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The Witch

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kritiken.de Redaktion 19.05.2016
The Witch© Universal Pictures Germany
A ca. 1391 Worte Lesezeit ca. 5 Minuten  📋 Inhalt

The Witch - Eine kalte Allegorie auf Glaube, Familie und die Angst vor dem Fremden

Einleitung

Seit seiner Veröffentlichung am 19.05.2016 hat The Witch nicht nur das Horrorgenre, sondern auch die Kulturkritik gezwungen, genauer hinzusehen - nicht wegen spektakulärer Effekte, sondern wegen der radikalen Strenge seiner Form. Robert Eggers verknüpft in seinem Spielfilmdebüt historische Genauigkeit mit einem langsam sich entfaltenden Unbehagen, das weniger aus dem Sichtbaren als aus dem Atmosphärischen entsteht. Die Relevanz des Films liegt darin, wie er kollektive Ängste des 17. Jahrhunderts als Prisma benutzt, um gegenwärtige Fragen von Autorität, Abweichung und weiblicher Autonomie zu beleuchten.

Eggers' Werk steht in einer Tradition, die sich dem Horror durch Rekonstruktion und Detailtreue nähert - seine Bildsprache und sein historisches Sprachregister wirken wie forensische Instrumente. The Witch verzichtet auf moderne Schreckmechanismen und setzt stattdessen auf eine konsequente Kohärenz von Setting, Sprache und Klang. Daraus erwächst eine Form von filmischer Erkenntnis - nicht belehrend, sondern beobachtend - die zeigt, wie Mythen gesellschaftliche Spannungen spiegeln und zugleich produzieren.

Der Film ist außerdem ein Produkt seiner Zeit: In einer Ära, in der Fragmente von Identitätspolitik, Nostalgiediskursen und Misstrauen gegenüber institutioneller Autorität streitbar geworden sind, liest sich The Witch als eine historische Parabel auf gegenwärtige Polarisierungen. Die Krise der Familie, die Verunsicherung über Geschlechterrollen und die Furcht vor dem Fremden verbleiben als treibende Motive, die sowohl im Film als auch in der zeitgenössischen Gesellschaft nachhallen.

Kurzüberblick zur Produktion

Regie führte Robert Eggers, dessen Vorbildung als Bühnenbildner und Dialektcoach seine Handschrift prägt: minutiöse Recherche, eine rigorose Sprachwahl und eine visuelle Strenge, die historische Authentizität nicht als bloßes Kostüm verstehen. The Witch wurde als unabhängige US-kanadische Produktion realisiert und profitierte von einem vergleichsweise kleinen Budget, das Eggers nicht als Einschränkung, sondern als kompositorische Begrenzung nutzte. Der Verzicht auf übermäßige Effekte und ein klares Commitment zu natürlichen Lichtquellen schärfen die Bildästhetik und fokussieren die Wahrnehmung auf Atmosphäre und Performance.

Die Kameraführung von Jarin Blaschke und die sparsame, aber eigenwillige Partitur von Mark Korven tragen maßgeblich zur dichten Textur des Films bei. Eggers' Besessenheit für historische Details - von der Kleidung bis zur Benutzung alter Sprachformen - verwandelt Produktionszwang in ästhetische Klarheit. The Witch ist damit nicht nur Debüt, sondern auch Ausgangspunkt einer Regiekarriere, die in den folgenden Arbeiten weiterführende Variationen dieses methodischen Ansatzes bietet.

Die Hauptdarsteller & Hauptdarstellerinnen

Im Zentrum steht Anya Taylor-Joy als Thomasin - eine Rolle, die der Schauspielerin den Durchbruch verschaffte. Taylor-Joy findet in der stummen Beobachtung und in kurzen, intensiven Momenten der Regung eine Präsenz, die weniger durch Ausdruck als durch Belehrung der Kamera funktioniert. Ralph Ineson verkörpert den patriarchalen Familienvater William mit einer rauen Religiosität, deren Autorität ebenso verletzlich wie unverhandelbar erscheint. Kate Dickie gibt die Mutter Katherine - eine Figur zwischen Frömmigkeit, Verzweiflung und mütterlicher Erschöpfung.

Harvey Scrimshaw spielt den Sohn Caleb, dessen Jugendlichkeit und Neugier zu einem tragenden Element der familialen Dynamik werden. Ellie Grainger und Lucas Dawson sind als die jüngeren Kinder präsent und liefern in ihrer kindlichen Unmittelbarkeit den Gegenpol zur starren Welt der Erwachsenen. Die übrigen in der Besetzung - darunter Bathsheba Garnett, Sarah Stephens, Julian Richings und Wahab Chaudhry - treten in kleineren, aber prägnanten Nebenrollen auf, die die klaustrophobische Enge und das Bedrohungspotenzial der Umgebung spiegeln.

Handlung (spoilerfrei!)

The Witch erzählt von einer puritanisch geprägten Familie, die in die Abgeschiedenheit der nordamerikanischen Wildnis zieht, um dort ein neues Leben zu beginnen. Die Isolation - räumlich wie spirituell - bildet die Bühne für eskalierende Spannungen zwischen Glaubensgewissheit und menschlicher Schwäche. Der dramatische Konflikt entspinnt sich aus dem Zusammenprall von religiöser Dogmatik und den unvorhersehbaren Kräften einer unbarmherzigen Umwelt.

Zentrale Figuren sind die Eltern - ein patriarchalischer Leitwolf und seine religiös geprägte Gattin - sowie ihre Kinder, deren unterschiedliche Entwicklungsstadien und Bedürfnisse zu Katalysatoren des Konflikts werden. Der Film führt seine Spannung nicht über actionreiche Ereignisse, sondern über die Verdichtung von Misstrauen, Fehlinterpretation und sozialem Druck. Ton und Atmosphäre sind geprägt von Kälte, Düsternis und einem beharrlichen Gefühl des Unbehagens; die Kamera bleibt oft distanziert, beobachtet mit klinischer Klarheit und erlaubt so die Entfaltung einer psychologisch dichten Claustrophobie.

Zentrale Themen und Motive

The Witch ist ein Film über Angst - nicht als abstrakte Emotion, sondern als soziales Instrument, das Glaubenssysteme zusammenhält und zugleich zerstört. Er fragt nach der Mechanik von Schuldzuschreibung und Sündenbockbildung, nach wie Autorität und Dogma individuelle Entscheidungen erdrücken. Die religiöse Strenge der Figuren dient dabei als Linse für größere Fragen: Wer definiert Moral? Wer darf abweichen? Und wie wirkt sich Isolation auf Wahrnehmung und Urteilskraft aus?

Eine weitere thematische Schicht ist die Genderdynamik. Im Zentrum steht das Ringen um Selbstbestimmung in einer Ordnung, die weibliche Autonomie systematisch unterminiert. Eggers verhandelt diese Thematik nicht als moderne Parabel mit offensichtlicher Moral, sondern als atmosphärische Allegorie, in der Ambiguität erhalten bleibt: Das Übernatürliche funktioniert zugleich symbolisch und als realer Bedrohungsraum. Psychologie, Religion und Folklore verschränken sich; der Film lässt offen, ob das Böse von außen kommt oder Ausdruck innerer Zerrissenheit ist.

Schließlich arbeitet The Witch mit Motiven von Grenze und Vergeistigung - die Wildnis als Ort des Unbekannten, die Sprache als Instrument der Konstitution von Wirklichkeit, und die Familie als Mikrokosmos gesellschaftlicher Machtverhältnisse. In dieser Kombination liest sich der Film weniger als traditionelle Horrorgeschichte denn als meditatives Sozialpanorama, das historische Fakten und zeitgenössische Anrufe nach Autonomie in eine eindringliche, formal konsequente Bildsprache übersetzt.

Filmkritik von Peter Osteried

Einer der eindringlichsten Filme des Jahres!

Wer sich nur vom Trailer lenken lässt, der könnte bei The Witch eine unangenehme Überraschung erleben, denn Robert Eggers‘ Film ist nicht solcher Horror, der von extremen Spannungsmomenten oder Jump Scares leben würde. Stattdessen präsentiert er sich als Drama über eine gottesfürchtige Familie, der ein Kind abhandenkommt.

Im Neu-England der 1630er Jahre zieht William mit seiner Familie in die Wildnis, um ein gottesfürchtiges Leben zu leben. Es ist ein hartes Leben, doch erschüttert wird die Familie erst, als das Baby Sam verschwindet – von einem Wolf geraubt. Oder doch das Opfer einer Hexe geworden? Man weiß es nicht, aber die Angst vor dem Bösen beherrscht alles. Und die Schuld am Verschwinden des Babys sucht die Mutter bei ihrer Tochter Thomasin. Misstrauen und Angst treiben einen Keil in die Familie, der weitere Unbill bevorsteht.

The Witch ist ein betont langsam erzählter Film, der mit seinen tristen Farben einiges an Atmosphäre erschafft. Die stillen Bilder strahlen eine unheimliche Stimmung aus, während die spärlich, aber effektiv eingesetzte Musik immer genau im richtigen Moment Akzente setzt. Eggers und sein Kameramann Jarin Blaschke lassen die Kamera lange verweilen. Es gibt Szenen, die ohne eine Kamerabewegung auskommen, aber vom exzellenten Schauspiel getragen werden. Besonders zu erwähnen ist hier die Newcomerin Anya Taylor-Joy, die als Thomasin überragend ist. Sie zeichnet das Bild eines jungen Mädchens, das die Schuld über das Verschwinden des Babys kaum ertragen kann, aber noch mehr darunter leidet, wie ihre Mutter ihr nun begegnet.

Das ist Stoff für großes Drama, das es hier auch reichlich gibt. The Witch lebt über weite Strecken davon, zu zeigen, wie hart das Leben in der Wildnis zu jener Zeit ist, wie sehr die Menschen aber auch in ihrem religiösen Eifer gefangen sind und wie gefährlich die Angst vor dem Bösen werden kann, wenn Panik und Misstrauen um sich greifen. Diese Bedrückung, die die Figuren spüren, wird auch in bildlich sehr gut eingefangen, hat man sich doch dazu entschieden, den Film in einem heute kaum noch gebräuchlichen Format zu drehen: 1,66:1: Damit wird das Haus klaustrophobischer, aber auch die Bäume, die über den Menschen im Wald hochragen, wirken sehr viel bedrohlicher. Es ist ein klassisches Format, das auf seltsame Weise für einen in weit entfernter Vergangenheit spielenden Film sehr gut passt.

Über weite Strecken hinweg funktioniert The Witch vor allem als Drama. Es gibt die Momente des Grauens und des Unheimlichen, aber man ist nie sicher, ob dies nun wirklich real oder nur Teil einer Art von Massenpsychose ist. Gläubig wie die Hauptfiguren sind, würde sich letzteres erklären lassen – andernfalls, so bemerkt man während des Sehens, würde man beiwohnen, wie eine Hexe böswillig das Leben einer Familie auslöscht. Aber tatsächlich bietet The Witch noch weit mehr als das. Der Film steuert auf ein höchst faszinierendes Finale hin, das erkennen lässt, was man wirklich über knapp 90 Minuten hinweg gesehen hat – eine Coming-of-Age-Geschichte der ganz und gar ungewöhnlichen Art. Mit einem Ende, das man nicht so schnell vergisst und diesem smarten Film, den Eggers als den Albtraum eines Puritaners beschreibt, mehr als gerecht wird.

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