A Million Ways to Die in the West - Genreparodie und nostalgische Dekonstruktion des amerikanischen Westens
Einleitung
A Million Ways to Die in the West tritt als seltsame Verwandlungstat des modernen Komikers in einen klassischen Filmkosmos auf. Seth MacFarlane, bislang vor allem als Stimme des animierten Sarkasmus und als Macher des Überraschungserfolgs Ted bekannt, verlagert seine Markenzeichen - lakonische Dialoge, kulturelle Referenzen und eine Vorliebe für raue Komik - in die großformatige Ikonographie des Westerns. Die Kombination aus opulenter Kulisse und derben Witzen macht den Film zu einem Versuch, Genrehuldigung und ironische Distanz zugleich sichtbar zu halten.
Die Relevanz des Films liegt weniger in narrativer Originalität als in seinem exemplarischen Stellenwert als zeitgenössische Auseinandersetzung mit Mythenbildung. In einer Kultur, die beständig ihre Gründungsnarrative rekonstruiert und demontiert, funktioniert MacFarlanes Arbeit als Spiegel: Er zeigt, wie heroische Formen in einer Ära des Zynismus und der Selbstreflexion neu verhandelt werden. Der Titel selbst ist programmatisch - ein makaberer Kommentar auf die vulgäre Brutalität, die dem mythologisierten Westen zugrunde liegt.
Formal gehört der Film zu einer Welle von Genreexperimenten der 2010er Jahre, in der Komödie, Nostalgie und Genreästhetik einander überlagern. MacFarlane nähert sich dem Western nicht als reiner Parodist, sondern als Sammler filmhistorischer Geste und als Erzähler, der die Kollision von ernsthafter Bildsprache und popkulturellem Jargon sucht. Das Resultat ist ein filmisches Gebilde, das weniger auf Konsistenz als auf Kontraste setzt: auf großformatige Einstellungen neben intimen Gags, auf pathetische Musikmotive neben derben Kalauer-Exzessen.
Kurzüberblick zur Produktion
Regie und starker persönlicher Einsatz liegen bei Seth MacFarlane, der den Stoff nicht nur inszeniert, sondern auch das Drehbuch mitverantwortet und die Hauptrolle spielt. Die Handschrift des Regisseurs zeigt sich in einem Hang zur pastosen Figurenzeichnung, zu musikaffinen Einschüben und zu einem Rhythmus, der zwischen präzisen Pointen und längeren, fast theatralischen Szenen schwankt. Visuell bewegt sich der Film in einer bewusst stilisierten Interpretation des Westerns: sonnendurchflutete Landschaften, sorgfältig komponierte Tableaus und eine Bildsprache, die an klassische Vorlagen erinnert, zugleich aber durch moderne Lichtführung und Kamerafahrten aktualisiert wird.
Als Studioprojekt ist der Film ein Beispiel für die Mittelklasse-Blockbuster: er beansprucht großes Setting und Ensemble, bleibt aber in einem überschaubaren Budgetrahmen, der eher auf Starbesetzung und handwerkliche Finesse als auf aufwändige Effekte setzt. Produktionsseitig fällt die Konzentration auf Ensemble und Set-Design auf, ebenso die Entscheidung, bekannte zeitgenössische Stimmen mit klassischen Western-Motiven zu koppeln. Innerhalb von MacFarlanes Werk markiert der Film eine Expansion seiner Ambitionen - weg vom reinen Gagfilm hin zu einem formbewussteren, wenn auch nicht weniger provokanten Kinoentwurf.
Die Hauptdarsteller & Hauptdarstellerinnen
Seth MacFarlane übernimmt die Rolle des Albert Stark, eines scheinbar reizbaren, innerlich verunsicherten Protagonisten, dessen Feigheit und neurotische Selbstwahrnehmung den dramatischen Motor des Films liefern. Amanda Seyfried ist die titelgebende romantische Achse - ihre Präsenz steht für klassische Hollywood-Romantik, zugleich bringt sie eine erstaunliche Bodenständigkeit in ein manchmal überdrehtes Ensemble. Charlize Theron tritt als Anna auf, eine Figur, die das Genreklischee der tödlichen Schönheit bedient und zugleich eine ernste, fast archaische Gegengewalt zum unsicheren Helden bildet.
Liam Neeson fungiert als archetypischer Antagonist - die Besetzung des erfahrenen Charakterdarstellers verleiht dem Schurken eine physische und psychologische Präsenz, die im Kontrast zur Komik steht. Neil Patrick Harris bietet mit seiner ziselierten Eleganz einen gegenspielerischen Ton, der die ironische Distanz des Films unterstreicht. Giovanni Ribisi, Sarah Silverman und weitere Darsteller runden das Ensemble ab und liefern Nebenfiguren, die zwischen Karikatur und ernsthaftem komödiantischem Einsatz oszillieren. Die Mischung aus renommierten Dramafiguren und Comedy-Performern zeigt MacFarlanes Absicht, verschiedene Schauspieltraditionen miteinander zu koppeln.
Handlung (spoilerfrei!)
Der Film verhandelt die Geschichte eines Kleinstadtbewohners im amerikanischen Westen - sein innerer Konflikt zwischen Angst und Selbstbehauptung bildet das narrative Rückgrat. Das zentrale Spannungsverhältnis entspringt dem Versuch des Protagonisten, persönliches Versagen und gesellschaftliche Erwartungen auszutarieren. Die großen Themen der Handlung entfalten sich in den Begegnungen mit einer geheimnisvollen Fremden, einem rücksichtslosen Gegenspieler und dem lokalen sozialen Geflecht außerhalb seines inneren Kokons.
Ton und Atmosphäre wechseln zwischen komödiantischer Leichtfertigkeit und bewusst eingesetzten Momenten des Pathos. Die Saloon-Szenen, die Begegnungen auf staubigen Straßen und die Konfrontationen in halbdunklen Gasthäusern sind so inszeniert, dass sie einen vertrauten Westernrhythmus nachzeichnen, während der Dialog die zeitgenössische Sprachmelodie einschreibt. Auf diese Weise entsteht eine erzählerische Balance aus nostalgischem Ambiente und ironischer Gegenwartssprache.
Zentrale Themen und Motive
Im Zentrum des Films steht die Frage nach Mut - nicht als heroische Tugend, sondern als kontinuierliche Aufgabe der Selbstdefinition. Der Western fungiert dabei als Projektionsfläche für Untersuchungen von Männlichkeit, Angst und gesellschaftlicher Anerkennung. MacFarlane interessiert sich weniger für historische Authentizität als für die symbolische Ökonomie des Genres: Wie werden Helden konstruiert, und welche Mechanismen stützen diese Konstrukte? Der Titel verweist zugleich auf die Alltäglichkeit der Gefahr und auf die Komik des Todes in einer mythologisierten Landschaft.
Weitere motivische Schichten berühren die Themen Performanz und Rolle. Figuren führen Identitäten vor, experimentieren mit Masken und Entwürfen von Tapferkeit. Die wiederkehrende Gegenüberstellung von stilisierter Bildsprache und derbanter Sprache produziert eine doppelte Lesart - man kann den Film als Liebeserklärung an das Genre lesen oder als dessen satirische Zerstückelung. Schließlich schimmert eine gesellschaftliche Dimension durch: die Auseinandersetzung mit einem Amerika, das seine Geschichte verklärt, während es zugleich die Widersprüche dieser Verklärung sichtbar macht.
Filmkritik von Peter Osteried
Der Erfinder von Ted zeigt uns weit weniger als eine Million Arten, im Westen zu sterben
Von dem Typen, der Ted gemacht hat, steht auf dem Plakat. Als Qualitätsmerkmal soll das reichen, auf jeden Fall weiß man damit, was man zu erwarten hat. Die Kurzfassung: Wer Ted mochte, wird auch A Million Ways to Die in the West etwas abgewinnen können. Und umgekehrt, denn wer schon beim Teddybär darüber enttäuscht war, dass der Trailer mehr versprach, als der Film halten konnte, der wird selbiges Phänomen auch hier erleben.
Albert (Seth MacFarlane) ist ein Schafzüchter, dem seine Freundin Louise (Amanda Seyfried) das Herz bricht, als sie ihn verlässt. Dabei war sie das einzige, was den Wilden Westen für ihn erträglich gemacht hat. Denn alles in diesem unwirtlichen Land kann schließlich tödlich sein, von Krankheiten über Jahrmärkte bis zu Indianern. Aber dann lernt Albert die attraktive Anna (Charlize Theron) kennen. Sie hilft ihm dabei, seinen Nebenbuhler Foy (Neil Patrick Harris) herauszufordern, aber sie hat ihm verschwiegen, dass sie mit Clinch Leatherwood (Liam Neeson), einem berüchtigten Revolverhelden, verheiratet ist. Und der mag es gar nicht, wenn andere seiner Frau schöne Augen machen.
Wo Ted noch davon profitiert hat, dass mit Mark Wahlberg ein ordentlicher Schauspieler die Hauptrolle spielte, hat dieser Spaß-Western damit zu kämpfen, dass Seth MacFarlane sich die Hauptrolle gleich selbst auf den Leib geschrieben hat. So gut er als Stimmakteur in seinen Filmen und Serien auch ist, als Schauspieler kratzt er allenfalls am Mittelmaß. Dass ihn ein Ensemble hervorragender Mimen umgibt, hilft dabei nicht, es lässt seine Defizite noch stärker hervortreten.
Die Geschichte, so hat es MacFarlane erklärt, soll durchaus dramatisch sein. Eben eine echte Geschichte, keine Komödie, die aber natürlich mit allerhand Gags aufgemotzt ist. Allein, Ambition und Umsetzung gehen hier nicht Hand in Hand. Die Geschichte ist ein Nichts. Schlimmer noch, ein zusammengestoppeltes Nichts, das über den roten Faden stolpert, aber nie wirklich stimmig erscheint. A Million Ways to Die in the West ist eine Nummernrevue, die vereinzelte Lacher präsentiert, dazwischen aber kräftig Wassertreten muss. Darüber hinaus bietet der Film nicht wirklich das, was der Titel verspricht. Ein paar ungewöhnliche, sogar skurrile Todesarten gibt es schon, in erster Linie werden aber auch in diesem Film die Leute erschossen. Der Trailer verspricht eine Konzentration auf die Million Arten, der Film selbst erzählt eine halbgare Romanze, die noch dazu darunter leidet, dass die Chemie zwischen MacFarlane und Theron nicht vorhanden ist.
Dass der Film nicht vollends zum Rohrkrepierer verkommt, liegt nur daran, dass ein paar Gags durchaus zünden, auch wenn sie wahrlich nicht immer geschmackssicher sind. Aber auch daraus bezieht man seinen Humor, was noch dadurch verstärkt wird, dass es eine Reihe namhafter Cameos gibt. Wie schon bei Ted huldigt MacFarlane auch hier einem Helden seiner Jugend, was für den größten Lacher im Film sorgt und A Million Ways to Die in the West mit einer erfolgreichen Trilogie aus den 80er Jahren verbindet.
Geradezu enttäuschend ist jedoch, wie wenig Entfaltungsmöglichkeit Liam Neeson eingeräumt wird. Nach einem Auftritt früh im Film verschwindet seine Figur erstaunlich lange und taucht erst kurz vor dem Finale wieder auf.
Es ist nicht so, dass es durchgängig zu lachen gäbe, aber einige der Gags, so krude sie auch sein mögen, zünden durchaus. Das hebt den Film auf ein durchschnittliches Niveau, lässt aber nicht vergessen, dass angesichts der Prämisse deutlich mehr drin gewesen wäre. Aber immerhin, es ist wie eingangs gesagt, durch Ted weiß der geneigte Zuschauer zumindest im Vorfeld, ob dies ein Film für ihn ist. Wer sich an der diffusen, episodischen Erzählweise nicht stört und MacFarlanes deftigen, weitestgehend geschmacklosen Humor mag, dem könnte dieser Ausritt in den Wilden Westen durchaus viel Freude machen.

