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Der Rausch (Another Round)

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kritiken.de Redaktion 09.09.2020
Der Rausch (Another Round)
A ca. 868 Worte Lesezeit ca. 3 Minuten  📋 Inhalt

Der Rausch (Another Round) - Zwischen nüchterner Moral und ekstatischer Lebenslust: Vinterbergs Balanceakt

Einleitung

Der Rausch (Another Round) ist ein filmisches Plädoyer in Form eines Paradoxons: eine Komödie und Tragödie zugleich, die Alkohol als Brennglas menschlicher Sehnsüchte und Selbsttäuschungen nutzt. Seit seiner Premiere 2020 hat der Film nicht nur öffentliche Debatten über Trinkkultur und Verantwortung angestoßen, sondern sich auch als ein markantes Kapitel in der nordischen Gegenwartskinematographie etabliert. Die Relevanz liegt weniger in einer moralischen Einordnung von Alkohol, als vielmehr in der unaufdringlichen Untersuchung, was es bedeutet, im Mittelfeld des Lebens eine Performance zu halten.

Für Thomas Vinterberg ist Der Rausch sowohl eine Rückkehr zu seinen Themenschwerpunkten als auch eine stilistische Verschiebung. Der Regisseur, dessen früheres Werk sich durch die radikale Theaternähe von Festen - geprägt vom dogma - und die sezierende Moralität von Jagten auszeichnet, verlagert die Kamera hier auf das leise Abrutschen und gelegentliche Aufleuchten des Alltäglichen. Die Handschrift bleibt erkennbar: ein Interesse an Gemeinschaft, an tabuisierten Wahrheiten und an der Dynamik zwischen Individuum und sozialem Gefüge.

In einer Zeit, in der Fragen nach Sinnstiftung, männlicher Rolle und sozialer Anerkennung lauter werden, trifft Der Rausch einen Nerv. Der Film reflektiert nicht nur persönliche Krisen von Lehrern in einem modernen Wohlfahrtsstaat, sondern berührt auch kollektive Themen wie Demografien des Alkoholkonsums, nostalgische Verklärung und die Suche nach Ritualen, die Identität stiften. Seine Tonalität bewegt sich dabei zwischen ironischer Distanz und ernsthafter Empathie, wodurch er Publikum und Kritik gleichermaßen fordert.

Kurzüberblick zur Produktion

Thomas Vinterberg inszeniert Der Rausch in Zusammenarbeit mit dem Drehbuchautor Tobias Lindholm - eine Kooperation, die erzählerische Präzision mit einer klaren dramaturgischen Ökonomie verbindet. Die Produktion entspringt sichtbar der dänischen Filmtradition: eine überschaubare Finanzierung, die Förderung durch nationale Filmförderer und die Produktion in Kooperation mit etablierten nordischen Produktionshäusern erlaubten eine konzentrierte, schauspielgetriebene Umsetzung. Der Film wurde in Dänemark gedreht und nutzt reale Schul- und Kneipenräume, um einen dokumentarischen Realismus zu erzeugen.

In Bezug auf Vinterbergs Gesamtwerk markiert Der Rausch eine Verschiebung vom offenen, konfrontativen Kammerspiel hin zu einem filmischen Essay über Peer-Group-Experimente und ethische Grauzonen. Während frühere Filme das öffentliche Zerreißen einer Person thematisierten, interessiert sich Der Rausch für das subtile Aushandeln von Selbst- und Fremdwahrnehmung im Alltag. Produktionsbedingt blieb Raum für Improvisation und Schauspielerinteraktion, was dem Film seine atmende, organische Qualität verleiht.

Die Hauptdarsteller & Hauptdarstellerinnen

An der Spitze des Ensembles steht Mads Mikkelsen, dessen präsente Zurückhaltung hier als Träger einer komplexen Innerlichkeit fungiert. Mikkelsen, international bekannt durch Rollen in Filmen wie Casino Royale und der Serie Hannibal sowie durch die intensive Performance in Jagten von Vinterberg, bringt eine ökonomische, beinahe archaische Körperlichkeit in die Rolle des Lehrers Martin. Seine Mimik schafft eine permanente Spannung zwischen Kontrollverlust und Würde.

Impulsgebend sind die Nebendarsteller, die eine Art gegenwärtiges Männerquartett formen: Thomas Bo Larsen bringt seine Erfahrung aus Vinterbergs Festen mit und fungiert als Verweis auf frühere, provokative Ensemblearbeiten; Magnus Millang liefert eine komödiantische Energie, die das Experiment befeuert; Lars Ranthe verkörpert die skeptische, innerlich zerrissene Figur, die den moralischen Kompass in Frage stellt. Zusammen konstituieren sie eine Gruppe, deren Interaktion das narrative Rückgrat bildet und deren Chemie den Film trägt.

Handlung (spoilerfrei!)

Ohne zu verraten, wie sich die Geschichte entfaltet: Der Rausch erzählt von einer kleinen Gruppe von Mittdreißigern bis Mittvierzigern, vornehmlich Lehrer, die ein gewagtes soziales Experiment beginnen. Ausgangspunkt ist die These, dass ein konstanter, niedriger Alkoholpegel das Leben erleichtern und die Lebensqualität steigern könne. Aus dieser Prämisse entwickelt sich ein geteiltes Unterfangen, das zunächst als bravura-soziale Studie erscheint und schnell die Grenzen individuell erträglicher Selbstinszenierung austestet.

Der dramatische Konflikt liegt nicht in einem äußeren Antagonisten, sondern in der Kollision von Bedürfnis und Verantwortung, von kollektivem Hochgefühl und individueller Ethik. Die zentralen Figuren sind geprägt durch Alltagspflichten, familiäre Bindungen und Berufsethik, und der Film beobachtet, wie das Experiment diese Konstrukte unterminiert oder neu konfiguriert. Ton und Atmosphäre pendeln zwischen lakonischem, nordischem Humor und einer zunehmend spürbaren Schwere, wobei die Kamera oft nahe an den Körpern der Figuren bleibt, um Befindlichkeiten sichtbar zu machen.

Zentrale Themen und Motive

Der Rausch ist ein filmisches Nachdenken über Ritual, Resignation und die Suche nach Sinn. Eine zentrale Frage lautet: Welche Mechanismen braucht ein Mensch, um Alltag zu ertragen, und wann werden diese Mechanismen zur Falle? Alkohol fungiert hier als Katalysator - nicht allein als Laster, sondern als Projektionsfläche für unerfüllte Sehnsüchte und verdrängte Unruhe. Der Film lotet die Ambivalenz zwischen Befreiung und Selbstbetrug aus und verweigert einfache Antworten.

Philosophisch berührt der Film existenzielle Motive: das Bedürfnis nach Authentizität, die Angst vor Bedeutungslosigkeit und die Konstruktion von Männlichkeit in modernen Gesellschaften. Gesellschaftlich ist er ein Spiegel auf dänische und allgemein westliche Rituale, die das Individuum trösten sollen, und zugleich eine Untersuchung der Institution Schule als Raum, in dem persönliche und professionelle Identitäten kollidieren. Psychologisch interessiert sich der Film für Gruppendynamiken - wie Solidarität, Wettstreit und Idealisierung sich in einem Experiment gegenseitig antreiben und zum Katalysator für unvorhersehbare Entwicklungen werden.

Formal arbeitet Vinterberg mit einer Mischung aus präziser Beobachtung und gesteigerter Szenik: Wiederkehrende Motive, rhythmisierte Schnittfolgen und die choreografische Nutzung von Musik und Raum schaffen ein dichtes Gefüge, das den Zuschauer als Zeugen eines sozialpsychologischen Versuchs positioniert. So entsteht ein Film, der weniger belehrt als erlöst, indem er die Widersprüche seiner Figuren in einer klaren, oft schmerzhaft schönen Bildsprache sichtbar macht.

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