Legend of Tarzan - Kolonialer Körper und zivilisatorischer Diskurs im modernen Abenteuerkino ästhetisiert
Einleitung
Legend of Tarzan tritt an, einen der ältesten Abenteuermythen des westlichen Popkulturkanons in das Kino des 21. Jahrhunderts zu übertragen. In einer Zeit, in der die Nachwirkungen des Kolonialismus in Kunst, Politik und öffentlicher Debatte neu verhandelt werden, fungiert die Figur des Tarzan nicht länger nur als reine Spektakelgestalt, sondern als Projektionsfläche für Fragen nach Identität, Macht und Erinnerung. Der Film versucht, die Kombination aus kommerzieller Attraktion und historischer Brisanz auszuhandeln - ein Unterfangen, das sowohl seine formalen Entscheidungen als auch seine thematischen Ambitionen prägt.
Unter der Oberfläche des actiongeladenen Blockbusters liegt die Absicht, den kultischen Körper des Tarzan gegen den Rahmen des viktorianischen Imperialismus zu stellen. Dadurch entsteht ein Spannungsfeld zwischen bürgerlicher Zivilität und vermeintlicher Naturverbundenheit, das das Narrativ nicht nur als Abenteuergeschichte, sondern als Diskurs über Zugehörigkeit und Herrschaft liest. Diese Lesart macht den Film relevant für ein Publikum, das an einer kritischen Auseinandersetzung mit bekannten Stoffen interessiert ist.
Relevanz entsteht zudem durch die Besetzung und das Produktionsprofil: ein internationaler Cast, große Studioschnittstellen und ein Regisseur, der bereits bewiesen hat, wie sich populäre Formate mit atmosphärischer Dichte versehen lassen. Die Veröffentlichung 2016 setzte den Film in eine Zeit, in der Genrekinos zunehmend versuchen, historische Narrative mit zeitgenössischen Sensibilitäten zu koppeln - ein Kontext, der Legend of Tarzan prägt, ohne ihn allein zu definieren.
Feuilletonistisch betrachtet geht es also nicht primär um das Wiedererzählen einer bekannten Geschichte, sondern um die Frage, wie ein Massenkino-Erlebnis die alten Motive rekodiert: als politisches Drama inmitten einer populären Abenteuerästhetik. Diese doppelte Intention - Unterhaltungswert und thematische Dringlichkeit - zieht sich wie ein roter Faden durch die formalen und narrativen Entscheidungen des Films.
Kurzüberblick zur Produktion
Regie führte David Yates, ein Regisseur, der sich in den vergangenen Jahren als Meister darin erwiesen hat, opulente Franchises mit düsterer Stilsicherheit zu versehen. Seine Handschrift zeigt sich in einer kontrollierten Bildkomposition, einem Hang zur atmosphärischen Verdunkelung und einer Tendenz, Genreformeln mit psychologischer Tiefe zu versehen. Yates' Erfahrung mit literarischen Adaptionen und großformatigen Studioarbeiten prägt die filmische Herangehensweise an den Stoff.
Legend of Tarzan ist als großes Studioprojekt angelegt und profitierte von den Produktionskapazitäten eines Major-Studios. Die Dreharbeiten kombinierten Studioproduktion mit Außenaufnahmen, für die sowohl europäische Studios als auch Location-Aufnahmen in Afrika genutzt wurden. Technisch zeichnet sich der Film durch eine Mischung aus aufwändiger Kameraarbeit, digitaler Bildgestaltung und praktischen Effekten aus - eine Synthese, die typisch ist für zeitgemäße Abenteuerfilme, die Authentizität und Spektakel verbinden wollen.
In der Filmographie des Regisseurs steht der Film für die Fortsetzung seines Interesses an Stoffen, die Popkultur mit historischen oder politischen Implikationen verknüpfen. Innerhalb des Studiosystems markiert das Projekt den Versuch, ein vertrautes Franchise neu zu kalibrieren: weg vom simplen Klassikerspektakel hin zu einem Film, der auch reflexive Lesarten anbietet.
Die Hauptdarsteller & Hauptdarstellerinnen
Alexander Skarsgård übernimmt die Doppelrolle des gezähmten Wilden und des aristokratischen John Clayton - eine Aufgabe, die körperliche Präsenz mit einer inneren Zerrissenheit verbindet. Bekannt geworden durch Serien- und Filmrollen, bringt Skarsgård eine Mischung aus stoischer Intensität und körperlicher Autorität in die Figur, die den Gegensatz zwischen Sozialisation und Ursprungsmythos verkörpert.
Margot Robbie steht als Jane für eine Neulesung der klassischen Partnerinfigur. Ihre bisherige Karriere, geprägt von Rollen mit starker Präsenz und Ambivalenz, ermöglicht es ihr, Jane nicht nur als Objekt der Zivilisation, sondern als handelnde Figur mit eigener moralischer und intellektueller Position darzustellen. Samuel L. Jackson fungiert als eine Art moralisches Korrektiv innerhalb der Narration und nutzt seine größte Kraft als Charakterdarsteller - nämlich die Kombination aus rhetorischer Gewissheit und humanistischer Empathie.
Christoph Waltz besetzt das antagonistisches Zentrum mit der bekannten Ambivalenz seines Spiels: charmant, intellektuell, und doch zutiefst manipulierend. Djimon Hounsou, John Hurt und weitere Ensemblemitglieder liefern kumulative Gravität und verankern das Abenteuer in einem Netzwerk aus sprechenden Nebenfiguren, die dem Film historische und emotionale Dichte verleihen.
Handlung (spoilerfrei!)
Ohne zu viel zu verraten, lässt sich die Grundstruktur des Films knapp skizzieren: Die zentrale Figur lebt zwischen zwei Welten - der zivilisierten Gesellschaft Europas und der wilden Landschaft Zentralafrikas. Ein Ereignis zieht diese Welt wieder zusammen und zwingt Protagonisten und Antagonisten, ihre jeweiligen Positionen zu behaupten. Im Zentrum steht der Konflikt zwischen persönlicher Vergangenheit und politischen Interessen - ein Kampf, der sowohl auf individueller als auch auf geopolitischer Ebene ausgetragen wird.
Der Film balanciert zwischen Expeditionsthriller und politischem Abenteuer: Die Kamera wechselt von Salonräumen viktorianischer Repräsentation zu dichtem, bedrohlichem Dschungel. Die dramatischen Kontraste werden nicht allein durch geografische Verschiebungen erzeugt, sondern durch die Gegenüberstellung rivalisierender Interessen - ökonomischer, ideologischer und persönlicher Natur. Tonalität und Atmosphäre oszillieren dabei zwischen pulpigem Nervenkitzel und ernsthaftem historischen Unterton.
Zentrale Themen und Motive
Im Kern fragt der Film nach der Verortung des Subjekts in einem globalen Machtgefüge. Themen wie Kolonialismus, Ausbeutung und die Instrumentalisierung von Herkunft werden nicht nur als historische Kulissen behandelt, sondern als aktive Konfliktlinien, die das Handeln der Figuren determinieren. Die Figur des Tarzan dient dabei als Symbol für die Ambiguität des zivilisatorischen Anspruchs - ein Körper, auf dem Herrschaftsverhältnisse sichtbar werden.
Weitere Motive betreffen die Fragen von Erinnerung und Identität: Wie geht eine Figur mit ihrer eigenen Verschiebung zwischen zwei Welten um, und in welchem Maße lässt sich die Vergangenheit rehabilitieren oder instrumentalisieren? Das Verhältnis von Natur und Kultur wird visuell und narrativ verhandelt, wobei der Film immer wieder das Spannungsverhältnis zwischen ästhetischer Exotik und politischer Verantwortung thematisiert. Schließlich stellt sich die Frage nach dem Genre selbst - ob es möglich ist, ein kommerzielles Abenteuerkino zu produzieren, das zugleich historische Ambivalenzen nicht nur bedient, sondern reflektiert.
Filmkritik von Peter Osteried
Die Legende von Tarzan neu erzählt!
Mehr als 100 Jahre ist Tarzan bereits alt, die ältesten Verfilmungen stammen noch aus der Stummfilmzeit, und dennoch ist der magische Reiz dieser Figur ungebrochen – zumindest für Filmemacher. Das US-Kinopublikum reagierte nicht so großartig, wie erhofft. Mehr als ein Achtungserfolg ist nicht drin. Und das ist schade, ist Legend of Tarzan doch ein geradezu klassischer Abenteuerfilm, der zwar mit state-of-the-art-Effekten aufwarten kann und bei der Action-Inszenierung sehr dynamisch ist, ansonsten jedoch eine unaufgeregte Erzählweise besitzt, die man heutzutage nur noch selten findet. Gerade das mag aber auch ein Publikum abgeschreckt haben, das ansonsten an Stakkato-Schnitte gewöhnt ist.
Tarzan (Alexander Skarsgard) lebt seit acht Jahren in London, als Dr. Williams (Samuel L. Jackson) an ihn herantritt. Der König von Belgien hat Tarzan in den Kongo eingeladen. Williams will Tarzan begleiten, um dort Beweise für die ruchlosen Machenschaften des Monarchen zu finden. Doch keiner von ihnen ahnt, dass es eine Falle ist, denn Leon Rom (Christoph Waltz) soll im Auftrag des Königs das Land ausbeuten und muss Tarzan einem Stamm ausliefern, der ihm dafür im Gegenzug die Diamanten liefert, die er benötigt, um seinen Plan durchführen zu können.
In mancherlei Hinsicht ist Legend of Tarzan wie Batman Begins. Es gibt die Ursprungsgeschichte des Helden, aber die Filmemacher wissen auch, dass das Publikum damit stark vertraut ist. Darum konzentriert man sich nicht besonders darauf, sondern verwebt diese Hintergrundgeschichte mit der aktuellen Erzählung. Das gelingt Regisseur David Yates sehr gut. Er findet immer die genau richtigen Akzente, kann sich aber auch auf einen hervorragenden Hauptdarsteller verlassen. Skarsgard ist Tarzan. Er hat nicht nur die Physis, er besitzt auch die Ausdruckskraft. Besonders dann, wenn er seine menschlichen Wurzeln abstreift und mit den Tieren spricht. Interessant ist dabei, dass Tarzan nicht als der Übermensch gezeigt wird, der er in bisherigen Verfilmungen oftmals war.
Er ist kein gewöhnlicher Mann, aber er ist eben auch nicht kräftiger als ein Gorilla. Das gipfelt in einem exzellenten Kampf, bei dem Affe und Mensch aufeinanderprallen. Die Effekte mit den Tieren des Dschungels und der Savanne sind exzellent. Man hat nie den Eindruck, ein computergeneriertes Tier vor sich zu haben. Darüber hinaus werden die Tiere sehr prominent eingesetzt, auch und vor allem beim furiosen Finale.
Kurz davor ist die Erzählung etwas holprig, gerade so, als hätte eine Passage gefehlt. Aber davon abgesehen brilliert Legend of Tarzan durch eine Erzählweise, die an die klassischen Abenteuerfilme längst vergangener Dekaden erinnert. Dazu passt dann auch, dass der Schurke sehr eindimensional gezeichnet ist. Das gilt wieder einmal für Christoph Waltz, der keinerlei Variation in sein Spiel einbringt, aber auch für dessen von Casper Crump gespielten Lakai, der schon bei der Fernsehserie Legends of Tomorrow gezeigt hat, dass Subtilität nicht seins ist.
Ein Sequel mag angesichts des Einspiels nicht drin sein, aber der Film steht bestens für sich – als eine moderne, aber klassisch anmutende Interpretation einer der größten Figuren der populären Kultur.

