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Zulu

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kritiken.de Redaktion 08.05.2014
Zulu© Studio Hamburg Enterprises GmbH
A ca. 1435 Worte Lesezeit ca. 5 Minuten  📋 Inhalt

Zulu: Europäischer Thriller als moralischer Gradmesser in Jérôme Salles kompromisslosem Verhörkino

Einleitung

In einer Zeit, in der Genrekino zunehmend als Instrument gesellschaftlicher Beobachtung dient, tritt Zulu als vielschichtige Anlage auf. Der Film verwebt Elemente des klassischen Kriminalfilms mit einer pointierten Bestandsaufnahme postapartheidischer Spannungen und verlangt vom Zuschauer, die Konventionen des Thrillers als Form auch als ethisches Prüfmodell zu lesen. Diese Refraktion macht den Film relevant über seine narrative Mechanik hinaus.

Zulu lässt sich nicht isoliert betrachten, sondern als Fortsetzung einer jüngeren europäischen Tendenz, populäre Gattungselemente zu nutzen, um komplexe historische und politische Kontexte zu reflektieren. Die internationale Besetzung und die Entscheidung, den Handlungsraum ins südafrikanische Umfeld zu verlagern, markieren das Projekt als transnationales Unterfangen, das mit filmsprachlicher Präzision Fragen von Verantwortung, Erinnerung und Implizitheit von Gewalt verhandelt.

Im filmischen Zeitgeist positioniert sich Zulu an der Schnittstelle von Genre und Gesellschaftsdrama. Er zielt nicht primär auf Sensation, sondern auf die Verstärkung moralischer Dissonanzen: Wie wirken strukturelle Gewalt und individuelle Entscheidungsfreiheit zusammen? Welche Rolle spielt die Polizei als moralischer Knotenpunkt in einer Gesellschaft, die sich formal verändert hat, in ihren sozialen Strukturen jedoch tief verwundbar bleibt?

Kurzüberblick zur Produktion

Regie führte Jérôme Salle, ein französischer Regisseur, der sich in seinem Werk immer wieder dem Thriller- und Agentenkino zuwandte. Salle ist bekannt für eine kontrollierte, aufs Wesentliche reduzierte Bildsprache und für eine Vorliebe für elegante, klaustrophobische Settings. Zulu steht in seinem Œuvre als die Erweiterung dieses Interesses: Aus dem französisch-europäischen Thriller heraus wird ein globaler moralischer Raum geschaffen.

Als Verfilmung des gleichnamigen Romans von Caryl Férey wurde Zulu als französische Produktion mit internationaler Finanzierungsstruktur realisiert und vor Ort in Südafrika gedreht. Die Wahl der Location fungiert dabei nicht nur als Kulisse, sondern als integraler Bestandteil der Dramaturgie: Stadtarchitektur, Peripherien und das Wetter werden zu Mitspielern, die die Handlung atmosphärisch und thematisch prägen. Produktionsbedingt bewegt sich der Film im Rahmen eines europäischen Mittelklasse-Budgets, das bewusst in Authentizität investiert wird statt in spektakuläre Effekte.

Innerhalb von Salles Gesamtwerk steht Zulu für eine Politisierung seines Thrillersinns. Wo frühere Arbeiten eher auf Spannung und stilistische Eleganz setzten, erweitert dieses Projekt die Perspektive um eine ethnografische Schärfe und eine politische Dimension, die das Genre zur Matrize gesellschaftlicher Erkundung macht.

Die Hauptdarsteller & Hauptdarstellerinnen

Die zentrale Paarung des Films bildet Forest Whitaker und Orlando Bloom. Whitaker, in seinem Rollenkanon bereits mehrfach als ambivalente Autoritätsperson zu sehen, bringt die Erfahrung eines Schauspielers ein, der psychologische Tiefe und ruhige Präsenz verbindet. Er verkörpert in Zulu den erfahrenen Detective Ali Sokhela, dessen Vergangenheit und moralische Gravität das narrative Rückgrat des Films formen.

Orlando Bloom tritt in einer ungewohnten Registererweiterung auf. Bekannt durch große Franchise-Rollen, übernimmt er hier die Gestalt des jungen Polizeibeamten Brian Epkeen, eines Mannes, dessen Privilegien, Unsicherheiten und inneren Konflikte kontrastierend zu Whitakers stoischer Figur gesetzt werden. Die Interaktion der beiden Schauspieler erzeugt ein Spannungspotential, das weniger aus actiongeladenen Momenten als aus feinen, oft wortlosen Gegenspieligkeiten entsteht.

Das Ensemble um Whitaker und Bloom, darunter südafrikanische Darstellerinnen und Darsteller wie Khulu Skenjana und Joelle Kayembe, liefert lokale Verankerung und kulturelle Nuancierung. Diese Mischung aus internationaler Starbesetzung und regionalen Gesichtern dient weniger der Exotik als der dialektischen Verbindung von globaler Erzählweise und lokalem Realismus.

Handlung (spoilerfrei!)

Zulu beginnt mit einem brutalen Verbrechen, das zwei Polizisten unterschiedlicher Herkunft zwingt, zusammenzuarbeiten. Aus der gemeinsamen Ermittlung entwickelt sich weniger ein linearer Whodunit als ein situatives Zertreten sozialer Schichten: Die Suche nach Tätern wird zur Konfrontation mit historischen Bruchlinien, institutioneller Blindheit und persönlichen Abgründen.

Der dramatische Konflikt wird durch das Aufeinandertreffen divergierender Perspektiven getrieben. Auf der einen Seite steht das routinierte, abgeklärte Arbeiten eines Veteranen, auf der anderen das nervöse Hadern eines jüngeren Ermittlers, das durch private und gesellschaftliche Loyalitäten erschwert wird. Die Figuren stehen im Spannungsfeld zwischen Pflicht, Loyalität und ethischer Selbstprüfung.

Tonalität und Atmosphäre des Films sind geprägt von einer dichten, oft beklemmenden Bildästhetik. Nächtliche Straßenzüge, nasses Pflaster und enge Innenräume prägen das visuelle Register. Der Film setzt mehr auf Verdichtung und Suggestion als auf spektakuläre Enthüllungen; seine Kraft liegt in der atmosphärischen Dichte und in der beharrlichen Zwiesprache mit der sozialen Wirklichkeit.

Zentrale Themen und Motive

Im Zentrum von Zulu stehen Fragen nach Gerechtigkeit, Verantwortung und Erinnerung. Der Film fragt, wie die Reste eines rechtlich-begründeten, aber moralisch fragilen Ordnungssystems das individuelle Handeln formen. Er thematisiert die Kontinuität von Gewalt über Generationen hinweg und zeigt, wie institutionelle Strukturen Gewalt nicht einfach nur verhindern, sondern sie oft auch reproduzieren.

Auf philosophischer Ebene interessiert sich der Film für die Ambivalenz von Wahrheit und Gewissheit. Ermittlungen, die offenbar einer klaren Methodik folgen, stoßen immer wieder an persönliche Erfahrungen und gesellschaftliche Vorannahmen, die die Interpretation von Beweisen und die moralische Bewertung von Handlungen beeinflussen. Psychologisch betont Zulu die Belastung, die solche Widersprüche auf die handelnden Personen ausüben.

Motive wie das Wasser, das nächtliche Licht und die wiederkehrende Präsenz marginalisierter Räume fungieren als visuelle Konstanten, die thematische Leitmotive stärken: Vergänglichkeit, Unübersichtlichkeit, das Verschwimmen von Schuld und Unschuld. Regisseur und Kamerateam nutzen diese Motive, um eine formale Kohärenz zwischen Bild und Inhalt herzustellen, die den Film weniger als konventionellen Krimi erscheinen lässt denn als reflexive Studie moralischer Schieflagen.

Filmkritik von Peter Osteried

Forest Whitaker ist ein schlafloser Zulu, der in einem Mordfall ermittelt

Jerome Salles (Largo Winch) neuer Film basiert auf dem gleichnamigen Roman von Caryl Fèrey. Obwohl eine französische Produktion, ist Zulu ein im besten Sinne südafrikanischer Film, der die Stimmung im Land einfängt und das Bild einer Gesellschaft zeichnet, die nur langsam vorankommt, aber einen Weg beschreitet, der vor wenigen Jahren noch nicht denkbar gewesen wäre. Darüber hinaus ist Zulu ein Crime-Film, der sich der Erzählform konventioneller Polizeifilm-Struktur widersetzt.

Die Leiche einer jungen Frau wird gefunden. Sie wurde erschlagen. Ali Sokhela (Forest Whitaker) leitet die Ermittlungen, unterstützt von Brian Epkeen (Orlando Bloom) und Dan Fletcher (Conrad Kemp). Eine erste Spur führt ins Drogenmilieu, denn im Blut des Opfers wurden Spuren der neuen Designerdroge Tik gefunden. Zugleich wird nach dem Mann gesucht, mit dem das Opfer in dieser Nacht einvernehmlichen Verkehr hatte. Aber die Suche nach diesem ominösen Stan erweist sich als schwieriger denn gedacht. Keiner der Polizisten ahnt, wie groß dieser Fall wirklich ist, welche Kreise er zieht und wie gefährlich das Ermitteln eigentlich ist, denn was erst wie ein Mord aus Leidenschaft erscheint, führt tatsächlich bis in die Zeit des Apartheid-Regimes zurück.

Zulu beginnt klassisch, wie ein Film Noir, der jedoch im gleisenden Tageslicht erzählt wird. Ein Mord muss aufgeklärt werden, aber interessanter als das ist tatsächlich die Art, wie Salle das umsetzt. Er stellt zwei Ermittler in den Mittelpunkt, Ali und Brian, die einander respektieren und so etwas wie Freunde sind, die aber auch enorm einsam sind. Das spiegelt sich in der Struktur wieder, denn Ali und Brian ermitteln so gut wie nie zusammen. Man folgt jeder Figur, wie sie ihren eigenen Weg beschreitet. Es gibt Überschneidungen, aber letzten Endes sind beide einsame Wölfe, die in einem Großstadtmoloch einen verzweifelten Kampf austragen. Einerseits mit ihren eigenen Dämonen, der Last des Vergangenen, andererseits mit dem reichlich wuchernden Verbrechen, dem man in Kapstadt kaum Einhalt gebieten kann.

Salle ist immer nah dran am Geschehen, er setzt auf die Unmittelbarkeit einer Handkamera, die dem Zuschauer das Gefühl gibt, direkt neben den Protagonisten zu stehen. Aber er erlaubt dem Zuschauer auch intime Einblicke, die den anderen Figuren verborgen bleiben. Alis Geschichte wird durch ganz kurze Rückblicke greifbar gemacht, ohne dem Publikum alles vorzukauen. Eigene Denkarbeit ist vonnöten, um alle Facetten einer Figur zu erfassen. Whitaker, der als Ersatz für Djimon Hounsou kam, ist exzellent. Ein Mann, den sein seelischer Schmerz nicht mehr schlafen lässt, der aber vielleicht gerade deswegen ein so guter Polizist ist. Sein Partner Brian entspricht mehr dem Klischee des Polizisten, das Filme vor allem kolportieren: Ein Säufer, der rumhurt, von seiner Frau verlassen wurde und keinen Draht zu seinem Sohn hat. Das hätte eine Karikatur werden können, Orlando Bloom – in seiner vielleicht ersten, wirklich erwachsenen Rolle – macht Brian Epkeen jedoch zu einem Menschen, der sich absolut real anfühlt.

Die Geschichte ist weniger wichtig als die Figuren. Sie ist sogar etwas dünn, hat aber interessante Wurzeln in einem der dunkelsten Kapitel der Apartheid. Er führt die Geschichte zurück in die Zeit eines Unrechtssystems, das in der Vita der Protagonisten tiefe Narben hinterlassen hat. Salle, der kein Interesse an Rache-Geschichten hat, hat hier im Grunde eine inszeniert – aber nach seinen eigenen Regeln. Er interessiert sich für die Versöhnung und Vergebung, die im Zuge der Umgestaltung der südafrikanischen Gesellschaft stattgefunden hat und illustriert dies an der Figur des Polizisten Ali, der am Scheideweg steht: Dem folgen, was er ein Leben lang praktiziert hat, Vergebung, Aussöhnung, Friede, oder das Recht in die eigenen Hände nehmen. Das ist der spannendste Aspekt dieses starken Thrillers.

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