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Die zwei Gesichter des Januars

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kritiken.de Redaktion 29.05.2014
Die zwei Gesichter des Januars© StudioCanal Deutschland
A ca. 2274 Worte Lesezeit ca. 8 Minuten 30 Sekunden  📋 Inhalt

Die zwei Gesichter des Januars: Ein filmisches Psychogramm von Identität, Verführung und Verhängnis

Einleitung

Die zwei Gesichter des Januars ist mehr als die bloße Verfilmung eines Patricia Highsmith-Romans; der Film präsentiert sich als präzise choreografiertes Studie über Rollenwechsel, Verführung und die Architektur des Verdachts. In einer Zeit, in der Thrillergenres oft auf Tempo und Effekte bauen, sucht dieses Werk seine Spannung in der Nuance des Vorgespielten und in der Kollision zwischen Oberfläche und Abgrund. Gerade deshalb ist der Film relevant: Er erinnert daran, dass psychologischer Thriller nicht auf das Überraschungsmoment reduziert werden muss, sondern auch in atmosphärischer Beharrlichkeit sein subtiles Gift versprüht.

Für den Regisseur, der bislang vor allem als Drehbuchautor bekannt war, stellt dieses Werk einen bewussten Schritt ins bildregieerische Feld dar. Die Inszenierung liest Highsmith nicht als reine Vorlage für Plotwendungen, sondern als Bauplan für Figurenkonstellationen, deren Ambivalenz filmisch ausformuliert wird. Die Bildentscheidungen, die Kompositionen der Szenen und die rhythmische Modulation im Schnitt schaffen eine Kluft zwischen einer strahlend sonnenüberfluteten Kulisse und den dunklen Bewegungen jener Figuren, die sich in ihr verlieren.

Der Film tritt zudem in einen kulturellen Kontext, in dem die nostalgische Rückkehr zu literarischen Psychothrillern eine Reaktion auf die Fragmentierung heutiger Erzählformen ist. In Zeiten globaler Unsicherheit gewinnt das Motiv des Doppelgängers und die Frage nach Täuschung an politischer Arena - nicht im Sinne einfacher Parabeln, sondern als Sinnbild für Vertrauensbrüche zwischen Menschen und für die Schwierigkeit, Identität als stabile Kategorie zu behaupten.

Ton und Haltung des Films sind feuilletonistisch anspruchsvoll: die Erzählweise distanziert, die Figurenfiguren als projektive Flächen, auf die Zuschauer Erwartungen und Urteile werfen. Daraus erwächst eine Form von Kino, das weniger auf moralische Klarheit als auf das produktive Unbehagen setzt.

Kurzüberblick zur Produktion

Die zwei Gesichter des Januars markiert den Übergang eines etablierten Drehbuchautors ins Regiefach. Als Verfilmung eines Highsmith-Romans folgt die Produktion einem literarisch verankerten Anspruch und versucht, die innere Logik der Vorlage sinnlich erfahrbar zu machen. Als internationale Koproduktion zwischen den USA, Frankreich und Großbritannien bewegt sich das Projekt in gängigen Finanzierungsstrukturen für europäisch geprägte Genrefilme - nicht hochbudgetiert, aber ausreichend ausgestattet, um aufwendige Außenaufnahmen und eine sorgfältige Ausstattung zu realisieren.

Die Produktion nutzt die mediterrane Landschaft als dramaturgisches Element - die Architektur Athens, die engen Gassen und spätere, lichtoffene Küstenpartien dienen nicht nur als Kulisse, sondern werden zum Spiegel innerer Zustände. Bemerkenswert ist die formale Zurückhaltung: Es dominieren klassisch komponierte Einstellungen, wenige überflüssige Effekte und eine Präferenz für die psychologische Dichte der Schauspielerin und des Schauspielers über spektakuläre Setpieces.

Im Gesamtwerk des Regisseurs nimmt der Film eine Schlüsselstellung ein, weil er die stilistischen Vorlieben - Präzision im Dialog, atmosphärische Komposition, Faszination für moralische Ambivalenz - bündelt und in ein eigenständiges, filmisches Vokabular übersetzt. Als adaptiver Einstieg ins Regiefach funktioniert das Projekt wie eine Visitenkarte: literarisch bedacht, formal souverän und in der thematischen Ausrichtung konsequent.

Die Hauptdarsteller & Hauptdarstellerinnen

Viggo Mortensen, der hier die zentrale männliche Rolle übernimmt, ist bekannt für eine Präsenz, die zwischen gebrochener Würde und latenter Gefahr oszilliert. In früheren, weithin rezipierten Rollen hat er bereits die Fähigkeit demonstriert, stoische Eleganz mit innerer Unruhe zu verknüpfen. In diesem Film ist er derjenige, dessen charmante Oberfläche Risse bekommt - die Figur verkauft Vertrauen, während sie es zugleich berechnet. Mortensens Umgang mit Zurückhaltung und seinem Körperausdruck verleiht der Rolle eine glaubwürdige Ambivalenz.

Kirsten Dunst bringt eine kühle und zugleich verletzliche Energie in die weibliche Hauptrolle. Ihre Karriere, geprägt von sowohl komödiantischen als auch tragischen Figuren, hat eine Bandbreite hervorgebracht, die hier in Form einer feinen, nicht-dramatischen Spannung sichtbar wird. Sie spielt nicht die Opferrolle im konventionellen Sinn, sondern eine Frau, deren eigene Strategien des Selbsterhalts und der Anpassung subtil ausgeleuchtet werden.

Oscar Isaac vervollständigt das Trio als der junge, leicht unbequeme Beobachter, dessen Ambitionen und Unsicherheiten zur treibenden Kraft der Handlung werden. Bekannt aus Rollen, in denen er zwischen Charme und latentem Misstrauen hin- und herpendelt, steht ihm hier die Funktion eines Katalysators zu - er reflektiert, provoziert und verunsichert zugleich. Die Chemie zwischen den drei Darstellern ist sorgsam austariert; kein Moment der Interaktion wirkt unmotiviert, jede Geste hat Gewicht.

Handlung (spoilerfrei!)

Der filmische Kern ist ein Dreieck - zwei Personen, die gemeinsam eine Vergangenheit tragen und auf der Flucht sind, treffen auf einen dritten, jüngeren Charakter, dessen Anwesenheit die bisherigen Arrangements infrage stellt. Die Erzählung entfaltet sich als Kammerspiel auf Reisen - Städte und Landschaften wechseln, doch die innere Bewegung bleibt eine intime. Der dramatische Konflikt entsteht aus dem Zusammenprall von Selbstschutzmechanismen und dem Zwang zur Enthüllung. Vertrauensbildungsprozesse kippen in Verdacht, Nähe in Misstrauen, und die Handlung gewinnt ihre Spannung nicht aus Verfolgungen, sondern aus dem sukzessiven Auseinanderfallen sozialer Masken.

Ton und Atmosphäre sind eher lakonisch als effekthascherisch: Sonnenhelle Straßen, elegante Innenräume und ein genauer Blick auf Details ersetzen lauten Suspens. Der Film arbeitet mit steigender Intensität, ohne in plötzliche Wendungen zu verfallen - die Gefahr liegt im stetigen Eskalieren kleiner Entscheidungen.

Zentrale Themen und Motive

Im Zentrum stehen Fragen nach Identität, Rolle und Täuschung. Der Film fragt, wie viel von uns performt ist und wie schnell eine performte Identität sich in ein Gefängnis verwandeln kann. Highsmithsche Motive - das moralisch Unbestimmte, die Faszination am Verbrechen als Lebensstil und die Ästhetik des Betrugs - werden hier neu befragt: nicht als pure Amoral, sondern als psychosoziale Mechanismen, die Individuen und Beziehungen destabilisieren.

Visuell und narrativ wiederholen sich Motive des Spiegelns und der Doppelung - nicht nur in figuraler Hinsicht, sondern auch in der Nutzung von Raum und Licht, die Innenleben nach außen spiegeln. Der Film thematisiert zudem das Fremdsein im Fremden - amerikanische Figuren in europäischen Räumen, die sich einer kulturellen Kulisse bedienen, um Identität zu rekonstruieren. Daraus entsteht eine Reflexion über Selbstermächtigung, Scham und die politische Dimension von Lügen: Täuschung hat Konsequenzen, die über das Individuum hinausreichen.

Unaufdringlich, aber intellektuell fordernd, positioniert sich Die zwei Gesichter des Januars als ein Thriller, der weniger auf die Enthüllung von Fakten als auf die Dekonstruktion von Figuren setzt - ein Film, der das Zuschauerurteil herausfordert und in seiner stilistischen Zurückhaltung eine nachhaltige Wirkung entfaltet.

Filmkritik von Sophie Charlotte Rieger

Hossein Amini ist zunächst mit seinen Worten berühmt geworden. So verfasste er beispielsweise das Drehbuch zum Kultfilm „Drive“ und wurde für sein Skript zu „Die Flügel der Taube“ sogar für einen Oscar nominiert. Für „Die zwei Gesichter des Januars“, der auf der Berlinale 2014 seine Weltpremiere feierte, nahm Hossein Amini erstmals auf dem Regiestuhl platz. Auch diesmal stammt das Drehbuch, eine Adaption des gleichnamigen Romans von Patricia Highsmith, aus seiner Feder.

Kurz nachdem der amerikanische Fremdenführer Rydal (Oscar Isaac) im griechischen Exil vom Tod seines Vaters erfahren hat, macht er die Bekanntschaft eines amerikanischen Pärchens, das ihn aus unterschiedlichen Gründen fasziniert. Chester (Viggo Mortensen) weist eine frappierende Ähnlichkeit mit Rydals Vater auf und Colette (Kirsten Dunst) bezaubert den jungen Mann mit ihrer Grazie. Kaum haben sich die drei näher kennengelernt, da wird ihre Freundschaft schon auf eine harte Probe gestellt. Chester erschlägt einen Privatdetektiv, der ihn wegen seiner zwielichtigen Geschäfte in Europa aufgespürt hat. Rydal, der sich der Ausmaße von Chesters Machenschaften noch nicht bewusst ist, bietet sich dem nun flüchtenden Pärchen als Fremdenführer an. Doch das Gewebe aus Lügen und Leidenschaften entwickelt sich schnell zu einer tickenden Zeitbombe.

Es ist überraschend, dass Hossein Aminis Film trotz dessen Vergangenheit als Drehbuchautor in erster Linie durch seine Bilder besticht. Das Setting im Griechenland der 60er Jahre ist gar wunderschön anzusehen. Vielleicht sogar einen Deut zu wunderschön. Durchgehend attraktive, perfekt gekleidete Protagonisten schreiten durch eine malerische Kulisse, stets begleitet von einer üppigen Filmmusik, die dem Thriller-Konzept einen Schuss Melodram beimischt. Die sonnigen Bilder, die einen produktiven Gegensatz zu der düsteren Figur Chesters konstruieren könnten, drohen die abgründigen Intrigen jedoch eher zu deckeln als zu betonen. „Die zwei Gesichter des Januars“ ist insgesamt doch etwas zu freundlich für einen Thriller über menschliche Abgründe geraten.

Aber vielleicht geht es hier auch um etwas anderes, nicht so sehr um die verschlagene Figur Chesters und seine Unberechenbarkeit, sondern um das komplexe Verhältnis zwischen den drei Protagonisten. Tatsächlich entwickelt sich die Geschichte vornehmlich auf der Beziehungs- und weniger auf der Handlungsebene. Das Erzähltempo ist über weite Strecken erstaunlich langsam, der Spannungsbogen recht flach geraten. Der Grund dafür, dass „Die zwei Gesichter des Januars“ dem Zuschauer nicht den Atem raubt, ist vor allem in der Personenkonstellation zu suchen. Chester und der Zuschauer haben über große Teile des Films einen Wissensvorsprung, da die übrigen Beteiligten noch nicht von der Ermordung des Detektivs erfahren haben. Diese Aufstellung könnte eine Stimmung der Bedrohung erzeugen, doch Amini hält seinen Bösewicht derart im Zaum, dass das Publikum lange Zeit nicht um die sympathischen Figuren Rydal und Collette bangen muss.

Die Spannung zwischen den Figuren ist sozusagen weniger kriminalistischer, sondern sehr persönlicher Natur. Da wäre zunächst die offensichtlich brenzlige Konstellation zweier Männer und einer Frau, zumal Chester zu Recht darum bangt, seine Frau an den jungen und attraktiven Rydal zu verlieren. Die amourösen Spannungen behandelt Hossein Amini jedoch so subtil, dass der Zuschauer stets nur über Rydals Begehren Mutmaßen kann. Ist er wirklich in Collette verliebt oder will er Chester dies nur glauben machen, um ihn zu verunsichern? Deutlich interessanter als die Liebestriade ist nämlich im Grunde das Verhältnis zwischen den beiden Männern. Ganz zu Beginn des Films bemerkt Rydal seiner Geliebten gegenüber, Chester ähnele zwar seinem verstorbenen Vater, sei aber deutlich einfacher zu durchschauen. Weiß Rydal also schon von Anfang an, wen er vor sich hat? Ist alles, was fortan geschieht, nur ein Spiel? Diese spannungsvolle Option verbleibt bedauerlicher Weise nur in der Andeutung. Für einen psychologischen Machtkampf der beiden Männer ist Chester seinem Gegenüber zu offensichtlich überlegen. Doch es gibt noch eine weitere Ebene zwischen den männlichen Figuren. Nicht umsonst wird die Ähnlichkeit Chesters mit Rydals Vater mehrfach betont. Für den jungen Fremdenführer, der seinen Kunden gerne selbst mal den einen oder anderen Dollar aus der Tausch zieht, ist der verschlagene Betrüger Chester gleichzeitig eine Gefahr und ein Idol. Und auch Chester erkennt in Rydal umgehend einen potentiellen Lehrling.

Leider gelingt es Hossein Amini nicht all diese Anlagen in seinem Drehbuch so deutlich auszuformulieren, dass sie der Handlung tatsächlich eine weitere Ebene verleihen könnten. Die Beziehungen verbleiben zu sehr in der Andeutung, um einen zweiten Spannungsbogen zu etablieren und den Zuschauer für die Figuren auf der Leinwand zu interessieren. Auch die fast künstlich geratene, attraktive 60er Jahre Ausstattung führt eher zu einer Distanz zwischen Publikum und Geschichte. Und so ist „Die zwei Gesichter des Januars“ ein Film geworden, der in erster Linie visuell begeistert, den Kinozuschauer jedoch nur mäßig in die Geschichte hineinzuziehen vermag. Oder positiv formuliert: „Die zwei Gesichter des Januars“ ist ein Film, der viele Lesarten anbietet, ohne dem Publikum seine Sicht der Dinge aufzuzwingen. Die Frage ist nur, ob das noch der Intention der Thriller-Autorin Patricia Highsmith entspricht.

Filmkritik von Peter Osteried

In den zwei Gesichtern des Januars spiegeln sich Viggo Mortensen und Oscar Isaac wider

Der Titel, den Patricia Highsmith für ihren Roman wählte und der nun auch den Film schmückt, ist mysteriös. Er entspricht Highsmiths Arbeiten, die weniger auf eine klare Thrillerstruktur als vielmehr auf die Psychologie der Protagonisten setzen. In Die zwei Gesichter des Januars sind es Chester MacFarland und Rydal Keener, die dem Januskopf entsprechen, der der Namensgeber für den Januar wurde.

Im alten Rom war Janus der Gott des Anfangs und des Endes, der nach ihm benannte Januar der Abschied vom alten und der Beginn des neuen Jahres. Der Januskopf hat zwei Gesichter, eines in die Zukunft, das andere in die Vergangenheit gerichtet. Er steht sinnbildlich für Chester und Rydal, könnte der eine doch werden wie der andere. Die Weichen dafür sind gestellt.

Chester (Viggo Mortensen) und seine Frau Colette (Kirsten Dunst) machen Urlaub in Griechenland und lernen den amerikanischen Fremdenführer Rydal (Oscar Isaac) kennen. Man verbringt einen beschwingten Abend, an dessen Ende Chester Besuch von einem Privatdetektiv erhält, weil er in der Heimat viele Leute um ihr Geld betrogen hat. Es kommt zum Kampf, bei dem Chester den Detektiv tötet. Für die Flucht aus Athen benötigen Chester und Colette nun die Hilfe von Rydal, der jedoch nicht uneigennützig handelt. Einerseits will er das Geld, andererseits Colette.

Hossein Amini, der mit Die zwei Gesichter des Januars sein Regiedebüt gibt, erweist sich als ein Künstler, dessen Stärke nicht nur das Schreiben, sondern vor allem auch das Inszenieren ist. Er findet für seinen Film traumhaft schöne Bilder, die das morbide Geschehen konterkarieren. In der Kombination ergibt sich daraus ein Film klassischen Zuschnitts, der nicht nur in den frühen 60er Jahren spielt, sondern auch das Gefühl transportiert, ein Film jener Ära zu sein. Einen wichtigen Anteil daran trägt auch die Musik von Alberto Iglesias, die nicht von ungefähr an die großen Filme von Alfred Hitchcock erinnert. Amini hat sich von ihnen inspirieren lassen, was nicht weiter verwundert, war die erste Verfilmung eines Highsmith-Romans doch auch einer der besten Filme des Master of Suspense: Der Fremde im Zug.

Die zwei Gesichter des Januars ist ein spannender, behutsam erzählter Film, der sich vor allem für die Psychologie seiner beiden Protagonisten interessiert. Er gestaltet sie als zwei Seiten derselben Medaille, als das, was der eine war und der andere werden wird – oder werden könnte, wenn er nicht aufpasst. Chester ist Rydals Zukunft, wenn alle Hoffnungen und Träume, die er jemals hatte, zerschmettert worden sind. Der Knackpunkt seines Lebens könnte schon gekommen sein, verliert er hier doch mehr, als er im ersten Moment erkennt. Vielleicht ist es für Rydal schon zu spät.

Der ausgereiften Inszenierung, aber auch der faszinierenden Figuren und der unter der Oberfläche brodelnden Spannung ist es zu verdanken, dass Die zwei Gesichter des Januars noch lange nachwirkt. Es ist eine Tragödie griechischer Tradition, die Amini hier erzählt, eine Geschichte, deren Ende die Figuren, aber auch den Zuschauer die Bitternis des Lebens kosten lässt.

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