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Wolfwalkers

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kritiken.de Redaktion 12.09.2020
Wolfwalkers
A ca. 1014 Worte Lesezeit ca. 3 Minuten 30 Sekunden  📋 Inhalt

Wolfwalkers - Zwischen mythischer Tiermetapher und urbaner Vertreibung eine visuelle Verteidigung der Wildnis

Einleitung

Wolfwalkers tritt an der Schnittstelle von Volksmythos und zeitgenössischem Animationskino auf - ein Film, der mehr sein will als reine Fantasieunterhaltung und in seiner Formensprache konsequent die Frage nach Beziehung, Besitz und Verdrängung verhandelt. In einer Zeit, in der ökologische Krisen und das Ringen um kulturelle Narrative die Diskurse prägen, gewinnt ein erzählerisches Rückbesinnen auf die Mythenhaftigkeit der Natur eine eigentümliche Dringlichkeit. Wolfwalkers wirkt so, als wolle er Erinnerung retten - nicht nur an alte Geschichten, sondern an eine Wahrnehmung der Welt, die draußen und ungezähmt bleibt.

Der Film steht in einer klaren ästhetischen und thematischen Kontinuität mit den bisherigen Arbeiten seines Hauptautors und Regisseurs Tomm Moore. Moore hat sich mit seinen vorangegangenen Filmen bereits als ein Verfechter der handgezeichneten Linie und als Sammler keltischer Bildtraditionen erwiesen. Wolfwalkers erweitert diese Handschrift, indem er sie mutiger fragmentiert und gleichzeitig mit einem raueren, fast skizzenhaften Animationsvokabular versieht - eine Weiterentwicklung, die auch die Mitregie von Ross Stewart spürbar werden lässt.

Diese filmische Positionierung erklärt, warum Wolfwalkers Relevanz über das Genre hinaus geht. Er verhandelt die Spannung zwischen beschützender Erinnerung und aggressiver Expansion, zwischen weiblicher Solidarität und autoritärer Kontrolle - Themen, die in diversen politischen und ökologischen Debatten der Gegenwart nachhallen. Der Film ist damit weniger nostalgische Reminiszenz als ein visueller Denkanstoß - angereichert durch ein handwerkliches Bekenntnis zur Zweidimensionalität, das sich bewusst gegen den glatten Naturalismus großer Studios stellt.

Kurzüberblick zur Produktion

Wolfwalkers entstand in den Studios von Cartoon Saloon in Kilkenny - einem Haus, das in den vergangenen anderthalb Jahrzehnten zu einem internationalen Signet für anspruchsvolle, handgezeichnete Animationsfilme geworden ist. Tomm Moore, der künstlerische Kopf hinter Cartoon Saloon, führt hier zum dritten Mal Regie in einem abendfüllenden Projekt und setzt seine Vorliebe für keltische Legenden und minimalistischen Formen fort. Ergänzt wurde Moore durch Ross Stewart, dessen grafische Sensibilität die Bildsprache des Films weiter ausdifferenziert.

Die Produktion operierte mit einem im Vergleich zu großen Hollywoodproduktionen überschaubaren Budget - eine Beschränkung, die allerdings nicht als Mangel empfunden wird, sondern als Anreiz zu formalen Entscheidungen. Wolfwalkers nutzt sparsame, bewusst gesetzte Striche, flächige Farbgebung und texturierte Hintergründe, um Reichweite zu simulieren - nicht durch fotorealistischen Aufwand, sondern durch dichter Bildkomposition. Die Co-Produktion mit europäischen Partnern und die Festivalpräsenz des Films ermöglichten eine internationale Sichtbarkeit, die das Werk als Teil eines europäischen Gegenentwurfs zur globalen Animationsindustrie markiert.

Im Gesamtwerk von Moore markiert dieser Film eine Verdichtung seiner thematischen Obsessionen - das Verhältnis von Mensch und Natur, das Erinnern von Mythen und die Inszenierung von Bildsprache als Träger kultureller Gedächtnisse. Zugleich öffnet er die Handschrift Moore's für rohere Linien und eine direktere, beinahe expressionistische Energie, die den Film formal von seinen Vorgängern unterscheidet.

Die Hauptdarsteller & Hauptdarstellerinnen

Im Zentrum der Erzählung steht die junge Robyn Goodfellowe, gesprochen von Honor Kneafsey. Kneafsey bringt der Figur eine Mischung aus Trotz, Neugier und verletzlicher Selbstbehauptung - eine Stimmführung, die das Coming-of-age-Element des Films trägt. Ihre Robyn ist nicht nur Beobachterin, sondern Akteurin einer Lernkurve, die sich zwischen Neugier und Loyalität bewegt.

Die gleichberechtigte und zugleich rätselhafte Gestalt, die Robyn in die Sphäre des Waldes einführt, wird von der jungen Eva Whittaker gesprochen. Whittakers Performance konturiert eine Figur, die wild, ungezügelt und mythisch wirkt - eine Präsenz, die weniger durch konventionelle Dialoge als durch Klangfarbe und rhythmische Phrasierung funktioniert. In der Rolle des Vaters tritt Sean Bean in Erscheinung - seine rauchige Stimme verkörpert das pragmatische, oft unnachgiebige Weltbild der Siedlergeneration und bringt so eine weitere Schicht in das Spannungsverhältnis von Schutz und Kontrolle.

Diese Besetzung folgt einem Muster, das Cartoon Saloon selten verlässt - junge, unverbrauchte Stimmen für die jugendlichen Protagonistinnen, ergänzt durch etablierte Charakterstimmen, die die kulturelle und generationelle Gewalt in der Erzählung stützen. Die Figuren werden dadurch weniger als individuelle psychologische Profile gezeichnet als vielmehr als Träger größerer sozialer und symbolischer Kräfte.

Handlung (spoilerfrei!)

Wolfwalkers verlegt seine Handlung in eine historische, von Urbanisierung geprägte Umgebung - die Stadtmauern rücken an den Wald, Jagd und wirtschaftliche Interessen treffen auf überlieferte, animistische Vorstellungen von der Natur. Die Geschichte folgt Robyn, die neu in diese Grenzregion kommt und sich in einem Prozess des Entdeckens und des Zweifelns befindet. Begegnungen mit den Bewohnerinnen des Waldes führen sie in eine Welt, deren Regeln sich grundlegend von denen der Stadt unterscheiden.

Der dramatische Konflikt entsteht aus dem Aufeinandertreffen zweier Ordnungen: einer Ordnung, die das Land vereinnahmt und zu kontrollieren sucht, und einer Ordnung, die mit dem Land verwoben ist und andere Formen von Zugehörigkeit kennt. Die zentralen Figuren verhandeln Loyalitäten - familiär, kulturell und ökologisch - und stehen so stellvertretend für größere Fragen nach Zugehörigkeit und Recht auf Raum.

Ton und Atmosphäre des Films oszillieren zwischen melancholischer Fabel und energischer, teils verspielter Bildgewalt. Die Stadt ist in scharfen, oft monochromen Linien abgezeichnet, der Wald antwortet mit organischen, fließenden Formen. Diese Differenz prägt die Stimmung und gibt dem Film seine spezifische, zugleich urtümliche und moderne Tonalität.

Zentrale Themen und Motive

Wolfwalkers stellt Fragen nach Macht über Raum, nach der Politik des Sichtbarmachens und nach der Fähigkeit, Andere nicht nur zu benennen, sondern zu verstehen. In der Gegenüberstellung von städtischer Ordnung und wilder Sphäre erklingt eine Kritik an Enteignung und an der Reduktion von Natur auf Ressource. Der Film lotet die moralischen Spannungen aus, die entstehen, wenn Fortschritt mit Zerstörung gleichgesetzt wird.

Philosophisch lässt sich Wolfwalkers als Erkundung unterschiedlicher Ontologien lesen - als Gegenüberstellung eines ekstatischen Animismus, der Lebendigkeit in allen Dingen wahrnimmt, und eines instrumentellen Weltbildes, das Dinge zu Objekten reduziert. Psychologisch rückt der Film Fragen nach Identität und Zugehörigkeit in den Vordergrund: Wie formt sich Subjektivität an der Grenze zwischen zwei Welten? Welche Rolle spielen Geschichten und Namen in der Konstruktion von Wirklichkeit?

Motivisch wiederholt sich die Idee des Sehens versus Benennens - die Fähigkeit, zu sehen, ohne zu vereinnahmen. Dazu kommen bildliche Motive wie Linien, Muster und Texturen, die nicht nur dekorativ sind, sondern argumentativ fungieren: Sie markieren Unterschiede, erzeugen Empathie und zeigen, wie Bildsprache selbst zu einem moralischen Instrument werden kann. Wolfwalkers ist damit weniger Fabel im engen Sinne als eine visuelle Meditation über Erinnerung, Widerstand und das Recht, wild zu bleiben.

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