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X-Men: Apocalypse

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kritiken.de Redaktion 19.05.2016
X-Men: Apocalypse© Fox Deutschland
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X-Men: Apocalypse - Mythos, Macht und Moral im kolossalen Kino der postmodernen Superhelden-Epik

Einleitung

X-Men: Apocalypse tritt an als ein weiterer Akzent in der langen Abfolge von Superheldenfilmen, die das 21. Jahrhundert geprägt haben. Als Fortsetzung der neu gestarteten X-Men-Reihe des frühen 21. Jahrhunderts versucht der Film, sowohl einem etablierten Franchise gerecht zu werden als auch größere, archetypische Fragen nach Macht und Verantwortung zu formulieren. Relevanz gewinnt der Film nicht allein durch sein Spektakel, sondern durch das beharrliche Bedürfnis des Genres, politische und existentielle Ängste in Figur und Bild zu übersetzen.

Im Film spiegelt sich die ambitionierte Aufgabe moderner Blockbuster: populäre Ikonographie mit literarischen Motiven zu kombinieren, ohne die Mechanik des Studiosystems zu verleugnen. In dieser Spannung liegt die produktive wie problematische Energie von X-Men: Apocalypse. Er ist Teil eines cineastischen Versuchslabors, in dem Mythosbildung, nostalgische Gesten und die Ökonomie der Franchiseproduktion aufeinandertreffen.

Die gesellschaftliche Relevanz des Films ergibt sich weniger aus konkreter politischer Ansage als aus seinem Umgang mit Angst vor dem Anderen, Sehnsucht nach Ordnung und der Versuchung autoritärer Lösungen. In einer Zeit, in der kollektive Unsicherheiten sichtbare Formen annehmen, operiert der Film mit dem Motiv des apokalyptischen Umbruchs - nicht nur als plakativer Katastrophenfilm, sondern als Allegorie auf die Entscheidungssituationen, die Individuen und Kollektive treffen.

Kurzüberblick zur Produktion

Regie führt Bryan Singer, der mit seinem wiederholten Engagement für das X-Men-Universum zu den prägenden Kräften der Reihe zählt. Singer bringt eine Handschrift mit, die Ensembleführung, klare kompositorische Setzungen und die Neigung zu theatralisch überhöhten Gesten kombiniert. Sein bildlicher Zugriff erinnert an klassische Hollywood-Inszenierungen, die er mit comic-ästhetischen Elementen überlagert.

Produziert wurde X-Men: Apocalypse im Rahmen der großen Studiomaschine - das Projekt ist ein Produkt der 20th Century Fox-Ära vor der Disney-Übernahme und bewegt sich in einem hohen Budgetrahmen mit entsprechendem Anspruch an visuelle Effekte, Ausstattung und internationales Marketing. Die Produktion zeichnet sich durch die Herausforderung aus, eine bereits umfangreiche Figurenchronik weiterzuführen und zugleich neue Stoffe und junge Figuren in ein bereits existierendes mythologisches Gefüge einzubetten.

Im Gesamtwerk Singers steht der Film für einen späteren Zyklus der X-Men-Reihe, der versucht, die erzählerische Kohärenz vergangener Episoden mit modernem Effektkino zu verbinden. In dieser Stellung ist der Film weniger revolutionär als vielmehr exemplarisch für das, was zeitgenössische Franchise-Regie heute leisten muss - narrative Komplexität, visuelle Ambition und die Verpflichtung zur kommerziellen Attraktivität.

Die Hauptdarsteller & Hauptdarstellerinnen

Das Ensemble vereint etablierte Stars mit jüngeren Talenten. Jennifer Lawrence, die sich in vorherigen Produktionen wie The Hunger Games und Silver Linings Playbook als zentrale Profilträgerin bewiesen hat, führt die Liste als eine der prägenden Figuren der Reihe - ihre Darstellung bringt eine Mischung aus innenpolitischer Härte und verletzlicher Menschlichkeit in die Rolle. Michael Fassbender und James McAvoy, als Magneto und Professor X, repräsentieren das ideologische Zentrum des Ensembles - Fassbender bringt eine intensive, zorngetriebene Physikalität, McAvoy eine psychologische Prägnanz und intuitive Autorität.

Oscar Isaac übernimmt die Rolle des titelgebenden Antagonisten - der Castingentscheid hier unterstreicht das Bestreben, einer mythologischen Figur eine nuancierte, menschlich nachvollziehbare Präsenz zu verleihen. Sophie Turner, bekannt geworden durch ihre Arbeit an der Fernsehserie Game of Thrones, debütiert im Superheldengenre mit einer Rolle, die Coming-of-Age-Elemente und latentem inneren Konflikt verknüpft. Ergänzt wird das Ensemble durch Nicholas Hoult, Evan Peters, Alexandra Shipp, Tye Sheridan und Kodi Smit-McPhee - Schauspieler, deren frühere Arbeiten von Indie-Drama bis Mainstream-Serien reichen und die in diesem Film die jüngere Generation der X-Men verkörpern.

Die Castingentscheidung zeigt das Prinzip der Reihe: etablierte Stars als emotionale und ideologische Anker, jüngere Darsteller als Träger künftig zu entfaltender Konflikte. Diese Balance ist zentral für die Dramaturgie des Films, weil sie erlaubt, große thematische Fragen durch persönlich besetzte Figuren zu vermitteln.

Handlung (spoilerfrei!)

Der Film erzählt von der Rückkehr einer uralten, übermächtigen Gestalt, deren Wiederauftauchen das bestehende Machtgefüge bedroht. Dieser Konflikt zwingt die X-Men zur Mobilisierung - nicht nur als Militärmacht, sondern als intellektuelle und moralische Gemeinschaft, die sich den Fragen des Schutzes, der Grenzziehung und der Ethik im Angesicht einer Weltveränderung stellen muss. Im Zentrum stehen dabei sowohl individuelle Entwicklungen junger Figuren als auch die schon etablierten Spannungen zwischen unterschiedlichen Führungsmodellen.

Ton und Atmosphäre des Films pendeln zwischen opernhaft überzeichnetem Spektakel und intimer Charakterarbeit. Große Setpieces wechseln mit Momenten, die die Figurenzeichnung vertiefen sollen. Der dramatische Konflikt ist somit doppelt angelegt - extern durch die Bedrohung, intern durch die Frage, wie Gemeinschaften mit Traumata, Machtverlust und Verführung durch Totalität umgehen.

Zentrale Themen und Motive

X-Men: Apocalypse verhandelt grundlegende Fragen von Identität, Zugehörigkeit und der Legitimität von Macht. Die Figur des apokalyptischen Gegners fungiert dabei nicht nur als physische Bedrohung, sondern als Spiegel für die Versuchung, radikale Lösungen zur vermeintlichen Rettung anzubieten. Dieser Impuls berührt zeitgenössische Debatten über Sicherheit, Souveränität und die Balance zwischen Freiheit und Ordnung.

Ein weiteres zentrales Motiv ist das der Transformation - persönlich, sozial und politisch. Verwandlung wird als Motor narrativer Entwicklung genutzt, wobei physische Metamorphosen oftmals innere Konflikte und moralische Entscheidungen symbolisieren. Der Film arbeitet zudem mit mythologischen Referenzen und Bildmotiven, die den Charakter des Gegners als archetypische Gestalt betonen und so die Frage nach Verantwortung und Erlösung in größere, historisch resonante Zusammenhänge rücken.

Schließlich lässt sich ein metaästhetisches Thema erkennen: der Film reflektiert über seine eigene Rolle als Mythosproduzent. In ihm verhandeln sich die Grenzen zwischen Unterhaltung und kulturpolitischer Aussage - eine Spannung, die gerade die Blockbusterära prägt und die X-Men: Apocalypse als Beispiel für die Ambivalenz zeitgenössischen Popkulturkinos lesbar macht.

Filmkritik von Peter Osteried

Stell dir vor, es ist Apokalypse und keiner geht hin!

„Der dritte Teil ist immer der schlechteste.“ – Das lässt Bryan Singer in X-Men: Apocalypse, dem dritten Teil der zweiten Trilogie um die Mutanten, die junge Jean Grey sagen, nachdem einige Freunde und sie Die Rückkehr der Jedi-Ritter gesehen haben. Man muss schon einigermaßen von seinem Film überzeugt sein, um einen solchen Spruch zu bringen. Leider ist er jedoch prophetisch in Hinblick auf diesen dritten Teil mit den jungen X-Men.

1983: In Ägypten erwacht En Sabah Nur (Oscar Isaac), der erste aller Mutanten, auch Apocalypse genannt, aus einem fünf Jahrtausende währenden Schlaf. Er wollte damals herrschen – und will es nun immer noch. Doch erst muss die alte Welt untergehen, bevor das Zeitalter von Apocalypse beginnen kann. Während er seine vier Reiter – Angel, Storm, Psylocke und Magneto – um sich scharrt, sucht Mystique (Jennifer Lawrence) ihren alten Freund Charles Xavier (James McAvoy) auf. Sie müssen zusammenarbeiten, um Magneto zu retten, aber auch um die Welt vor der größten Gefahr zu bewahren, der sie sich je gegenüber gesehen hat.

X-Men: Apocalypse hat einige Probleme. Dass die Zeitlinien hinten und vorne nicht mehr zusammenpassen und sich immer größere Diskrepanzen ergeben, mag da noch eines der geringeren sein. Es stört aber schon, wenn eine Figur wie Nightcrawler hier eingeführt wird, während dies in X2 schon einmal geschehen ist. Aber in dem chronologisch später spielenden Film kannte natürlich noch niemand Kurt Wagner. Betrachtet man aber jeden Film für sich und denkt nicht über die mangelhafte Verzweigung statt, dann bleibt dennoch ein Streifen, der unterm Strich enttäuscht.

Denn irgendwie hat man das Gefühl, alles schon einmal gesehen zu haben. Besonders gilt dies für Szenen mit Xavier und Magneto, deren Dialoge auch wie aus den früheren Filmen entnommen wirken. Die Figuren treten Wasser, sie drehen sich im Kreis, sind mal Freund, mal Feind, und ergehen sich in den ewig gleichen Plattitüden. Nicht viel besser ergeht es Mystique (diesmal erstaunlich lustlos von Jennifer Lawrence gespielt), die die Seiten fröhlich wechselt. In diesem Teil also mal wieder mit Xavier. Irgendwann später dann nicht mehr, wenn man sich an X-Men aus dem Jahr 2000 erinnert.

Selbst Action-Sequenzen wirken nur wie aufgemotztes Aufkochen von Altbekanntem. Das gilt vor allem für Quicksilvers Einsatz in der Schule. Das sieht wirklich toll aus – und ist sogar witzig –, aber es bietet eben auch rein gar nichts Neues.

Autor Simon Kinberg gelingt es nicht so gut, alle Figuren gleichermaßen angemessen zu bedienen. Es sind wohl zu viele gewesen, weswegen einige in Sachen Charakterisierung nicht mal an der Oberfläche kratzen. Dazu kommt, dass der Film mäandert. Er springt von Location zu Location und von Szene zu Szene, lässt aber die nötige Schmiere vermissen, die aus all den Einzelteilen auch ein homogenes Ganzes entstehen lässt. Dabei gibt es auch erstaunlich wenig Mutanten-Action. Erst zum Ende hin kracht es richtig, bis dahin muss man sich vor allem mit einem Gastauftritt begnügen, der extrem ungelenk in die Handlung eingebettet ist – und wiederum dem widerspricht, was man bei X-Men Origins: Wolverine gesehen hat.

X-Men: Apocalypse hat einen starken Anfang – eine etwa fünfminütige Sequenz im alten Ägypten. Das verspricht Potenzial, das der Film aber nicht mehr einzulösen vermag. Er zerfällt in Einzelteile. Manches gefällt – so etwa Magnetos neues Familienleben –, anderes ist suboptimal. Alles in allem ein passabler, aber auch nur durchschnittlicher Film, bei dem deutlich mehr drin gewesen wäre.

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