Das Hochamt der hohlen Geste: Olympia und der Kult des Nutzlosen

Das Hochamt der hohlen Geste: Olympia und der Kult des Nutzlosen

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Inhalt:
  1. Der Einmarsch der Unbeholfenen
  2. Die Weltmeisterschaft der Zweiten Wahl
  3. Die Ignoranz der Krone der Schöpfung

Wie alle vier Jahre blickt die Welt mit einer fast schon kindlichen Ehrfurcht auf das inszenierte Spektakel. Tausende von Athleten aus allen Winkeln der Erde ziehen in die modernen Kolosseen ein, umhüllt von einer Aura der Bedeutungsgeschwängertheit, die ihresgleichen sucht. Die Fanfaren dröhnen, die Fahnen wehen im künstlichen Wind der Klimaanlagen, und Millionen vor den Bildschirmen halten den Atem an, wenn das olympische Feuer entzündet wird. Es ist das Hochamt der Menschheit, die „Krönung des Geistes über die Materie“. Man spricht von Unsterblichkeit, von Legenden und vom „Citius, Altius, Fortius“ – schneller, höher, stärker.

Der Einmarsch der Unbeholfenen

Doch wer sich traut, die Linse des Zynikers aufzusetzen und den dichten Nebel aus Pathos und Sponsorengeldern zu durchdringen, sieht ein vollkommen anderes Bild. Da laufen sie ein, die stolzen „Weltmeister“ einer Spezies, die sich in ihrer eigenen Arroganz vollkommen verrannt hat. Wir feiern hier Leistungen, die – nüchtern betrachtet – in der realen Welt schlicht lächerlich wirken. Wir verleihen Goldmedaillen für das „Weitspringen“. Doch wozu? Es gibt in der Natur keinen vernünftigen Grund, acht Meter in eine sorgfältig geharkte Sandgrube zu hüpfen, während daneben ein Funktionär im Sakko mit dem Maßband kniet. Es ist eine physikalische Slapstick-Einlage ohne evolutionären Wert. Wer einen Graben überwinden muss, baut eine Brücke; wer fliehen muss, sucht einen anderen Weg. Der Mensch jedoch macht daraus eine Staatsangelegenheit und misst Millimeter im Staub, als hinge das Schicksal des Planeten davon ab.

Die Weltmeisterschaft der Zweiten Wahl

Besonders skurril wird es beim „Schnelllaufen“. Wir krönen den „schnellsten Mann der Welt“, weil er ein paar Sekunden lang über eine rote Kunststoffbahn geflitzt ist. Doch hinter ihm ist kein Leopard, vor ihm wartet kein rettendes Ziel. Er rennt von einem weißen Strich zum nächsten weißen Strich – eine kreisförmige Flucht vor dem Nichts. Würde ein hungriger Gepard die Arena betreten, wäre der „Weltmeistertitel“ innerhalb von Millisekunden als das entlarvt, was er ist: die Bestzeit der langsamen Beute.
Dasselbe beim Schwimmen: Wir geben uns Titel, während wir in gechlorten Becken gegen die Uhr kämpfen, obwohl jede mittelmäßige Forelle uns im Vorbeischwimmen auslachen würde, ohne auch nur die Schuppen zu sträuben.

Die Ignoranz der Krone der Schöpfung

Woher kommt diese gigantische Distanz zum Absurden? Wir feiern unsere physische Mittelmäßigkeit in einem Vakuum aus Regeln und Linien, während auf demselben Planeten Lebensformen existieren, die uns in jeder Kategorie alt aussehen lassen. Olympia ist das Denkmal unserer Realitätsverweigerung. Ein Zirkus der Verstellung, in dem wir so tun, als wären wir die Herren der Physis, während wir in Wahrheit nur die Besten unter den Unbeholfenen sind. Wir krönen den König der Einäugigen und nennen es den „Olymp“ – eine heroische Inszenierung für eine Bewegung, die in der freien Wildbahn keinen einzigen Tag das Überleben sichern würde.