The Purge 3: Election Year - Gewalt als politisches Ritual und die Inszenierung von Vorsicht
Einleitung
The Purge 3: Election Year tritt nicht nur als dritter Eintrag einer erfolgreichen Horrorserie auf, sondern als ein Film, der seine Genrezwänge nutzt, um drängende Fragen der Gegenwart zu spiegeln. In einer Zeit, in der öffentliche Debatten über Sicherheit, Ungleichheit und politische Polarisierung intensiv geführt werden, fungiert James DeMonacos dystopische Vision weniger als reines Schreckensszenario denn als gesellschaftliches Seismograph. Die Relevanz des Films liegt dabei weniger in der Journalhalle der Schockeffekte als in seiner Bereitschaft, die Logik der Gewalt institutionell lesbar zu machen.
Innerhalb des Werkes des Autors und Regisseurs James DeMonaco markiert Election Year eine Verdichtung seiner Ausgangsidee: Aus der ursprünglichen Horrorkonzeption mit Schauwerten wird ein explizit politisches Drama, das die Mechanismen von Macht und Legitimierung in den Vordergrund rückt. DeMonaco übersetzt die Serienprämisse - eine Nacht, in der alle Verbrechen straffrei bleiben - in eine Metapher für politische Entscheidungen, die gesellschaftliche Ausschlüsse reproduzieren. Diese Radikalisierung der Thematik unterscheidet den dritten Teil von seinen Vorgängern und positioniert ihn näher an einem politischen Thiller denn an bloßem Splatter.
Der zeitliche Kontext der Veröffentlichung - im Jahr 2016, inmitten internationaler Debatten um Populismus, Angstpolitik und polarisierte Wahlen - verleiht dem Film zusätzliche Brisanz. Election Year wirkt wie ein Katalysator jener öffentlichen Ängste, die diskutiert wurden und weiterhin diskutiert werden: die Furcht vor demokratischem Zerfall, die Ökonomisierung von Sicherheit und die Performanz von Führung in Krisenzeiten. In dieser Hinsicht fordert der Film seinen Zuschauer nicht nur zur Anteilnahme an Horrorhandlung auf, sondern zur Reflexion über die politische Anatomie des Schreckens.
Kurzüberblick zur Produktion
Regie führte James DeMonaco, der als Schöpfer der Purge-Reihe die Drehbücher schrieb und die grundsätzliche Vision verantwortet. Seine Handschrift zeichnet sich durch eine klare Idee von sozialer Allegorie aus, kombiniert mit einem ökonomischen, aber effektiven Umgang mit Genrekonventionen. Die Produktion stammt aus dem Umfeld von Blumhouse Productions, einem Studio, das für seine kosteneffizienten Horrorproduktionen bekannt ist. Election Year bewegt sich demnach in einem Rahmen, der auf begrenzte Budgets, aber auf präzise, wirkungsvolle Inszenierung setzt.
Besonderheiten der Produktion zeigen sich in der Verschiebung des Erzähltons: Mehr als in früheren Teilen werden erklärende politische Szenen und Schauplätze des Machtapparats sichtbar gemacht, gleichzeitig bleibt der Film handlungsgetrieben und actionorientiert. Die Stellung des Films im Gesamtwerk ist ambivalent - er ist einerseits Fortführung der Purge-Mythologie, andererseits ein Versuch, das Franchise in Richtung ernsthafter politischer Allegorie zu verlängern. So liest sich Election Year als Übergangsstück, das die Serie aus dem reinen Horrorpark heraus in das Terrain des politischen Films verschiebt.
Die Hauptdarsteller & Hauptdarstellerinnen
Frank Grillo fungiert als Scharnierfigur: Gewohnt physisch präsent, repräsentiert er in der Rolle des Leo Barnes die Gestalt des ewigen Schutzmanns, des Veteranen, der zwischen persönlicher Rache und professioneller Pflicht steht. Grillos Schauspiel trägt die Action-Sequenzen, seine kantige Aura verschiebt die moralische Gewichtung des Films hin zu Fragen von Loyalität und Verantwortung. Elizabeth Mitchell, bekannt geworden durch Serien wie Lost, spielt Senator Charlene Roan, eine politische Kandidatin, die das Purge-System abschaffen will. Ihre Figur verkörpert den ethischen Kern der Erzählung - das Prinzip, das sich gegen die Ökonomisierung von Gewalt richtet.
Mykelti Williamson und Raymond J. Barry stehen als erfahrene Charakterdarsteller für jene Institutionen, die im Film den politischen Apparat und seine historischen Resonanzen repräsentieren. Ihre Präsenz bringt eine Glaubwürdigkeit in die Darstellung von Machtstrukturen, ohne dabei plakativ zu werden. Edwin Hodge, der in der Reihe als wiederkehrendes Gesicht auftaucht, sowie Joseph Julian Soria und weitere Mitglieder des Ensembles übernehmen Rollen, die die Bandbreite gesellschaftlicher Positionen von Mitverschwörern bis zu Opfern und Mittlern darstellen. Das Casting insgesamt setzt fast durchgehend auf erfahrene Profis, deren Gebrauchscharakter die Figurentypen deutlich akzentuiert.
Handlung (spoilerfrei!)
Der Film verlegt die bekannte Prämisse in ein politisch aufgeladenes Setting: Eine hochrangige Politikerin, die verspricht, das Purge-System zu beenden, wird zur Zielscheibe einer Nacht, in der Gewalt staatlich erlaubt ist. Der dramatische Konflikt entsteht aus dem Zusammenprall zweier Logiken - jener der staatlich sanktionierten Gewalt als vermeintlicher Reiniger gesellschaftlicher Probleme und jener der demokratischen Rechenschaftspflicht, die Gewalt weder legitimiert noch verdrängt. Im Zentrum stehen die Figuren, die diese Gegensätze verkörpern: der Beschützer, die Idealistin, die Protegierten und die Profiteure eines Systems, dem moralische Grenzen fehlen.
Tonalität und Atmosphäre sind geprägt von nächtlicher Beklemmung, urbaner Bedrohung und dem rhythmischen Puls einer Gesellschaft, die in kurze Zeitspannen extremer Gewalt kondensiert. Der Film nutzt die Begrenzung jener Nacht, um Spannung zu erzeugen, ohne sich allein auf Schockeffekte zu verlassen. Stattdessen entstehen Spannungen aus politischen Entscheidungen, persönlichen Loyalitäten und der Frage, wie weit Individuen in einem durchgesetzten Ausnahmezustand gehen.
Zentrale Themen und Motive
Election Year stellt Fragen nach der Legitimität von Gewalt als politischem Instrument und nach der Art und Weise, wie demokratische Institutionen diese Gewalt canalysieren oder bekämpfen. Der Film thematisiert die Ökonomie der Angst - wer profitiert von einem System, das Ausgrenzung mit Straflosigkeit kombiniert - und richtet den Blick auf die Schnittstellen von Recht, Moral und Macht. Philosophisch interessiert ihn die Frage, ob und wie Recht sich jenseits des geschriebenen Gesetzes durchsetzen lässt, und psychologisch interessiert er sich für die Mechanismen, die Menschen in Extremsituationen antreiben.
Motivisch arbeitet DeMonaco mit wiederkehrenden Bildern: Masken als Verhüllung eines zunehmend anonymisierten Gewaltapparats, nächtliche Straßen als Schauplätze staatlich sanktionierter Enthemmung, und Innenräume als fragile Zufluchtsorte. Diese Motive verbinden sich zu einem Bild, das nicht nur Horror serviert, sondern eine moderne politische Fabel erzählt - eine, die den Zuschauer dazu anhält, die Verwandlung von politischer Sprache in reale Gewalt nicht als gegeben hinzunehmen.
Filmkritik von Peter Osteried
Im Wahljahr ist die Purge auch für Politiker gefährlich
Wie schon die beiden Vorgänger erweist sich auch James DeMonacos dritter Teil, Purge – Election Year, als sehr erfolgreich. In den USA war der moderat budgetierte Film ein immens lukrativ. Damit ist ein vierter Teil wohl nur eine Frage der Zeit, auch wenn das Ende zumindest eine inhaltliche Veränderung verspricht.
18 Jahre, nachdem Senatorin Charlie Roan (Elizabeth Mitchell) bei einer Purge ihre ganze Familie verloren hat, ist sie Präsidentschaftskandidatin – und geht mit dem Versprechen in die Wahl, die Purge abzuschaffen. Das gefällt ihren Konkurrenten von der NFFA nicht, da die Purge den Wohlstand nährt, indem in der Freinacht auch viele Arme gezielt getötet werden. Nun wurden die Regeln geändert. Niemand ist mehr sicher, auch nicht Politiker. Das stellt Leo (Frank Grillo) vor eine schwierige Aufgabe, denn er soll die Senatorin beschützen, während ihre politischen Gegner die Gunst dieser Nacht nutzen wollen, um sie ein für alle Mal aus dem Verkehr zu ziehen.
Natürlich hat DeMonacos Konzept Schwächen. Man kann die Logik zerpflücken, die einer oberflächlichen Betrachtung standhält, nicht jedoch einer tiefergehenden Analyse. Dann zerfällt das Konstrukt etwas. Aber es reicht immer noch, um nicht nur schweißtreibende und grimmige Action zu bieten, sondern dem Ganzen auch satirische Züge zu verleihen. Gerade das funktioniert mit diesem dritten Teil noch besser, der nicht zufällig ein Wahljahr in den Mittelpunkt rückt und damit auch einen Kommentar auf die real stattfindende Wahl in diesem Jahr darstellt.
Hollywood war schon immer mehrheitlich liberal eingestellt, die inhaltliche Ausrichtung von Purge – Election Year ist darum nicht überraschend. Mit einer Elizabeth Mitchell als Hilary-Clinton-Ersatz, einem Eiferer, der vom großen Amerika schwärmt, und einer Partei, die wie ein Amalgam aus Republikanern und NRA anmutet, ist die Ausrichtung klar. Subtilität ist die Stärke dieser Produktion wirklich nicht. Sie funktioniert darum auch nicht als feinsinnige Satire, sondern eher als kerniger Actionfilm, der sich ein paar Seitenhiebe erlaubt.
Knackig ist das Ganze zweifelsohne. Dabei baut der dritte Teil stärker auf dem direkten Vorgänger auf, während der klaustrophobische Ansatz des Originals weitestgehend hinter sich gelassen wird. Dafür kehrt Frank Grillo, der Star des zweiten Teils, zurück, wobei seine Figur eine gewaltige Veränderung durchgemacht hat.
DeMonaco hat ein gutes Auge. Er findet einige fast schon poetische Bilder, die den Schrecken der Purge-Nacht zu einer Ästhetik der Gewalt werden lassen. Das ist nicht gewaltverherrlichend, sondern eher ein krasser Kontrastpunkt zu dem, was in diesen Momenten wirklich passiert. Zudem ergibt sich eine fast schon traumwandlerische Schönheit, die ins Surreale kippt. Dabei traut man sich, auch Figuren loszuwerden, die Potenzial haben. Großartig sind die beiden Candy-Girls – und ebenso großartig umgesetzt ist, wie ihr Handlungsstrang gekappt wird.
Am Ende dieser Purge steht die Wahl – und vielleicht eine gesellschaftliche Veränderung, aber da man sich den Weg zu einem vierten Teil nicht gänzlich versperren will, lassen die letzten Momente miterleben, was passiert, wenn die Wut und Aggression der Menschen nicht mehr in nur einer Nacht gebündelt werden.

