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X-Men: Zukunft ist Vergangenheit

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kritiken.de Redaktion 22.05.2014
X-Men: Zukunft ist Vergangenheit© Fox Deutschland
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X-Men: Zukunft ist Vergangenheit als Spiegel moderner Angst vor Differenz und technologischem Fortschritt

Einleitung

X-Men: Zukunft ist Vergangenheit tritt nicht nur als groß angelegter Superheldenfilm in Erscheinung, sondern als ein kulturgeschichtliches Statement einer Franchise, die sich wiederholt mit dem Verhältnis von Minorität und Macht auseinandersetzt. Der Film verknüpft spektakuläre Genrélemente mit einer reflexiven Haltung auf Verlust, Verantwortung und kollektive Erinnerung. Seine Relevanz ergibt sich daraus, dass er populäres Blockbuster-Kino mit einem narrativen Interesse an Zeit und Folgen verbindet und damit die Serie in ein neues, historisch resonantes Licht rückt.

Für den Kinodiskurs ist die Produktion von Bedeutung, weil sie die Frage stellt, wie ein kommerzielles Franchise seine eigene Kontinuität repariert und neu bestimmt. Statt reiner Fortsetzung oder radikalem Reboot funktioniert der Film als Konstruktionsmaschine, die verschiedene Besetzungen und zeitliche Ebenen zu einem einzigen dramaturgischen Projekt zusammenführt. So entsteht ein Text, der zugleich Rückblick und Neuanfang ist - eine Strategie, die in der Ära serialisierter Blockbuster zunehmend zur ästhetischen wie ökonomischen Lösung geworden ist.

Gesellschaftlich verhaftet ist der Film in einem Klima verstärkter politischer Unsicherheit und technologischer Beschleunigung. Diskurse über Überwachung, Militärtechnologie und die Regulierung von Differenz durch den Staat finden filmisch ihre Entsprechung in der Figurenkonstellation und in ästhetischen Entscheidungen. Damit offeriert der Film weniger einfache Antworten als eine dramatische Reflexion darüber, wie Gesellschaften auf Angst reagieren und welche moralischen Kosten daraus erwachsen.

Kurzüberblick zur Produktion

Die Regie übernahm Bryan Singer, der sich mit diesem Projekt zur X-Reihe zurückmeldete und damit eine in sich gespannte Autorenschaft fortschreibt. Singer, der bereits die frühen X-Men-Filme geprägt hat, bringt eine Handschrift mit, die auf Ensembleführung, ein Gespür für Comic-Ästhetik und eine Vorliebe für moralische Ambiguität setzt. Die Produktion ist als großbudgetiertes Studioprojekt angelegt und folgt der Logik des Blockbusters, ohne jedoch auf erzählerische Komplexität zu verzichten.

Hinter dem Film steht ein industrieller Apparat, der auf die Wiederverwertung und Neuverknüpfung bekannter Figuren setzt, um narrativen Mehrwert zu schaffen. Technisch dominiert eine opulente VFX-Ästhetik, die Zeitlichkeit und räumliche Kollisionen visuell auslotet. In der Perspektive des Gesamtwerks markiert der Film einen Wendepunkt: Er ist zugleich Brückenbauer und Korrektiv, das ältere und jüngere Stränge der Serie zusammenführt und damit die Selbstreflexion des Franchises fördert.

Die Hauptdarsteller & Hauptdarstellerinnen

Das Ensemble ist programmatisch: Es versammelt Veteranen und jüngere Stars, deren frühere Rollen das Publikum mit bestimmten Erwartungshaltungen konfrontieren. Hugh Jackman fungiert erneut als emotionales Zentrum in der Rolle des zerrissenen Rächer-Typs, eine Rolle, die seine Karriere als körperlich geerdeter, verletzlicher Held geprägt hat. James McAvoy und Patrick Stewart bieten zwei Altersstufen derselben Figur an und ermöglichen dadurch eine unmittelbare Reflexion über Reifung, Autorität und Verletzlichkeit.

Michael Fassbender und Ian McKellen kontrastieren als gegensätzliche Manifestationen desselben Widersachers und machen damit die komplexe Ethik von Opposition und Traumatisierung sichtbar. Jennifer Lawrence hat die Figur einer ambivalenten Außenseiterin übernommen, deren Wandel innerhalb der Serie einen moralischen Angelpunkt darstellt. Nicholas Hoult, Ellen Page, Anna Paquin und weitere Ensemblemitglieder füllen das Gefüge mit unterschiedlichen Arten von Energie und Funktion - von intellektueller Leitung bis zu physischer Präsenz - und tragen so zur polyphonen Anlage des Films bei.

Handlung (spoilerfrei!)

Der Film verwebt zwei zeitliche Ebenen zu einem narrativen Gefüge, in dem gegenwärtige Bedrohung und die Möglichkeit einer alternativen Vergangenheit aufeinander treffen. Der dramatische Konflikt entsteht aus der Spannung zwischen kollektivem Überleben und individueller Entscheidung: Figuren müssen ihre Identitäten und Loyalitäten neu bestimmen, während äußere Kräfte versuchen, sie zu instrumentalisieren oder zu vernichten. Diese Grundspannung verleiht dem Film eine permanente Dringlichkeit, die weniger aus Action als aus ethischen Dilemmata erzeugt wird.

Zentrale Figuren sind sowohl die gealterten Repräsentanten einer langjährigen Bewegung als auch jüngere Aktivistinnen und Krieger, deren Perspektiven unterschiedliche historische Horizonte repräsentieren. Der Ton bleibt dabei einerseits massiv genretypisch - mit visuellen Setpieces und einem hohen Rhythmus - andererseits erstaunlich gebunden an atmosphärische Dichten: Melancholie, Paranoia und gelegentlich sarkastischer Humor halten die Balance zwischen Pathos und Reflexion.

Zentrale Themen und Motive

Im Kern stellt der Film Fragen nach Verantwortung über Generationen hinweg und nach den Möglichkeiten, vermeintlich determinierte Zukünfte zu verändern. Das Motiv der Zeitreise dient weniger als reines Plotinstrument denn als dramaturgischer Hebel, um Ursachen, Schuld und kollektive Erinnerung zu untersuchen. Die wiederkehrende Thematisierung von Verfolgung, Sündenbekenntnis und der Sehnsucht nach Versöhnung zeigt eine klare Neigung zu politischen Lesarten, in denen Minderheitenschutz, staatliche Macht und technologische Eskalation gegeneinander ausgespielt werden.

Psychologisch interessiert sich der Film für die Identität als brüchige Konstruktion: Figuren sind durch Trauma, Loyalitätskonflikte und die Erfahrung von Ausgrenzung geprägt. Auf metaphorischer Ebene funktioniert die Mutantenthematik weiterhin als Feld für Fragen nach Differenz und Zugehörigkeit. Gleichzeitig treten technologische Motive in den Vordergrund - die Angst vor Instrumentalisierung des Anderen durch Wissenschaft und Militär - und damit ein diskursives Echo aktueller Debatten über Ethik und Kontrolle.

Insgesamt operiert X-Men: Zukunft ist Vergangenheit an der Schnittstelle von Mainstream-Entertainment und politischem Nachdenken. Der Film nutzt seine Populärkulturform, um komplexe Fragen sichtbar zu machen, ohne sie einfach aufzulösen. Auf diese Weise bietet er nicht nur spektakuläre Bilder, sondern auch ein dichtes Geflecht aus Erinnern, Verantwortung und der Suche nach Gemeinsinn in Zeiten beschleunigter Bedrohung.

Filmkritik von Peter Osteried

Ist Zukunft Vergangenheit oder Vergangenheit Zukunft?

Der neue X-Men-Film von Bryan Singer bietet viel Aufregendes, aber nicht der Umstand, dass die klassische „Days of Future Past“-Geschichte hier Pate war oder dass Hugh Jackman zum nunmehr siebten Mal in die Rolle von Wolverine schlüpft, ist das wirklich Tolle an diesem Film. Weit beeindruckender ist der Mutant Quicksilver, der in Kürze auch in Avengers: Age of Ultron dabei sein wird.

Die Mutanten sind fast völlig ausgelöscht, Sentinels machen auf sie Jagd, der Krieg ist verloren. Aber Professor Xavier (Patrick Stewart) und Magneto (Ian McKellen) sehen noch eine Chance, all das aufzuhalten. Logans (Hugh Jackman) Verstand wird mehrere Jahrzehnte in die Vergangenheit versetzt und in seinem eigenen Körper aufwachen. Dort, im Jahr 1973, muss er alles daran setzen, die Feinde Xavier und Magneto für eine gemeinsame Mission zu rekrutieren: Mystique (Jennifer Lawrence) muss aufgehalten werden, bevor sie den Wissenschaftler Bolivar Trask (Peter Dinklage) tötet, was Ereignisse in Gang setzen wird, die zur Instandsetzung der Sentinels und der Vernichtung der Mutanten führen werden.

Quicksilver ist ein superschneller Mutant. Auf Standfotos wirkte die Figur nicht gut, in Bewegung ist sie schlichtweg umwerfend. Dabei hat Quicksilver nur ein paar Szenen im Film, bei der Befreiung von Magneto zeigt er jedoch seine Kräfte – das ist ein Anblick, den man nicht vergisst. Da muss sich Avengers: Age of Ultron, bei dem ein anderer Schauspieler in der Rolle gezeigt wird, da hier unterschiedliche Studios am Werk sind, die aber beide dieselbe Figur nutzen dürfen, warm anziehen.

X-Men: Zukunft ist Vergangenheit verbindet die erste Trilogie mit den alten X-Men mit X-Men: Erste Entscheidung. Dominierend ist letzteres, aber auch die Rahmenhandlung in der Zukunft wird harmonisch integriert. Gleich zu Beginn gibt es das große Mutantensterben, das emotional aber sicherlich packender geworden wäre, wenn man nicht hauptsächlich auf gänzlich neue Mutanten gesetzt hätte. Aber immerhin: Blink mit ihren Teleportationskräften ist eine Schau! Darüber hinaus gibt es ein Wiedersehen mit vielen bekannten Gesichtern der alten Trilogie, auch wenn man bei manchen wie Rogue nur einmal kurz blinzeln muss, um sie zu übersehen. Als endgültige Staffelstabübergabe der alten Garde an die jungen Wilden funktioniert der Film aber ziemlich gut. Zwar könnte man auch mit den alten Recken weitere Abenteuer erzählen, aber nach diesem Film ist nichts mehr, wie es war. Bryan Singer nutzt die Geschichte recht geschickt, um einen sanften Neustart vorzubereiten, der es auch erlaubt, die logischen Widersprüche und offenen Fragen – z.B. wie Professor X nach X-Men: Der letzte Widerstand seinen Körper zurückbekommen hat – ad acta zu legen.

Der kleinwüchsige Bolivar Trask ist nur pro forma der Gegner, mit dem es die X-Men hier zu tun bekommen. Vielmehr ist es eine Dreiecksbeziehung zwischen Charles, Mystique und Magneto, die alte Wunden aufreißt und die ehemaligen Freunde erneut zu Gegnern werden lässt. Denn im Kern geht es um nichts anderes als die Errettung einer Seele. Kann Mystique nicht davon abgehalten werden, Trask zu töten, beschreitet sie einen Pfad, der in der Figur gipfelt, die man aus der ersten Trilogie kennt.

Der Kniff der Zeitreise und Manipulation erlaubt eine Freiheit, die in der Schlusssequenz dieses Films klar wird, da Fehler korrigiert und neue Möglichkeiten ergriffen werden können. Das allein würde X-Men: Zukunft ist Vergangenheit aber nicht zum guten Film machen. Er ist es auch, weil Singer sich auf die Tugenden aus X2 besinnt und den Konflikt zwischen Mensch und Mutant, der immer der Kern dieser Reihe war, exzellent ausspielt.

X-Men: Zukunft ist Vergangenheit ist ein Actionspektakel, dem es gelingt, eine große Menge von Haupthandlungsträgern zu jonglieren, ohne dass Figuren unter die Räder kämen. Er bietet aufregendes Blockbusterkino, das zwar nicht unbedingt extrem intelligent ist, aber zumindest einen intelligenten Unterbau besitzt, der sich nicht nur aus den Paradoxa ergibt, die mit Zeitmanipulationen immer einhergehen. Für Fans ist der Film darüber hinaus geradezu perfekt, gibt es doch ein Wiedersehen mit vielen liebgewonnen, aber schon lange nicht mehr gesehenen Figuren.

Den Abspann sollte man – wie mittlerweile bei Superheldenfilmen üblich – abwarten. Singer präsentiert noch eine vom Hauptfilm losgelöste Szene, die den Mund wässrig macht auf das, was als nächstes kommt: X-Men: Age of Apocalypse.

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