Das Zeitalter der leeren Schreine: Warum wir keine Individuen, sondern Götzen-Aushilfen sind

Das Zeitalter der leeren Schreine: Warum wir keine Individuen, sondern Götzen-Aushilfen sind

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Inhalt:
  1. Die Stammesfehden der Silikon-Götter
  2. Die Flucht vor dem Nichts
  3. Die Rückkehr zum Sein

Die Tempel des alten Roms sind Ruinen, und die Götter der monotheistischen Weltreligionen ziehen sich in die Stille zurück. Doch der Mensch erträgt das Vakuum nicht. An die Stelle des „Ich bin“ ist das „Ich besitze“ getreten. Wir erleben die Renaissance der Götzenanbetung – nur dass unsere neuen Götter aus Aluminium, Silikon und Leasingverträgen bestehen.

Wer heute über Identität spricht, meint meistens ein Inventarverzeichnis. In einer Welt, in der das „Sein“ zu anstrengend und die Selbstreflexion zu schmerzhaft geworden ist, haben wir uns eine neue Form der Spiritualität erschaffen: den Konsum-Totemismus. Wir beten keine Donner- oder Fruchtbarkeitsgötter mehr an; wir opfern unsere Lebenszeit auf dem Altar der Markenlogos.

Die Stammesfehden der Silikon-Götter

Früher entschied die Religion über Zugehörigkeit und Weltbild. Heute ist es das Betriebssystem. Der Apple-Jünger blickt mitleidig auf den Android-User herab, als wäre dieser ein Heide, der das Licht der „User Experience“ noch nicht erblickt hat. Dabei geht es längst nicht mehr um Megapixel oder Prozessorgeschwindigkeit. Es geht um das Gefühl, durch das Logo am Gerät eine Persönlichkeit geliehen zu bekommen, die man aus sich selbst heraus nicht mehr füllen kann.

Wir sind keine Individuen mehr; wir sind wandelnde Werbeflächen. Der BMW-Fahrer, der Audi-Liebhaber, der Porsche-Enthusiast – sie alle definieren ihren Wert über die Ingenieursleistung anderer. Das Ich ist zu einer Hülle verkommen, die erst durch das Branding „echt“ wird. Man ist nicht mehr großzügig, mutig oder weise – man fährt ein Auto, das diese Attribute in der Marketingabteilung versprochen hat.

Die Flucht vor dem Nichts

Dieser neue Polytheismus der Waren ist eine Flucht vor der existenziellen Leere. Das Individuum ist tot, es lebe der Abonnent. Wir sammeln Produkte wie früher Reliquien, in der Hoffnung, dass ein Funken des „Apple-Glanzes“ oder des „Porsche-Status“ auf unser eigenes, erschreckend gewöhnliches Leben überspringt. Es ist eine Phantasmagorie: Wir kaufen uns die Zugehörigkeit zu einer Klasse, die nur in den sozialen Medien existiert.

Dort, in den digitalen Katakomben, findet die tägliche Liturgie statt. Man postet nicht das Erlebnis, sondern das Gerät, mit dem man es gefilmt hat. Man zeigt nicht den Weg, sondern den Schlüsselbund auf dem Tisch. Es ist eine Anbetung ohne Substanz, ein Gebet an einen Gott, der nur aus Pixeln und Statuswerten besteht.

Die Rückkehr zum Sein

Wir stehen vor den Trümmern unserer Individualität und halten ein Smartphone in der Hand, als wäre es ein heiliges Amulett. Doch kein Update der Welt wird die Frage beantworten können, wer wir sind, wenn der Akku leer ist. Die wahre Dummheit unserer Zeit ist nicht der Konsum an sich, sondern der Glaube, dass wir durch ihn „jemand“ werden. Es ist an der Zeit, die Götzen zu stürzen. Nicht, indem wir die Geräte wegwerfen, sondern indem wir aufhören, sie anzubeten. Das Ich braucht kein Logo, um zu existieren. Es braucht nur den Mut, in den Spiegel zu schauen, ohne nach einem Filter oder einem Statussymbol zu greifen, das den Anblick erträglich macht.