kritiken.de Filme
Filme

Zu guter letzt

kritiken.de
kritiken.de Redaktion 13.04.2017
Zu guter letzt© Tobis Film
A ca. 1391 Worte Lesezeit ca. 5 Minuten  📋 Inhalt

Zu guter letzt: Eine ironische Meditation über Abschied, Würde und die Ökonomie des Alters

Einleitung

Zu guter letzt tritt in eine Gegenwart, die zunehmend über Voice, Markenführung und erzählerische Selbstbestimmung definiert wird, und richtet diese Fragen auf das Alter. Der Film verbindet eine komödiantische Oberfläche mit einem ernsten Anliegen: Wer darf das Ende eines Lebens erzählen, und mit welcher Würde soll dieses Ende präsentiert werden? In einer Kultur, in der Öffentlichkeit und Privatheit sich wechselseitig durchdringen, gewinnt die Auseinandersetzung um Erinnerung und Reputation neue Bedeutung.

Dass ausgerechnet Shirley MacLaine, eine Darstellerin, deren Karriere selbst ein Kapitel medialer Mythenbildung ist, die Projektionsfläche dieser Fragestellungen bildet, gibt dem Film eine zusätzliche metatextuelle Schicht. Gegenüber ihr steht Amanda Seyfried, die als Repräsentantin einer jüngeren Generation agiert, die narrative Kompetenz und Karriereambitionen mit professioneller Distanz verbindet. Die Gegenüberstellung der beiden Figuren funktioniert nicht nur als komödiantisches Mittel, sondern als Spiegelung gegensätzlicher Haltungen zum öffentlichen Ich.

Im weiteren Sinn positioniert sich der Film in einer Reihe zeitgenössischer Arbeiten, die das Thema Altern nicht nur als melancholische Bestandsaufnahme, sondern als gesellschaftlichen Verhandlungsraum deuten. Angesichts demographischer Veränderungen und sichtbarer Debatten um Pflege, Erbe und mediale Präsenz tritt der Stoff als ein diskursives Dokument hervor, das Fragen nach Autonomie, Inszenierung und Solidarität stellt, ohne sie pathetisch zu überfrachten.

Kurzüberblick zur Produktion

Zu guter letzt erschien am 13. April 2017 und wurde von Mark Pellington inszeniert, einem Regisseur, der sein Handwerkszeug in Musikvideos und atmosphärisch dichten Spielfilmen geschärft hat. Pellingtons frühere Filme zeichnen sich durch eine Neigung zu starken visuellen Motiven und einer gelegentlichen Neigung zum Lyrischen aus; in diesem späten Werk tritt diese Handschrift zugunsten einer zurückhaltenderen, dialogzentrierten Darbietung in den Hintergrund. Die Regie organisiert die Schauspieler eher als Erzählerensemble denn als opulente Bildershow.

Als Produktion lässt sich der Film als moderat dimensioniertes Ensembleprojekt lesen. Er lebt weniger von aufwändigen Produktionsdesigns als von seiner Besetzung und dem Drehbuch, das Situationen und Gespräche auslotet. Solche Filme wählen bewusst einen Ton zwischen Fernsehfilm und kleiner Kinoproduktion, um Nähe zu den Figuren zu ermöglichen. Die formale Zurückhaltung - sparsame Kamera, unaufdringlicher Schnitt, punktuelle musikdramaturgische Einsätze - dient der Lesbarkeit der Figurenkonflikte.

In Pellingtons Werk nimmt Zu guter letzt eine Stelle ein, die weniger die früheren Genreexzesse reflektiert als eine Konzentration auf Charakterarbeit. Es ist ein Film, der sich dem Intimen verpflichtet fühlt und dabei seine filmischen Mittel gezielt dosiert einsetzt, um Dialoge als Motor dramatischer Entwicklung zu installieren.

Die Hauptdarsteller & Hauptdarstellerinnen

Shirley MacLaine, als Veteranin eines Hollywood, das über Jahrzehnte hinweg Rollenbilder und Privatinszenierung prägte, fungiert hier als zentrales Kraftzentrum. Ihre Präsenz bringt historische Resonanzen mit sich; die Art, wie sie Souveränität, Eigensinn und gelegentliche Verletzlichkeit verbindet, macht sie zur geeigneten Trägerin eines Films über die letzte Erzählung eines Lebens.

Amanda Seyfried, bekannt geworden durch Musicals und romantische Rollen, hat in den letzten Jahren vermehrt in ernsthafteren, ambivalenten Figuren gearbeitet. Hier übernimmt sie die Funktion einer professionellen Gegenfigur: rational, empathisch und zugleich befangen in der Balance zwischen beruflichem Ethos und persönlicher Anteilnahme. Ihre Darbietung strukturiert das Verhältnis von jüngerer Generation zu alter Autonomie.

Das Ensemble um die beiden Stars - darunter erfahrene Charakterdarsteller wie Philip Baker Hall und ein breites Spektrum an Nebenrollen bis hin zu Tom Everett Scott und Anne Heche - liefert die texturgebenden Töne. Die Nebenfiguren fungieren weniger als bloße Staffage denn als soziale Spiegel, die die Hauptfiguren in unterschiedliche Reflexionsachsen zwingen. Gemeinsam erzeugen sie ein Milieu, in dem die zentralen Fragen des Films verortet werden.

Handlung (spoilerfrei!)

Der Film erzählt die Begegnung zweier sehr unterschiedlicher Lebensentwürfe: einer eigenwilligen älteren Frau, die ihre Lebensbilanz selbst in die Hand nehmen möchte, und einer jüngeren Journalistin oder Texterin, die zwischen beruflicher Distanz und menschlicher Anteilnahme laviert. Aus diesem Konstellationskern ergibt sich ein Konflikt um Sprache, Repräsentation und Kontrolle.

In der Konstruktion des narrativen Konflikts geht es weniger um äußere Ereignisse als um die Auseinandersetzung um Stimme und Form. Der dramatische Druck entsteht aus dem Ringen um faktische Wahrheit, gestalterische Freiheit und moralische Verantwortung. Zentrale Figuren werden in Begegnungen, Gesprächen und kleinen Eskalationen geprüft; der Film bleibt dabei tonal eher leise, setzt auf subtilen Humor und gelegentliche Schlaglichter statt auf große Gesten.

Die Atmosphäre ist von einem melancholischen, aber nicht resignativen Grundton geprägt. Komödiantische Elemente entstehen aus Charaktereigenheiten und situativer Verlegenheit, während der filmische Rhythmus Raum für Reflexion lässt.

Zentrale Themen und Motive

Im Kern stellt Zu guter letzt die Frage nach erzählerischer Autorschaft: Wem gehört die letzte Bedeutung eines Lebens? Diese metapersonale Fragestellung wird auf mehreren Ebenen verhandelt - persönlich, medial und institutionell. Der Film erkundet die widersprüchlichen Bedürfnisse nach Kontrolle und nach Versöhnung sowie die Schwierigkeit, Wahrheit in ein prägnantes Narrativ zu formen.

Weitere Themen sind die Ökonomie des Alters - wie gesellschaftliche Ressourcen, Aufmerksamkeit und Würde verteilt werden - sowie die Kollision von intimer Erinnerung und öffentlicher Präsentation. Der Umgang mit Erinnerung wird als ethische Aufgabe gezeichnet: Es geht um Verantwortung gegenüber dem Individuum und um die Anerkennung sozialer Komplexität in einfachen Erzählformen.

Motivisch nutzt der Film wiederkehrende Bilder und Praktiken des Schreibens, des Editierens und des Abschieds. Diese filmischen Metaphern - Notizen, Zeitungsseiten, Gespräche am Küchentisch - fungieren als kleine Verweise auf größere Fragen von Repräsentation. Formal ist das eine Einladung, das Ende eines Lebens nicht als Endpunkt zu sehen, sondern als gestaltbaren Text, der weiterhin kommuniziert und wirkt.

Filmkritik von Bianka Piringer

Es ist nie zu spät für einen neuen Tanz

Das Altsein macht Harriet Lauler (Shirley MacLaine) keinen Spaß. Was gibt es denn noch zu tun in ihrer aufgeräumten Villa, in der es an nichts fehlt außer an Leben? Doch da wäre noch eine Kleinigkeit zu erledigen: Die Perfektionistin will dafür sorgen, dass die junge Nachrufschreiberin der Bristol Gazette, Anne Sherman (Amanda Seyfried), ihr eine vorbildliche Würdigung verfasst. Harriet möchte, dass darin von der Liebe der Familie, der Anerkennung der Kollegen, einer guten Tat für einen anderen Menschen und einem besonderen Hobby die Rede ist, weil sich das so gehört. Doch Anne findet niemanden, der für Harriet auch nur ein gutes Wort übrig hat. Es gibt also viel zu richten für die alte Dame, die Anne mit ihrem Kampfgeist stark auf die Nerven geht.

Diese launige Frauenkomödie von Regisseur Mark Pellington („Arlington Road“) erweist sich vor allem als Würdigung der großartigen Shirley MacLaine („Das Mädchen Irma la Douce“). Die Hollywoodikone, die auch als ausführende Produzentin an Bord ist, verkörpert wie so oft in ihrer Karriere eine Figur, die über einen optimistischen, beschwingten Eigensinn verfügt. Der mischt sich bei Harriet mit einer guten Portion Alterssturheit. Die Gründerin einer Werbefirma wurde beruflich ausgebootet, ist geschieden, hat die eigene Tochter vergrault, sich als Alleinkämpferin in eine Sackgasse manövriert. Aber es gibt ja Frauen wie Anne und kleine Mädchen wie die sozial benachteiligte Afroamerikanerin Brenda (AnnJewel Lee Dixon), die sich nach einer Mutterfigur sehnen. So bastelt sich Harriet eben eine Ersatzfamilie und findet mit ihr auf ganz neue Weise zurück ins Leben.

Zwei Beispiele zeigen, wie Shirley MacLaine dieser an sich recht konventionellen Geschichte ihren besonderen Stempel aufdrückt. Erstens, warum sollte eine alte Frau zu einem jungen Radiosender gehen und dort ein Musikprogramm moderieren wollen? Für Harriet lautet die Frage, warum nicht? Denn sie besitzt eine umfangreiche Plattensammlung und der Rock'n'Roll liegt ihr im Blut, viel mehr als der jungen Generation. Shirley MacLaine legt also auf, wippt mit Kennermiene im Takt, tanzt Seite an Seite mit der lebhaften Kinderdarstellerin, die Brenda spielt. Es sieht ganz leicht aus, wie die Generationen über die Musik zueinander finden. Die Songs schlagen einen wunderbaren Bogen vom Soul und der stets aufs Neue elektrisierenden Flower-Power-Ära bis zum HipHop.

Zweitens zeigt sich der typische Geist Shirley MacLaines in der wunderbaren Szene, in der Harriet, Anne und Brenda nachts in einem See baden. Als Harriet ihre ersten Schwimmzüge macht, nimmt die Kamera ihren Kopf ins Visier, das faltige Gesicht, die ruinierte Frisur. MacLaine hat keine Angst davor, denn es geht ihr um das Glücksgefühl, das Harriet in diesem Moment durchströmt. Auch Amanda Seyfrieds Spiel verdient Anerkennung, denn sie schenkt ihrer reagierenden Beziehungsrolle auf unaufdringliche Weise emotionale Tiefe.

Die Kamera verliebt sich in das milde kalifornische Licht, als würde sie mit ihm der verkrachten Harriet Trost und Wärme spenden wollen. Die Handlung aber lenkt leider manchmal die Eleganz, die der Erfahrung des Alters innewohnt, bloß in die nivellierenden Bahnen des Mainstreams. So schürt auch die explizite Werbung für einen Fastfood-Anbieter, der Brendas und Annes Geschmack mehr trifft als Harriets französische Snacks, unbeabsichtigt Ängste vor dem vielbeschworenen Kulturverfall.

Newsletter

Einmal pro Woche die besten Essays, Analysen und Kritiken – direkt in Ihr Postfach.

kritiken.de