Es sind nicht die Verzweifelten, die Abgehängten oder jene, die nichts mehr zu verlieren haben, die den digitalen Pranger mit der größten Ausdauer bedienen. Im Gegenteil: Es ist die wohlstandsverwahrloste Mittelschicht, die zwischen der Programmierung ihrer Smart-Home-Szenarien und dem Eintreffen des Bio-Lieferdienstes das moralische Fallbeil schwingt. Hier, in der Komfortzone der gesättigten Mitte, wird die Empörung zur ästhetischen Übung. Mann und Frau sitzen abends im perfekt ausgeleuchteten Wohnzimmer, das in ein warmes, indirektes Licht getaucht ist, das jede Hässlichkeit der Außenwelt draußen hält. Umgeben von geschmackvoller Kunst an den Wänden und dem beruhigenden, fast meditativen Surren der Fußbodenheizung, zelebrieren sie ihre Rolle als Richter der Nation. Während der teure Rotwein im Glas atmet, wird mit der Präzision eines Chirurgen das Leben eines Unbekannten im Netz seziert. Sie fühlen sich im „Widerstand“, während sie barfuß auf Designer-Parkett laufen.
Moralischer Kitzel statt echter Not
Für diese Menschen ist Empörung zum Lifestyle-Accessoire geworden, so unverzichtbar wie die Espressomaschine. Man gönnt sich den täglichen Shitstorm wie ein Glas Rotwein am Abend – es wärmt von innen und gibt das Gefühl, auf der richtigen Seite der Geschichte zu stehen, ohne jemals das Parkett verlassen zu müssen. Das eigene Leben ist so abgesichert, so schmerzfrei und so steril, dass der digitale Mob zur einzigen Quelle für echtes Adrenalin wird. Man stürzt sich auf andere, nicht weil man muss, sondern weil man es kann. Es ist die pure Arroganz derer, die noch nie eine echte Konsequenz für ihr Handeln fürchten mussten.
Die Entkoppelung vom eigenen Versagen
In ihrer vollkommenen Realitätsentfremdung merken sie nicht einmal mehr, wie lächerlich das Bild ist: Da wird mit dem neuesten iPhone gegen den Kapitalismus gewettert oder die „soziale Gerechtigkeit“ beschworen, während man die Reinigungskraft unter Mindestlohn beschäftigt. Das eigene Versagen im Zwischenmenschlichen, die Unfähigkeit zur echten Debatte im Freundeskreis und die Feigheit vor der eigenen Haustür werden durch heroische Likes kompensiert. Wer im Netz „Haltung zeigt“, muss im echten Leben keine Rückgrat besitzen. Sie sind die Architekten einer Heuchelei, die den Begriff „Zivilcourage“ so lange gedehnt hat, bis er nur noch als Synonym für „Gefahrloses Mitläufertum“ taugt. Wenn sie von den Kämpfen erzählen, meinen sie das Absetzen eines spitzen Kommentars gegen jemanden, der bereits am Boden liegt. Es ist ein trauriges Schauspiel: Wohlgenährte Gestalten, die im Glanz ihrer eigenen Privilegien baden und dabei so tun, als würden sie die Ketten der Unterdrückung sprengen, während sie lediglich die Daumenschrauben für andere fester ziehen.
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