet, auszubrechen. Wer in RoboCop nur ein Genre-Produkt sieht, hat nicht nur keine Ahnung von Film – er hat keine Ahnung vom Leben.