Wiener Dog als bitter-süße Obduktion amerikanischer Einsamkeit und banaler menschlicher Tragik im kleinstädtischen Alltag
Einleitung
Wiener Dog wirkt wie eine stille Provokation: ein Film, der die Mechanik der schwarzen Komödie gegen das Ödland alltäglicher Verzweiflung stellt und dabei nicht viel Übrig lässt von sentimentaler Wärmewirkung. Todd Solondz, der den Stoff mit seiner unverkennbaren Mischung aus bitterem Witz und sozialer Schärfe inszeniert, nutzt das Motiv des durch viele Hände wandernden Dackels als Motor für eine Reihe von Miniaturen, die weniger eine Handlung im konventionellen Sinn erzählen als unterschiedliche Konstellationen menschlicher Gebrochenheit beleuchten.
Die Relevanz von Wiener Dog liegt weniger in einer originellen Prämisse als in der Konsequenz, mit der Solondz seine ästhetischen und ethischen Fragen weiterverfolgt. In einer Zeit, in der Filmkomik oft auf Rekuperation und Feelgood setzt, steht dieser Film auf der anderen Seite - er fordert das Publikum heraus, Empathie zu halten, wo sie kaum erwartet wird, und dabei genau hinzusehen, wie Alltäglichkeit in kleine Katastrophen kippt.
Im Werk Solondz' übernimmt Wiener Dog die Rolle eines leisen Kapitels: nicht so provozierend wie Happiness, nicht so karikativ wie Storytelling, sondern eher eine Verdichtung seiner wiederkehrenden Motive - die Selbstentfremdung moderner Figuren, die voyeuristische Neigung des Zuschauers und die moralische Ambivalenz, die zwischen Komik und Tragödie verläuft. Das Ergebnis ist ein Film, der weniger erzählt als seziert - mit der Katze der Sentimentalität ausgeschlossen, damit die offenliegenden Wunden deutlicher sichtbar werden.
Kurzüberblick zur Produktion
Todd Solondz, seit Mitte der 90er Jahre eine feste Größe des amerikanischen Independent-Kinos, bringt in Wiener Dog seine Handschrift in reiner Form zum Tragen: eine Vorliebe für episodische Struktur, ein Hang zum Off-Beat-Humor und das beharrliche Interesse an Figuren, die an den Rändern sozialer Normen taumeln. Der Film arbeitet mit einem Ensembleansatz, wobei der Dackel als verbindendes Element fungiert und die Innenwelten unterschiedlichster Milieus sichtbar macht.
Die Produktion bewegt sich im Territorium des kleineren, unabhängigen Films - kein Blockbuster-Volumen, sondern eine sparsame, auf Charakter und Dialog fokussierte Arbeitsweise. Solondz nutzt diese ökonomische Basis, um seine typischen langen Einstellungen und präzisen Dialogpassagen zur Geltung zu bringen. Die formale Zurückhaltung - Verzicht auf aufwändige Effekte, Konzentration auf Mimik, Sprache und Alltagssituationen - verstärkt die Nähe zu einem dokumentarischen Blick, der die Lächerlichkeit und Tragik zugleich freilegt.
Im Kanon des Regisseurs nimmt Wiener Dog den Platz eines späten, nachdenklichen Werks ein, das weniger auf Skandalisierung abzielt als auf eine konzentrierte Studie der wiederkehrenden Themen. Es ist eine Art Miniatur-Sonderfall: ein Film, der Solondz' thematische Kontinuität wahrt, aber zugleich die Form der Miniaturen nutzt, um Variation und Wiederholung in ein kompaktes Format zu zwingen.
Die Hauptdarsteller & Hauptdarstellerinnen
Wiener Dog ist Ensemblekino par excellence. Greta Gerwig, inzwischen selbst als Regisseurin prominent, bringt die gewohnt präzise Balance aus Zerbrechlichkeit und lakonischer Komik in ihre Figur - ein Resonanzkörper für Solondz' Interesse an unerfüllten Sehnsüchten. Danny DeVito, dessen Karriere von klassischen Komödien bis zu ernsteren Rollen reicht, liefert als Nebenfigur jene routinierte Schärfe, die den Alltag karikiert, ohne ihm die Menschlichkeit zu nehmen.
Ellen Burstyn, eine Schauspielerin großer Intensität, fungiert hier als Zentrum einer Episode, deren Schwere durch Burstyns Fähigkeit zur Verletzbarkeit getragen wird. Kieran Culkin und Zosia Mamet stehen für eine jüngere Generation, die Solondz' Schemata von Peinlichkeit und Selbstzweifel neu besetzt - Culkin bringt eine nervöse Unsicherheit, Mamet eine ironische Distanz, die zugleich Verletzbarkeit verbirgt. Die Vielzahl weiterer Darsteller - von Julie Delpy bis Charlie Tahan - erlaubt unterschiedliche Schattierungen: jeder Auftritt ist eine Facette des gleichen Themas, nicht zuletzt weil Solondz selten in Einzelszenen umfassende Biographien entfaltet, sondern komprimierte Charakterstudien vorlegt.
Handlung (spoilerfrei!)
Wiener Dog folgt nicht einer linearen Erzählung, sondern gliedert sich in mehrere Episoden, die durch die physische Reise eines Dackels miteinander verbunden sind. Der Hund wechselt mehrfach den Besitzer, und jede Station eröffnet einen kurzen, intensiven Blick auf Menschen in verschiedenen Lebenslagen - von Kindern über angeknackste Erwachsene bis zu älteren Figuren. Die Handlung ist dabei weniger auf Entwicklung als auf Konfrontation angelegt: Konstellationen werden aufgebaut, Missverständnisse, Wünsche und kleine Bosheiten treten zutage, und oft bleibt der Film bei diesen Momenten stehen, um sie aus verschiedenen Perspektiven zu beleuchten.
Der dramatische Konflikt entsteht aus Differenzen zwischen dem, was Figuren zu sein wünschen, und dem, was sie tatsächlich sind - eine Spannung, die Solondz mit schwarzem Humor auslotet. Zentral sind dabei nicht spektakuläre Ereignisse, sondern die kleinen, alltäglichen Entscheidungen, die Menschen voneinander entfremden oder sie in peinlichen Offenbarungen entblößen. Der Ton bewegt sich konstant zwischen bitterer Komik und resignierter Melancholie; die Atmosphäre ist kühl, genau, und gelegentlich von einer verstörenden Direktheit.
Zentrale Themen und Motive
Im Zentrum von Wiener Dog stehen Fragen nach Verantwortung, Empathie und der Zerbrechlichkeit von Individualität im Spiegel sozialer Erwartungen. Der Hund fungiert dabei als Projektionsfläche - er ist unschuldig, hilflos und zugleich ein Katalysator für das Verhalten seiner Besitzer. Solondz nutzt dieses Motiv, um die Art und Weise zu untersuchen, wie Menschen Mitgefühl nur selektiv praktizieren und wie Normalität kleine Grausamkeiten toleriert, solange sie in vertrauten Bahnen verlaufen.
Philosophisch kreist der Film um Existenzfragen: Welche Würde bleibt einem Individuum in einer Welt, die nach Effizienz und Image verlangt? Psychologisch interessiert ihn das Nach-Außen-Gelebte - die Diskrepanz zwischen innerer Leere und äußerer Selbstdarstellung. Gesellschaftlich liest sich Wiener Dog als Spiegel der amerikanischen Mitte - einer Kultur, die Erfolg und Stabilität feiert, während die Einzelnen oft mit Isolation und kurzsichtigen Lösungsversuchen klarkommen müssen. Die wiederkehrende Tonlage - eine Mischung aus Irritation und sanfter Grausamkeit - zwingt den Zuschauer, nicht bloß zu reagieren, sondern zu reflektieren, wie Komik und Moral in der Gegenwart zusammenspielen.
Filmkritik von Andreas Köhnemann
Manchmal kommen sie wieder. Das gilt nicht nur für bedrohliche Gestalten aus dem Horror- und Fantasy-Bereich – es kann auch auf Figuren aus schrägen Indie-Dramödien zutreffen. So etwa auf Dawn Wiener. Nachdem wir mit der eigentümlichen Jugendlichen in Todd Solondz' "Willkommen im Tollhaus" (1995) all die Traumata durchlebten, die ein Aufwachsen in der US-Vorstadt mit sich bringen können, mussten wir zu Beginn von Solondz' Experimentalwerk "Palindrome" (2004) erfahren, dass Dawn Suizid begangen hat. In "Wiener-Dog" – der neusten Schöpfung des kontroversen Filmemachers – kehrt Dawn nun als berufstätige Frau auf die Leinwand zurück, als wäre nichts geschehen.
Verkörpert wird sie allerdings nicht mehr von Heather Matarazzo, sondern von der Mumblecore-Königin Greta Gerwig ("Frances Ha"), die zwar ebenfalls mit übergroßer Brille, nachlässiger Garderobe sowie einer gehörigen Portion Skurrilität auftritt, insgesamt jedoch wesentlich gefälliger in der Rolle anmutet als ihre Vorgängerin. Die gemobbte Schülerin von einst wohnt nach wie vor in New Jersey und arbeitet inzwischen in einer Tierklinik. Sie steht im Zentrum der zweiten Episode des Films. Die einzige Verbindung zwischen den vier nacheinander erzählten Abschnitten ist die titelgebende Dachshündin.
Im ersten Segment wird das kleine Dackel-Weibchen von dem wohlhabenden Familienvater Danny (Tracy Letts) als Geschenk für dessen Sohn Remi (Keaton Nigel Cooke) aus dem Tierheim geholt. Der Junge ist überglücklich; Danny und seine Gattin Dina (Julie Delpy) bereuen die Anschaffung der Hündin indes schon bald – weshalb die beiden Remi kurzerhand erklären, der Arzt habe das Tier einschläfern müssen. Im Verlauf dieser Einstiegsepisode liefert Solondz eine herrlich komische Suburbia-Satire, mit deren Dialogwitz und Gespür fürs Alltäglich-Absurde der Writer-Director mühelos an sein tiefschwarz funkelndes Meisterstück "Happiness" (1998) anknüpfen kann. Einige der Familienszenen würden in ihrer pointierten Gestaltung auch als Kurzfilme hervorragend funktionieren – was nicht zuletzt dem ausdrucksstarken Kinderdarsteller Keaton Nigel Cooke sowie der wie immer großartigen Julie Delpy ("Before Sunrise") zu verdanken ist:
Wenn die überfragte Mutter der zunehmenden Verstörung ihres zartbesaiteten Sohnes mit gut gemeinten Lügengeschichten beizukommen versucht, welche ungeschickterweise stets völlig aus dem Ruder laufen und in grausigen Worst-Case-Szenarien kulminieren, offenbaren sich die humoristischen Fähigkeiten aller Beteiligten. Ebenso bemerkenswert ist es, wenn Solondz und sein Kameramann Edward Lachman die Verwüstung des spießbürgerlichen Vorortdomizils der dreiköpfigen Familie in poetische Bilder des unbedarft-kindlichen Glücks fassen und sogar in denkbar unschönen Situationen so etwas wie künstlerische Erhabenheit zu entdecken vermögen – unterstützt durch eine beherzte Musikauswahl, die einen hübschen Kontrapunkt zum Gezeigten setzt.
In der Tierklinik trifft das Dackel-Weibchen sodann auf Dawn, die es entführt und zur Pflege bei sich aufnimmt. Als Dawn ihrem Ex-Mitschüler Brandon (ebenfalls in neuer Besetzung, jetzt von Kieran Culkin gespielt) nach vielen Jahren wiederbegegnet, fasst sie den spontanen Entschluss, sich mit dem damaligen Highschool-Schlägertyp samt Dachshündin auf einen Roadtrip nach Ohio zu begeben. Auch dieser Teil des Films gerät wunderbar abgedreht, wenn die Reisenden etwa eine überraschend depressive Mariachi-Gruppe in Brandons Klapperbus mitnehmen und dabei mit einer zutiefst desillusionierten Sicht auf die Vereinigten Staaten von Amerika konfrontiert werden. Im Vergleich zu "Willkommen im Tollhaus" macht es uns Solondz vielleicht ein bisschen zu leicht, die Anti-Heldin Dawn und den problembeladenen Brandon ins Herz zu schließen – dennoch bietet auch diese Episode ausreichend interessante Momente der Irritation.
Ehe sich die Schilderung des tierischen Lebensweges im dritten Abschnitt fortsetzt, wartet "Wiener-Dog" mit einer amüsanten Nonsens-Idee auf: einem Intermezzo, das es dem Publikum erlaubt, sich rasch mit Erfrischungen aus der Kinolobby einzudecken. Dieses Zwischenspiel, in dem die Hündin der alleinige Star ist, wäre gewiss auch als eigenständiges YouTube-Video erfolgreich – und kann als Seitenhieb auf ebenjene Rezeptionskultur unserer Zeit interpretiert werden, die zu einer immer kürzer werdenden Aufmerksamkeitsspanne der Zuschauerschaft beiträgt.
Die Handlung macht daraufhin einen Sprung; die Dackel-Dame ist inzwischen bei dem Filmdozenten Dave (Danny DeVito) gelandet, dessen Job-Frust zu einer radikalen Tat führt. Im finalen Kapitel ist das Tier schließlich bei der zurückgezogen hausenden Nana (Ellen Burstyn) untergekommen, die nach langer Zeit Besuch von ihrer Enkelin Zoe (Zosia Mamet) erhält. Die beiden Episoden leben abermals von diversen bizarren Drehbuch- und Regieeinfällen sowie von sehr eindrücklichen Schauspielleistungen: Der Comedy-Könner Danny DeVito lässt Erinnerungen an seine besten Performances wach werden – und auch Ellen Burstyn ("Interstellar") und Zosia Mamet ("Girls") wissen mit ihren tragikomischen Darstellungen für sich einzunehmen. Die Schlusspointe des Films fällt etwas zu rabiat und bitter aus; alles in allem ist "Wiener-Dog" jedoch ein erfreulich originelles, irrwitziges Stück Independent-Kino.

