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kritiken.de Redaktion 15.09.2016
Entertainment© Drop-Out Cinema
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Entertainment - Performanz und Verfall: Die leise Anatomie des amerikanischen Komikers im öffentlichen Raum

Einleitung

Entertainment erscheint als ein filmisches Porträt, das weniger von pointierten Gags als von einer systematischen Dekonstruktion der Bühne und ihrer sozialen Bedingungen lebt. Der Film rückt eine Figur ins Zentrum, deren Existenz sich vollständig an der Praxis des Aufführens orientiert, und zeigt, wie jene Praxis in einem öffentlichen Raum versandet, der zwischen Spott, Ablehnung und gleichgültigem Konsum oszilliert. Damit spricht der Film eine Reihe zeitgenössischer Fragen an: nach der Bedeutung von Präsenz in einer medial überlasteten Gesellschaft, nach der Ökonomie des Lachens und nach dem ethnografischen Blick auf Publikumskultur.

In der aktuellen Debatte um performative Identitäten und die Neubesetzung männlicher Selbstbilder steht Entertainment nicht isoliert. Vielmehr reiht er sich in eine Kinosprache ein, die das Scheitern als unentrinnbares Moment der Charakterzeichnung begreift. Der Film gleicht dabei einem chirurgischen Eingriff - nicht auf den Bühnen, sondern in den Übergangsräumen: Backstage, Motelzimmern, Autobahnen - und macht aus der Leere der Zuschauerränge ein Material, das zu denken gibt.

Seine Relevanz liegt weniger in einem narrativen Novum als in der Präzision, mit der Regie und Darstellung die Mechanik der Komik als gesellschaftliche Praxis beleuchten. Entertainment provoziert kein affektives Mitfiebern, sondern verlangt eine kontemplative Distanz: Die Komik wird hier zum Prüfstein für Fragen von Würde, Entfremdung und former Selbstbehauptung.

Kurzüberblick zur Produktion

Regie führte Rick Alverson, dessen Handschrift inzwischen als schonungslose Studie über Entfremdung und gescheiterte Männlichkeiten verstanden werden kann. Alversons Arbeit zeichnet sich durch eine präzise, oft karg gehaltene Bildsprache aus, die den Fokus auf Körperlichkeit, Raum und das materialisierte Schweigen legt. In Entertainment fügt sich diese Ästhetik in eine Form, die Performance und Dokumentarisches miteinander verwoben erscheinen lässt, ohne Belanglosigkeiten zu romantisieren.

Der Film entstand abseits großer Studiosysteme und repräsentiert independentes, kunstorientiertes Kino: eine Produktion, die auf ökonomische Sparsamkeit, atmosphärische Dichte und die Nutzung realer Spielorte setzt. Solche Produktionsbedingungen begünstigen eine unmittelbare, ungeschminkte Bildästhetik und erlauben es der Inszenierung, auf erzählerischen Ballast zu verzichten. In Alversons Gesamtwerk nimmt Entertainment eine Folgeposition ein - keine bloße Wiederholung, sondern eine Vertiefung der Fragen, die bereits in früheren Filmen angedeutet wurden.

Die Hauptdarsteller & Hauptdarstellerinnen

Im Zentrum steht Gregg Turkington, dessen künstlerische Praxis außerhalb des Films als Teil des alternativen Comedy- und Performance-Universums bekannt ist. Seine Bühnenpersona trägt die Spuren langjähriger Arbeit mit Anti-Comedy und subversiven Formen des Humors, weshalb Turkingtons Präsenz eine doppelte Wirkung entfaltet: Sie ist zugleich Figur und Kommentar auf eine real existierende Performance-Ästhetik. Diese Interferenz zwischen Künstler und Rolle erzeugt eine permanent gespannte Ambivalenz, die für den Film produktiv genutzt wird.

Das Ensemble um Turkington umfasst eine Mischung aus bekannten Namen und Spezialgastauftritten. Annabella Lwin bringt eine musikalische Verweisstruktur ein, Tye Sheridan steht als Vertreter einer jüngeren Schauspielergeneration für ein anderes Tempo der Gegenwart, während Schauspieler wie John C. Reilly, Michael Cera und Tim Heidecker mit kurzen, präzisen Einsätzen Kontraste liefern, die die zentrale Figur in ihrem öffentlichen Agieren spiegeln. Die Anwesenheit von Veteranen wie Dean Stockwell wirkt wie ein subtiles Echo des amerikanischen Kinos, das den Film in eine größere kulturelle Matrix rückt.

Handlung (spoilerfrei!)

Im Kern ist Entertainment die Begleitung eines einzelnen Performers auf einer Tour durch unterschiedlichste Kleinstädte und Clubräume. Die Dramaturgie ordnet sich weniger einer linearen Handlung als einer Abfolge von Auftritten, langen Fahrten und Intermezzi zwischen den Gigs. Jede Szene auf der Bühne wird kontrapunktisch gesetzt zu Momenten der Einsamkeit außerhalb des Scheinwerferlichts: im Auto, in Hotels oder bei kurzen, oft unbeantworteten Begegnungen.

Der dramatische Konflikt entspinnt sich aus dem Spannungsverhältnis zwischen der performativen Oberfläche - der professionellen Beharrlichkeit, die Show durchzuziehen - und dem langsamen Zerfall dieser Oberfläche unter den Bedingungen von Ablehnung, Missverständnis und dem Ausbleiben von Bestätigung. Zentrale Figuren sind der Komiker selbst und die Menschen, die ihn begleiten oder empfangen - Publikum, Veranstalter, Wegbegleiter - doch die eigentliche Antagonistin ist eine unpersönliche, veräußerlichte Öffentlichkeit, die die Aufführung in ein Ritual der Peinlichkeit verwandeln kann.

Ton und Atmosphäre sind von einer ungewöhnlichen Ruhe und Beklemmung geprägt. Humor entsteht nicht als Erleichterung, sondern als Index für eine Misere; die Komik ist hart, manchmal bitter und stets in ein Klima der Ambivalenz eingebettet.

Zentrale Themen und Motive

Entertainment verhandelt die Frage nach Authentizität im Spannungsfeld von Rolle und Person. Der Film fragt, was von einem Menschen übrig bleibt, wenn seine Existenz durch die Erbringung einer öffentlichen Dienstleistung konditioniert ist - im vorliegenden Fall durch das Erzielen von Gelächter. Aus dieser Perspektive wird Komik nicht nur als ästhetische Gattung, sondern als ökonomische und ethische Praxis gelesen.

Eine weitere Schicht betrifft die Mechanik des Publikums: Wie entsteht Zustimmung, wie Ablehnung, und welche Verantwortung tragen Zuschauer für die Situationen, denen sie Beifall oder Verachtung schenken? Alversons Film untersucht die Spannung zwischen Voyeurismus und Anteilnahme und legt offen, wie schnell Empathie in Konsumverhalten umschlagen kann.

Psychologisch öffnet Entertainment eine Nabelschnur zum Thema Scham - nicht als isoliertes Affekt, sondern als strukturelles Moment der sozialen Begegnung. Politisch gewinnt die Erzählung durch ihre beiläufige Adressierung von Fragen nach Klassenunterschieden, kulturellen Codes und Rassenspannungen an Kontur, ohne je moralisierend zu werden. Formal wiederum wiederholen sich Motive - Bühne, Straße, Fahrzeug, Hotelzimmer - als Signaturen eines Daseins im Transit, das zwischen Selbsterhaltungsdrang und Selbstauflösung schwankt.

Filmkritik von Peter Osteried

Nicht die Art Entertainment, die die meisten erwarten

Was ist der Unterschied zwischen Britney Spears und der amerikanischen Flagge, fragt der Mann die Insassen eines Gefängnisses. „Auf die Fahne darf man nicht pissen“, antwortet er selbst und erhält dafür johlenden Applaus. Es sind Witze wie diese, mit denen der Komiker sein Publikum zu unterhalten versucht. Schlechte Witze, Beleidigungen auf Kosten von Prominenten und Publikum, ausgelutschte Versuche, eine Form von Entertainment zu bieten, die längst nicht mehr als solche gilt.

Der Komiker ist die Hauptfigur in Rick Alversons Entertainment. Ein Mann, der durchs Land zieht, dem Publikum immer wieder erklärt, wie weit er gefahren ist, ohne je zu enthüllen, wo seine Reise eigentlich begann. Es ist eine billige Show, die er abzieht. Stand-up-Comedy, die sich überlebt hat. Dementsprechend performt er in stinkenden Bars oder vor Häftlingen. Im Grunde vor solchen Leuten, die ihm gar nicht mehr entkommen können, aber dafür seinen Humor ignorieren. Die größte Strafe für jeden Komiker.

Das ist die eigentliche Geschichte von Entertainment. Oder eigentlich ist es eine Anti-Geschichte. Alverson zelebriert die Leere – die in seiner Hauptfigur, aber auch die seiner Geschichte und nicht zuletzt die seines Publikums. Menschlich wird der Komiker nur dann, wenn er versucht, seine ihm entfremdete Tochter anzurufen und hofft, wieder mit ihr sprechen zu können. Doch das ist eine verlorene Hoffnung.

Entertainment ist nicht wirklich Unterhaltung. Er befasst sich mit Entertainment, zeigt aber vor allem auf, wie leer und seelenlos sie häufig ist. Damit ist Entertainment ein durchaus herausfordernder Film, da er narrativ nicht viel hergibt. Dies ist keine Geschichte, der man wachen Verstandes folgt, und schon gar keine, auf die man sich mit dem Herzen einlässt, denn das daraus resultierende Gefühl könnte höchst deprimierend sein.

Alverson fängt das in tristen, aber auch schönen Bildern ein, wenn er seine Hauptfigur durch ein Amerika ziehen lässt, das nicht länger vom amerikanischen Traum geprägt ist, sondern nur von der Enttäuschung, die mit geplatzten Träumen einhergeht. Der Regisseur hat einen surrealen Trip erschaffen, der zugleich eine absurde Komödie und eine moderne Tragödie ist.

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